Donnerstag den 28. März
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Der König von Thule.
Roman von Paul Gr ab ein.
(Nachdruck verboten.) (Fortsetzung.)
Mochte es sie noch nie berührt — mochte es sie schon betrogen haben? Er hatte sie erst für unverheiratet gehalten; Nun aber glaubte er, eine Iran in ihr sehen zu sollen, eine Frau, die in ihrer Ehe vielleicht schwer enttäuscht worden bar.
„Sie haben Wohl recht," ging er leiser auf ihre Worte ein; sie mochten ein 'Echo des Empfindens auch bei ihm wachgerufen haben. „Das Herz schreit nach seinem Glück; aber es lernt still werden — und es ist besser so. Denn das Glück trägt."
„Ich weiß es nur zu Wohl." Eine tiefe Bitterkeit klang aus ihrer Stimme. „Aber trotzdem —, wer das Hoffen verlernt hat, ist ein Verlorener!"
„Ein Verlorener." Langsam und schwer wiederholte er die Morte, wie zu sich selbst, und versank dann wieder in ein ernstes, fast düsteres Schweigen.
Dann senkte sich das Gelände zu einer flachen Talmulde hinab, und vor ihnen tauchten, dort unten auf hem »Grunde, einige flache Schuppen auf, vor denen sich Menschen zu schaffen machten. Dichte, Weiße Wolken, wie aus einer Waschküche, stiegen bei ihnen aus dem Erdboden auf. Der fremde wies darauf hin und wandte sich an Frau Söllnitz:
„Ihr Ziel — die heißen Quellen."
„Ah, wirklich!" Interessiert trieb die junge Frau ihr Tier schneller an, näher an den Ort zu kommen. Das aus dem vulkanischen Erdinnern hier horvorbrechende heiße Wasser, das oie heißen Dämpfe in die Luft sandte, floß als ein kleiner Bach am Tageslicht weiter, nun so weit abgekühlt, daß die Frauen da vor ihnen darin waschen konnten.
„Eine Naturwaschküche!" lachte Fran Söllnitz, sich zu den Herren wendend. „Island ist uns in der Beziehung also voraus."
„Ganze Insel mit WarmwasserheMng versehen — einfach tadellos!" trieb der Leutnant den Scherz noch weiter und ritt dicht an die waschenden Frauen und Mädchen heran, die kichernd ans den monokeltragenden Fremdling sahnen.
„Also, das wären die berühmten Warmen Quellen," sagte der Regierungsrat, sein Pferd an das der jungen Frau treibend. „Oer wo ist unsere Reisegesellschaft geblieben? Offenbar schon über alle Berge!" und er schickte seinen Blick suchend am Horizont hierum.
„Ihre Schiffsgefährten sind schon vor einer halben Stunde etwa hier gewesen und in jener Richtung weiter- geritten, wie ich eben von den Frauen höre," ging der Fremde auf des Regierungsrats Worte ein und wies nach links hinüber. „Vermutlich zu dem Keinen Wasserfall da drüben,"
Frau Söllnitz folgte mit den Augen seiner Hand. Keine Spur eines Weges war zu sehen.
„Ja — wie finden wir aber dahin?" Fragend blickte sie ihren Gefährten an.
Der Fremde aber zog überlegend seine Uhr; dann wandte er sich wieder den unschlüssig dastehenden drei zu.
„Wenn Sie meine Führung noch weiter annehmen wollen — ich stehe gern zu Diensten."
Die Herren zögerten mit der Antwort. Sie wären viel lieber allein mit der jungen Frau gewesen; aber diese erwiderte schon statt ihrer:
„O, Sie sind wirklich zu liebenswürdig. Wenn wir wirklich noch länger Ihre Zeit in Anspruch nehmen dürfen!"
„Ich versäume nichts," erklärte ihr Führer, und schon begann er die Richtung zum Wasserfall hin einzuschlagen.
„Uebernräßige Höflichkeit drückt diesen edlen Isländer, ober was er sonst ist, auch gerade nicht!" meinte Kreßmann, ziemlich mißvergnügt mit seinem Freunde Görtz den beiden anderen nachreitend. Es ging steil bergan, daher im Schritt. „Uebrigens spricht der Kerl für einen Ausländer ein ganz phänomenales Deutsch."
„Das ist mir auch schon aufgefallen. Er scheint aber doch hier zu Haus zu sein. Er redet ja isländisch wie Wasser und kennt jeden Winkel hier. Für was taxieren Sie den Menschen?" ■ ■
Der Leutnant zuckte geringschätzig die Schultern.
„Tran en gros ober Hering! Was anberg jibt's ja hier oben nicht." <
„Wahrhaftig, eine gottverlassene Gegenb!" bestätigte ber Regierungsrat und ließ den Blick über die Steinfelder rechts und links schweifen. „Die reine Wüste Sahara! Ich verstehe nicht, wie die Leute von Island immer für 'nen Summs machen. Von Poesie — Stimmung doch keine Spur!"
Die Gegend blieb lange unverändert eintönig, dann belebte sie sich etwas für das Auge durch einen kleinen Flußlaus, der sich durch den steinigen Boden gefressen urib' so steile, wild zerrissene Ufer geschaffen hatte. An einer flacheren Stelle kam ein Furt, wo sie durch den Fluß hindurchreiten mußten. Das Wasser spritzte unter den Hufen der hindurchstampfenden Tiere bis an die Gurten, zum Vergnügen der drei Neulinge.
„Brücken gibt es in Island nicht," bemerkte der Fremde zu Frau Söllnitz. „So durchqueren wir hier alle Ströme, die tieferen int Schwimmen der Pferde."
„Nun, der Bach hier ist ja harmlos genug," lächelte Frau Söllnitz, aufs Trockene reitend.
„Nicht immer! Ein Wolkenbruch droben auf den Bergen, wie er hier keine Seltenheit ist, und Sie ernennen eine Stunde darauf dieses zahme Wasser nicht wieder. Ein donnernder, tosender Fluß braust dann hier dahin, alles überflutend und schweres Geröll mit sich wälzend. An einen Uebergang ist dann gar nicht zu denken. Mitunter, bei unfere.n großen Regenperioden sogar recht häufig^ hält das


