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leidlich militärische Figur Wer seine sonstige Perförp lichkeit müssen Sie sich selbst ein Urteil bilden!
„Wer aber", fragte Blowitz, „ist der blonde Herr, der da eben so strahlend heran fegt?"
Menshäusen zögerte einen Augenblick mit der Antwort. ),Tja — — das ist sozusagen Unser Renommierreserveleuö- nant — ein sogenanntes berühmtes Tier — das ist der Maler Flamberg —"
„Flamberg?" sagte Blowitz nachsinnend, „woher kenn' ich denn den Namen? :— Richtig, jetzt fällt mir's ja ein: ■auf der Durchreise war ich doch in Berlin und hab' da in einer Ausstellung ein paar 'gemalte Weibdr gesehen'—> aber — deliziös, sag' ich Ihnen — eine stramme Germanin — Und daneben eine fabelhaft pikante Jüdin mit Schultern — Schultern — sag' ich Ihnen! Teufel, die Bilder machen ja ein kolossales Aufsehen! ti Und das ist also dieser Flamberg?"
„Weiß ich nicht," sagte Menshäusen; „ich verstehe nichts von Kunst —, Und ob er eine Germanin und eine Jüdin in Berlin ausgehLngt hat, ist mir höchst wurscht. Für meine ■Person kann ich! nur behaupten, daß dieser Herr Flamberg mir unter all den Herren von der Reserve der fatalste ist.
; Was der Bruder sich schon einbildet aus sein bißchen Pinselei! und dann, wissen Sie: Ansichten! Ich begreife nicht, was so'n sogenannter Künstler überhaupt im preußischen Offizierkorps zu suchen hat. — Der sollte doch ruhig mit seinen Uebermenschen imb Ueberweibern zusammenhocken und uns hier in Frieden lassen — na, Sie werden ihn ja kennen lernen."
„Ich weiß nicht r— ich finde, er sieht ausgezeichnet aus!"
In diesem Augenblick standen die Ordonnanzen stramm; denn ein neuer blauer Ueberrock erschien in der Tür zum Rauchzimmer,
(Fortsetzung folgt.)
Abenddämmerung.
Skizze von Fritz Sänger (München).
„Mutter, soll ich die Lampe holen?"
„Nein, noch nicht."
„Aber du siehst nicht mehr genug."
Während das Mädchen zur Mutter sprach, hielt es den 'Kopf ein wenig auf die Seite geneigt, und hatte dabei so eine eigene Zärtlichkeit in der Stimine — fast, als wenn es selbst die Mutter wäre und hätte es mit einem kranken Kinde zu tun.
Die alte Frau legte die Brille hin und die Arbeit daneben auf den Tisch:
„Weißt du, es gibt wohl etwas, das Man besser sehen kann, wenn es dunkel ist."
Das Mädchen beugte den Kopf weiter vor, und daß es rot wurde im Gesrcht, das war nicht von dem Duft der Blumen, die ringsum im Gärten in allen Beeten zwischen nützlicheren Pflanzen zerstreut standen.
Die Mutter fühlte dieses Rotwerden sehr wohl, wenn sie es auch nicht sehen konnte.
Es lag in der Stille, die jetzt eintrat, ein herzliches Jneinanderspielen der Empfindungen zweier Menschen, die Nicht nur Mutter und Tochter, sondern auch gute Freunde find.
Langsam' würde es dunkler; Sekunden in solchen Lagen, werden zu Minuten, und Viertelstunden zu halben Ewigkeiten. — Auf einmal hielt das Mädchen nicht länger an sich: Ganz unvermittelt legte es plötzlich beide Hände auf den Arm der Mutter und oen glühenden Kopf aus beide Hände:
„Mutter, du weißt ja doch! alles, sag mir, was ich tun soll."
Die Frau streichelte mit der freien Hand über das Haar ihrer Tochter und sagte ruhig Und langsam:
„Ja, ja, einmal kommt das so; in jedem. Leben kommt das einmal so."
Das Mädchen sah nicht auf.
-„Mutter, was soll ich aber tun?"
„Das weiß ich auch nicht."
„So sag mir doch, wenn du das auch einmal erlebt hast, was hast denn du getan?"
Es zuckte leise durch den Körper der Frau:
„Was ich getan habe — aber das war ja doch nicht das Rechte."
„Nicht das Rechte?"
, Das Mädchen sah auf und suchte das Auge der Mutter.
