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bekommt doch Nräl was anderes' zn hören, als' einig Kommiß-- und Avancementsgeschichten. Uebrigens sind die Herren nun einmal doch ein notwendiges Nebel."
„Ob sie notwendige sind, weiß ich nicht übel sind sie jedenfalls."
Leutnant Blowitz ftänd gerade jan der Wand juint'er einem mächtigen Rahmen, der eine große Anzahl einzelner Photographien von Offizieren umschloß. Es waren die Toten des Offizierkorps des Regiments aus dem "Feldzüge von 1870/71.
„Ja, sehen Sie mal, lieber Menshausen," meinte er, „schau’n Sie sich doch mal hier die Regimentstafel der Gefallenen von Siebzig an — da ist ein Hauptmann der Reserve und drei Leutnants der Reserve drunter."
„Na ja," lenkte der Aeltere ein, „im Kriege möge-n die Herren ja an ihrem Platze sein, und daß sie brav gefochten haben und als ehrenhafte Soldaten gestorben sind, will ich ja nicht bezweifeln — aber im Frieden tun sie nichts weiter, als den Betrieb stören. Wir find doch hier wahrhaftig nicht zusammen, Um ein bißchen Räuber und Gendarm miteinander zu spielen — wir haben hart git arbeiten — wir haben die verdammte Pflicht unb Schuldigkeit, binnen' zwei Iahten die Hänakenbande, die uns jeden Oktober hierher geschickt wird, zu halbwegs brauchbaren Soldaten zu erziehen — und dabei sind die Herren von der Reserve und Landwehr höchstens hinderlich!"
Blowitz lachte still in sich hinein. Er hatte den Charakter des neuen Regimentskameraden schon einigermaßen durchschaut uud wußte, daß es nicht leicht war, ihm irgend etwas recht zu machen.
„Wie viel Herren kommen denn?" fragte Blowitz.
„Ganze sechs!"
„Na, was sür Geisteskinder sind es denn?"
„Geben Sie Mal acht," sagte der Oberleutnant und zog den Jüngern ans Fenster, „da hinten unterm Torbogen da versammeln sie sich gerade. Wissen Sie, ich teile die Herren Sommerleutnants in zwei Kategorien ein: die einen sind die, die wenigstens von weitem wie Offiziere aus-, sehen — die andern sind glattweg wandelnde Karikaturen. Nun sehen Sie mal die Gesellschaft da hinten an. Ich werde Ihnen zunächst die Karikaturen vorstcllen. Also betrachten Sie mal diese Tonne da hinten: das ist der Oberleutnant der Reserve, Herr Brassert, im Zivilverhältnis Gymnasialoberlöhrer. Wenn Sie dem einen Stich ins Herz versetzen wollen, dann müssen Sie ihn „Herr Professor" anreden."
„Warum soll ich ihin denn einen Stich ins Herz versetzen?" erwiderte Blowitz, „er hat mir ja gar nichts getan — aber weiter! Wer ist denn dieser merkwürdig dünne Herr mit dem zapfeuartig herunterhängenden Schnurrbart?"
„Ja," sagte Menshausen, „das ist die Obervogelscheuche' unter den Herren — das ist der Forstassessor Troisdorf, ein Rauhbein im Quadrat; ich behaupte, er kanu überhaupt kein Wort Hochdeutsch sprechen."
„Nanu," meinte Blowitz, „wie ist denn das möglich? Ein Forstassesfor . . ."
„Na, Sie werden ja hören," entgegnete Menshausen, „mag sein, daß er im Verkehr mit seinen Waldwärteru und Treibern völlig verbauert ist, jedenfalls spricht er das fürchterlichste Kölnisch, das ich jemals gehört habe."
„Uebrigens wimmelt da ja noch eine dritte Karikatur 'rum."
„Den Herrn kenn' ich nicht — das ist also jedenfalls der Landwehronkel, der uns angekündigt worden ist — irgend! so'n gelehrtes Haus von der Universität — Gehirnfatzke, wie der Simplizissimus sagt!"
„Ra, und nun also die Halbwegs vernünftig Mus- sehenden!"
. "$?. W« Sie — da ist zunächst der einzige, der für mrch mitzählt, der blonde Herr im Dienstanzug —i er macht seine erste Offizierübung — er ist aus dem Regiment hervorgegangen :— ein Referendar namens Dormagen — em einigermaßen tadelloser Herr!"
, „So, also das ist Ihr Genre," sagte Blowitz, „für meinen Geschmack hat er eine ziemliche Ohrfeigenvisage ; und der andere daneben, mit dem riesigen, hochauf- gedrehten Schnurrbart?"
„Hm ;— das ist wieder 'ne andere Nummer ;— das ist der Leutnant Klocke — seines Zeichens das, was ein aktiver Offizier in der Regel erst später zu Werden pflegt — närw "ch Versicherungsagent! — Na — er macht wenigstens 'ne
in höheren Semestern sein und haben doch keinesfalls mehr die Pflicht zu üben —. warum tun Sie's also?"
