Ausgabe 
28.10.1912
 
Einzelbild herunterladen

Montag, den 28. Oktober

VL»

H 'j±Qjj2j?J^S_^IlZZ

MK

MM

MZ M WW

MWlli/W

Die Dame im Pelz.

.Roman von G. W. A pp l e t o n.

(Nachdruck verboten.) (Fortsetzung.)

Ein armes unwissendes Mädchen, war sie ahnungs­los in eine furchtbare Situation geraten. Da sie jedoch keinen Ausweg sah, hatte sie blindlings alles versprochen, was von ihr gefordert wurde, und sogar, ohne zu wissen, worum es sich handelte, heilige Eide geschworen, der Sache" treu zu dienen. Danach war von Eigen wcg- gcgangen und hatte sie in ihrem Gefängnis allein ge­lassen. Die ganze Begebenheit war. ihr wie ein schreck­licher Traum vorgekommen. Gegen Abend hatte ihr ein Mann mit struppigem Bart offenbar ein Ausländer Essen gebracht. In dem armselig ausgestatteten Raum habe in einer Ecke eine Art Bett gestanden und auf dem kümmerlichen Tische eine einsame Kerze. Die zehn Pfund habe sie tausendmal zum Teufel gewünscht und sich selbst wieder in meine Küche. Sie hatte aber ihre sorgenlose Existenz nun mal verkauft und mußte nun auch die Folgen tragen; es blieb ihr nichts weiter übrig, als auf einen glücklichen Zufall zu hoffen.

Nach ihrem Dafürhalten mochte es elf Uhr sein, sie hatte sich gerade zu Bett gelegt, als sie von draußen Ge- rärcsch vernahm. Sie zog sich rasch wieder etwas an und eilte, zähneklappernd und mit einer Gänsehaut am ganzen Körper, erschreckt nach dem Fenster, um nachzusehen. In diesem Moment öffnete sich aber schon die Türe und sie traute ihren Augen kaum zwei Männer trugen die Dame herein, die sie vor ein paar Tagen in meiner Woh­nung gesehen hatte, und legten sie auf das Bett. Ein dritter brachte ein Bündel. Daß sie tot oder bewußtlos war, sah man auf den ersten Blick.

Von Eißen setzte die Sache sofort ohne Umstände aus­einander.

Das ist die Dame, die wir Ihnen anvertrauen wollen, sagte er. Momentan befindet sie sich nicht recht wohl, aber es wird ihr bald wieder besser gehen. Das Kleid', das sie an hat, brauche ich; hier in diesem Bündel ist ein anderes zum umtausck)en. Wenn sie aufwacht, geben Sie ihr keinerlei Aufklärung Sie wissen einfach, von nichts. Jeder Fluchtversuch wird an Ihnen beiden bestraft, wie, habe ich Ihnen ja bereits gesagt.

Nach diesen Worten hatte er sich nebst seinen Genossen entfernt, sie mit Marcella allein lassend. Kurz daraus war Marcella bestürzt und entsetzt erwacht. Was war mit ihr passiert? Wo befand sie sich? Welche Teufel hatten sie jetzt in ihre Gewalt bekommen? Fast wahnsinnig vor Schrecken starrte sie auf die kahlen Wände, den teppich-^ losen Fußboden, die elenden Model, das einzige Licht auf

dem rohen Brettertisch und auf das Mädchen, dessen Ge­sicht ihr seltsam und doch bekannt Vor'fom.

Was wollte das alles bedeuten? Sie erinnerte sich, daß sie vor wenigen Stunden noch in einem behaglichen, hübschen Zimmer in Richmond gesessen hatte, froh und zu­frieden. Und jetzt war sie wo?

Es mußte ein böser Traum sein! Aber das Dienst­mädchen klärte sie trotz des Verbotes so weit auf, daß ihr das Entsetzliche ihrer Lage nicht mehr zweifelhaft war, worauf sie von der größten Verzweiflung erfaßt wurde.

Das Mädchen bot alles auf, sie zu beruhigen; doch um­sonst. So vergingen zwei Tage und zwei Nächte. Eigew- tümliche Menschen gingen aus und ein. Das Mädchen paßte fortwährend auf eine Gelegenheit zur Flucht, aber es bot sich auch nicht die geringste. Marcella war voll­ständig zusammengebrochen, so daß sie die Umkleidung ruhig, ohne jeden Widerspruch geschehen ließ. Ihr Pelz wurde ihr ebenfalls weggenommen. Geld hatte sie nicht bei sich.

Spät am Nachmittag des zweiten Tages erschien von Eißen wieder auf der Bildfläche. Sein Wesen war drohen­der als je. Er ließ jetzt die Maske gänzlich fallen. Mar­cellas Vater habe irgendwo die Treue gebrochen einen heiligen Eid verletzt irgend jemanden schwer gekränkt; und es sei Sache der Tochter, dies zu sühnen. Sie sei leicht dazu imstande, sie brauche nur ein Papier zu unterzeich­nen, dann könne sie wieder gehen, wohin sie wolle.

Aber Marcella weigerte sich, es zu tun. Darauf er­klärte er ihr, er mache ihr diesen Vorschlag nur in ihrem eigensten Interesse. Ihm sei es sehr gleichgültig, ob sie unterschreibe oder nicht. Ihr Verschwinden vom Erdboden erfülle für ihn genau denselben Zweck. Da sie aber jung und schön sei, wäre es schade, sie aus der Welt zu schaffen. Wolle sie nun unterzeichnen oder nicht? Nein, sie wollte nicht.

Wie Sie belieben, sagte er und verließ das Zimmer mit einem teuflischen Lächeln auf dem bösartigen Gesicht.

Ungefähr eine halbe Stunde später erschien ein Manu mit Milch und einem Laib Brot. Aus der Unterhaltung hörte sie, daß es höchste Zeit war, zu handeln.

Dann brach die Nacht herein. Unter dem Schutze der Dunkelheit schlich sich Mädchen durch die offengeblie- bene Haustüre hinaus in den Garten. Die hohe Mauer und das verschlossene Tor schienen aber jede Verbindung mit der Außenwelt unmöglich zu machen, und sie wollte sich schon mutlos von ihrem gefährlichen Ausflug zurück- ziehcu, als das Geräusch menschlicher Schritte an ihr Ohr drang. Sie kamen näher und näher. Sie mußte sich be­merkbar machen; koste es, was es wolle. Mit gedämpfter Stimme rief sie dem Vorübergehenden zu. Er antwortere. Sie bat ihn flehentliche an die Türe zu kommen, zu der sie nun selbst rasch hineilte. Das Resultat der kurzen