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etwas zu reden, was ein gewöhnlicher Sterblicher verschweigen Würde.
Nach dem Feldzuge in Rußland wurden die Trümmer unseres armen Heeres westlich von der Elbe einquarticrt, um dort ihre erstarrten Glieder Zu erwärmen und mit Hilft des guten deutschen Bieres die Lücken zwischen Haut und Knochen etwas auszufüllen. Alles ließ sich freilich nicht wieder ersetzen, denn ich glaube mcht, daß drei große Fouragewagen imstande gewesen wären, die Finger und Zehen zu fassen, die Rußlands Winter gefordert hatte, ^a, zum Skelett abgemagert und als Krüppel schlichen wir einher, Und dennoch hatten wir alle Ursache, dankbar zu sein, wenn wir an die Kameraden dachten, welche wir zurückgelassen hatten, und an die Schneeftlder — oh, jene furchtbaren Schneefelder! Ist mir doch bis auf den heutigen Tag eine Wneigung gegen die Zusammenstellung von Rot und Weiß geblieben; ja, böse Träume stören meinen nächtlichen Schlummer, wenn ich am Abend zuvor meine rote Nachtmütze,aut meinem Bette liegend erblickt habe; dann tauchen jene schrecklichen Bilder von neuem vor mir auf »— die ungeheuren Ebenen, die bleichen, wankenden Gestalten darauf und .die purpurroten Flecke, die ihre Spur bezeichneten. Nein, nein, liebe Freunde, Sie locken keine Geschichte von jener Zeit aus mir heraus, der bloße Gedanke daran genügt, um mir den Mein in Essig und den Tabak in Stroh zu verwandeln.
Von der halben Million, welche die Elbe im Sommer des Jahres 1812 überschritten hatten, sahen nur 40 000 den kommenden Frühling wieder. . Das aber waren Leute! Männer von Eisen und Stahl, die sich von Pferdefleisch nähren und auf dem Schneefelde schlafen konnten! Treu zu ihrem Kaiser haltend und von Haß und Wut gegen die Russen erfüllt, hatten sie es unter-» nonimen, die Elbe zu halten, während Napoleon nach Frankreich geeilt war, uni neue Truppen auszuheben.
Die Kavallerie dagegen befand sich in einem elenden Zustande. Meine Husaren lagen damals in Borna, und als ich sie zum erstcnmale Revue passieren ließ, da konnte ich mich der Tränen nicht enthalten, und das Herz wollte mir vor Kummer brechen. Was tour .aus meinen stattlichen Männern, aus den kräftigen Pferden geworden! Aber bald gewann die Zuversicht in mir wieder die Oberhand; ich sagte mir, daß» solange meine Truppen ihren Oberst noch hatten, noch nicht alle Hoffnung zu Grabe getragen werden dürfte. Und so ging ich denn mit frischem Mut daran, den Schaden wieder gutzumachen und hatte bereits zwei tüchtige Schwadronen organisiert, als sämtliche Obersten der Kavallerie den Befehl erhielten, sich sofort nach Frankreich zu begeben, uni die Rekruten und Remontepferde sür den neuen Feldzug einzuexerzieren. Tie Aussicht, meine alte Heimat wiederzusehen, beglückte mich durchaus nicht in dem Maße, wie mancher vielleicht denken wird. Allerdings freute ich mich sehr, meine alte Mutter in die Arme schließen zu können, und ich sagte mir auch, daß mein Erscheinen mehr als einer Frau willkommen sein würde, aber viele meiner Kameraden waren durch noch stärkere Bande als ich mit Frankreich verknüpft, hatten Weib und Kind, die sie vielleicht nie wieder sahen. Wie gern hätte ich mit ihnen getauscht! Aber was konnte es helfen! Das blaue Schreiben mit dem kleinen roten Siegel war nun einmal eingetroffen, und schon die nächste Stunde sand mich aus meinem weiten Ritt von der Elbe nach den Vogesen. Endlich sollte ich wieder einmal eine Zeit friedlicher Stille genießen; hinter uns lag der Krieg mit seinem Tumult und Schrecken, und vor uns winkte der Friede. Mit solchen Gedanken beschäftigt, ließ ich das Lager immer weiter hinter mir und ritt auf der langen, weißen Landstraße über Berg und .Tal dahin, Frankreich zu.
