Samstag, den 28. Dezember

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Eines Kindes Tränen.

Von I l s e - D o r e Tanne r.

(Nachdruck verboten.)

Die Fenster des Eßzimmers waren weit geöffnet, die Vor­hänge Kurückgezogeu und Die Helle Morgensonne Sonnte ungehindert hinein scheinen auf den einladend gedeckten Tisch und blitzende Lichter auf das silberne FrÜhWcksgerät malen.

Und leise wehte der Frühlings'wind Düfte von blühendem Jasmin und Flieder ins Zimmer. Es war ganz still am Kafsee- Itisch, trotzdem drei Menschen dort ihr Frühstück einnahmen. Aber es war keine friedvolle behagliche Stille.

Der noch junge Mann, mit dem scharf geschnittenen, klugen, vornehmen Gesicht, hatte die Stirn in Falten gezogen, und iiber den Rand der Zeitung, die er anscheinend sehr interessiert las, flog sein Blick ab und Mn scharf zu der schönen Frau ihm gegen­über, die, ein halb maliziöses, halb verächtliches Lächeln um die jLippen, sich weit in den bequemen Lehnstuhl zurückgelehnt hatte und 'mit erzwungener Ruhe in ihrer Tasse rührte. Die Finger ihrer linken Hand spielten nervös auf der Tischdecke.

Keines der beiden achtete auf das Kind am unteren Ende des Tisches.

Das kleine, blasse Mädchen mit dem schlichten Blondhagr und dem seltsant traurig verständigen Mick, 'das weder der schönen Mutter noch den: Vater ähnlich sah, saß ganz mäuschenstill und , in ganz, ganz kleinen Brocken an seinem trockenen Zwieback, denn die Kähle war ihm tote zugeschnürk, und es wagte nicht sich zu 'rühren oder darum zu bitten, daß. mau ihm noch etwas Milch geben möchte. Es saß ganz geduckt da, und sein Blich streifte scheu !und angstvoll bald den Vater, bald die Mutter, als wartete es darauf, daß gleich etwas Schreckliches vor sich gehen würde. Es toußte ja so genau, daß es wieder kommen würde, dasIurcht- bare, das das Herz so ängstlich klopfen machte, als müsse man gleich auf der Stelle ersticken. Dann wünschte Klem-Jlse sich immer weit, weit fort oder gar zu sterben, wie ihr kleiner -Bruder, der da draußen auf dem Friedhof so schön still schlafen durfte und so viele Blumen bekam. ' ,

Da die Faust des Mannes fiel >o schwev auf die Tr>ch- platte, daß das Geschirr klirrte und klapperte, und das Kind ließ beit Zwieback aus der zitternden Hand fallen und sank ganz m sich zusammen. Sein farbloses Gesichtchen wurde noch bleicher und die Mundwinkel zogen sich schmerzlich herab.

Nun war es da. , . _ . .

Zinn Donnerwetter, Gerda, so sag doch wenigstens, was du wieder für cineu Grund zum Trotzen zu haben glaubst," torte Nornig der Mann,du weißt doch, daß mich dieses tückische Mucksen rasend macht." z

In dem schönen Gesicht der Frau zuckte teilte Wimper, nur der höhnische Zug um den Mund verschärfte sich.

Und langsam, wie gelangweilt, sprach sie: ,

Ich habe gefunden, daß e® wenig Zweck hat, mit dir über gewisse Dinge z'u reden aber wenn du es durchaus wünschest r Der Satz klang in einer Frage aus. '

Du hörst ja, ich wünsche es," und wieder fiel seine Hand schwer auf den Tisch. ,

Nun sprach sie langsam, jedes Wort betonend, es gleichsam mit Bitterkeit füllend, und ohne auf deu Mann zu blicken, der, die Lippen fast zusainmengepreßt, fast vor Ungeduld und Grimm zitternd vor ihr faß.

