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Hochwasser wochenlang an. Dann ist man eben drüben vonr Verkehr völlig abgeschnitten. — Da haben Sie so eine kleine Vorstellung vom wahren Charakter ber Natur hier. Ihre phlegmatische Physiognomie, wie Sie sie heut sehen, trügt. Es steckt ein innerlich lobernbes Wesen in oiesem feuergeborenen Laube."
„Eine Natur also, bie man lieben lernen kann," entgegnete Frau Söllnitz. „Ich wenigstens habe eine Vorliebe für verhaltene Temperamente."
„Lieben und fürchten zugleich," ergänzte ihr Begleiter ihre Worte. „Denn bie Natur hier ist schrecklich in den Ausbrüchen ihrer Leibeuschaft. Wenn ber Leib bieser alten Insel, von vulkanischen Wehen zerrissen, zuckt, wenn bie Feuerströme aus Bergschlünbeu ihre Lohe, Verberben und Tob bringenb, weithin ins Land wälzen, wenn furchtbare Orkane, rasende Sandstürme den einsamen Wanderer in der Einöde niederwerfen ober in heulenber Gier bas Schiff brausten an ben Klippen zerschmettern — bann gehört ein starker Mut bazu, dieser Natur ruhig ins Antlitz zu sehen!"
Frau Söllnitz blickte in sein ernstes, männliches Gesicht. Sie hatte in biesem Moment das Empfinden: Er war.einer, der es konnte. Er war in seiner Seele bieser Natur ber» wanbt. Sie konnte ihn sich vorstelleu, wie er mit seiner hohen, kraftvollen Gestalt unerschüttert gegen bas Toben des Wirbelsturmes ankämpfte, immer den gleichen, unveränderten Ausdruck selbstsicherer Ruhe und Stärke in seinen Zügen — kein Ermatten, kein Verzagen kennend.
„Sie sprechen schön von diesem rätselhaften Lande," erwiderte sie ihm. „Seine Schrecken haben Ihre Liebe zu ihm nicht beeinträchtigt."
„Ja, ich liebe es!" Seine Stimme nahm einen wärmeren Klang an. „Wie man eben jemand unter Schmerzen lieb gewinnt — doppelt lieb! Sie als Frau werden es ja am ersten verstehen: Schmerzenskinder sind uns die liebsten."
Ein Schatten flog, ihm unbemerkt, über ihre Züge, und sie antwortete nicht.
Dann waren sie zu dem Wasserfall gekommen, ein paar breiten, doch niedrigen Kaskaden des Flußlanfs; aber die Schiffsgesellschaft war auch hier schon wieder verschwunden. So beschloß man denn, nach Reykjavik umzukehren.
Der Ritt brachte den kleinen Ttupp wieder der Meeresbucht nahe. Allmählich gelangte man auf gebahntere Wege zurück, und die beiden, bis dahin zurückgebliebenen Herren, setzten sich neben Frau Söllnitz und ihren Begleiter. Die Unterhaltung wurde allgemein und geriet bald auf den üblichen scherzhaft-leichten Ton; nur der Fremde verstummte, ihm lag offenbar die spielend dahingleitende, weltmännische Konversation nicht. Die beiden Herren kümmerten sich indessen wenig darum; im Gegenteil, es kam ihnen-das Jo ganz in der Ordnung vor. Sie waren ja lange genug urchihn in das Hintertreffen gedrückt worden; nun geschah ihm mit Recht das Gleiche.
Das Gespräch drehte sich um die Reisegesellschaft.
„Na, ich möchte ja bloß den teuren Gottesmann den Gaul klemmen sehen!" witzelte der Leutnant zu dem Regierungsrat. Er meinte den Superintendenten Morhäas, der mit seiner Frau auch die Reise mitmachte.
„Erlaubt ihm denn überhaupt die bessere Hälfte, das Streitroß zu besteigen?"
„Sie wird ihm schon ein frommes Rößlein ausgesucht haben, das nicht wider den Stachel löckt."
„Gleich ihm selber! Die Gestrenge führt über den Seelenhirten ja ein christlich Regiment."
„Beschreien Sies nur nicht!" scherzte Frau Söllnitz. t,Wer weiß, wie bald Sie den Pantoffel küssen!"
„Wenns ein süßes Seidenpantöffelchen ist — gar nicht abgeneigt!" warf keck der Leutnant ein und sah nach dem kleinen Fuß der jungen Frau im Bügel, der unterm Saum ihres Kostümrocks hervorlugte.
„Sie waren gar nicht gefragt!" verwies sie ihn, anscheinend scherzhaft; aber eine kleine Falte zwischen den Brauen wurde sichtbar, während sie den Fuß anzog und zugleich mit der Gerte seinem Pferd unversehens einen leichten Hieb versetzte, daß es erschreckt zur Seite sprang.
