Samstag, den 21. Juli
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Lommerleulnsnts.
Roman von Walter B l o e m.
Copyright 1910 bei Orethlein & Co.
Flachdruck verboten.)
(Fortsetzung.)
Ratternd und fauchend hielt der Zug auf einer Kreuzungsstation. Martin fuhr auf, steckte den Kopf zum Fenster hinaus in der Absicht, die Einsamkeit seiner Fahrt gegen jeden Eindringling mit einem wahren Menschenfressergesicht zu verteidigen.
Da sah er in der Menge der andrängenden Fahrgäste eine abenteuerliche Gestalt. Seine erste Empfindung war: Aha, ein Kamerad ■-— aber was für einer.
Ein lang und dürr aufgeschossener Herr mit goldgefaßter, funkelnder Brille und einem langen, struppigen roten Bart, die Hagern Glieder umschlossen von einem Offizierüberrock, der, bei völlig unmodernem Schnitt, noch immer die schwarze Farbe zeigte, wahrend Blau seit einigen Jahren Vorschrift war, auf dem Kopfe eine Mütze, wie er selber sie in seiner einjährig-freiwilligen Dienstzeit vor zehn Jahren getragen. Die Linke fuhrwerkte unbeholfen mit dem Säbel umher, der ihm jeden Augenblick zwischen die stelzengleichen, unruhig trippelnden Beine zu geraten drohte.
Reben dem Uniformierten stand mit kaum verhohlenem 'Grinsen ein rotbemützter Dienstmann, der einen Ungeheuern, stark verschlissenen Handkoffer und eine Helmschachtel trug.
Run hatten die hilflos hinter den Brillengläsern flackernden grauen Augen des Uniformierten den Maler erspäht. Die Rechte im Uniformhandschuh legte sich grüßend ian den Schirm der vorsintflutlichen Mütze, und wie schutzsuchend steuerte die lange Gestalt auf den Wagen zu, an dessen Fenster Martin stand.
Der Dienstmann riß die Wagentür auf, stieg zuerst hinein und verstaute das Gepäck in den Netzen. Mühsam kletterte der Ofsizier hinterher, jeden Augenblick in Gefahr, über seinen Säbel zu stolpern. Nun suchte die ungelenke Linke des Herrn nach dem Portemonnaie, fand aber die Tasche nicht gleich, weil die langen Schöße des Rocks und der Riemen des Säbelkoppels den Zugang hemmten; aber endlich war die Börse doch erwischt, der Dienstmann bekam seine Vergütung, die nicht allzu reichlich ausgefallen zu sein schien; denn ohne Gruß mit einem knurrenden Laut verließ der Träger das Abteil.
Und nun wollte sich der Ankömmling dem Kameraden vorstellen; in demselben Augenblick aber zog der Zug an — und mit einem Ruck flog der schwarze Ueberrock gegen den hellblauen, so daß beide Herren auf die Polster plumpten.
In hilfloser Verlegenheit stotterte der Ankömmling eine Entschuldigung, und nachdem beide Herren ihre Säbel und Beine wieder aufgesammelt hatten, stellte er sich nun endlich
vor, selbstverständlich ohne daß Martin den Namen des. Kameraden verstand.
Tiefaufatmend lehnte sich der fremde Herr auf seinen Sitz zurück, nahm die Mütze ab, unter der ein nur noch von einem dürftigen braunen Haarkranz Umsäumter kahler Schädel zum Vorschein kam, und tupfte mit einem gelbseidenen Taschentuch die quellenden Schweißtröpfchen von Stirn und Platte.
„Schauerliche Hitze .—•!" mente er und fächelte sich mit dem Taschentuch.
Rasch kam das Gespräch in Gang. Es stellte sich heraus, daß der Ankömmling Privatdozent der Literaturgeschichte an der Universität Bonn sei, und als Flamberg ihm feinen Namen deutlicher wiederholte, wußte der andere sofort Bescheid. Respektvoll fragte er: „Flamberg? etwa gar der Schöpfer der beiden Porträts in der Berliner Sezession?"
„Ich kann's Nicht länger verheimlichen," lächelte Martin.
„Alle Wetter," sagte der andere, „das nenn' ich et» glückliches Omen ... da ich doch nun wieder einmal sehr gegen meinen Geschmack aus meiner stillen Studierklause unter das Kriegsvolk verschlagen werde. Ich bin entzückt, gleich beim ersten Eintritt in diese langentsremdete Welt einem Vertreter sanfterer Regionen der Menschlichkeit zu begegnen . . . Uebrigens werden Sie meinen Namen auch nicht verstanden haben. Ich heiße Frobenius."
Martin dachte einen Augenblick nach und sagte: „Frobenius, Wilhelm Frobenius . . . ich habe vor kurzer Zeit eine Sammlung von Studien über Goethes Faust von einem Wilhelm Frobenius gelesen — wären das gar Sie?"
„Ich kann's nicht länger verheimlichen," schmunzelte Frobenius. ,
Martin streckte ihm die Hand hin: „Ich freue mich," sagte er, „Ihre Analyse der Gretchengestalt hat auf mich so stark gewirkt, daß ich kurz vor meiner Abreise ein Gretchen gemalt habe." , y a
„Schau — schau," sagte Frobenius, „wo haben Sie das Modell aufgetrieben?"
„Da hab' ich nicht lang zu suchen brauchen," lachte Martin, „meine Braut!" .
„Ei der Tausend, dann freilich! — gratuliere, Herr Kamerad!" r . ' f
„Sagen Sie, Herr Frobentus," fragte der Maler, „Sie scheinen von der Aussicht, wieder mal acht Wochen im bunten Rock zubringen zu müssen, nicht so erbaut zu sein wie ich?"
„Ja," sagte Frobenius, ,chas ist eine sehr berechtigte Frage. Ich kann mir wohl twistellen, daß Sie mir es an der Nase anschen, daß meine Liebe zum Kommiß eine einigermaßen unglückliche ist. — Sehen Sie, ich. bin von Natur so etwas wie ein Pechvogel, fühle mich eigentlich nur hinter meinen Büchern so recht behaglich —
„Dann verstehe ich. nicht recht — Sie müssen doch schon