Es ist zugleich interessant, aber auch lustig, in einer Gegend zu reifen, wo zahlreiche Truppen liegen. Zur Zeit der Ernte hatte es ja mit unseren Soldaten keine Not gehabt, denn wir hatten sie angewiesen, sich im Borbeimarschieren die Äehren selbst abzuschneiden und sie daun im Biwak zu mahlen. Auf diese Weise war es dem Kaiser möglich, jene schnellen Märsche auszuführen, die ganz Europa in Staunen und Schrecken versetzten. Nun aber sollte die ausgehungerte Schar wieder zu neuen Taten gekräftigt werden, und ich mußte beständig in den Straßengraben hinunterreiten, 'um den großen Schaf- rind Rinderherden ans dem südlichen Deutschland, sowie den mit Bier und Schnaps beladenen Wagen aus- znweicheii. Äon Zeit zu Zeit schlug Trommelwirbel und der schrille Ton der Pfeifen an mein Ohr, und bann zogen lange Reihen französischer'Infanteristen in ihren blauen, staubbedeckten Röcken an mir vorüber. Das waren alte Soldaten, die man ans unseren deutschen Festungen requiriert hatte, denn die Neiiausgehobeneir konnten nicht vor Anfang Mai aus Frankreich eintreffen.
Schließlich aber wurde ich doch des ewigen Anhaltens und .Ausweichens müde, so daß ich froh war, hinter Altenburg einen Seitenweg einschlagen zu können, der ebenfalls nach Greiz führte. Von nun an begegnete ich nur noch selten einem .Wanderer, und der Weg zog sich durch prächtige Eichen- und Buchenwälder dahin, welche im ersten Grün des Frühlings prangten.
Sie wundern, sich vielleicht über den seltsamen Kauz, der immer und immer wieder sein Pferd anhielt und sich an den zierlichen Blättchen und schwellenden Knospen nicht satt sehen konnte, aber, mes amis, wenn ihre Augen sechs Monate nichts als russische Kiefern erblickt hätten, dann würden Sie mein Entzücken begreifen.
' Dennoch gab es etwas, was mir durchaus nicht behagen wollte — das waren dm Blicke und Reden der Dorfbewohner lener Gegend. Wir hatten uns doch währ-nd der letzten >echs Jahre vortrefflich mit Deutschland gestanden, und die guten Leute schienen es uns durchaus nicht übel zu nehmen, daß wir uns hier und da einige kleine Freiheiten in bezug auf ihr Land erlaubt hatten. Wir hatten den Männern allerlei Gefälligkeiten erwiesen, für welche die Frauen sich uns wiederum dankbar zeigten, so daß das gemütliche alte Deutschland uns schließlich zur zweiten Heimat geworden war. Jetzt schien sich aus einmal alles verändert zu haben. Der Wanderer hatte für mich keinen Gruß, der Waldarbeiter wendete sich ab, um mich nicht sehen z« müssen, und ritt tu) durch ein Dorf, so standen die Bauern in Gruppen unter der Dorflinde und warfen mir finstere, drohende Blicke zu. Selbst die Frauen machten Hiervon keine Ausnahme, und das wunderte mich um so mehr, als ich damals gewöhnt war, daß jedes Weitz em freundliches Lächeln für mich hatte.
Als ich in den Marktflecken Schmölln Halt machte, da trat der erwähnte Umschwung noch^ auffälliger zutage. Ich war vor dem kleinen Wirtshaus abgeftiegen, um einen frischen Trunk gu tun und den .Staub aus der Kehle hinabzuspülen. Nun war es so.Sitte bei mir, dem Mädchen, welches mir kredenzte, einige Ueine Artigkeiteit zu sagen oder ihr unter Umständen auch einen Kuß zn geben; aber die Hebe hier wollte weder vom einen noch vom andern etwas wisset!, sondern warf mir einen Blick zu, der mir durch und durch ging. Und als ich jetzt mein Glas erhob, nut den übrigen Gästen zuzutrinken, da kehrten sie mir, mit Ausnahme eines einzigen, den Rücken, und dieser rief laut: „Kommt, Burschen, laßt uns aufs T anstoßen!" worauf alle die Gläser leerten und lachten — aber ein gemütliches Lachen, wie ehemals, war es nicht.
