Ausgabe 
28.10.1912
 
Einzelbild herunterladen

675

Ach meinesteils, als Offizier der leichten Reiterei, widmete kleine ganze Aufmerksamkeit der Gegend; ich suchte einen Ueber­blick über das Terrain zu gewinnen, beobachtete den Laus der Flüsse und stellte Vermutungen über etwaige Furten an. Mit jedem Schritt entfernten wir uns mehr von dem Lager der unserigen, nur im fernen Süden noch verrieten leichte, .graue Rauchwolken das Quartier einiger unserer Vorposten. Aber nach Norden hin befand sich nichts zwischen uns und dem russischen Winterquartier ja, zweimal meinten wir am Horizont das Blitzen von Stahl zu sehen und gingen wohl.nicht sehr irre, wenn wir dabei an die Lanzen plündernder Kosaken dachten. .

Die Sonne vergoldete eben mit ihren letzten Strahlen.das weite Schneefeld, als wir eine kleine Anhöhe hinabritten und zu unserer Rechten ein kleines Dorf, zur Linken aber .ein hohes, düsteres Schloß erblickten, das aus dem Tannenwalde unheimlich .emporragte.

Duroc schaute sich sofort um. In geringer Entfernung von uns ging ein Bauer seines Weges, ein Bursche mit mürrischem Gesicht und wirrem Haar, in einen Schafpelz gehüllt. .

Heda!" rief ihn mein Begleiter an,wie heißt das Dorf?" Arensdorf," erwiderte der Gefragte aus Deutsch in seinem' barbarischen Dialekt. .

Dann bin ich also für heute am Ziel," .bemerkte mein junger Gefährte und wendete sich dann wieder dem Bauern .zu mit seiner ewigen Frage:

Könnt Ihr mir wohl sagen, wo der Baron Straubenthal wohnt?" .

Ei, das ist ja der Besitzer von derSchreckensburg dort drüben," antwortete der Mann und deutete nach den dunklen Türmen im Tannenwald.

Bei dieser Kunde entfuhr Durocs Lippen ein Laut, .wie ihn der Jäger ausstößt, der das Wild vor sich .auftauchen sieht. Der Junge schien plötzlich ganz von Sinnen zu sein seine Augen rollten, sein Gesicht wurde leichenblaß, und ein Zug des Grimmes verzerrte seine Züge so stark, daß'der Bauer erschrocken zurückwich.

Warum nannten Sie das Schloß die Schreckensburg?" fragte ich ihn. . , '...

Ha, weil es in der ganzen Gegend so.heißt. Wird schon seine Richtigkeit haben. Sollen wüste Dinge passiert sein in den vierzehn Jahren, die der schlechteste Mann in Polen dort oben gehaust hat."

Ist wohl selbst ein Pole?" warf ich ein.

Oho, solches Gesindel zieht Polen nicht groß!"

Ein Franzose?" forschte Duroc hastig.

Man sagt so!"

Rotes Haar?"

Brandrot!"

Vraim-ent!", rief da plötzlich Kamerad Duroc und zitterte vm ganzen Körper.Die Hand der Vorsehung hatmich hier­her geführt; wer sagt, daß. es keine Gerechtigkeit .mehr gibt? Kommen Sie sckMcll, Monsieur Gerard, damit ich meinen Leuten erst Quartier verschaffe und dann meine eigene Angelegenheit etiebioc." >

Er spornte sein Pferd an, und keine zehn Minuten später hielten wir vor dem Gasthof, wo seine Leute über Nacht bleiben sollten. . ., ,

Tas alles ging aber mich ja eigentlich nichts an, und ich machte mir keine besonderen Gedanken 'Darüber. Nach Rossel war es zwar noch ein gut Stück Weges, aber ich nahm mir vor, heute noch einige Meilen zu reiten; vielleicht führte mich der Zufall au irgend eine Hütte oder Scheune, wo ich mit Rataplan Schutz finden konnte. Ich stürzte also ein Glas Wein hinunter und war eben wieder aufgestiegen, als Duroc atemlos herbeieilte und seine Hand auf mein Knie legte. .

