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Eine Anekdote aus Zssef Aainzens Munde.
Won einem Schauspieler hörte ich einstens 'folgende, henke aus alten Papieren wieder ausgegrabene Anekdote, die ihm der rtun-- mehr zur ewigen Ruhe Gebettete gelegentlichKner längeren Ersen- bahufahrt selbst erzählt und nach dem -Dafürhalten des Wieder- erzahlers auch ganz oder zum Teil selbst erfunden hatte. Die Geschichte spielt in der Barbierstube von iBrasper, der anno Dazumal das ganze vornehme Paris rasierte. , Der Held davon ist kein Geringerer tote Victor Hugo, i Wenn „er“ den Laden betrat, so gewährten alle Wartenden ohne -Ausnahme den „roman- tischetr" Bartstoppeln des Meisters den weihevollen Vortritt. Ernes Tages erschien der Dichter wieder. Alles trat respektvoll zurück. Hugo nahm mit nachdenklicher Grandezza in-dem Fauteuil vor dem' Spiegel Platz. Brassier band ihm in -dem erhebenden Bewußtsein, den gefeiertsten TichKr der „grande ination“ rasieren zu dürfen, die Serviette um. Ms er-ihn aber — sit venia ^verbo -— einseifen wollte, machte Victor Hugo plötzlich -eine großartige Handbewegung, als wollte er der ganzen machgeborenen Dichtergeneration den Krieg erklären und äußerte -mit bedeutungsvollem Pathos: „Einen Augenblick!“ .... Tann trat er an das Kafsenpult, ergriff ein Stück Papier, das dort lag, und begann mit einem goldknopfgekrönten Bleistift Verszeilen daraus zu kritzeln. Seine Lippen bewegten sich dabei murmelnd, .feilt linker Arm skandierte augenscheinlich die Versfüße in die -Luft, so daß alles in der Barbierstube ehrfurchtsvoll noch weiter iretirierte, um „die Geburt der Tragödie" nicht zu-stören. Auch Brassier wagte nicht, zu unterbrechen. Er zitterte aber-vor Ungeduld; denn der ganze Laden war mit Harrenden Klienten-gefüllt, von denen einige sogar noch die Post, die an der nächsten Straßenecke zur Abfahrt Bereit stand, benutzen wollten. . . Schließlich hielt -er es nicht mehr aus. „Verzeihen Sie, Meister Hugo," so kam es bebend über seine Lippen, „aber ich habe -heute sehr viel zu tun.“ — „Ich auch!" Ter Dichter war mit-dem lyrischen oder dramatischen Entwürfe anscheinend soweit zu Ende, griff nach Hut und Stock und stürzte, die Serviette, die -er vom Hglse losgerissen! hatte, wie ein Taschentuch in die -Manteltasche knüllend, wie ein Sturmwind davon . . . 'Eine halbe Stunde später waren die Kunden zum größten Teile bedient. . . < „Schnell, Kinder, schnell," rief Brassier zu einigen Gehilfen, -„jetzt heißt es', die Stadtkundschaft bedienen — wo ist die -Liste?" — Er suchte vergebens auf dem Kassenpulte. — „Wo ist die Liste?!" — Mille tonnerres — Victor Hugo hatte die -Rückseite des' Stadtkundenverzeichnisses' zu seinem lyrischen oder dramatischen -Wochenbette ent—entwürdigt, darf man wohl hier nicht sagen (bei der Stelle hätte Kainz liebenswürdig-mephistophelisch gelächelt) . . . Der Meister des messingenen Beckens fährt-wie der Blitz in Frack, Zylinder und weiße Weste und ebenso -rasch in die Wohnung des Meisters der romantischen Dichtkunst . . . Victor Hugo sitzt, dem Himmel sei Dank, am Arbeitstisch zwischen -einem verheißungsvollen Berg von Büchern, Manuskripten und Zetteln . . . Nach manchem Hin und Her gelingt es -dem geängstigten Gevatter Beckmesser endlich, sich Gehör zu verschaffen und dem' ganz in Seine Arbeit vergrabenen Gewaltigen den Zweck seines' Besuches lar zu machen. — Der dreht dich (o, der hoffnungsvolsen Freude) schließlich um Und schütteln seine weiße >Lockenmäh'ne:
„Sie haben eine ganz miserable Rasierbude, worin einem1 jede Inspiration fehlt ober, wenn man -sie hat, wieder abhanden kommt . . . Ich habe das armselige, totgeborene Würmchen von Idee längst in den Ofen geworfelt ... - Ich verbitte mir jede weitere Störung . . . Nächstens entziehe ich Ihnen auch- meine Kundschaft!" , , . _______ Jul. B-r, G-n.
