Ausgabe 
28.2.1912
 
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Friedel schrieb sofort ausführlich und sehr beglückt. Eberhard hatte sich wieder einmal nur zu einem Telegramm! aufgeschwungen, dem erst nach einigen Tagen ein Brief! folgte, au die Eltern und die Schwester zugleich gerichtet. Ein etwas konfuser, wunderlicher Brief. Ueberschwenglich auf der eine Seite, mit tönenden Phrasen von Glück unbi Liebe, die dem einen versagt blieben, dem andern in beit Schoß rollten; höchst niedergedrückt dann: Hardi hatte Pech gehabt, sein bester Gaul war ihm niedergebrochen, in seinem Stall war Influenza, die Frühjahrskampagne wahrscheinlich für ihn verloren. Vater wollte zuerst mit einem Scherz darüber hinfortgehen:Ihr Kinder kostet jetzt ein Heidengeld. Na schadet nix." Dann las er den Brief hoch noch, einmal. Es war ein zu merkwürdiger, fremder Ton darin, der ihn beunruhigte. Schließlich schrieb er an Friedel: er solle sich mal ein bissel um Hardi küm­mern. Für fo etwas war der Friedel immer gut zu brauchen.

Recht weh tat den alten Herrschaften, daß der gute Hartwig Braunstein sich nun zurückzog. Er schickte natür­lich auch einen Glückwunsch und wundervolle Blumen. Und an Vater einen Entschuldigungsbrief: er müsse ganz plötz­lich nach Athen, da die kretischen Ausgrabungen wieder ausgenommen werden sollten. Schade! Aberunter den obwaltenderr Umständen gar nicht anders denkbar, das einzig Richtige", fand Frau Ida.Ein netter Mensch Ivar er doch, freilich. . . freilich..." '

Acht Tage blieb man noch in Rom. Dann reisten Gu- darczas nach Neapel, und am nächsten Tage kam Hoburg nach. Sie wohnten oben im Hotel Parker, er stieg unten im Vesuvio ab. Das hatte Signe so gewünscht, und sie empfanden, daß sie recht hatte. Man war nicht so unmittel­bar aufeinander angewiesen und sah sich doch täglich stun­denlang. Der Prinz kam schon zum Lunch herauf, man machte die üblichen Ausflüge gemeinsam und dinierte zu­sammen, entweder oben oder in einem der großen Hotels am Ufer. Und dann am Abend, wenn alles zur Ruhe war, faßen die beiden Schwestern meist noch lange auf ihrem winzig kleinen Balkon und blickten auf die Zauberbucht hinab. Es war Vollmond, und das Meer schimmerte wie ein Silberspiegel.

Dabei sprachen sie wenig, hingen eigentlich nur ihren Gedanken nach. Dodo hatte gute Nachrichten, und ihr Herz war wieder froh und zuversichtlich. Aber sie wunderte sich doch, daß auch Signe solch heitere, zuversichtliche Miene zur Schau trug. Nein, nicht nur zur Schau: es mußte wirklich Friede in ihrer Seele eingekehrt sein recht so sah sie aus.

Nur ein einziges Mal sprach sie selbst etwas Aehnliches aus:Man muß im Leben immer nach einem Abschluß trachten."

Einmal, als die Schwestern wieder auf dem Balkon saßen, in lauer Nachtstunde, dem dumpfen Lärm der Stadt lauschten, über die düsteren Mauern des Castel del' Ovo auf die See blickten und hinüber zur Silhouette des Vesuv, aus dem dann und wann, deutlich erkennbar im klaren Mondlicht, eine durchleuchtete Rauchwolke in die Höhe stieg, sagte Dodo plötzliche in das lange, fast ehrfürchtige Schwei­gen hinein:Möchtest du nicht, dein Bill säße hier und bewunderte mit dir. . . baß die Welt so schön ist!"

Signe antwortete nicht. Eigentlich hatte Dodo auch kaum eine Antwort erwartet. Was sie sagte, war ja nur die Umschreibung eines eigenen Herzenswunsches. Aber sie sah doch; im Dämmerlicht, daß etwas wie ein Lächeln über das Gesicht der Schwester huschte, unb sie uahm's willig als Bejahung.

In Wirklichkeit war's ein etwas spöttisches Lächeln gewesen. Nicht böse gemeint, auch nicht schmerzliche aber ein wenig ironisch. Signe hatte sich unwillkürlich erinnert, daß Bill so gar keinen Sinn für landschaftlichen! Stimmungszauber besaß. Es war ihr das in den letzten Tagen wiederholt ausgefallen. Bei jedem Ausflug wußte er gut Bescheid, er hatte auch immer ein paar passende Worte für die Schönheit der Natur. Gerade wie er auch um ein zutreffendes Urteil über ein Kunstwerk nicht ver­legen war. Aber sie fühlte hier, wie dort er gab! nie etwas Eigenes. Er hatte ein Mtes Gedächtnis und wiederholte nur, was er irgendwo gehört oder gelesen hatte. Neulich, als sie vom Posilipp aus Capri hinüberschauten, als sie ergriffen die feinen Tönungen von Luft und See anstaunte, hatte sie beinah gegrollt, daß er immer wiederholte:Schön! Ja doch! Das Schönste bist du!"

