Ausgabe 
28.11.1912
 
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Donnerstag, den 28. November

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Das Amethyst-Fläschlein.

Eine Erzählung von A. K. Green.

(Nachdruck verboten.)

(Fortsetzung.)

Ich fühlte einen Stich im Herzen, dann aber war es mir, als ruhe es kalt uno empfindungslos in meines- Brust und habe zu schlagen aufgehört. Aus dem Summen, zu dem sich alle Töne' in meinem Ohre mischten, hörte ich Sinclairs Stimme sich von neuem erheben; er stellte nunmehr die Frage, die mir auf der Zunge schwebte.

Wann war das? Nachdem .Herr Armstrong das Zimmer betrat oder vorher?

Oh, erst nachdem er eingeschlafen war. Ich hatte eben das Gaslicht ausgedreht, da sah ich Fräulein Camer- deu hineinschlüpfen und sofort wieder heraüskommen. Ich werde die Nadel sehr sorgfältig suchen, Sir.

Also hatte sich Herr Armstrong geirrt! Dorothea war es, nicht Gilbertine, die er das Zimmer hatte verlassen sehen. Ich nahm meine ganze Selbstbeherrschung zusam­men und blickte Sinclair ins Ange.

Dorothea ist heute abend grau gekleidet; aber vielleicht hat Herr Armstrong die Farbe in der Kaminfeuerbeleuch» tung nicht richtig erkannt.

Möglicherweise waren beide in der Bibliothek, meinte Sinclair. Aber ich sah wohl, daß er diese Mutmaßung nur in Rücksicht auf mich aufstellte. Auf alle Fälle, fuhr er fort, können wir auf diesem Wege zu keinem beweis­kräftigen Ergebnis gelangen; wir müssen unseren ursprüng­lichen Gedanken wieder aufnehmen. Ich bin gespannt, ob Gilbertine mir eine Gelegenheit. geben wird, mit ihr zu sprechen.

Für dich wird es leichter sein, als für mich, gab ich verdrossen zur Antwort. Sobald Dorothea bemerkt, daß ich mich ihr nähern will, braucht sie nur einen aus dem halben Dutzend junger Männer heranzuwinken, dann ist mein Plan zerstört.

Um halb zehn Uhr soll eine Probe der Zeremonie statt­finden. Dann könnte ich ja meine Frage Vorbringen. Aber die Geschichte muß vorher noch in Ordnung gebracht wer­den. Ich könnte nie die Posse spielen, vor euch allen au der Seite Gilbertines zu stehen, mit einem solchen Zweifel im !

Dflnn mußt du sie früher aufsuchen. Bestehe darauf, daß sie dir eine Minute zu einem kleinen Gespräch ge­währt. Wenn sie sich weigert

Genug! unterbrach er mich. Wir treffen uns also um zehn Uhr wieder au diesem Platze ^da. Sehe ich ruhig genug aus, um mich jetzt unter Sie Tanzenden mischen zu können? Sie werdet! mich natürlich von allen Seiten begrüßen. . c r

Warte noch einen 'Augenblick. Die bevorstehende Hoch­zeit hat dich in ernste Stimmung gebracht, das ist alles.

Es verging geraume Zeit, ehe es mir auch nur gelang, einen Blick von Dorothea zu erhaschen. Als endlich dieser Moment kam, -war sie vom Tanze leicht gerötet und sah wunderschön aus. Gewöhnlich war sie ein wenig blaß, aber nicht einmal Gilbertine, trotz ihrer frischen Gesichtsfarbe, besaß blühendere Wangen als sie, jetzt wo sie sich, vom Walzer ermüdet, gegen die blaßrote Wand lehnte und zum ersten Male ihr Auge langsam dorthin richtete, wo ich, in zerstreutem Geplauder mit meiner Partnerin begriffen, stand.

Lieblich waren ihre Augen, wie geschaffen um bewun­dert zu werden, und eine leise, aber herzliche Sprache redend. Aber sie waren von einer unbeschreiblicheit Klug­heit im Schach gehalten. Nie hatte ich sie ganz frei von dieser Zurückhaltung gesehen. Heute abend vollends waren sie mir ein unverständliches Rätsel. Und doch schien sie noch aus einem anderen Grunde, als der Aufregung des Tanzes, zu zittern; die kleine Hand, die vor wenigen Stunden so vertraulich in der meinigen geruht, war keinen Augenblick still. Sie bewegte sie da und dort über die Falten ihres grauen Kleides. Ich bemerkte dies nicht ohne mir die trübselige Frage zu stellen, ob das kleine Amethyst- Herzchen, die Ursache meines Entsetzens, irgendwo unter den luftigen Fältchen und Spitzen versteckt lag, die sich so schnell auf ihrer schwer atmenden Brust auf und ab be­wegten. Konnte ihr Blick dem meinigen standhalten, selbst in dieser kalten und uninteressierten Weise, wenn der Tropfen, der uns für immer trennen konnte, auf ihrem Herzen verborgen lag? Sie wußte, daß ich sie liebte. Von der ersten Stunde an, wo ich sie int Salon ihrer Tante in der Sechsunddreißigsten Straße getroffen, hatte sie meine Leidenschaft erkannt, so völlig es mir auch gelungen Ivar, sie vor den Augen anderer zu verbergen. Unerfahren, wie sie damals war, hatte sie dennoch so rasch wie irgend eine große Dame der Gesellschaft -erraten, welchen Eindruck ihre lieblichen Reize und ihre milde Zurückhaltung, die mir den Atem benahmen, auf mich gemacht hatten.' Und wenn sie auch niemals meine Verehrung offen annehmen wollte und jeden Versuch, ihr meine Liebe zu beweisen oder gar zu gestehen, niederschlug, so war ich so sicher, daß sie meine Gefühle richtig würdigte, als sie mir das liebste, wenn auch rätselhafteste Wesen auf -der Welt war. Als ich nun am Ende des Tanzes ihren Augen begegnete, sagte ich mir -daher:

Vielleicht erwidert sie meine Liebe nicht, aber sie weiß, daß ich sie liebe, und da sie eine rasche Auffassungs­gabe besitzt, würde sie meinem Auge niemals mit solch ruhigem Blicke begegnen, wenn sie eine Tat ausführen wollte, die mich unfehlbar ins größte Elend stürzen würde.

Doch war ich noch nicht so sehr befriedigt, daß ich ohne ein Wort von ihr mich hätte zurückziehen mögen. Daher ergriff ich diese Gelegenheit, -entschuldigte mich bei meiner Dame und ging zu Dorthea hinüber.

Darf ich Sie um den nächsten Tanz bitten? fragte ich.