Ausgabe 
28.12.1912
 
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es ft cf? Heldenhaft' bemühte, sein Entsetzen, seinen Jammer' zu unterdrücken.

Da legte es sich aus die Herzen der Eltern Une eine schwere Schuld. , _

9tur einen kurzen, scheuen Blick warf der Mairn auf fern Kind, dann ging er ohne eitt'SBBTt M sagen, aus dem Zintmer.

Die Fran aber warf sich neben deut kleinen Mädchen auf dre Knie inieder, umschlang es mit ihren Armen und weinte bitterlich. Und das Kind schmiegte sein Kötzschen an die Mutter und strrch leise Mit der Mageren, kleinen Hand über ihre tränenfeuchte Wange.

*

Ms Harrs Gerold anr Wend von der Dürer-Aademie, wo er als Dozent für Kunstgeschichte wirkte, nach Hause kanr, sand er eht Schreiben seiner Frau aus der Platte seines Schreibtisches liegen. Sie schrieb:

Lieber Hans!

Ich schreibe Dir, weil ich weiß, daß ein ruhiger, mündlicher Meinungsaustausch Mischen uns unmöglich ist, und ich doch das, was ich Dir zu sagen habe, ruhig und nrrbceinflußt durch Deine Einwendungen und Deinen Spott sagen möchte. Was ich schon lange gedacht und gefühlt, ist gestern in mir zur Reise, zu einem unabänderlichen Entschluß gekommen. Ws ich gestern unserer Ilse stille, gramvolle Tränen sah, wie sie ein Kind noch nicht tzergießen darf, da schwor ich mir, daß unser Kind, das wir doch beide lieben, so niemals mehr weinen solle. , Wir haben in diesen neun Jahren unserer Verheiratung immer unb _ immer wieder versucht, miteinander ansMkommen, aber Du weißt ja ebensogut als ich, daß es unmöglich ist. Ich bin nun einmal keine Natur, die ihr ganzes Sein und Wesen aufgeben kann, um ganz im' Mann aufzugehen. Ich bin auch eine Persönlichkeit und ich lasse meine Individualität, mein Talent nicht unterdrücken durch Dich. Ich will hier in meinem Schreiben nicht Vorwürfe wiederholen, die ich Dir schon jo oft gemacht, Tu mußt es ja auch schließlich selbst Sen, wenn Du nur einigermaßen objektiv über'Dich nachdenkst,

Du eben nur Dich und Deine Interessen in der Ehe gelten' lassen willst. Ich aber verlange auch Verständnis für meine Interessen gleiches Recht für uns beide. Vielleicht wäre eine ändere Frau, eine weiche, hingehende Natur, sehr glücklich an Deiner-Seite geworden und hätte Dich glücklich gemacht. Wir Wien uns nicht heiraten dürfen. Aber mein Unbefriedigt sein und Mein Unglück und Deine Enttäuschung über die Frau, die nun einmal Nicht zu Dir haßt, wiegt leicht gegen das Unglück unseres Kindes. Wir tragen die Verantwortung für dieses Kind und wir dürfen ihM Nicht seine Jugend verderben und es nicht noch einmal deut Jammer 'preisgeben, Zeuge solcher häßlichen, wider­lichen Auftritte zwischen seinen 'Eltern zu sein. Ich weiß, daß Du tzurückfahren wirst bei dem WortScheidung", daß Du bebst bei dem Gedanken an denSkandal", an die Klatschereien, daß: Dir hie Meinung der Leute über alles geht.

Auch Mir liegt nichts daran, daß die Scheidung von den Gerichten ausgesprochen wird, aber trennen von Dir will ich mich, das ist mein unabänderlicher Entschluß.

Du hast oft tage-, ja wochenlang nicht Zeit gehübt. Dich uin Ilse zu Wrnmern, da wird es' Dir auch nicht allzuschwer fallen, sie noch längere Zeit zu entbehren, und int übrigen will ich Dir ja selbstverständlich, was das Wiedersehen mit dem Kinde anbetrif'ft, in jeder Weise entgegenkommen. Du wirst natürlich z'n allererst daran denken, was wohl die Bekannten sagen werden, wenn ich jetzt allein mit dem Kinde forlgehe, aber da gibt es ja der Er­klärungen genug. Daß Ilses Gesundheit einen längeren Aufenthalt in der Schweiz und dann an der See gebieterisch fordert das sind Meine vorläufigen Reisetzläne, und Ilse wird es sehr gut tun, einige Monate ganz frei von Schulzwang zu fein. Später wird sich anderes finden, und die Leute werden sich allmählich an unsere Trennung gewöhnen.

