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Europa nichts ahnt, sei es, das; inan ans dein herrlichen, breiten Prado, der Hauptstraße, an der das HauS des deutschen Klubs sich erhebt, unter wunderbaren Bäumen dem eleganten Korso Kussch—■ immer der gleiche Schlendrian, Luxus und inüde Eleganz neben Schmutz und Elend. Dasselbe Bild auch in verschwiegeneren Straßen, in beiten lebende Ware aus aller Herren Länder — in Leinen Verschlügen, Käfigen gleich, in langen Rechen nebencin- anber sich anbot und dem Fremden, wenn er als Deutscher hinreichend verdächtig erschien, mit schmeichelnder Stimme das einzige deutsche Wort zurief, das den armen Geschöpfen bekannt ivar und ihnen als Zärtlichkeit erschien: das gemeinste deutsche Schimpfwort, das deutsche Matrosen als Kulturträger zurückgelassen. Ebenso auch unter den Volksmassen, die im herrlichen Palmenpark Schatten suchten, in dessen Bassins statt.der Goldfische kleine Alligatoren sich zeigten.
Gearbeitet wurde auch damals schon: in den Fabriken, die meist in englischen oder deutschen Händen sind. Hier entstehen die Importen, die Bocks und llpmans und wie die tönenden Namen alle heißen, deren Reiz auch der gewiegteste Kenner nicht ahnen kann, wenn er nicht die solide Vergiftung durch sie — frisch und grün genossen — kennen gelernt hat. Damals wie heute wirkten in den weiten Räumen Hunderte von Menschen: hier wurde der Tabak in großen Blättern zum Trocknen aufgehängt, hier auf nackten Schenkeln .ausgebreitet und sortiert, dort endlich in einem Riesensaal die verschiedenen Sorten gedreht und die Zigarren von einer schweigenden und eifrig tätigen Menge zugespitzt und ausgemessen, während ein dicker Neger ganz in weiß, mitten im Saal auf einer Kanzel sitzend, mit öligem, pastoralem Pathos ihnen Geschichten ober die Tageszeitungen vorlas. Aber überall sonst matte Trägheit.
Jetzt aber — wie anders wirkt dies Zeichen auf mich ein! Der nüchterne Geschäftsgeist der Amerikaner, die trotz allen republikanischen Anstrichs die Herren der Insel sind, hat hier Wandel geschaffen. Nach Eröffnung des Kanals wird Havana einer der bedeutendsten Welthäfen sein. Schon früher war der Handel recht beträchtlich, wie die Statistik erweist. Bereits 1900 hatte Kuba für 264 Millionen Frank Ausfuhr, für 361 Einfuhr, davon entfallen allein auf Havana 157 und 253. Schon 1910 stellten sich die Zahlen für Havana auf 292 Einfuhr und 347 Millionen Ausfuhr bei 779 und 556 für ganz Kuba. Diese Zahlen werden nach der Eröffnung des Kanals noch ganz anders emporschnellen — ünd der kluge Mann baut vor. Darum ist inan jetzt in fieberhafter Tätigkeit dabei, den Hafen auszichauen und zu vergrößern.
Bis jetzt verbinden direkte Linien Havana mit Bordeaux, Bremen, Antwerpen, Barcelona, Bilbao, La Eoruna, Le Havre, La Rochelle, Liverpool, Santander, und London, außer den zahlreichen Verbindungen mit den Bereinigten Staaten. Diesem Verkehr genügten die alten Hafenanlagen in keiner Weise, da an den bisherigen Kais die Wassertiefe eine so geringe war, daß größere Schiffe nicht anlegen konnten, sondern bei Ladung und Löschung auf Leichter angewiesen waren, tvas natürlich sehr zeitraubend und kostspielig toar.
Nun ist einer Gesellschaft, die auS Amerikanern, Engländern und Kubanern besteht, die Konzession erteilt worden, an den alten Kais nach innen vier senkrechte Piers, Erdwälle mit Steineinfassung, anzubauen, die soweit ins tiefe Wasser hinausreichen, daß auch die größten Schiffe an ihnen sestmachen können. 'Dann fallen alle Schwierigkeiten und Kosten der bisherigen Löschungsart fort, und von den aus ihnen vorgesehenen Magazinen und Schuppen kann die frische Ware, wie Tabak, Zucker, Rum, Früchte, Gemüse, direkt an Bord gebracht und andererseits die schweren Einfuhrstoffe, tote Kohle, leicht gelöscht werden. Der erste Pier ist bereits fertig, der zweite schon weit vorgeschritten, rnnb die Gesellschaft hat die Verpflichtung, die beiden andern in einer gewissen Frist fertigzustellen. Die Lage der neuen Dämme, die bie'alten Kais um rund 700 Meter verlängern werden, ist äußerst günstig, ba sie mit dem eigentlichen Geschastsviertel von Havana in unmittelbarer Verbindung stehen.
Hier heißt's aufgepaßt, damit wir in der Stadt, die einem so mächtigen Aufschwung entgegengeht, nicht wichtige Möglichkeiten versäumen. Auch dem internationalen Reiseverkehr werden diese Neuerungen zugute kommen, da man von Bord bireft an Land wird gehen können, so daß sich in Zukunft der Reisende der Perle der Antillen ohne Furcht vor Unbeguemlichkeiten nähern kann — dieser .Symphonie in Weiß und Gold.
Vermischtes.