Monsieur Gerard," keuchte er,oh, verlassen Sie mich jetzt nicht!" _ i

Verwundert blickte ich auf das ängstlich zu nur empor ge­richtete Gesicht und entgegnete:Lieber Kamerad, ich verstehe Sw nicht. Wollen Sie mir nächt lieber sagen, womit ich.Ihnen dienen kann?" <

Oh, Monsieur Gerard," rief er eifrig,nach allem, was fnan sich von Ihnen erzählt, sind Sie gerade der Mann, den ich heute nacht an meiner Seite haben möchte!"

Sie vergessen wohl, daß ich! zu meinem Regiment.rette!

Heute können Sic Ryssel doch nicht mehr erreichen; .ich beschwöre Sie, bleiben Sie und helfen Sie mir, meine eigene und meiner Familie Ehre retten! Freilich muß ich Ihnen ge­stehen, daß Ihrer Person dabei Gefahr drohen kann."

.Diese letzte, schlau hingeworfene Bemerkung gab her nur den Ausschlag. Natürlich sprang ich eiligst von Rataplaus Rücken herab und ließ ihn ditrch' den Knecht in den Stall führen.

Kommen Sie in das Wirtshaus herein;" sagte ich zu Duroc, r,und lassen Sie mich genau wissen, was Sie vorhaben."

Wir betraten eines der Gastzimmer und riegelten die Türe hinter uns zu, um ungestört zu sein. Da.stand er nun vor mir,der Jüngling mit der schöngewachsenen Gestalt, unb, das Llcht der Lampe fiel auf feilt ernstes Gesicht und auf.die silbergraue unt- form, dtc ihm vortrefflich saß. Und wenn ich auch. Nicht sagen kann, daß er sich ganz so stramm hielt, wie i dj in seinen Rungen Jahren getan hatte, so lag doch in seiner.ganzen Person etwas. Was mich Wohlgefallen an ihm finden ließ.

Ich kann Ihnen alles in wenig Worten erklären," hob er an,und wenn ich bisher darüber geschwiegen, so geschah es nur, weil die Sache so schmerzlich für mich ist, daß es mir schwer fällt, davon zu reden. Hören Sie denn:

Mein Vater war der wohlbekannte Bankier Christophe Duroc, der den Septembermordeii zuiti Opfer fiel. Wie Sie wissen, erstürmte der Pöbel die Gefängnisse, ließ die Gefaiigenen vor drei sogenannteRichter" stellen und riß sie in Stücke, als sie hinweggeführt wurden. Nun hatte mein Vater viele Fürsprecher, weil er Zeit seines Lebens ein Wohltäter der Armen gewesen war; überdies war er schwer krank und mußte auf einem Teppich in den Gerichtssaal gebracht werden. So kant es, daß zwei der Richter" zu seinen Gunsten sprachen; aber der dritte, ein junger Jakobiner von gemeiner Gesinnung und ungeschlachtem Körper, zerrte ihn mit seinen eigenen Händen von der Tragbahre herunter, stieß ihn wiederholt mit seinen schweren Stiefeln und schleuderte ihn zur Türe hinaus, wo er in wenig .Minuten unter Umständen, die ich nicht wiedergeben kann, von dem Volke zu Tode miß­handelt wurde. Das war Mord, wie Sie selbst sagen müssen, Mord, sogar nach ihren .selbstgeschaffenen Gesetzen denn zwei von ihren Richtertt hatten für meinen Vater gesprochen. .

