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schrumpstc der Nachwuchs des Lese'geschlechts zusammen, bis schließ^- nch die junge Generation die Oberhand gewann. Dem modernen Leser geht es wie dem Pharao: er weiß nichts „von Joseph nnd seinen Brüdern"; es sei denn, daß er eine der zahlreichen Anek- doten kennt, die sich an Auerbachs Namen kMpfen. Am längsten hat sich wohl jenes scherzhafte Wortspiel erhalten, das Auerbachs Iran ihres losen Handgelenks wegen Hauerbach, den etwas häßlich geratenen Sohn Schauerbach nannte, während die Tochter sich gefallen lassen müßte, daß man ihren Namen in Lauerbach umanderte, weil sie von der Sehnsucht ihres Geschlechts nach entern Manne keine Ausnahme machte.
Oft lieben wir Bücher aus! einer Ursache heraus, die mit Unserem kritischen .Empfinden gar nichts zu tun hat. Berthold Auerbach gehörte zu den Erzählern, die meine Mütter liebte, und so ging unbewußt ein Quäntchen Liebe auch auf mich über. Meiner Mutter danke ich die Ehrfurcht -vor dem Buch an sich, und es hat lange gedauert, bis ich dem eigenen Urteil willig Folge gab und meinen Weg zu anderen Führern fand. Ueberdies war es ja kein Unwürdiger gewesen, dem ach ein dankbares Herz bewahrte. Und ich fand mich eines Tages ebenso gerechtfertigt wie beglückt, als mir — ehrlich gesagt — der Zufall „Auerbachs Briefe an fernen Freund Dr. Jakob Auerbach" in die Hände spielte. Bei diesein Buche möchte ich etwas verweilen.
Am 8. Februar 1882 erhielt Spielhagen einen Brief. Es war die letzte Post von seinem Freunde Berthold Auerbach, die dieser seinem Freunde Eugen in die Feder diktiert hatte, und 'm der er Spielhagen zum Herausgeber seiner gesamten Werke bestimmte. In diesem Briefe heißt es u. a.: „Das Wichtigste der Entwicklung meines allgemeinen und besonderen Lebens steht in den seit 1830 ziemlich regelmäßig fortgeführten Briefen an meinen alten vertrauenswerten Freund Dr. Jakob Auerbach in Frankfurt am Main; ich wünsche, daß diese Briefe herausgegeben werden." Spielhagen hat den letzten Wunsch des Freundes unter Berücksichtigung aller näheren Bestimmungen gewissenhaft erfüllt und uns so einet: getreuen Spiegel des Auerbachschen Wesens Übermacht. Ueberall erkennen wir die absolute Hingabe des Mannes an seine Arbeit, an seinen schriftstellerischen Beruf, von dem sich das Publikum, wie Spielhagen in seinem Vorwort sehr schön sagt, oft eine wunderliche Vorstellung macht, besonders bei uns zü Lande, wo die unermeßliche Breite eines gewissen mittleren Bildungsniveaus manchen zu der Annahme verführt, daß er auch die Höhen des Schriststellertums bereits erreicht habe, daß es zum mindesten doch nur Sache seines Willens und Wollens sei, ob er sie erreiche oder nicht. Und nun gar, wenn er einmal ein paar seiner kostbaren Stunden geopfert hat, etwas zu Papier zu bringen, das er und seine Freunde für eine Novelle, einen Roman, ein Drama halten! Dann ist die Sache endgültig entschieden; dann ist es meistens nur die Rücksicht auf seine höhere Lebensstellung, wenn er sich nicht öffentlich einen Schriftsteller nennt. Welche Ehre gäbe es auch, sich zu etwas ausdrücklich zu bekennen, was — nach seiner Meinung — jeder sein kann, sobald er nur will. „Hierher kommt!" sagt. Spielhagen, „ihr alle, die ihr euer Ideal, ein Schriftsteller zu sein, mit einem Sprung zu erreichen glaubt, kommt und seht, was es mit dein Berus des Schriftstellers auf sich hat! Seht, wie dieser Auerbach, dem es bei feinem Wissen und seinem Fleiß ein leichtes gewesen wäre, sich in einem der honetten Berufe, die er nach eurer Ansicht verfehlt hat, reichliches Auskommen und große Ehren zu verschaffen, wie dieser Mann bis in sein Mannesalter mit der bitteren Armut kämpft und sich im Dunkel einer