— Fuchtel. In der alten preußischen Armee regierte der Stock. Unaufhörlich sauste er auf die Mannschaften nieder, und der Korporalstock schien die sicherste Stütze der Disziplin. Die Unteroffiziere schlugen auf die Gemeinen los, die Offiziere ans beide und auf die Junker. Aber es ivar doch ein Unterschied Neben den gewöhnlichen Stockprügeln, die int Dienstbetriebe wild wuchsen, und den Spießruteuhieben, die durch gerichtliches Erkenntnis zudiktiert wurden, gab es noch eine Art Prügel von „vornehmerem" Charakter, das waren die „Fuchtel", d. h. Schläge,
die ein Offizier mit der flachen Klinge austeilte. Die Junker nun, d. h. die Offiziersaspiranten, Fahnenjunker, hatten besonderes Interesse an den Fuchteln. Sie rangierten zwischen den Sergeanten und Korporalen, taten Unterosfiziersdienste, waren aber vom Stocke frei. Gefuchtelt aber dursten sie ohne weiteres werden. Wenn sie aber älter wurden, die Fahne tragen durften und das Offiziers-Portepee bekamen, dann durften sie erst gefuchtelt werden, wenn ihnen zuvor das Portepee abgenommen toar. Hierzü mußte jedoch der Chef oder Kommandeur des Regiments vorher seine Zustimmung geben. So ivar selbst ein sonst wie ein Offizier behandelter junger Mann aus gutem Hanse nicht davor sicher .ge-- fuchtelt" Kn werden.
Büchertisch.
— Ein W e i hn a ch t s k a t a l o g. Von der bekannten Verlegergruppe, zu der sich 17 der angesehensten deutschen Buch- und Kuust-Berlagsfirmen zusammengchchlossen haben, liegt der neue Weihnachtskatalog vor: Das Buch des Iahres 19 1 2. Diese Gruppe, die, tote bekannt, schöne und künstlerische Ausstattung pflegt, und sich um die neue deutsche Buchkunst große Verbienste erworben hat, bietet in diesem Katalog ein reiches und praktisch benutzbares Verzeichnis ihrer Werke. Man fann sich hier ausgezeichnet über das spezielle Schaffen jener Kultur-Verlage unterrichten. Eine sehr dankenswerte Neuerung erhöht den Nutzen des Weihnachtskataloges: es ist eine sehr eingehende Einleitung vorhanden, die sich als Ratgeber für Micherkaitfer darstellt und auch anss beste in die Neuheiten des Verlags einführt.
— Im Verlage von Leonhard Simion Nf. in Berlin SW. 48 erschien das Prachtwerk: Gerd Fritz Leberecht, „Luftfahrten im Frieden und im Kriege". Bücher über das deutsche Heer und die deutsche Flotte besitzen wir in Hülle und Fülle, aber noch kein derartiges über die „fünfte Waffe", das nicht etwa trockene Abhandlurigen bringt, sondern farbensprühende, lebendige Schilderungen von Aufstiegen im Freiballon, Fesselballon, Luftschiff, Flugzeug, besonders von militärischen Er- kundungsflügen im Manöver und in den letzten Feldzügen: russisch- japanischer Krieg, Rifkrieg, türkisch-italienischer Krieg, Balkan- Krieg. Das ungemein aktuelle Buch ist eine fesselnde Darstellung des Luftfahrtwesens überhaupt, die den Laien ausgezeichnet informiert und — begeistert, wozu die etwa 100 trefflichen Photographien besonders beitragen. Daß es von einem Militärschriststeller ersten Ranges und von einem glänzenden Plauderer geschrieben, wird man verstehen, wenn man hört, daß „Gerd Fritz Leberecht" identisch mit Lookout ist, dessen „Englands Weltherrschaft und die deutsche Luxusflotte" in 26 000 Exemplaren Absatz fand.
— D i e Fran i in Sp ort. Unter diesem Titel bringt bas> neueste Helt (Heil 48) von „Zeit im Bild" einen hochinteressanten und prachtvoll illustrierten Artikel ans der Feder der Gräfin von Baudissin, den jede Dame lesen sollte, die an der Erhaltung ihrer Gesundheit ein ernsteres Interesse hat. Man muß es dieser Wochetischrist zum Lobe uachsageu, daß sie mit jedem Heite durch eine staunenswerte Reichhaltigkeit in den textlichen und illustrativen Darbietungen den Leser stets von neuem zu fesseln weiß. Aus dem genannten Helt erwähnen wir ferner beit hochinteressanten illustrierten Artikel „Panzer-Vlatten" von In gen i eilt Ohaus, dann beu nut reizvollen Bildern geschmückten Aufsatz „Das russische Ballett" vou Wilhelm Herzog Sehr lesenswert sind auch die Ausführungen uvit Di. V. F r a u z über „Ber- erbungssrageu", sowie der illustrierte Aussatz „Mandschurische Sta4ergrab er", von Dr. Fritz Wer theime r. Sticht minder lesenswert ist der Artikel „Seeschlacht II" von Dr' A. Golds ch nt i b t, mit Porträt des Generaldirektors Ballin von T h. T h. Hein e. Die beiden Romane „Talio n" von Rudolf H u ch und „Geschichte einer Bombe" von A. ©trug haben in ihren bisherigen Fortsetzungen au Spannung nichts eiugebüßt. (Neue Deutsche Verlags- gesellschaft G. m. b. H. Müncheu.)
Auflösung in nächster Nummer.
Rilderrätze!
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,Auflösung des Versteckrätsels in voriger Nummer: Jeder weiß am besten, wo ihn bet Schuh drückt.
Redaktion: K. N e u r a t h. — Rotatiousdruck und Verlag der Brühl'schen Universitäts-Buch- pnd Steindruckerei, R. Lauge, Gießen,