Vermischtes.
* Victor Hugo und seine Setzer. In der „Revue Hebdomadaire“ veröffentlicht Leon Barthou einige Briefe von Victor Hugo an Noel Parfait', ein-armes, aber gebildetes Mädchen, das die Korrektur seiner Werke las, -und der er äufs strengste eingeschärft hatte, keinem Menschen auch nur -ein Wort von dem Inhalt eines Buches- zu verraten, ehe -es auf dem Markte erschienen sei. Aus diesen Briefen geht -nun hervor, daß Victor Hugo geradezu der Schrecken seiner Setzer -gewesen sein muß. Nicht selten ließ er ganze Druckbogen -wieder auseinandernehmen, weil ihm der Raum zwischen den -einzelnen Worten und Versen nicht zusagte, und weil die Teilnahme-des Lesers, wie er fürchtete, durch einen ungleichmäßigen Truck beeinträchtigt werden könne. Besonders charakteristisch in dieser Beziehung ist ein Brief, den er im Jahre 1853, während des -Druckes seiner „Chatiments", an Noel Parfait schrieb und der-folgendermaßen lautete: „Wenn ein Vers so lang ist, daß -er den Raum einer Zeile überschreitet^ so darf er nicht etwa abgebrochen -und in der zweiten Zeile weitergedruckt werden, wie es gewöhnlich geschieht. In solchem Falle ist das Format des Buches -zu ändern. Ob ich den Setzern und Verlegern Unannehmlichkeiten Bereite, kommt dabei nicht in Betracht. Sie sollen die Aenderungen vornehmen -und keine weiteren Worte verlieren, da ich als -erste Forderung aufstelle, miß meine Verse so gedruckt werden, -wie ich sie geschrieben habe." Diese Forderung ging übrigens, wie wenigstens, Barthou ver
sichert, nicht etwa auf die Eitelkeit des Dichters zurück, sondern änf feinen Wunsch,-aus jedem Bande seiner-Werke eine typographische Sehenswürdigkeit zu machen. c
*1128 Mark für den Quadratfuß Land. Aus New 3)ort wird berichtet: Kürzlich ist in der amerikanischen Metropole der größte Grundstückshandel abgeschlossen worden, den die Geschichte New Ports bisher anizuweisen hat: eine von Cole- man Dupont organisierte Gesellschaft hat das Grundstück Broadway Nr. 120 gekauft, die Stätte, wo sich das int Januar nieder- gebrannte gewaltige Grundstück der Equitable Lebensversicherung erhob. Für das Grundstück ist ein Preis von rund 56 Millionen Mark festgesetzt worden, so daß auf den Quadratfuß etwa 1128 Mk. entfallen, ein Preis, den man in der New Porter Finanzwelt sogar als billig ansieht. Die Gesellschaft beabsichtigt, auf dem Grundstück eilten neuen 36 Stockwerk hohen Wolkenkratzer zu errichten, dessen Kosten auf 64 Millionen Mk. veranschlagt sind. Schon im Mai 1014 wird der nette Bau gebrauchsfertig sein. Wenn auch dieser neue Wolkenkratzer die Höhe des jetzt vor der Vollendung stehenden Woolworth-Turmes nicht erreicht, so wird es doch nach seiner Vollendung das größte Geschäftshaus der Welt jein. Die Architekten haben Pläne entworfen, die den jüngsten Gipfel amerikanischer Geschästshaiisbailkunst darstellen. Im Parterre sind prachtvolle Arkaden vorgesehen, mit großen Läden und breiten marmornen Treppenhäusern. Die Entwürfe zur Fassade zeigen ein bemerkenswertes Streben znr Einfachheit, die Einzel- foriiien lehnen sich an Renaissancemotive an, als Material für den Bau ist Stein, Backstein und Terraeotta vorgesehen.
