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Ker erfreulichen Lage, unseren Lesern einen interessanten Abschnitt aus dem durch Wort und Bild hervorragenden Werke zu bieten und empfehlen das Buch bestens, insbesondere als Weihnachtsgeschenk für alle Kreise, die sich für lebendige Schilderungen merkwürdiger Länder und Völker interessieren:
Bon ortskundigen Leuten begleitet, marschierte ich zunächst ami Nordnfer des Uelle entlang von Angu nach Api. Der Uelle bildet hier eine scharfe Grenze zwischen denk zusammenhängenden Urwald und der Galeriewaldzone, die sich nördlich davon über den Mbomu hinaus in das Bahr-el-Ghazal-Gebiet erstreckt, um allmählich in den reinen, Sudan genannten, • breiten, den Kontinent umfassenden Steppengürtel überzu gehen.
Zwischen Uelle und Mbomu liegen die Wohnsitze der großen Asande-Avungura-Fürsten Sassa, Mopoio und anderer, die über Tausende von Gewehren verfügen und durch stets zu, fürchtende Ausstände, der belgischen Regierung vielleicht noch einmal viel zu schaffen machen werden. Vier Tagereisen lang ging mein Weg über eine gut gehaltene, nach deut Posten Bili führende Straße durch mehrere Asandedörfer. Dann bog ich in östlicher Richtung nach Api ab. Tie Bevölkerung war hier dünn, und ein kauni erkennbarer Pfad verband die in der Steppe weit zerstreut liegenden Dörfer. Fast alle Galeriewälder standen unter Wasser, das ost bis zu den Hüsten reichte und den Marsch sehr schwierig und anstrengend machte. Mer meine kräftigen und willigen Asandcträger überwanden alle Hindernisse verhältnis- mäßig leicht. Nach achttägiger Reise kam der Posten Api in Sicht. Er glich einem großen Gutshof, und seine Anlage und Ausführung verriet den großen praktischen Sinn seines Erbauers, des Kommandanten L a p l u m e, eines der ältesten Kongobeamten. Er steht an der Spitze der Kommission. Ein Leutnant und ein praktischer Landwirt sind ihm unterstellt.
Um eine geräumige Seriba, die an drei Seiten von hohen Schuppen flankiert, an der vierten durch einen mächtigen Palisadenzaun verschlossen ist, gruppieren sich die Wohn- und Wirtschaftsgebäude und eine Feldschmiede, sämtlich aus Backsteinen ausgeführt und mit Stroh bedeckt. Einige dreißig Elefanten werden dort gehalten, alles junge Tiere von etwa 1,50 bis 2,50 Meter Höhe. Ihnen dient der Seriba als Aufenthaltsort während der Nacht und der heißen Mittagsstunden. Tagsüber gehen sie unter der Obhut eingeborener Wärter aus die Weide in der Umgebung der Station und kehren bei Sonnenuntergang nach einem erfrischenden Bade in dem uahen Fluß in die Seriba zurück. Leider zeigte der in Abwesenheit des Kommandanten die Station leitende Offizier Teilte Neigung, mich an einem Fang wilder Elefanten teilnehmen zu lassen. Ich mußte mich mit Erkundigungen begnügen, die ich darüber in Api einzog und die ergänzt werden durch einen ofsiziellen Bericht des Jnspecteur d'Etat an den Gouverneur, in welchen ich Eiitsicht nehmen durste. Danach geschieht der Fang auf folgende Weise:
Ein Dutzend geschulter Eingeborener, sogenannter „Kornaks", von denen vier Schützen, d. h. mit GewHren bewaffnet, gcht Fänger, d. h. mit mächtigen Stricken und Schlingen ausgerüstet, sind, nähern sich soweit wie möglich einer Elefantenherde, in welcher sie Kühe mit Kälbern festgestellt haben. Sind sie möglichst nahe herangekominen, so stürzen sie mit lautem Geschrei auf die Herde los, die erschreckt auseinanderstiebt. Tie acht Fänger verfolgen das vorher ausgewählte Kalb, einige packen es am Rüssel, andere an den Ohren und dem Schwänze. Sie legen ihre Schlingen um den Hals, den Bauch, die Hinterbeine und halten es so fest.
