Ausgabe 
28.8.1912
 
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Vor dem Dichter trottete in mürrischem Schweigen sein Kompagnieoffizier, der Leutnant Quincke. ,

Scheußliche Sache, so ein Manöver! Eigentlich Drenst von morgens früh! um drei bis abends um zehn und von abends um zehn bis früh um tret . . . Die Körperpflege wurde nur noch markiert . . . aussehen tat man schon mehr toif ein Latrinenreiniger und nicht wie ein Angehöriger des ersten Standes der Nation. . . Dabei seit vierzehn Tagen kein weibliches Wesen mehr zu Gesicht bekommen. . die"dreckigen Bauerntrinen zählten nicht mit die waren höchstens was für die Herren Burschen!

Und was das Lächerlichste war. . . seit acht Tagen führte dieser krumme Landwehronkel, dieser Leutnant Fro- benius, die Kompagnie an Stelle des Hauptmanns Goll, der seinerseits als ältester Kapitän des Regiments für den Major Blasberg die Führung des zweiten Bataillons über­nommen hatte.

Blasberg hatte am Tage nach dem Regimentsfest, un­mittelbar vor dem Ausrücken in's Manöver, in eine Nerven­heilanstalt gebracht werden müssen. Die Schwermut, die ihn seit dem Tode seiner Frau zu Boden gedrückt hatte, war plötzlich als ausgesprochen krankhafte Melancholie zum Aus­bruch gekommen.

Und so war nun der unmögliche Landwehroffizier der unmittelbare Vorgesetzte seines patenten Kameraden für die Dauer der Herbstübungen geworden...

Und nun das Allerunglaublichste. . . die Sache klappte!

Auf seinem braunen, steifbeinigenRoland", der frömmsten Kuh aus dem Tattersall der Garnison, machte dieser Frobenius eine ganz leidliche Figur und hatte sich mit seinem vierbeinigen Freund auf ganz erträglichen Fuß zu stellen gewußt.

Der innere Dienst funktionierte tadellos . . . na, Kunst­stück! So ein Musterexemplar von Feldwebel und der brillante Unteroffizierersatz!

Ja, darauf verstand sich der griesgrämige Hauptmann Goll. . . Unteroffiziere erziehen, das war seine Spe­zialität!

Uebrigens war ja auch dieser Frobenius selber von einer kommissigen Gewissenhaftigkeit, daß es schon nicht mehr schön war!

In der Ortsunterkünft stelzte er wahrhaftig höchst ei­genhändig von Quartier zu Quartier, steckte seine Nase in jede Eßschüssel und in jedes Bauernbett, um sich zu über­zeugen, ob die Herren Füsiliere auch ordentlich zu essen kriegten und weich genug lägen.

Er selber, Quincke, hatte sich zum Glück eine etwas vor­nehmere Auffassung des Königlichen Dienstes zugelegt. Wo­für waren denn die Korporalschaftsführer da?

Ja, Frobenius hatte sich in seine Pflichten als Kom- pagniefiihrer ganz famos eingearbeitet und war infolge­dessen nnt seiner militärischen Situation zufrieden wie nie zuvor.

Er sah sehr verändert aus, hatte sich am Tage vor dem Ausrücken die wenigen HaarsträlMn seines Schädels ganz kahl abscheren, seinen langen, struppigen Vollbart kurz verschneiden lassen.

Auch seine Uniform sah nicht mehr ganz so vorsintflut­lich aus, seitdem ihr Träger eine etwas vorschriftsmäßigere Haltung gewonnen, und mit seinem braven, alten Roland vollends fühlte er sich verwachsen wie ein Zentaur.

Was tat's, ob es regnete von morgens früh bis abends spät und die ganze Nacht hindurch. . .[

Alles Glück der Erde

Liegt auf dem Rücken der Pferde, In der Gesundheit des Leibes . .

Freilich, damit war's nun auch Schluß . . . Glück am Herzen des Weibes damit würde, es wohl niemals was werden. . .!,

Seit seinem Sturz im Tanzsaal hatte er jede Hoffnmrg aufgegeben.Herrgott nein, mit Ihnen ist aber auch wahr­haftig gar nichts auzuf äugen", idaD klang ihm noch immer im! Ohr, und immer meinte er das hochmütige, zurückgeworfene Köpfchen, das empört aufstampfende Füßchen im Gold- käferfchuh zu sehen... ihr hastiges Vondanneneilen. . . den Ausdruck der Wut über die gräßliche Blamage und den verdorbenen Abend im Klang ihrer Stimme... in jeder Bewegung ...