Ich gedenke .morgen nachmittag mit Ilse abzureisen, und ich bitte Dich um Unseres Kindes willen, das hier zugrunde geht, lege mir kein Hindernis in den Weg. Gerda.

Und da saß Nun Haus Gerold, den Brief in der Hand und einen gallebitteren Geschmack int Munde, und es kam trotzdem über ihn wie ein Gefühl der Befreiung'. Nein, er konnte sie auch Nicht länger ertragen, diese täglichen Nadelsfiche.

Der ewige Aerger, das kleinliche Gezänk zu Hause hatten an seinem Lebensmut gezehrt, sein geistiges 'Schaffen nicht zu der Höhe 'kom'm'en lassen, die er in seinen Jahren und den glänzenden' .Anfängen nach hätte erreichen Müssen, das hatte er längst gefühlt.

Und Tränen über ihre Eltern, solche leidvvllen Tränen konnte er sein kleines Mädchen nicht noch einmal weinen sehen er würde einwilligen.

Und dann gingen seine Gedanken zurück über die Jahre seiner Ehe, diese Jahre voll fast täglichen, kleinlichen Gezänkes. Und er dachte mit tiefem Groll an die Frau, die nie versucht, ihn zu verstehen, die ihn verletzt mit zahllosen, wohlüberlegten Sticheleien, die sich ihm niemals untergeordnet, wie er das von seinem Weibe erwartet. Die ihre Wünsche imMer höher stellte als hie seinen und verlangte, daß ihr Gatte stets ihr ergebenster Diener, ihr Courmacher blieb mählos verwöhnt, wie sie zu Hause gewesen.

Aber dann dachte er auch daran, daß es' sein Wille gewesen', ein reiches Mädchen zU Heiraten, daß er sich niemals tiefer engagiert 'hatte, wenn er erfahren, daß die Betreffende nicht genug

Vermögen besaß denn er wollte hochkomMen, steigen in feinem Berufe, Reifen machen, die ihn wissenschaftlich weiter brachten, und dazu brauchte er Geld.

Dann hatte er Gerda Lahar kennen gelernt, mit all ihrem Liebreiz, ihrer Grazie, ihrem Geist -. die einzige Tochter eines' reichen Vaters.

Hans Gerold seufzte tief auf. u

Vielleicht wäre es besser gewesen, ein armes Mädchen zu heiraten, sie wäre weniger verwöhnt, weniger eigenmächtig ge­wesen, hätte sich eher ziehen lassen.

Gerda hatte ein Talent, ein liebenswürdiges, kleines Talent zum Dichten, und sie war früher viel bewundert worden den reichen, schönen Mädchen geht es wie den Prinzessinnen, ein kleines Talent wird bei ihNen zum Genie dachte er bitter.

Ws Bräutigam übertrug er seine Bewunderung für Gerdas entzückende Persönlichkeit gewissermaßen auch auf ihre (Sebicfyte.

Als junger Ehemann hatte er über ihre kleinen Reimereien halb amüsiert, halb mitleidig gelächelt und später las er sie gar nicht mehr. Nicht aus bösem Willen vielleicht es war ihm als völlig nebensächlich aus dem Gedächtnis entschumnden, daß feine Frau dichtete. Sie aber nahm das tödlich übel, sie wollte bewundert werden und sie rächte sich, indem sie keinerlei Notiz von feinen Arbeiten, von seinem' Berufe nahm......

Sie stellte ihre kleinen nichtigen Arbeiten als gleichberechtigt neben feine ernsten, wissenschaftlichen Studien er lächelte voller Hohn. ,

So war es ein ewiges Streiten, Zanken, Nichtberstehen und Uebelnehmen zwischen ihnen gewesen, und es würde so weiter gehen, bis sie beide alt und verbittert fein würben.