Die Schützen haben inzwischen durch blindlings abgegebene Schüsse die Herde ü-ert rieben und achten nun auf die etwa zurückkehrende Mutter des jämmerlich schreienden Jungen, die sie im Notsalle töten. Mit vieler Mühe wird das gefesselte Junge in das ost stundenweit entfernte Lager gebracht. Es sträubt sich natürlich zu gehen; dann zerren die vorderen vier Schlingenträger an seinem Halse, und die andern ermuntern es mit Stockhieben. Versucht es, wütend und erbost, die vorderen anzugreifen, so halten es die hinteren mit den Schlingen fest. Tödliche Nnglücks- fälle ereignen sich beim Fang der Elefanten höchst selten, Verletzungen'der Fänger sind dagegen ziemlich häufig. Aber das l-alt die Kornaks, die sich hauptsächlich ans den kriegerischen und mutigen Asaude rekrutieren, nicht von ihrer gefährlichen Beschönigung ab. Sie finden allem Anschein nach großes Vergnügen daran, und während sie srüher die kleinsten Kälber aussuchten, wagen sie sich jetzt schon an recht stattliche Tiere von etwa 1,50 Meter Höhe.
Im Lager angekommen, wird der Gefangene in einen provisorischen Kral gebracht, der aus derben Baumstämmen aufgeführt und in mehrere kleinere, zur Aufnahme je eines Elefanten bestimmte Zellen geteilt ist. Sind 6—10 beieinander, so werden sie nach Api gebracht. Hier kommen sie in die Obhut der bereits gut ein« gewöhnten ' Zöglinge. Die am längsten in der Gefangenschaft befindlichen pflegen sich der jüngsten in rührender Weise anzunehmen, sie vor Belästigungen anderer zu schützen, und sie förmlich über den Verlust der Freiheit zu trösten. Nach längstens! sechs Wochen sind die neu gefangenen so weit gezähmt, daß sie mit den alten zusammen auf die Weide ziehen dürfen.
Es ist erstaunlich, daß bei der großen Freiheit', welche die Elefanten in Api gemeßen, io verhältnismäßig wenige Verluste durch Flucht vorkommen. Ein einzelner Elefant wird tatsächlich höchst selten vermißt. Dagegen ereignet sich hie und da eine Katastrophe, d. h. es kommt vor, daß die ganze Herde durch irgendeinen nichtigen Zufall, wie das Krachen eines nmstürzenden Baumes, den Sprung eines Affen, ja das Herabfallen einer großen Frucht, beunruhigt wird und, kopflos geworden, davonläust. Kurz vor meiner Anwesenheit in Api hatte sich ein derartiger allgemeiner Ausbruch zugetragen, und erst nach wochenlangen Bemühungen war es gelungen, die in der Gegend zerstreuten Elefanten mit Hilfe der umwohnenden 'Eingeborenen bis auf acht wieder einzusangen. Weitere leider häufige Verluste erfolgen' durch Tod infolge von Verdauungsstörungen und anderer noch nicht aufgeklärter Krankheiten. Auf diese Weise vermehrt sich die in Api gehaltene Herde nur sehr langsam und, obwohl das Unternehmen seit mehr als zehn Jahren besteht, beträgt die Kopfzahl, wie gesagt, nur einige dreißig.
Tie längere Zeit in Gefangenschaft befindlichen und unbedingt zuverlässigen Tiere werden zur Arbeit abgerichtet. Man spannt sie vor Wagen und befördert mit ihnen die zum Bau der Stationen notwendigen Materialien. Ich unternahm gelegentlich eine Spazierfahrt mit einem solchen Elesäntengespann. Sie zogen den Wagen seht gutwillig, und folgten ohne weiteres' den Winken der auf ihnen sitzenden Kornaks; aber dadurch, daß sie alles auf dem Wege liegende beschnupperten, hin und wieder ein Büschel Gras abrupften oder einen Zweig in ihrem' Maule verschwinden ließen, ist die Geschwindigkeit einer solchen Fahrt eine sehr geringe. Auch vor dem Pflug werden die Elefanten verwendet, aber ihte Leistungen sind vorläufig noch recht unbedeutend und eher Spielerei als ernste Arbeit zu nennen.
lieber die Aussichten des Unternehmens in Api lautet das Urteil der damit Betrauten sehr skeptisch. Ter Beweis der Zähmbarkeit und der Verwendbarkeit des afrikanischen Elefanten, die von vielen bezweifelt wurde, ist ja fraglos geliefert. Praktischen Nutzen aber haben die Versuche trotz der sich schon auf mehr als eine Million Franken belaufenden Unkosten in den zehn Jahren ihres Bestehens noch nicht gebracht.
