Unterhaltung kennen wir aus der Erzählung des rettenden Boten selbst.
Bei ihrer Rückkehr ins Hans fand sie Marcella in anscheinend den letzten Zügen auf ihrem Bette liegen. Wie das leere Glas bewies, hatte sie kurz vorher Milch daraus getrunken. _
Eine wahnsinnige Angst erfaßte das Mädchen, sie wollte hinaus eilen um jeden Preis. Aber an der Türe trat ihr bereits von Eißen entgegen, begleitet von noch zwei Männern.
Zurück! sagte er; wagen Sie's nicht, diese Schwelle zu überschreiten, sonst hat Ihre letzte Stunde geschlagen. Dann warf er einen Blick nach der Lagerstatt Marcellas. Geht wieder schlecht, wie? fragte er. Darauf wandte er sich an seine Komplizen und sagte: 's ist ihre eigene Schuld — sie wollte es ja nicht anders. Danach verließen die Drei das Zimmer, schlossen ab und begaben sich, die Unglückliche allein lassend, in einen anderen Raum.
Das waren ihre furchtbaren Erlebnisse bis zu meinem Eintreffen.
Als sie ihre Erzählung beendigt hatte, sagte ihr Helen, sie könne wieder hinaufgehen in ihre Kammer und — vorläufig wenigstens — bei uns bleiben. Mit unendlich dankbaren Blicken entfernte sie sich.
Wir drei — Mortimer, Helen und ich — blieben noch lange beieinander sitzen und erörterten eifrig unsre Situation. Schließlich kamen wir zu dem Ergebnis, daß es wohl das beste sei, wenn ich Marcella baldigst heiratete und die fernere Lösung des Rätsels dem Zufall überließe. Die Aussagen Lucy Beltons bewiesen, daß Marcella von ihres Vaters Brief an mich keine Ahnung hatte. Immerhin war mit ziemlicher Sicherheit anzunehmen, daß er mir wohlwollend gesinnt war und einer Verehelichung nicht ent- gegensteheu würde.
Irr diesem Glauben und in der Hoffnung, das fehlende Schriftstück, das den Schleier des ganzen Geheimnisses lüften mußte, auch noch ausfindig zu machen, beschlossen wir diesen ereignisreichen Tag und sachten endlich auch selbst unsere Schlafgemächer auf.
16. Kapitel.
Am Morgen zeigte Marcella wieder ihre alte Heiterkeit, und es war eine wahre Freude, zu sehen, wie sie und Luch ein fast kindliches Glück darüber fühlten, daß sie nach so schmerzlicher Trennung sich an einer sicheren Zufluchtsstätte wiedergefunden hatten. Ich selbst wurde eine Zeitlang von ihrer Fröhlichkeit hingerissen und vergaß, daß unsere Kümmernisse noch nicht zu Ende seien. Aber die liebliche Täuschung hielt bei mir nicht lange vor. Ich bat meinen Liebling zunächst, den Teil ihrer letzten Erlebnisse zu erzählen, den sie allein nur wissen konnte. Sie kam meiner Aufforderung gerne nach und nahm die Geschichte da auf, wo Lucy sie abgebrochen hatte.
An jenem Tage nach ihrer Ankunft im Hotel Cecil hatte sie eine Droschke nach dem St. Bartholomäus-Hospital genommen, um mir den Brief ihres Vaters und das Geld persönlich zu übergeben. Da sie mich dort nicht mehr gesunden hatte, hatte sie nach meiner jetzigen Adresse gefragt und sie auch angegeben bekommen. Da sie ihre Mission gerne erfüllen Und die Verantwortung loswerden wollte, war sie mit einem Wagen nach der Station Waterloo gefahren und von dort mit dem Zug nach Richmond. Sie konnte sich noch sehr wohl an ihre Ankunft am Bahnhof erinnern und wußte auch noch genau, daß sie sich nach dem nächsten Weg nach meiner Wohnung erkundigt hatte. Ferner hatte sie noch eine unbestimmte Vorstellung von dem räuberischen Ueberfall, alles übrige bis zn ihrem Erwachen in meiner Wohnung war jedoch vollständig aus ihrem Gedächtnis geschwunden.
Sie wußte weiter nichts von dem Brief mit dem Gelde, als daß wir ihn auf ihrer Brust gefunden hatten, warum er gerade dort verborgen war und woher sie ihn bekommen hatte, konnte sie absolut nicht sagen. Ebensowenig konnte sie angeben, wo und wie der fehlende Brief verschwunden war. Nur soviel stand für sie fest, daß sie ihn bei sich gehabt hatte, als sie nach dem Hospital gefahren war. Ihr Vater hatte ihr nur gesagt, daß die Ablieferung dieses Schreibens an mich von der allergrößten Wichtigkeit sei, aber inwiefern wußte sie ebensowenig wie ich selbst.