Abschiedslos war sie ihm enteilt, und auch! als Dienstag morgens um vier Uhr in der Dämmerung das Regiment

von der Kaserne aus an der Wohünng des Majorschorbei­marschiert war zum Bahnhof hin, da hatte sie mit ihrer Mutter Und Schwester auf dem Balkon gestanden und allen Herren einen freundlichen Abschiedsgruß gewinkt. . . als aber er, Wilhelm Frobenius, ans seinem Roland den Säbel vor ihr gesenkt, da hatte sie kühl über ihn hinweggeschaut und dann Herrn Quincke, den Führer des vordersten Zuges der Zweiten, mit um so deutlicherer Freundlichkeit ge- grüßt. . .

Ade Hoffnung. . . ade Träume ... ade süße, stolze Verkörperung des alten Amazonenideals . . .!

Nein, es war vorbei . . . keine Hoffnung mehr . . .?

Und selbst auf das Wiedersehen konnte er sich nicht mehr freuen . . . auf das Wiedersehen, das wenigstens im Bereich der Möglichkeit lag. Denn er wußte ja von seinemLreuube Flamberg, daß die Amazone mit ihrer Schwester ebenfalls auf den Hunsrück hinaufgepilgert war. Nein, hoffen- und sich.freuen das gab's nicht mehr.

Und dennoch . . .!

Wilhelm Frobenius zog die Manöverkarte aus seiner Packtasche. Der Regen prasselte auf das Zelluloidfutteral, und durch die Tropfen hindurch suchte der Reiter den Na­men, um den sich trotz allem immer und immer seine Träume rankten. . .

Am Allenbach entlang, einem Nebenwässerlein der Nahe, dessen Lauf auf der Karte durch zahllose kleine Stern­chen begleitet war, welche Mühlen, Schleifmühlen darstelli- ten, an der Einmündung des Beierbachs, war das Dörfchen Hettstein eingetragen und dicht daneben ein kleiner Kreis mit einem Fähnchen. . . Das war das Schlößchen Hett- stein, die.neue Erwerbung der schönen Frau Cäcilie.

Hier hauste nun die stramme Reiterin... die fesche Tänzerin ... die lächerlich Verehrte . . .

Verrücktheit! So ein Mädchen und seine Bücher^ existenz ... die Lange-Pfeifeu-Atmosphäre seiner winzigen Junggesellenbude . . . sein .demütiges, halbbäuerliches Müt­terchen daheim im Westerwalddörfchen und dieses Luxus­geschöpf . . . dieses Freiluftwesen . . .

Lächerlich! Und doch . . . und doch . . .! Oh, Schloß Hettstein!

Da horch: Bum Und wieder: Bum

Aus den triefenden Nebeln, welche bis tief über dis langgestreckten Kuppenzüge des Jdarwaldes niederhingen, war der erste Kanonenschuß gefallen. . . Bon dort wär derFeind" zu erwarten: Aufgabe des Regiments, ihn am Heraustreten aus dem dicken Forste zu verhindern. . ..

Und Leutnant Blowitz sprengte von der Tete her am Bataillon entlang:Die Herren Kompagnieführer zum Herrn Major!"

Da faßte Frobenius Rolands Zügel kürzer, nahm den linken Schenkel zurück... Ein ganz klein bißchen sträubte sich die faule Kreatur, dann hoppelte sie gemächlichen- Aeppelgalopp mit ihrem Reiter an der Zweiten und Ersten entlang auf den Bataillonskommandeur zu, der seinen Kom- pagnieführern die Gefechtslage -erklären und seine Befehle, ausgeben wollte.

Der Herr Major von Sassenbach. . .

Der schaute dem Anreitenden entgegen mit Augen,- die Frobenius kannte... mit schelmisch blitzenden Reiterj-i .äugen...

Na, lieber Frobenius, wie war's Quartier?"

Danke gehorsamst, Herr Major! Waschen müssen hab ich mich auf dem Korridor: meine Schlafstube reichte nur fürs Bett!"

Und ich hab' 'ne Art Tanzsaal gehabt . . . mußte hcUt

morgenne halbe Stmrde nach mir selber suchen, bis ich mich > sand! Sie sehen übrigens ganz vergnügt aus bei diesem Sauwetter!"

Warum auch nicht, Herr Major!? Man kann ja dabei an die schönsten Sachen denken!"

. D-er Major schmunzelte.

Eigentlich ein ganz prachtvoller Herr, dieser Don Qui­chotte! Schade, das Malheur im Tanzsaal! Schließ­lich Frau Professor wäre doch eigentlich durchaus staudes­gemäß getoefen . . . und daß. er ein Bürgerlicher war . . du lieber Gott, wenn ein Mädel mal sechsundzwanzig. Jahrs alt geworden ist. . . u"

(Fortsetzung folgt.)