Name eines angesehenen dortigen Arztes, Doktor Williams, wird in der ganzen Stadt ganz offen mit einer geheim nis-- vollen jungen Dame in Verbindung gebracht. Zuerst hieß, es, sie sei bewußtlos auf i er StraßeHefuudeu und in die Wohnung des genannten Arztes geschasst worden. Jetzt wird jedoch öffentlich erzählt, daß es sich um eine fortgelaufene Ehefrau handelt, die eine große Summe Geldes bei srch hat und von dem Arzte in gesetzwidriger Weise beherbergt werd. Das Gerücht klingt im höchsten Grade mrwahrschemlrch, und wir geben es wieder als das, was es wert ist,"
Mortimer, dem meine plötzliche Erregung natürlich nicht entgangen war, hatte mich gleich nach ihrem Grunde gefragt. Unfähig, ein Wort zu reden, hatte ich nur auf die Stelle gedeutet, worauf er den Artikel mit mir zugleich überflogen hatte.
Das ist schon ihr zweiter Triumph, sagte er nach einer Weile, und zwar haben sie uns diesmal sehr übel mitgespielt, alter Junge.
Sehr schlimm, erwiderte ich, als ich wieder Worte gefunden hatte,
5. Kapitel.
Tatsächlich wär es ein schwerer Schlag, und er hatte mich getroffen wie ein Blitz ans heiterem Himmel, lieber die unangenehmen Folgen, die diese Notiz auf 'meinen ärztlichen Ruf nach sich ziehen mußte, war ich mir .keinen Augenblick im Zweifel. Doch beherrschte mich dieser Gedanke nicht sehr lauge, er wurde bald verdrängt durch ein um so stärkeres Gefühl, den Kampf nun mit aller Energie aufzunehmen und beharrlich zu Ende zu führen.
Mortimer, sagte ich dann, die Sache zieht weitere Kreise, als ich anfänglich dachte.
Das habe ich gleich befürchtet, antwortete er. Wart ’n Augenblick, ich will mir ’n Billett holen und mit dir kommen. Wer weiß, was sonst noch während deiner Abwesenheit passiert ist. Diese Art Leute pflegen rasch vorzugehen.
Fünf Minuten später saßen wir zusammen im Zug. Bei unserem Einsteigen ins Kupee hatte man sich allerlei Bemerkungen zugeflüstert, und es war mir auch aufgefallen, daß mehrere meiner Richmonder Bekannten meinen Gruß nur mit einiger Ueberwindung erwiderten. Einer derselben war überdies ein sehr guter Patient von mir. Wir mußten unsere Unterhaltung unterwegs also auf die üblichen Alltäglichkeiten beschränken. Erst als wir bald aussteigen wollten, sagte Mortimer absichtlich laut:
Ich hoffe, Williams, daß du deine Patientin bald ihren Jreuuden zuführen kannst,
Das hoffe ich auch von ganzem Herzen, erwiderte ich mit allem mir zu Gebote stehenden Nachdruck. Aber selbstverständlich befindet sie sich in meiner Obhut, und ich bin für ihre Sicherheit verantwortlich. Daher bin ich absolut nicht gewillt, sie dem ersten besten auszuliefern;■ ich verlange vollgültige Beweise sowohl von ihrer Seite wie von jener.
Als dein Rechtsbeistand, erklärte Mortimer daraufhin, muh ich dich darauf aufmerksam machen, daß du dich sonst auch in ernstliche Schwierigkeiten verwickeln könntest. Vorläufig mußt du die Unannehmlichkeiten geduldig hinnehmen, da hilft alles nichts. (
Während -dieser Worte lief der Zug gerade langsam in die Station ein, und ich konnte eben noch die günstige Wirkung beobachten, welche sie auf unsere Mitreisenden ausübten, wodurch sich meine Zuversicht wieder etwas hob.
Nach den außergewöhnlichen Erlebnissen der letzten vierundzwanzig Stunden wär es beinahe eine Ueberraschung für mich, daß, während meiner Abwesenheit nichts Beunruhigendes vorgefallen wär. Helen war sehr froh, daß ich wieder zurück war, und- ihre Freude wurde noch erhöht, daß ich Mortimer mitbrachte. Unser Gast hatte allem Anscheine nach Helens Bitten nachgegob«.n und war im Bette geblieben. Wie meine Schwester erzählte, hatte sie freilich die Bedingung gestellt, am Abend mit uns essen zu dürfen. Im Übrigen hätte sie sich nach meinen beruhigenden Versicherungen vom Morgen Wohler und leichter gefühlt, aber eine Rückkehr ihres Erinnerungsvermögens war aus ihrer Unterhaltung während des Tages leider nicht zu vernehmen gewesen.
Nun, fragte Helen dann, Was für seltsame Dinge habt ihr denn heute erlebt? , , ,
Eine Menge, und es stehen itodj viele bevor.