Ich bin seit Jähren an Rücksichtslosigkeit und Unhöflichkeit von dir so gewöhnt, daß ich mich eigentlich über nichts mehr wundere. Aber trotzdem als ich gestern von allen Seiten ge­fragt wurde, wo denn mein Herr Gemahl sei, welche wichtigen Gründe ihn an meinem Ehrentage fernhielten, wurde mir doch das ewige Lügen und Verstellen schwer, ich"

Au deinem Ehrentage?" fragte er verständnislos.

Ja, an meinem Ehrentage," jetzt blickte sie spöttisch lächelnd zu ihm hinüber und inachte, um ihn noch mehr zu reizen, eine Pause.

Nun also bitte erkläre," er trommelte ungeduldig mit den Fingern auf die Tischdecke.

Ich dachte, du liest auch die Nachrichten über Kunst Und Literatur in der Zeitung?" Das spöttische Lächeln wich nicht von ihrem Gesicht.

Ja gewiß das heißt, immer nicht nun also?"

Sie antwortete nicht gleich, und:

Zum Kuckuck, willst du nun reden oder nicht?" schrie er wütend.

Sie sah ihn verächtlich an, dann sagte sie ebenso langsam als vorher:

Ich habe gestern, den wiederholten Bitten des' Vorstandes nachgebend, einige meiner Gedichte in der Vereinigung der Kunst- und Literaturfreuude vorgelesen und großen Beifall geerntet."

Einen Augenblick war es still, dann bog sich der Mann in seinem Stuhl zurück und lachte, lachte laut und anhaltend zu laut, als daß es ganz natürlich geklungen hätte.

Das Gesicht der jungen Frau überzog sich mit dunkler Röte, und ihre Augen sprühten zornig.

Glaube nur nicht, daß mich dein Lachen stört Neid, nichts als Neid kleinlicher,, häßlicher Neid spricht daraus," sie bebte am ganzen Körper vor Aufregung.

Er hörte auf zu lachen und sah sie spöttisch an, so, äls könne er nur mit Mühe seiner Heiterkeit Herr werden.

Nein, liebes Kind ich bebaute, dir den Gefallen, mich über deinen hin, hm sogenannten Erfolg zu ärgern, nicht tun zu können. In meinen Augen ist dieser Verein derKunst- und Literaturfreuude", er lächelte höhnisch,nichts weiter als ein Verein, der die Lobhudelei auf Gegenseitigkeit in großem! Stil betreibt zum Lachen für ernste Männer," er Iqjjte wieder.

So? nun, ein gewisser Jemand wäre sehr erfreut und geehrt, wenn dieser lächerliche Verein ihn nur einmal, ein einziges Mal um eilten Vortrag bitten, oder überhaupt nur Notiz von ihm nehmen würde." Sie lächelte spöttisch.

Zum Donnerwetter, jetzt hab ichs^ aber satt! Ich verbitte mir dein sinnloses Geschwätz," >er stieß die Tasse, die er zum Munde führen wollte, so hastig auf den Tisch, daß sie zerbrach.

Und ich verbitte Mir dein pöbelhaftes Benehmen du bist Hier nicht in einer Kneipe," sie war aufgesprungen und stand ihm jetzt, zitternd vor Erregung, gegenüber, die Hände um die Stuhllehne gekrampft. ,

Gerda!" das klang wie eine Drohung, und auch der Mann sprang auf.

Da ein kleiner jammervoller Laut tönte durchs Zimmer, ein Laut wie ein angstvoller, gewaltsam unterdrückter Weheschrei, und er wirkte wie ein Strahl eiskalten Wassers auf die beiden Menschen, die sich voll kampfbereiten Zornes gegenüber standen.

Gleichzeitig wandten sie ihre Blicke ihrem kleinen Mädchen zu.

Das fchlng jetzt die Augen, aus denen große Tränen tropften, halb schuldbewußt, halb ängstlich izu Vater und Mutter auf, während