Sicher war also nur, daß der Brief auf dem Wege vom Spital nach, meiner Wohnung abhanden gekommen
war, und es drängte sich die selbstverständliche Frage auf, ob er ihr wohl bei dem Ueberfall auf der Straße abgenom-» men worden sei. Da der Räuber aber nicht mal Zeit gefunden hatte, ihr den Geldbrief zu entreißen, war das sehr unwahrscheinlich. Oder sollte ihr Verfolger den Inhalt des Schreibens gekannt haben und derselbe so belastend gewesen sein — vielleicht wichtige Geheimnisse oder dergleichen enthalten haben, die eine weitverzweigte Verschwörung hätten verraten können, dgß seine Erlangung und Vernichtung um jeden Preis notwendig und sogar mehr wert war als das Geld? Diese Annahme schien immerhin nicht unmöglich. Dann waren aber die gefährlichen Manipulationen Bertholdis und von Eißens, das Geld in ihren Besitz zu bringen, wieder nicht recht begreiflich. Auch der Mordversuch gegen Marcella war nicht zu verstehen, wenn ihnen der Brief Garcias — natürlich unter der Voraussetzung, daß er das alleinige Ziel der ganzen Verfolgung gewesen war — wirklich, in die Hände gefallen war. Je mehr ich über alle Eventualitäten nachdachte, um so unwahrscheinlicher kam es mir vor, daß die Bande das Schreiben schon im Besitz haben sollte. Marcella mußte bett Brief irgendwie verlegt haben, und wir mußten ihn noch wiederfinden. Wie, vermochte ich freilich nicht zu sagen. Aber auch diese Vermutung konnte den Mordanschlag nicht erklären. Ich mochte mir die Sache iiber- legen, wie ich wollte, ich kam stets zu dem betrübenden Schluß, daß wir von der endgültigen Lösung des Rätsels noch sehr weit entfernt wären.
Auf einmal schoß mir ein Gedanke durch den Kopf. Ich nahm Mortimer beiseite und sagte ihm, daß ich an Garcias Vater um nähere Angaben telegraphieren wollte.
Das würde ich nicht tun, erwiderte er mir, wenn Herr Garcia, wie es nach Lucy Beltons Aussagen der Fall zu sein scheint, ringsum von Spionen und Feinden umgeben ist, kann die Depesche leicht in deren Hände gelangen und nur Unheil anrichten. Dagegen könntest du eher an den Freund in San Franzisko telegraphieren.
Dieser Vorschlag Mortimers leuchtete mir ein. Gut, antwortete ich, dann wollen wir gleich zum Postamt gehen.
Ich fragte Marcella möglichst unauffällig, so daß sie keine Absicht merkte, nach der Adresse des Mannes, der sie so eindringlich vor Bertholdi gewarnt hätte, und dann machten wir uns auf den Weg und schickten folgendes Kabeltelegramm ab:
„Marcella hier. Erbitte nähere Anweisungen."
Vorsicht ist immerhin am Platze, sagte ich zu meinem Freunde, als wir heraustraten.
Im selben Augenblick hörte ich ein lautes Hallo!
(Fortsetzung folgt.)
Abenteuer des Brigadier Gerard
Von C. D o y l e.
(Fortsetzung.)
Der Pfad siihrte abseits von der Armee in eine Gegend, die man den Kosaken und Marodeuren überlassen hatte, und die deshalb ganz verödet war. Duroc und ich ritten voran, und unsere sechs Mann bildeten den Nachtrabi Ich fand bald Wohlgefallen an meinem Gefährten. Allerdings steckte dem guten Jungen der Kopf noch voll von dem Unfinn; mit dem mau ihn in St. Ehr vollgepfropft hatte, und er per- stand besser, von Alexander oder Pompejus' Taten zu erzählen, als des Pferdes Futter zu mischen oder sich um dessen Hufe zü bekümmern. Aber er war noch völlig unberührt von den Lastern des Soldatenlebens und plauderte munter darauf los vou allerlei, was ihm am Herzen lag, von seiner Schwester Marie und seiner Mutter in Amiens; Duroc ritt an das Posthaus und frug den Postmeister, der auf sein Klopfen in der Türe erschien:
„Könnt Ihr mir wohl sagen, Monsieur, ob jemand, der sich 'Baron Straubenthal nennt, hier in dieser Gegend wohnt?".
Der Mann schüttelte den Kopf, und wir ritten weiter.
Ich hatte den Zwischenfall weiter nicht beachtet; als ober mein Kamerad im nächsten Dorfe dieselbe Frage mit, dem gleichen Erfolg wiederholte, wurde meine Neugier rege, und rch erkundigte mich, wer dieser Baron Straubenthal wohl wäre. .
„Das ist ein Mann," antwortete der Gefragte, indem eme jähe BGtwelle seine noch knabenhaften Züge überflutete, „dem! ich eine sehr wichtige Botschaft zu überbringen habe. ।
Diese ErUäruug machte mich freilich auch mcht titel kluger; da ich aber ans meines Begleiters Wesen schloß, daß fernere! Fragen ihm lästig fein würden, schwieg ich, während Duroc fortfuhr, jeden Bauern, aüs den er stieß, nach dem Baron Straubenthal zu fragen.