Vor ihnen tauchte dann aus einer kleinen Talsenkung efn Gehöft auf; Frau Söllnitz' Blick fiel zufällig daraus. Es war ein im Viereck gebauter größerer Hof, und sie hätte ihn für einen Gutshof gehalten, wenn nicht die kahlen, hohen Mauern ringsum diesen Eindruck wieder zerstört hätten. Das sah ja eher nach einem Gefängnis aus. Merkwürdig!
Der Weg, den sie eingeschlagen hatten, führte gerade auf diese Baulichkeit zu.
„Was ist das da vorn für ein sonderbares Gebäude?" wanbte sie sich fragend an ihren Begleiter zur Rechten.
„Ein Haus der Trübsal," kam sehr ernst seine Antwort. „Dort wohnen lebendig Begrabene."
Mit großen Augen sah sie ihn an. Sie verstand den Sinn seiner dunklen Worte nicht; aber doch kroch sie in diesem Augenblick ein geheimes Grauen an. Dann flog ihr Blick wieder zu dem Haus nach vorn, dem sie immer näher kämen.
„Sie meinen ein Gefängnis — Zuchthaus?"
Er schüttelte schweigend den Kopf.
„Was dann aber?" Immer größer ward ihre unheimliche Spannung.
„Forschen Sie nicht," bat er. „Die sich des Lebens in Freiheit freuen, tun besser, nicht danach zu fragen. Zudem —i es könnte sie reuen, in meiner Gesellschaft gewesen zu sein,"
Ein finsteres Lächeln spielte um seinen Mund.
„Sie und das Haus gehören zusammen?"
Wieder nur ein stummes Bejahen.
„So lüften sie nur ruhig Ihre Maske!" bat sie scherzend mit einem Lächeln. „Mit dem Tod in Person werde ich ja wohl nicht spazieren geritten sein."
„So ungefähr doch!" ging er mit etwas grimmigem Scherz auf ihren Ton ein. „Sie werden meine Gesellschaft kaum noch schätzen, wenn Sie wissen, wer ich bin." Eine tiefe Bitterkeit klang aus seiner Stimme.
„Sie verkennen mich ganz," antwortete sie fest. „Und nun reizen Sie meine Neugier nicht länger — bitte!"!
Da wandte er sich zu ihr, und ein durchdringender, tiefernster Blick traf sie:
„Dies Hans da ist dcks Lepraheim, und ich bin sein Arzt."
Er sah, wie sie unwillkürlich zusammenzuckte, als wolld sie von ihm wegweichen.
„Lepra? — Pfui Deibel!" schüttelte sich der Leutnant. „Angenehme Sache das!"
Das grimmige Lächeln trat wieder aus die Züge des Fremden.
„Sagte ich's JhNen nicht?" wanbte er sich zu Frau Söllnitz. „Es wäre besser gewesen, wenn Sie nicht gefragt hätten." Schneller trieb er sein Pferd vorwärts. „Nun, ich werde Sie ja gleich von meiner Gesellschaft befreien."
Aber auch Frau Söllnitz beschleunigte nun ihr Tempo; sie war wieder an seiner Seite. Sie schämte sich ihrer momentanen Anwandlung von Schwäche.
„Pardon, Herr Doktor," bat sie. „Sie tun mir unrecht. Ich bitte, bleiben Sie noch bei uns!"
Doch sie waren nun schon vor dem Haus angelangt. Starr und hoffnungslos blickte die junge Frau die hohen, kahlen Mauern an, die die Welt abschlossen von jenen Unglückseligen, die dahinter hausten als Verlorene — Todgeweihte. Sie besann sich jetzt, ja auch in einem Reisebuch gelesen zu haben, daß auf Island noch der Aussatz herrscht — jene düstere Hinterlassenschaft des Mittelalters, die alle europäischen Länder sonst glücklich ausgerottet haben.
Ihr Begleiter war inzwischen schon vom Pferd gesprungen.
„Es ist besser, ich verabschiede mich," beharrte er auf seinem Entschluß. „Sie können nun auch nicht mehr fehlgehen. Dort sehen Sie schon die Häuser von Reykjavik vor sich."
Er wies An die Ferne, wo in der Tat am Strand der Bucht kleine Baulichkeiten sichthar wurden.
„Also hier hausen Sie!"
Der Blick der jungen Frau schweifte über das Gehöft hin und dann zu ihm; ein warmes Mitleid überkam sie plötzlich mit dem ernsten, vereinsamten Mann. Was mochte er erfahren haben in seinem Leben, daß er hierhin geflüchtet war, um unter den lebendig Begrabenen zu weilen, selbst fast wie einer von ihnen? Und plötzlich durchfuhr sie ein Gedanke. Sie wollte das gut machen von vorhin.
„Ist Fremden der Zutritt zu diesem Heim gestattet?"
„Gewiß, unter meiner Führung. Aber es begehrt niemand danach — außer bisweilen einer von den Angehörigen."
„So möchte ich die Anstalt sehen!"
Ueberrascht sah er zu ihr auf. Dann aber würde seine Miene ernst und streng. (Fortsetzung folgt.)