Als nun die Tage der Ordnung wiederkamen, stellten meine Brüder Nachforschungen nach jenem Schurken an. Obwohl ich damals noch ein Kind War, steht mir die Sache doch lebhaft vor Augen, Wurde sie doch im Familienkreise oft besprochen. Der. Bursche, einer der wütendsten Jakobiner, sührte zur Zeit des Mordes den Namen Carabin. Einige Monate später aber be­freite er eine Dame, die Baronin Straubenthal, aus den Händen seiner Parteigenossen, nachdem er ihr das Versprechen abgenommen, die Seine Werden zu wollen. Er floh heimlich aus Frankreich, nahm ihren Namen uuo Titel an und setzte sich in den Besitz ihres Vermögens und ihrer liegenden Güter. Seitdem war er für uns verschollen. Hätte die Revolution uns nicht all unser Hab und Gut geraubt, so würde es uns ohne Zweifel leicht ge­lungen fein, den Schurken ausfindig zu machen, da wir Kenntnis von seinem angenommenen Namen hatten. So aber waren uns die Hände gebunden, und später, als dach Kaiserreich kam, wuchsen die Schwierigkeiten, denn, wie Sie wissen, war es der Wunsch des Kaisers, daß alle vergangene Unbill mit dem Schleier des Vergessens bedeckt werden möchte. Wir aber vergaßen unfern; unglücklichen Vater nicht und schmiedeten im. verborgenen Rache-

der

Pläne.

Mein Bruder trat in die Armee und begleitete sie auf ihrem Siegeszuge durch das ganze südliche 'Europa. In der Schlackst bei Jena ereilte ihn der Tod und machte seinen Nach­forschungen nach dem Baron Straubenthal ein Ende. Nun setzte ich sein Werk fort, und mir ist das Glück hold; denn kaum bin ich vierzehn Tage im Felde, so finde ich in dem ersten polnischen Dorfe, das ich betrete, den so lange Gesuchten. Und muß ich's nicht als ein gutes Omen betrachten, daß ich mich gerade in Gesellschaft befinde, baffen Namen man stets nur in Verbindung! mit edlen und heldenhaften Taten hört?"

Das war alles ganz gut und schön, und ich hatte der Er­zählung mit großem Interesse gelauscht, es war mir aber int mindesten noch nicht klar geworden, was ich nun eigentlich bei

Sache sollte.

Was kann ich für Sie tun?" frug ich deshalb. Mitkommen!"

Auf die Schrcchensburg?" .

"Wann?"

Sofort!"

Aber was haben Sie vor?"

Was ich tun werbe, ist mir schon längst klar; aber doch wird es mir eine Befriedigung fein, Sie bei mir zu haben."

Nun muh selbst mein ärgster Feind zugiben, daß. ich! nie Kn gutes Abenteuer ausgeschlagen habe und außerdem fühlte ich lebhaft für den Kameraden. Ich! ergriff deshalb feine Hand und sagte:Der morgende Tag muß mich in Rossel sehen, aber heut' stehe ich Ihnen Mr Verfügung/' _

So ließen wir denn unsere Soldaten in ihren behaglichen! Quartieren zurück und machten uns zu Fuß auf den Weg, da das Schloß nur gegen eine Viertelmeile entfernt war. Ein Retters­mann, der mit hochgeschnalltem Säbel zu Fuß geht, und die Füße einwärts setzen muß, um sich nicht in feinen Sporen zu verfangen, gewährt freilich meiner Ansicht nach den drolligsten Anblick, den man sich nur denken kann aber wir beide waren! in einem Alter, wo man sogar so etwas wagen kann, und ich Wette, daß kein Weib wenigstens die Erscheinung der beiden Husaren in ihrer hellblauen und filbergrauen Uniform an jenem Abend bemängelt haben würde. Wir trugen unsere säbel; aber ich hätte außerdem noch ein Pistol zu mir gesteckt, denn immer- hin konnte es ja diese Nacht scharf hergehen. n f

Der Pfad nach dem Schlosse führte durch emeit stockdunkeln Tannenwald und war so verwachsen, daß nur hier und da ent Stück des gestirnten Himmels sichtbar wurde. Mtzt traten Wir. heraus und erblickten unmittelbar vor uns das Schloß. Es War ein augenscheinlich sehr alter, ungeheuer großer und seltsam ge­stalteter Bau. Jede feiner Ecken war mit Türmchen geziert, an der uns zunächst liegenden Seite aber befand sich ein großer, viereckiger Turm. Ringsum kein Laut: alles war in tiefes