Der Plan, die Tiere zur Beförderung von Gütern zu verwenden und dadurch die Träger zu entlasten, ist bisher nur einmal verwirklicht worden. Ein belgischer Offizier fuhr mit mehreren Elefantengespannen, die mit seinem Gepäck beladen waren, nach einem entfernten Posten. Er brauchte dazu längereLeit, als wenn er mit Trägern gereift wäre, und machte außerdem allerlei üble Erfahrungen. Daß sich aus den afrikanischen Elefanten in nicht zu ferner Zeit in demselben Maße wie aus den inbifcfyen wird Nutzen ziehen lassen, halte ich für sehr zweifelhaft. Abgesehen^ von der ganz andern Fang- nnd Zähmimgsmethode der Inder, die sich vielleicht durch Einführung indischer Kornaks.und Verwendung zahmer indischer oder ausgewachsener afrikanischer Elefanten auch hier .einbürgern ließe, darf Man nicht vergessen, daß die Verkehrswege Indiens ganz anders sind als in Afrika, nämlich zum großen Teil mit Automobilen befahrbare Straßen, wogegen es im Innern Afrikas kaum eine Brücke gibt, die mit einem Reittier, geschweige denn mit einem 'Elefantengespann passierbar ist. Auch sind die verhältnismäßig weichen, an das Stampfen durch Urwald und sumpfiges Gelände vorzüglich an« gepaßten Sohlen des Elefanten auf steinigen oder kiesigen Wegen, ime sie in Afrika die Mehrzahl bilden, gar zu leicht Verletzungen ausgesetzt, und die Tiere werden sehr schnell.fußkrank und unbrauchbar. Man müßte daher erst gute Wege bauen, bevor" man an die Verwendung des Elefanten in Afrika im großen Stil denken kann. c
Die schatten des panamakanals.
Nach den Kabeltelegrammen, die aus Europa kommen, starrt dort alles wie gebannt nach dem Balkan, mit bangem Herzen die Folgen erwägend, die der entstehende Brand für Europa haben wird. Derweilen bereiten sich hier Umwälzungen vor, die in nicht ferner Zeit wieder beweisen werden, daß man über dem Nächsten nicht das Fernste vergessen soll. Die Tertii gandentes werden hierbei die Nankees fein. Die Eröffnung des Panamakanals, die den ganzen Weltverkehr umgestalten und das Kräfteverhältnis im fernen Osten gänzlich verschieben wird, wirst ihre Schatten voraus.
Wenn man sich früher dem Hafen von Havana näherte und Morro Castle, ein festes Felsenfort passiert hatte, üoif dem 1870 eilt warnender Schuß dem tapferen deutschen „Meteor" bedeutete, daß der schwer getroffene französische „Bouvet" die rettende Neutralitätszone der damals noch spanischeit Insel erreicht habe, öffnete sich der Hafen der in weißem Glast schimmernden schönen Stadt und präsentierte sich als ein echt tropischer Hasen. Von der Natur zwar außerordentlich begünstigt — aber mit unzureichenden Verkehrs- und Auslademitteln, in tropischem Schlendrian gänzlich verludert. Als lebendiges Wahrzeichen dasür lag bis vor ein paar Jahren das Wrack der „Maine" ungehobelt, mit Mast mid Schornstein gen Himmel klagend', ein Zeuge eines wohl nicht restlos zu lösenden Rätsels, als Verkehrshindernis mitten int Hasen.
Dazu stimmte auch das Lebet: und Treiben in dieser einzige« Stadt. Sei es, daß man vor dem luxuriösen Cass telegraphico saß und Eisgetränke schlürfte, von bereu raffinierter Schönheit