Noch mehr Unruhe und Aufregung?
Noch mancherlei und sehr schlimme. Das meiste kommt erst noch.
Aber das Geld habt ihr doch in Sicherheit?
Das ist so wohl verwahrt, als wenn es in der Bank von Englarrd läge. Alles Nähere wird dir Charley hier erzählen. Ich will jetzt mal ins Sprechzimmer gehen und- seheu, was Gregory macht- Nachher kann uns beiden ’ne Tasse Tee nichts schaden. i
Gregory war ein Prachtexemplar eines Assistenten. Er war zwar mit dem Staatsexamen noch nicht ganz fertig,- aber trotzdem ein tüchtiger Mediziner und hatte, was in diesem Berufe nicht zu unterschätzen ist, ein gewinnendes Wesen. Ich wußte von meinen Patienten selbst, daß es mich, wenn mich besondere Umstände mal einen Tag von Richmond fernhielten, sehr gut vertrat. Ich konnte seiner Diskretion und seinem Urteil vollkommen vertrauen, und- außer seinen sonstigen guten Eigenschaften hätte er noch den Vorzug, daß er in der Instandhaltung meiner kleinen Apotheke sehr sorgfältig und peinlich War, ein Umstand, der später noch sehr bedeutungsvoll für mich fein sollte. Er war ein Mann von zartem Körperbau, mit roten Wangen und strohgelbem Haar und Schnurrbart unt) einem Paar hellblauer Augen, wie ich sie noch nie gutmütiger und ehrlicher gesehen habe; er lebte mit seiner Mutter, einer Witwe, zusammen und wohnte ganz in meiner Nähe, was in dringenden Fällen von großem Vorteil wär.
Nurc, Gregory, sagte ich zu ihm, als ich ins Sprech-- zimmer trat, was war heute los? Nichts AußergÄvöhn-j liches?.
Nichts Besonderes, antwortete er. Hier habe ich die Lifte der Kranken, die ich heute besucht habe. Ich glaube nicht, daß ich Jhäen noch Einzelheiten anzugeben brauche, Im übrigen habe ich bereits alles in die Bücher eingetragen.
Schön, Gregory, 'fuhr ich fort; aber während alles scheinbar ganz nett weiter geht, glaube ich doch, daß auch der Stadtklatsch feine Wirkung nicht verfehlt.
Er errötete und wollte nicht recht mit der Sprache heraus. i
Genieren Sie sich nur nicht, ermunterte ich ihn. Zivi-, scheu uns beiden sollte volles Vertrauen bestehen.
Nun, erwiderte er daraufhin, wenn ich offen sein soll, muß ich Ihnen allerdings sagen, daß vielerlei Gerüchte; über Sie in der Stadt im Umlauf find.
Wohl wegen der jungen Dame oben?
rjft. I
Das hab ich mir gedacht — und man wird Sie gehörig ausgefragt haben?
Sehr stark sogar. Aber ich wußte ja weiter nichts, als was Sie mir heute früh selbst erzählt hatten; unb das hab ich auch -gesagt und bemerkt, daß. derartige Fälle von Gedächtnisschwund durchaus nicht so selten seien, wie der Laie gewöhnlich anuehme, es handle sich- also um gar nichts Besonderes, und Sie hätterr den sehnlichsten Wunsch, die Patientin so rasch tote möglich herzustellen und sie ihren Freunden wieder zuzuführen.
Damit haben Sie genau die Tatsachen konstatiert, Gregory, wie es bei Ihrer gewohnten Gewissenhaftigkeit nicht anders zu erwarten war, sagte ich zustimmend. Schien man sich denn nun mit Ihrer Erklärung zufrieden zu geben?
(Fortsetzung folgt.)
Meuteusr des Brigadier Gerard.
Von C. D o 1) l e.
W i e der Brigadier das Schicksal Deutschlands in der Tasche hatte.
Im Cafo saß der alte Brigadier und erzählte Geschichten aus seiner Jugendzeit.
Ich hoffe, sagte er, daß feiner von meinen Freunden, die mir aus meinen kleinen Abenteuern gefolgt sind, den Eindruck erhalten hat, als ob ich von meinen eigenen Vorzügen eingenommen wäre, denn dann wäre er in der Tat in einem Irrtum' befangen. Ter wahrhafte gute Soldat verfällt nie in diesen Fehler. Allerdings habe ich meine Persönlichkeit hier als tapfer^ dort als umsichtig Und klug hingestellt, aber was blieb mir anders übrig, wenn ich der Wahrheit treu bleiben wollte? Meiner Meinung nach würde es aus eine unwürdige Täuschung hiuaus- laufen, wollte ich meine Laufbahn nicht als eine glänzende schildern. Der Umstand, daß ich Ihnen nachfolgendes Ereignis überhaupt erzähle, spricht am besten für meine Bescheidenheit, und auch nur ein Mann in meiner Stellung kann es sich leisten, von