rang- und titellosen Existenz bescheiden birgt, um seinem Berufe nachzugehen; wie er die Sicherheit eines ehrenvollen öffentlichen Amtes ausschlägt. Um dem Rufe seiner Muse zu folgen. Kommt und tut desgleichen, wenn ihr könnt! Erhebt euch von eurem Lager Mit dem Gedanken an eure Arbeit; geht schlafen mit dem Gedanken an eure Arbeit; träumt von eurer Arbeit, erwacht mitten in der Macht und grübelt weiter über eure Arbeit — nicht heut Und morgen! nein, jeden Tag und jede Nacht eures Lebens, so viele euch das Schicksal gewährt. Und erreichten sie, wie bei diesem, das biblische Maß! Und geht keine Gasse eines Dorfes, einer Stadt, keinen Feld- Und keinen Parkweg, ohne daß die Arbeit mit euch! geht! und besteigt feilten Wagen, der euch in die weltentrückte Stille eines Alpentales oder des Meergestades Uhren soll, ohne daß sie, der ihr euch ergeben habt, mit euch einsteigt! Und während her Fahrt sinnt und sinnt, wie die Aufgabe, welche euch die unsichtbare Begleiterin in das Reisebündel geschnürt, in der Ausführung aufs, beste gerate! Und scheint das Werk euch geraten — glaubt es nicht! Spart keine Feile, es noch besser zu machen! Und, seid ihr mit eurer Kraft und Kunst zu Ende, laßt euch nicht verlocken, ZU wähnen, daß dies nun das Beste sei dessen,'was ihr schaffen könnt, geschweige, was geschaffen werden kann!"
Das heißt den Nagel auf den Kopf getroffen. Ja, ihm war sein Beruf heilig; und Wahrheit, Schönheit, Freiheit und Vaterland waren die Ideale seines Lebens, denen er nie untreu geworden ist, „trotz der .Verdüsterungen, denen hochstrebende Seelen, wie die seine, am wenigsten entgehen; trotz der Zweifel, die in des Tages Wirrsal, in dem! scheinbar nutzlosen Kampf mit der den Menschen altgewohnten Gemeinheit auch den Mutigsten je zuweilen beschleichen mögen; trotz auch der naiven Freude, die er an seinen großen Erfolgen M haben Wen Md die ihm von solchen.
welche thn nicht kannten, oft so Übel aUsgelegt wurden". Aber wie seine Verdüsterungen, seine Zweifel nur Schleier waren, die ihm seine Ideale wohl momentan zu verhüllen, nie aber zu entffemden oder gar Mi rauben vermochten, so war die Berwunderung der Menge wahrlich keine Sonne, in deren Strahlen er sich müßig Und eitel wärmte und blähte. Wie bescheiden er über seine Ver- dienste, seinen Ruhm dachte — in hundert rührenden Aeuße- rungen steht es in seinen Briefen zu lesen. Und wenn er es »nicht immer ausdrücklich! sagt, daß er die Kränze, die ihm wurden, zu oen Füßen seiner Mise niederlegte, in seinem Herzen hat er es stets getan.
, Nordstetten im württembergischen Schwarzwäldkreis war seine' Hetmat Hier würde er am 28. Februar 1812 als Sohn eines mittellosen Udischen Acker- und Handelsmannes geboren, der den' aufgeweckten Knaben zum Rabbiner bestimmte. Nach einigen Semestern theologischen Studiums trieb ihn der Erkenntnisdrang zur Philosophie; es kam zu schweren inneren Kämpfen, die Auer-, buch! Ichließlich veranlaßten, die Rabbinerlaufbahn aufzugeben. Dev freie Schriftsteller war sein Ideal; doch galt es manche Entbehrung M überwinden, bevor sein Name in weitere Kreise drang Ein Splnozaroman, der 1837 entstand, blieb der Besitz einer kleinen indischen Gemeinde; auch der Roman „Dichter und Kaufmann" wurde in seiner Harmonie noch zu sehr durch die Einflüsse einer! spitzfindig rabbinischen Bildung gestört, als daß er tiefer ins Volk hatte dringen können. Erst die Schwarzwälder Dorfgeschichten trugen seinen Ruhm hinaus auf den Markt, vor allem „Tonele",- „Der Lautenbacher", „Der Tolpatsch", „Barfüßele", „Diethelm von Buchenberg" und die „Frau Professorin", die später das Pech hatte, von Charlotte Birch-Pfeiffer zur Heldin ihres tränens seligen Rührstücks „Torf uitd Stadt" erkoren zu werden.