Tas Ding gab mir zu denken und ging mir noch int Kopf herum, als ich bereits wieder im Sattel saß und zum Torf hinausritt. Am Wegrande stand ein großer Baum, und als meine Augen so zufällig den Stamm streisten, sah ich, daß man kürzlich ein riesiges T in die Rinde eingeschnitten hatte. Das war mir nun zwar nichts neues, denn ich hatte am Morgen schon wiederholt dasselbe Zeichen gesehen, aber jetzt machten mich doch die Worte jenes. Toastes stutzig, und da zufälligerweise eben ein anständig gekleideter Mann tiorbeiritt, wendete ich mich mit der Frage an ihn: „Sonnen Sie mir wohl sagen, mein Herr, was dieses; T bedeutet?"
Seine Blicke wanderten höchst seltsam zwischen mir und dem Buchstaben hin und her.
„Junger Herr," sagte er endlich, „'s ist eben nicht der Buchstabe NI".
Ehe ich noch das Geringste erwidern konnte, gab er seinem Pferde die Sporen und ritt in gestrecktem Galopp davon. Ich legte anfangs jenen Worten keine besondere Bedeutung bei, als aber meine Violetta einmal den zierlichen Kopf zur Seite wendete, fielen meine Blicke auf das N am Zügel vorn. Das war ja des Kaisers Name, und jenes T bedeutete etwas, was ihm entgegen war! Es mußte sich in Deutschland letzthin so mancherlei ereignet haben, was den Riesen aus seinem Schlafe aufgeweckt hatte. Ja, ja, also darum jene trotzigen Gesichter! Wer doch auch in die Herzen der Leute hätte schauen können! Nun aiber schnell nach Frankreich hinein, denn es schien Eile zu haben mit unseren Rekruten und Remonten.
So ritt ich, in tiefes Sinnen verloren, dahin; bald ließ ich mein Pferd im Schritt gehen, bald traben, wie es dem Reiter geziemt, der eine tüchtige Reise vor sich und ein williges Pferd unter sich hat. In dieser Gegend war die AM des HolzhauerA tätig gewesen, denn der Wald war stark gelichtet, und an der Seite der Straße lagen hohe Reisighaufen aufgestapelt. Während ich so daran hinritt, ertönte aus einem derselben ein eigentümlicher Ton, und hinschauend gewahrte ich ein Gesicht, ein erregtes, rotes Gesicht, das offenbar einem Manne angehörte, der sich in einem Zustande höchster Aufregung befand. Die Züge kamen mir bekannt vor; ich schaute nochmals hin und erkannte nun jene Person, die ich vor einer Stunde beim Dorfe angeredet hatte.
„Reiten Sie näher heran," flüsterte er mir zu, „noch näher! So, nun steigen Sie ab und niachen sich am Steigbügel etwas ztt schaffen. Wir sind hier vor Spionen nicht sicher, und es wäre mein Tod, wenn man mich mit Ihnen reden sähe!"
„Ihr Tod? Aber wer sollte Sie töten?"
„Der Tugendbuiid! Lützows Freischaren'k Ihr Franzosen steht auf einem Pulverfaß, es glimmt schon die Lunte, die euch vernichten soll!"
„Ich verstehe Sie nicht," gab ich zur Antwort, während ich an meinem Steigbügel herumhantierte, „was ist's mit diesem Tugendbund?"
„So nennt sich jene geheime Gesellschaft, die zU einer allgemeinen Erhebung aufruft, um euch aus Deutschland hinauszuwerfen, wie es euch bereits in Rußland ergangen ist,"
„So bedeutet jenes T Tugendbund?"
„Gewiß, das ist ihr Zeichen. Ich hätte Sie gern schon int Dorfe darüber aufgeklärt, aber ich wagte es nicht und habe Sie deshalb hier erwartet."
„Dafür bin ich Ihnen sehr dankbar, lieber Freund, Sch