Es wär ihr wie eine Blasphemie vorgekommen. Und auf der Fahrt nach Amalfi nach Sorrent hatte er sich mit Mama unterhalten, fast ohne einen Blick für all die Wunder des schönen Weges der Welt. Unterhalten über Maecaroni und die Destinn, über Leoncavallo und die Sara­zenen, über das gestrige Menü und die vielen Engländer in den Hotels.

All das war ja aber eine Geringfügigkeit. Mama schien sich schließlich auch mehr für die große Sarah und die beste Art, Artischockenböden zu bereiten, interessiert zu haben, als für die jähen Klüfte der Küste, für das brandende Meer, für den weiten Blick über das spiegelnde Wasser, aus den azurblauen Himmelsdom.

Man muß die Menschen nach ihrem Maßstabe messen!

Und Signe legte beide Hände fest auf die Eisenstange des Balkons und schöpfte tief, tief Atem . . .

h Es war doch gut so, wie alles gekommen! Es war eint Glück, daß sie den großen Strich unter die Vergangen­heit gemacht hatte, zwischen Vergangenheit und Zukunft. Daß der Abschluß da war. Die Zukunft wird sich schon zimmern lassen! Mit Bill ließ sich leben. Nur vernünftig fein, verständig, nicht auf die Sternentaler warten, die vom Himmel herunter fallen sollen.

Und es gab doch auch Augenblicke, in denen sie in feinem Arm leise erzitterte.

In den ersten Tagen war ein heimliches Sträuben in ihr gewesen gegen jede Liebkosung, bei ruhiger Ueberlegung fand sie das selbst kindisch und unklug zugleich. Und nun fühlte sie das Blut heißer in den Adern, wenn er sie au sich zog. Manchmal erschrak sie vor sich selber. Aber bann bachte sie wieder:Und wenn nun der Funke doch hinüber­springt und es wahr werden sollte, was die Leute sagen, daß Liebe die Liebe wecke . . ." Und sie schloß die Augen, ließ sich küssen und dachte an Jean Pauls Wort: Sehnsucht nach Liebe ist schon Liebe...

Dann und wann gab äs freilich! auch eine kleine Ver­stimmung.

Gestern nachmittag blieben die Eltern zu Hause. Bill fuhr mit beiden Schwestern Nach dem Capo Miseno hinaus. Als sie oben auf der kleinen Plattform des Gipfels saßen, kam ein bettelnder Bub, ein Dreikäsehoch. Die Bettelei war Bill an sich ein Greuel; aber er fand sich ihr gegen­über meist willig durch ein paar h-ingeschleuderte Kupser- stücke ab. Nun war der braune Junge aber gar zu süß; ein Prachtbengel mit braunem Gesicht, Kirschlippcu und Samtaugen. Signe konnte nicht widerstehen. Sie faßte ihn, hob ihn hoch, schwenkte ihn im Kreise und freute sich, wie das kleine Mäulchen sich aufsperrte, daß die weißen! Zähne zum Vorschein kamen, und wie die Augen sie an­blitzten. Eine ganze Weile sah fich's Hoburg mit an. Dann sagte er plötzlich :Laß den Jungen. Er ist so schmutzig." Dodo lachte:Wahrhaftig, Sigue, sieh doch nur die Lum­pen und die Hände!" Da kam es auf einen Augenblick wie Trotz über sie. Sie sah, daß Bill ein finsteres Gesichh machte, aber sie küßte den Dreikäsehoch auf beide Wangen. Dann ließ sie ihn freilich herabgleiken . . . Recht hatte Bill ja: das Bengelchen hatte Lumpen an, und gewaschen hatte die Mutter es wohl seit Tagen nicht. Recht hatte Bill. Aber daß er nun dem süßen Jungen ein Geldstück hin­schlenderte, nein, ftie er es tat und wie er ihn fort­scheuchte, mit drohend erhobenem Stock: das gab ihr einen Stich ins Herz. Kinderlieb konnte er nicht seini

(Fortsetzung folgt.)

Berthold Auerbach.

(Geboren am 28. Februar 1812; gestorben am 8. Februar 1882.) Bon Fritz D r o o v (Danzig). '

Aus einer Reise wurde Berthold Auerbach einst zu eurer bc- freunbeten Familie gebeten. Man lud über hundert Menschen ein, war glücklich, der Tafelrunde den berühmten Dichter zeigen zu können, und bereitete ihm ausgiebige Triumphe. Auf vielseitiges Bitten und Drängen erklärte Auerbach sich bereit, eine feiner! Dichtungen vvrzule;en; es war jedoch unmöglich: in dem Hause, wo man ihn wie einen Ueberirdischen feierte, war kein einzigeH seiner Bücher zu finden.

Die Geschichte könnte sich täglich wiederholen, zumal heute, da die Leihbibliotheken besser florieren als die Buchhandlungen. Für Auerbach .aber bedeutete sie eine Ausnahme, einen Zufall; denn der Dichter stand damals int Zenith seines Ruhmes, wie das fünfte und sechste Jahrzehnt des vorigen Jahrhunderts ja überhaupt von seinem Lobe N'iderhalltcn. Erst nach und nach