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Tie schlug bk Augen nieder und zog sich in einer Weise zurück, die beinahe einer Flucht gleichkam.
Danke, aber ich tanze nicht mehr heute abend, sagte sie und suhr mit der igattb nervös nach dem Haare.
Ich gab mir keine weitere Mühe. Ich folgte dieser Hand mit dem Blicke, worauf sie lebhaft errötete und augenscheinlich noch ängstlicher mir zu entkommen trachtete. Dies veranlaßte mich, noch einmal mit ihr zu reden.
Schenken Sie mir einen Augenblick, Fräulein Dorothea! Wenn Sie nicht mehr tanzen wollen, so kommen Sie mit auf die Veranda, das Meer zu betrachten. Es ist wunderbar heute abend. Ich werde Sie nicht lange aufhalten. Das Licht hier tut meinem Ange weh; außerdem möchte ich Sie so gerne fragen —
Nein, nein, warf sie heftig ein, offenbar aufs tiefste erschrocken. Ich kann den Salon nicht verlassen. — Stellen Sie mir keine Fragen! Suchen Sie sich eine andere Tänzerin — tun Sie das, für heute ab end!
Ist das Ihr Wunsch?
Mein fester Wille.
Sie blickte mich scharf an. Ich spürte, wie mich mein Mut verließ, und befürchtete, meine Gefühle zu verraten.
Somit beehren Sie mich nicht mit Ihrer Achtung, murmelte ich und verbeugte mich sehr höflich, da ich mir bewußt wurde, daß wir die allgemeine Aufmerksamkeit mehr auf uns zu ziehen begannen, als mir wünschenswert war.
Sie verharrte in ihrem Schweigen. Wiederum berührte sie ihr Haar.
Ta wechselte ich den Ton. Ruhig, aber mit einer Betonung, die sie rühren mußte, flüsterte ich: Wenn ich- Sie jetzt verlasse, wollen Sie mir morgen mitteilen, warum Sie mich jetzt so oberflächlich behandeln?
Mit eirter Schärfe, die nichts weniger als ermutigend war und die in seltsamem Gegensatz zu ihrer scheinbar plötzlich wiedererlangten Heiterkeit stand, erwiderte sie:
Jawohl, ja, wenn diese ganze Aufregung vorüber ist.
Damit reichte sie einem vorübergehenden Bekannten die Hand und drehte sich einen Augenblick später wieder in dem Wirbel — sie, die mich eben versichert hatte, sie wolle heute abend nicht mehr tanzen.
3. Kapitel.
Ich wandte mich zum Gehen und wollte, meines Vorgehens kaum bewußt, den Salon verlassen. Plötzlich umringte mich -eine Gruppe junger Leute; ich wußte kaum, was ich zu ihnen sagte. Ich erinnere mich nur noch, daß ich mich einige Minuten später wieder allein fand, und das kleine Zimmer aufsuchte, in dem Beaton eine halbe Stunde zuvor verschwunden war. Er war der einzige leidenschaftliche Karteiispieler in der Gesellschaft. Erwartete ich, ihn an einem der Tische dort zu treffen? Möglich ist es. Soviel steht fest, daß ich mich der Türe näherte und im Begriffe war, einzutreten, als ich einen schweren Schritt auf die innere Türschwelle zergehen hörte, die Tür auffbog und- ich einer älteren Dame geg-enüberstand, die ich nunmehr ein wenig näher beschreiben muß.
Es war eine beleibte, -gewichtige, nicht sehr großgewachsene Dame, mit einem Gesicht, dem herabfallende Wangen und- hervorstehende Backenknochen den Haupt-ansdruck verliehen. Wenn ihre kleinen Augen auf jemand gerichtet waren, riefen sie einen unbehaglichen und- unangenehmen Eindruck hervor, aber wenn sie anderswohin blickten, konnte man sich- fragen, in was das Imponierende dieses Gesichtes lag, und man suchte vergebens in seinen tiefen Runzeln und unbestilmuten Linieir nach dem Geheimnis jenes geistigen ititb körperlichen Widerwillens, den der geringste Blick in dieses kalte, unbewegliche Gesicht erregte. Dieses Weib besaß ungeheure Mittel, sich Geltung zu verschaffen, und ein darauf sich aufbauendes, vernichtendes Selbstbewußt- seiir sprach aus jeder Bewegung ihres gewichtigen Leibes, der dreimal so viel Raum zu beanspruchen schien, als einem menschlichen Wesen von Rechts wegen znkommt. Dazu kam, daß man sie selten ohne- -eine wahre Schaustellung von Diamanten sah, die ihrer breiten Büste das Aussehen der juwelenbeladenen Brust eines orientalischen Götterbildes gab. Um den Eindruck abzurunden, erinnere ich daran, daß ich so freimütig war, diese Dame — wie in meinen Gedanken — so auch hier -als „Drachen" zu bezeichnen.