*®ie Korrespondenz Napoleons 1. Aus Paris wird berichtet: Der Chef der historischen Abteilung des französischen Generalstabs Oberstleutnant Ernest Picard und der Leiter des Kriegsarchivs Louis Tuetey haben soeben den ersten Band der unveröffentlichten Korrespondenzen Napoleons erscheinen lassen. Der stattliche Band von fast 800 Seiten umfaßt die Zeit von 1804 bis 1807. Die Veröffentlichung hat eine interessante Vorgeschichte. Bekanntlich wurde die Korrespondenz Napoleons bereits auf Befehl Napoleons III. in der Zeit von 1859 bis 1869 zum ersten Mal heransgegeben. Es war ein Riesemverk von nicht weniger als 32 Bänden und trotzdem war es unvollständig. In der Kommission, die mit der Ausgabe der Korrespondenz betraut war, hatten sich Meinungsverschiedenheiten ergeben zwischen den Mitgliedern, die alles veröffentlichen wollten und anderen, die die Dinge, die dem Ruhm des Gründers der kaiserlichen Dynastie einträglich sein konnten, unterbrütfeit wollten. Die letzteren erhielten Recht; die Kommission wurde durch ein kaiserliches Dekret vom 3. Februar 1864 aufgelöst und eme zweite unter dem Vorsitz des Prinzen Napoleon, des Vetters Napoleonslll., ernannt. Kein Mitglied der ersten war in die zweite hinüber genommen worden, in ihr herrschte unumschränkt die Ansttf;t des Prinzen, der die Auflösung der ersten mit allen Mitteln betrieben hatte und auf diese Tat sehr stolz war. Der Prinz und seine Kollegen richteten sich ganz nach den Wünschen Napoleons und beschränkten sich darauf, wieder zu geben, „was der Kaiser selbst veröffentlicht hätte, wenn ihm die Aufgabe zugefallen wäre, seine Person und fein System der Nachwelt aufzuzeigen". So find sehr erhebliche Süden in der kaiserlichen Korrespondenz entstanden, wodurch den Historikern die Arbeit sehr erschwert worden ist und es ist daher interessant, daß die neue offizielle Publikation diese Lücken ausfüllt. Sie will alle unveröffentlichten originalen Stücks der Korrespondenz Napoleons I. heranSgeben, die in den Kriegsarchiven aufbewahrt werden, „alle Stücke ohne Ausnahme) sobald sie nur vom Kaiser stammen." Der erste, jetzt erfchienene Band enthält fast nur Dinge militärischen Inhalts. Die Schriftstücke zeigen, wie der Kaiser sich auch um die geringsten Einzelheiten kümmerte, ohne sich jedoch darin zu verlieren und ohne die Herrschaft über die höchsten Fragen der Politik, der Staatsregierung und des Krieges einzubüßen. Es finden fiel) zahlreiche wichtige Dokumente über die Verwaltung, Verpflegung und Bewaffnung des Heeres, über die Verteidigung der festen Plätze des Reiches, die taktischen Operationen, die strategischen Anweisungen, die Organisation der Märsche, der Verbindungslinien des Heeres, die Verwaltung der eroberten Länder usw. — alles Dinge, die für den Geschichtsschreiber jener Zeit von höchster Wichtigkeit find.
* Ans Zimmcr gefesselt. „Sie fragten vorhin bett Registrator Dusel, vb er schon wieder kneipen dürfe, ist er denn krank?" — „Das nicht, aber seit einem Vierteljahr verheiratet/
* Schießübung. ,,Na, Huber, ob Sie dort die Hütte' treffen würden. . .?" — „Nein, Herr Förster!" — „Zu toeit?/'; — „Nein. .Aber es ist keine Hütte, sondern ein Brunnen."
Erganzungsratsel. '>
W . n. . e .. m . au . g . sch . h ., . a. . ei ? e. a. d . rn . u., E . g .. ge . ie.. n w . h ., U.. g .. ge . en'.. n .. 11
Auslösung in nächster Nummer.
Auflösung des Logogriphs in voriger Nummert Sole, Saale, Seele.
Redaktion; K. Neurath. — Rotationsdruck und Verlag der Brühl'schen Universitäts-Buch» und Steindruckerei, R. Lange, Gießen,