„Sie haben ganz recht zu fragen," erwiderte der Privatdozent, „ich könnte längst außer Dienst sein. — Ich habe mich überhaupt erst in der Landwehr zum Offizier wählen lassen und mit Zittern und Zähnellappen vor sechs Jahren meine einzige achtwöchige Pflichtübung gemacht. Damals aber habe ich gefunden, daß mir diese Uebung vorzüglich bekam, nicht nur körperlich, auch — ich möchte sagen — was meinen Charakter anbetrifft — Wissen Sie, ein so fürchterlich ungewandter Mensch, wie ich nun leider Gottes einmal einer bin, für den sind solche acht Wochen beim Kommiß eine wahre Dressur. Wenn ich auch im bunten Rock eine ganz miserable Figur mache ich weiß das leider nur zu gut — so hab' ich entdeckt: als ich damals nach Hanse i'ant/ da war für einige Zeit, etwa für zwei bis drei Jahre, jene lächerliche Scheu vor öffentlichem Auftreten und gesellschaftlichem Umgang von mir gewichen, die mich sonst zu einem wahren Einsiedlerdasein zwingt."
„Aha, und darum sind Sie also in der Landwehr I geblieben — und wollen jetzt mal wieder acht Wochen 'ran, um sich sozusagen wieder mal ein bissel zurechtstutzen zu lassen!"
„Ja, allerdings, das war die Absicht," meinte der Privatdozent. „Eigentlich ist die Uebung für mich ein Martyrium, dem ich nur mit Grauen und Entsetzen entgegensehe — und ich weiß schon, daß ich während der ganzen Zeit aus einer Katastrophe in die andere taumeln werde — aber was hilft's — es muß nun einmal sein."
„Ja," lachte der Maler, „dann sind Sie allerdings zu bedauern — ich für meine Person freue mich, offen gestanden, ganz kolossal auf die Uebung."
„Das glaube ich," sagte Frobenius, „Sie sehen auch so aus, als ob Sie Grund dazu hatten. Wenn mich der Schein nicht trügt, so sind Sie ein gerade so netter Kerl, wie Sie ein großer Künstler sind, und ich werde Ihnen etwas sagen: Sie werden mir einen Gefallen tun. Sie werden sich gelegentlich meiner ein bißchen erbarmen, wenn es mir gar zn jämmerlich geht, nicht wahr, Herr Kamerad?!"
Er streckte dem Maler die haarige Rechte hin. Von der er den weißen Uniformhandschuh abgezogen hatte, und schallend schlug Martin ein.
„Das soll ein Wort sein, Herr Frobenius, — ich denke, es soll recht nett werden, die acht Wochen hindurch — ich sehe gar nicht ein, was uns hindern könnte, uns die zwei Monate, die Vor uns liegen, zu einem rechten Fest zu machen."
2. Kapitel.
In dem Hellen, luftigen Speisesaal des Offizierkasinos des Füsilier-Regiments Prinz Heinrich der Niederlande (14. Rheinischen) Nr. 186 wär der Kasinovorstand, Oberleutnant Menshausen, damit beschäftigt, die Anordnungen für die Mittagstafel einer letzten Prüfung zu unterziehen. Er legte an der Hand eines Zettels, auf dem er die Tisch-! ordnung entworfen hatte, persönlich die Tischkarten, instruierte die Ordonnanzen und warf ab und -zu einen Blick auf den Kasernenhof hinaus, wo im Schatten der Kasernengebäude die Bataillonsadjutanten die Befehlsempfänger der Kompagnien um sich versammelt hatten, um die Tagesbefehle auszugeben. Drüben aber, im prallen Sonnenschein, trat die Wache an, und der Offizier vom Ortsdienst nahm die Meldungen der Wachhabenden entgegen.
Säbelklirrend kam Leutnant Blowitz herein, der neue Adjutant des ersten Bataillons, erst seit kurzem aus dem fernen Osten in das rheinische Regiment versetzt: „Morgen, Menshausen — nanu, gibt’S denn heute mittag ein größeres Zauberfest?"
„Allerdings," erwiderte Menshausen kurz, „Reqiments- musik!"
„Was ist denn los?"
„Die Herren Kameraden der Reserve und Landwehr werden in unserer Mitte begrüßt."
„Ah — richtig, richtig — aber warum machen Sie denn dazu so'n saures Gesicht, Menshausen?"
„Ich weiß nicht," brummte der Kasinovorstand, „kann dre Herren nun mal nicht verknusen —. verderben den ganzen Eindruck des Offizierkorps — Untergraben die Disziplin."
, „dfv, hören Sie mal," lächelte Blowitz, „ich habe mich „ v..t5etne*n früheren Regiment mit den Herren ganz vor- zugüch gestanden. Ist ’ne ganz nette Abwechslung — man