Der neueren Kunstdichtung Spielhagens hat Auerbach trotz verschiedeiter Versuche nicht folgen können, und doch ist sein dreibändiger Roman „Waldfried" eine Arbeit, die uns nickst nur wegen »stes Umfangs Achtung abnötigt. Jedenfalls ist die Form der fingierten Biographie selten mit solcher Einheitlichkeit durchgeführt worden, wie in dieser vaterländischen Familiengeschichte, deren Tendenz es war, eine Versöhnung zwischen dem Norden unb dem Süden Deutschlands' anzustreben. Wenn Paul Lindau die Geschichte Waldfrieds die Geschichte des neuen Deutschlands nennt (ich bemerke noch, daß Lindaus Urteil aus dem Jahre 1874 stammt)/ fo, darf man diese liebenswürdige Uebertreibung wohl auf das Konto seiner besonderen Sympathie Ur Auerbach setzen. Heute ist auch der Roman „Waldfried" längst vergessen, uitb höchstens das „Schatzkästlein des Gevattermanns" erbt sich wohl noch vvM Vater auf den Sohu, obgleich seine Weisheiten heute vielleicht ebenso zur kleinen Münze geworden sind, wie die „Tausend Gedanken des Collaborators". Zwischendurch überrascht uns bei der Lektüre aber auch! heute noch mancher feinnervige Zug: „Tas Lächeln ist die beliebteste Form der Lüge. Wie viel wird gelächelt, wo man eigentlich! teilnahmslos ist, int Innern widerspricht oder auch eilt Vorgebrachtes gar nicht versteht. Mit Mienen lügen! hält man nicht Ur tatsächliche Lüge." — Oder: „Wer eilten mit Recht erwarteten Bries lange zurückhält und dem Warteitden Tage! des Rätselns auferlegt, begeht ähnliches, wie wenn man einen; Schuldlosen verhaftet und ihn nach Tagen wieder freiläßt. Wer gibt ihm die Tage, die er im Gefängnis verbringen mußte, wieder zurück?" Und endlich: „Der ganze Unterschied zwischen Ungebildeten und Gebildeten ist oft nur der, daß jene' den verbotenen Apfel mit Schale und Butzen aufessen, während ihn diese sich säuberlich! schälen."
Auch in seinen Romanen und Erzählungen treten solche Sentenzen aiif, wo sie sich dann aber zu (lehrhaft-didaktisch ausnehmen; zumal wenn der Verfasser sie einem Menschen in den Mund legt; dem sie nicht recht zu Gesicht stehen. Eine subtilere Psychologie war Auerbachs Sache nicht; er liebte die rosigen Farben und zog seinen Landleuten auch bei der Arbeit den Sonntagsrvck an. Darum brodelt über dem Ackerboden und der Dorfstraße, auf die er uns führt, das Parfüm von Bauern, die in der Großstadt eilt wenig Farbe angenommen haben, ohne doch! aus ihrer Haut zu köniten. Sie erinnern an Bilder Bautiers', wie den „Brautwerber", die „Dorfkokette" oder die „Tanzpause", und können eine Prüfung auf die Wirklichkeitstreue ebensowenig bestehen, wie fie.- Darum mußten sie fallen, als der schärfere Wind des Realismus in die Hütten drang. Damit w!ar aber auch Auerbachs Schicksal besiegelt.
Er selbst hat einmal gesagt: „Lebe in einer großen Stadt; ie gibt dir täglich! die Lehre: TU bist entbehrlich." Die Flutwelle >er Literatur, die nach ihm' kam, hat Auerbach erdrückt. So ist er überflüssig geworden. Vergessen wird man ihn nicht so
Prager UnivsrsitKtrgeschichten
aus dem Anfänge der siebziger Jahre erzählt Fritz M a u t h n e r in seinen S ch u l ° Er in n e ru n g en, die im nächsten Hefte der „Süddeutschen Monatshefte" erscheinen werden. Es war die Zeit, da das Deutsche Reich gegründet wurde und der nationale Gegensatz zwischen den deutschen und tschechischen Studenten stand bereits in voller Blüte.
Der wackere Philologievrofessor Linker war über die Neuausrichtung des deutschen Kaisertums so begeistert, daß er eine