'"b noH gerade so wie zuvor und fuhr langsam mrt dem .Kopfe hin und her:
• nein, das war nicht das Rechte, es war auch mcht gerade so wie bei dir. Es ist ja jedesmal ein bißchen fsschers, aber es wird jedesmal dabei üb'er ein Leben ent» manchmal ohne daß. man es weiß, und doch will ich dir sagen, eine Liebe, wie sie dir Albert entgegenbringt, rst immer etwas Großes."
„Aber Mutter, du wärst doch dagegen."
„Ja, schäu: du hast mich ja auch sonst nie um Rat ?o als Mutter war ich dagegen, weil du erst
18 ^ahre alt bist. Und wenn ich dir als Freundin sagen soll, was ich meine, welches das Gute und Richtige ist: ich weih es nicht." -
„Wie wär's denn bei dir?"
„Ja, das will ich dir schon erzählen, wie es bei mir war."
Sie macht den Arm los, das Mädchen setzte sich aufrecht und lehnte sich an ihre Schulter. Leise begann die Frau und mit einer solchen Zärtlichkeit, als wollte sie jedes Wort ihrer eigenen Erinnerungen liebkosen.
„Ich war in meiner ersten Stellung; in einer kleinen Stadt war's, in bayerisch Schwaben. Ich kann wohl sagen, ich hatte es gut getroffen, die Frau war neidisch auf mich und der Mann stolz, und die Kinder, über die ich zu wachen hatte, hatten mich recht lieb. Wenn ich über die Straße ging, blieben nicht nur die jungen Burschen stehen — ja, wenn man so 18 Jahre zählt und schön ist, da ist man reich — das weiß ich jetzt erst so richtig, nun ich 58 bin." still eine kleine Pause, das Mädchen blieb ganz
„Wir arbeiteten damals recht viel; da ist das, was du in deinem Bureau zu tun hast, doch gar nichts dagegen. Wir saßen manchmal bis nach Mitternacht, wir, die Frau, eine liebe Mutter, und ich; wir arbeiteten an einer Aussteuer von einem Sohn jener Mutter, die ich nannte. Dieser Sohn war ein Bruder des Mannes der Frau, bei der ich diente.
Er hieß Emil Neubauer und' hätte eine Braut, die nicht einmal die Aussteuer hatte; er war Lehrer draußen in einem Dorf und kam öfter herein, um nachzusehen, wie weit wir mit der Aussteuer wären, und wir beide sprachen auch öfter allein zusammen, Emil Neubauer und ich. Und einmal am Abend war sein Bruder und seinej Schwägerin fort, da sagte er zu mir: ob ich denn auch recht fleißig gewesen sei bei seinen Sachen?
Das will ich schon meinen, gab ich stolz zurück. Dann faßte er mich bei der Hand und sah mir so seltsam' in die Augen, daß ich seinen Blick nicht ertragen konnte. Dann -ging er und schloß die Türe und dann faßte er mich mit beiden Händen um den Kopf und sagte ganz leise: Marie, das ist schön, daß du so mitgeholfen hast . . . Vorher hatte er nie du zu mir gesagt, aber ich hatte nicht die Kraft, etwäs dagegen einzuwenden, und er sicht fort: Marie, gieb nur Obacht, daß alles gut und recht wird, denn es kommt bei so etwas' so viel auf Kleinigkeiten an, und du darfst schon fein aufpassen, denn das ist deine Aussteuer — —
Und als ich das gar nicht verstand, da faßte er fester Mit beiden Händen in meine Haare, die so blond waren,! wie die deinen jetzt und er bog meinen Kopf zurück — und küßte mich. —
Und dann sprach er es ganz leise: das ist dein Brautkuß gewesen.
Nur ganz langsam verstand ich das alles, aber dann habe ich ihn gut zurückgegeben, den Brautkuß."
Die Frau schwieg, aus weiter Ferne klang ein helles Abendglöcklein. Sie horchte und bog den weißen Kops zurück, bis es ganz zu End-e wär.
Als das Glöcklein verklungen und sie imMer noch lange Nicht wieder sprechen wollte, sagte die Tochter leise:
„Mutter."
Die blieb stille.
„Mutter, du bist ja noch nicht fertig."
Die Mutter Wandte sich nach dem Mädchen um:
„Die Geschichte meinst du. . . ja was schön war daran, das ist schon zu Ende.--Man wollte es nicht —
sie alle wollten es nicht, und Emil war nicht da. Djiej Briefe, die er mir täglich schrieb, bekam ich nicht, so waren sie alle gegen mich und ich allein hatte nfcht die Kraft