Der Blick, mit dem sie mich empfing, hatte etwas Grftrges und Drohendes an sich. Augenscheinlich stand
ich zur Zeit nicht in Gunst bei ihr. Während ich mir nicht bewußt war, wie ich ihr Mißfallen erregt haben konnte — denn bisher hatten wir immer auf freundschaftlichem Fuße miteinander gestanden — zog ich aus ihrer Ungunst eine Erklärung für die abweisende Behandlung, die mir von feiten ihrer von ihr abhängigen Nichte zuteil geworden war. Doch warum grollte mir die alte Dame? Mehr als einmal war mir berichtet worden, daß sie große Stücke auf mich hielt. Hatte ich nun ohne mein Wissen etwas getan, wodurch ich ihren Groll erregt hatte, oder hatte sie gerade Pech im Kartenspiel gehabt, wodurch ihr Zorn hervorgerufen worden war, der nun nach einem Opfer suchte? Ich trat in das Zimmer, um die Frage zu entscheiden. Zwei Herren und eine Dame standen in offenbar verlegenem Schweigen an einem Tische, auf dem Karten lagen, die mir einen Eindruck machten, als seien sie von einer erregten Hand dorthin geworfen worden. Einer der Herren war Will Beaton; er war es, der die Bemerkung- falleu ließ:
Gerade hat sie ausfindig' gemacht, daß die jungen Leute sich vergnügen. Ich bin gespannt, an welcher ihrer zwei unglücklichen Nichten sie ihre üble Saune heute nacht auslassen wird.
Oh, das ist keine Frage, fügte die Dame hinzu, die neben ihm stand. Seit sie Aussicht hat, Gilbertine auf eine vernünftige Art loszuwerden, hat sie sich ganz ausschließlich der zurückbleibenden Bürde gewidmet. Ich habe gehört, fuhr sie lebhaft fort, indem sie einen Blick nach der Türe warf, um sich zu versichern, ob der Gegenstand ihres Gesprächs außer Hörweite sei, daß sie heute Dorothea Kanterben -eine zünftige Predigt gehalten hat. Kein Mensch weiß den Anlaß dazu anzugeben, denn das Mädchen scheint ihr jeden Wunsch an den Augen abzulesen. Aber es gibt Frauen, die mehr Galle besitzen, als sie für ihren -eigenen Gebrauch benötigen; sie müssen ihre Wut an irgend einem unschuldigen Opfer auslassen.
Mit diesen Worten warf sie ihrerseits d.e Karten, die sie bisher in der Hand gehalten hatte, auf beit Tisch.
Ich zwinkerte Beaton mit den Augen zu unb trat auf die Veranda hinaus. Eine Minute später folgte er mir, und in der Ecke, wo die Reben am dichtesten wachsenging unsere Unterhaltung vor sich.
(Sortierung folgt.)
Der Mann mit der roten Mütze.
Von Arthur Za p- p.
Der Beamte mit der weithin leuchtenden grellroten Mütze/ der die Eisenbahnzüge aus der Station abfahreu läßt und auch im übrigen den Betrieb auf dem Bahnsteig leitet, der bie vielfachen Wünsche des Reisepublikums entgegennimmt und ihnen nach Kräften und soweit es sein Dienst gestattet, entspricht, wird gewöhnlich „Herr Vorsteher" angeredet, und er gilt auch- sonst in weiten Kreisen als der Bahnhofsvorsteher. Das ist eine irrige Anschauung. Der Bahnhofsvorsteher, dem der gesamte Betried auf einem Bahnhof untersteht, bleibt für das große Publikum in der Regel unsichtbar. Er verbringt den größten Teil seiner Dienstzeit in seinem Bureau, und seine Arbeit ist zumeist Schreibarbeit. Er hat die Berichte- über glle Vorfälle im Bahnhofsbetrieb an die vorgesetzten Behörden: an die Betriebsämter und au die Direktion zu machen, er hat die ihm unterstellten Beamten für die einzelnen T-ieustzweige zu kommandieren und natürlich auch darüber zu wachen, daß der gesamte Betrieb auf der ihm uuter- stellten Station seinen ordnungsmäßigen Verlauf nimmt.
Der Mann mit der roten Mütze, der speziell den Außendienst auf der Station zu leisten hat, ist in der Regel ein Eisenbahnassistent; auf kleineren Bahnhöfen ist seit mehreren Jahren der Unterassistent, ein Unterbeamter, an seine Stelle getreten, der sich vom ersteren äußerlich dadurch unterscheidet, daß er weder auf Uniformrock, Litewka noch 'Mantel die goldgeränderten Achselstücke trägt.
, Der Fahrdienstleiter den größeren und mittleren Stationen hat einen außerordentlich verantwortungsvollen Dienst, Er ist verantwortlich für die fahrplanmäßige Zugfolge, für den richtigen Signaldienst, von £em die pünktliche und die gefahrlose Ein- und Ausfahrt der Züge abhängt, er ist verantwortlich für den Telegraphendienst, soweit sich dieser auf den Zugmeldedienst bezieht, und für den Rangierdienst, der seine besonderen Gefahren mit sich bringt, besonders zur Winterszeit, bei Nacht und bei nebeligem Wetter. Und bei all diesem schweren, gefahrvollen und verantwortungsvollen Dienst ist der Fahrdienstleiter fortwährend von dem reisenden Publikum in Anspruch genommen. Er soll über alles, was mit dem Reiseverkehr in irgendeiner Verbindung steht, Auskunft geben. Was für ein ganz außergewöhnliches Maß von Geduld und Selbstbeherrschung dazu gehört, um bei allen