Mein er willigte in dir Trennung.

Es war SomMer.

Ihr Kind an der Hand schritt Gerda Gerold durch bett Tannenwald.

Sie sah Wohler und froher aus, und auch Ilse hatte die bleiche Städtfävbe verloren, ihr schmales Gesichtchen war rosig! angehaucht, und ihre ernsten dunklen Augen, die so Wenig Kind­liches Hatten, blickten lebhaft umher.

Es war viel Liebliches und Schönes, ivas die Augen von Mutter und Kind sahen hochgewachsene Tannen mit zartgrünen Spitz- ch.en, schlanke Kiefern mit hellgrünen Trieben, sanstwogende Farne und auf der Lichtung unzählige graugrüne, feinblätterige Ginster- büsche, ,übersät mit Tausenden und vW> er tausenden reingolden schimmernden Blüten. Und die Lust war erfüllt mit einem eigen­artig frisch-herben Geruch Nach Tannennadeln, nach Moos und feuchter Erde, einem süßen Duft nach gemähtem Gras', das in der Sonne trocknet, nach Kleeblüten und reisendem Korn.

Und traumhafte Stille ringsumher, kein weiteres Geräusch als das Rauschen der Bäume Und das Zwitschern der Vögel.

Ach Mutti, hier ists' zu schön, noch viel, viel schöner als am Genfer See," sagte das" kleine Mädchen so leise, als fürchte es den heiligen Frieden, der es umgab, zu stören.Und hier sind nicht soviel Menschen, die mit dir reden, da hast du mehr Zeit für mich, das ist das Allerschönste," setzte sie hinzu.

Frau Gerda runzelte die Stirn.Ich habe doch immer Zeit für dich, Ilse, aber du bist -ein Kind und mußt Mit 'Kindern reden und spielen, und ich muß doch auch mit den vernünftigen, er­wachsenen Menschen sprechen und' nicht nur"imitier mit meinem kleinen, dummen Mädel."

Ilse blickte zu Boden und antwortete nicht, und ihre Mutter dächte daran, was für ein seltsam' stilles, altkluges Kind es war für seine acht Jähre, nicht fröhlich-sorglos' wie andere Kinder.

Sie hatte den Schütten, der auf ihres Kindes Jugend ge­fallen, noch nicht bannen können, und sie konnte es nicht ver­hindern, daß das Kind sich nach feinem Vater sehnte ein schmerzlicher Seufzer stahl sich über ihre Lippen.

Schritte ließen sich hören, und ein hochgewachsenes'' Paar bog nm die Ecke des Weges. Der Mann hätte seinen Arm iti den der Frau gelegt. Und so halb sich stützend, halb sie führend, schritten sie dicht aneinander gefchmiegt den Weg herunter.

Das sind Hochhurgs," flüsterte Ilse, und ihre Augen strahlten freudig.

Und schon hatte der Mann seinen Hut gezogen, und die hübsche blonde Fran an feiner Seite winkte grüßend mit der Hand.

Nein, ist das nett, daß wir uns nun hier auch einmäl treffen," rief sie freundlich.Das ist nämlich unser Lieblings­weg, Und mein Mann behauptet, so viel gute .Ideen wie aus diesem Wege wären ihm noch nie eingefallen, er wäre einfach nicht mit Geld tzU bezahlen. Kein Wort spreche ich auf dem ganzen Wege, auS! lauter Furcht, die kostbaren Ideen zu verscheuchen," lachte sie.

,^Ja, es ist wunderbar schön und still hier, aber daß Sie hier Ideen, Romanideen habep können, wundert mich, Herr Hoch­burg. Ich denke, da muß man hoch mehr Anregung Haben, mehr Leben und Menschen Umher, wie in irgendeinem Mode­bad zum Beiwiel," Meinte Gerda Gerold lchWft.

Herr Hochburg lachte.

Man merkt, daß Sie keine Poetennatur sind, gnädige Fran. Ich tzlaube, die Wenigften von uns können draußen im Unruhigen Leben Ersprießliches schreiben, erst in der Stille, im Frieden