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Lehren ihrer Obrigkeit eiurichten zu müssen, — die Rathsglieder folgten später nach." Dieser Bericht ist nicht nur interessant durch das, was er erzählt, sondern auch durch das, was er — verschweigt.
Man könnte gerührt sein über diese „gutherzigen Leute", wenn nicht der Satz: „Die Ratsherrn folgten später (!) nach", zu denken gäbe. Die Ratsherrn sind doch sonst der Mund der öffentlichen Meinung. Warum zögern sie und erklären nicht auch sofort freudig ihren Heber tritt zum Katholizismus, wenn doch die übrige ganze .Gemeinde es so leichten Herzens tat? Oder sollte feier Uebertritt des gemeinen Volkes vielleicht auch nicht so gutwillig und harmlos sich vollzogen haben, wie Komp es darstellt? Zum mindesten fällt auf, daß der Jesuit sich einen neue n Pfarrer „nachfolgen" läßt. Man fragt sich: was ist aus dem alten seitherigen evangelischen Pfarrer geworden? Und klingts nicht wie eine Bestätigung der Hcppeschen Geschichtsdarstellung, daß die Rekatholisieeung der Bewohner der Mtei durch starken obrigkeitlichen Druck erfolgt sei, wenn Komp selber naiv berichtet, die Leute hätten dem von der Obrigkeit ihnen gesetzten neuen katholischen Pfarrer erklärt, sie glaubten ihr Leben nach den Lehren ihrer Obrigkeit (!) einrichten zu müssen (!) ?
(Fortsetzung folgt.)
vom Zohanniterturm zu Nidda.
Ein altes Wahrzeichen von Nidda ist der Johanniterturm, der Rest einer ehemals katholischen, wahrscheinlich 1492 erbauten und im 30 jährigen Krieg zerstörten Kirche. Der unterste, gewölbte Teil des Turmes diente offenbar früher als Sakristei: auf 'den Turm gelangte man von der Empore der Kirche aus. Ms die Kirche zerstört war, durchbrach man, um an die 3 Glocken zu gelangen, welche peute noch allsonntäglich geläutet werden, das Gewölbe und stieg auf einer Leiter, später einer engen
Treppe, nach dem Glockenstuhl. Zur Johanniterkirche waren
seinerzeit der sog. Johanniterhof, ein Teil von Nidda und
Wallernhausen (als Filial) eingepfarrt.
Auf diesen „Gehannstnrm", wie ihn die alten Niddaer nennen, sollte in diesen Tagen ein Blitzableiter angebracht werden, um den Turm selbst und auch die Umgebung vor Blitzschlag und Feuersgefahr zu schützen. Als man am Turmhelm die Haken festmachen wollte, erwies sich das Holzwerk als teilweise vermürbt. Es war eine Reparatur nicht zu vermeiden. Dachdeckermeister Orth von hier errichtete in wenigen Tagen am oberen Teil des Turmes ein.Gerüst, das bis zum Helm reickste und nahm Knopf, Kreuz und Hahn ab. In dem Kopf befanden sich 2 Aktenstücke und ein kleines Blatt. Die Stücke stammen aus 1796 und 1804. Im ersten Aktenstück wird berichtet, wie der Steinbccker- meiltcr Löwenstein eine gründliche Reparatur vorgenommen, bei der auch Knopf, Hahn und Kreuz abgenonnnen und später wieder eingesetzt worden seien. Es wird weiter gemeldet, wie während des Umbaus das Geläute unterbleiben mußte, und welche Freude zu Ostern die Einwohner empfunden hätten, als die Glocken wieder ihre ehernen Stimmen hätten erschallen lassen.
Ferner werden interessante Mitteilungen gemacht über die durch den französischen Krieg hervorgerufene Teuerung. So kostete ein Achtel Korn 16 Gulden, Gerste 12, Weizen 36, Hafer 12. Rindfleisch das Pfund 14 Kreuzer, Schweinefleisch 14 Kr., Schaffleisch 12 Kr., 1 Eh 1 Kr., das Pfund Blitter 40 Kr., das Pfund „Kees" 14 Kr. (das war damals teuer — man berechne es heute, den Kreuzer gleich 3 Pfennige!!) Auch von ansteckender Krankheit wird berichtet, welche damals grassierte. Ferner werden die damals amtierenden Pfarrer, Lehrer, Ratsherrn usw. notiert.
B om Jahrel804 wird folgendes berichtet: Der 20. Juli, Nachdem die Nacht hindurch viele Gewitter umhergezogen waren, dre nm so mehr Unruhe verursachten, weil seit einiger Zeit manche traurige Nachricht von Hagel- und Wasserschaden bekannt wurde, kam gegen 2 Uhr des morgens ein abermaliges Gewitter von Norden her über die Stadt gezogen. Plötzlich erfolgte ein heftiger Schlag und beim anbrechenden Tag sah man, daß unser Zo- hanniterturm hart davon beschädigt sei. Der Strahl fuhr auf den Wetterhahn, schmelzte die Spitze der Federn etwa *4 Zoll breit, lief an der Stange des Kreuzes hinunter und fuhr am Stiefel des Knopfes heraus (wo er unten zwei Löcher schmelzte) und von da nach der Nordseite des Turmdaches, welches an dieser Seite an zwei Flächen ganz abgedeckt, alle Latten und Dielen und sogar vier Sparren weggeschleudert wurden. An der Mittagsseite wurde ein Stück von Schiefersteinen entblößt. Hingegen 30 Schuhe vom Knopf herunter war der Turm ringsum ganz abgedeckt, die Sparren auseinandergerissen, daß das Kreuz nicht mehr seststand. An zwei Seiten der Maner sah man von außen Blitzbeschädi- gungen, in etlichen Rissen, von der Sandbank waren ein paar Stücke abgeschlagen und an zwei Bäumen, welche anchieser Maner standen, alle Blätter versengt. An der mittleren Glocke auf der Nordseite war das Joch zerrissen und vier eiserne Bänder weggeschleudert. Der Strahl fuhr nördlich an der Glocke vorbei, daß der Name Stephan (D. Glockengießer) weiß geschmelzt ward.
Ein Teil des Glockenstnhls der atideren Glocken war zersplittert und am Rand der Glocke drei kleine Knöpfchen zusammengeschmelzt. „So oft (schreibt der Verfasser) wir die Glocken läute» hören, wollen wir dem großen Erhalter im Himmel danken und auch Unsere Kinder zum Dank darüber anweisen, daß unsere schöne» Glocken unversehrt blieben und der Blitz keines von unfern Häusern anzündete. Die Reparatnrkosten, welche mit großer Bereitwilligkeit die Kirchspielgenossen übernahmen, betragen in allem 320 Gulden. Steindecker Löwenstein vollführte auch dieses Mal die Arbeiten.
Bon den Z e i t v er hä l t n i s s e n heißt es: Unsere Zeiten sind jetzt wieder besser als 1796. Wir leben in Frieden und haben auch wieder wohlfeile Zeiten. Das Achtel Korn kostet 7—8 Gulden, das Pfund Ochsenfleisch 10 Kreuzer. Unsere diesjährige Ernte ist zwar nicht die allervollkommenste, aber doch sehr gut gewesen: es gibt auch ziemlich Obst, besonders außerordentlich viel „Quetsche". Und was noch hinzukommt, ist die Gnade Gottes,, die uns vor allem Schadeil bewahrt hat.
„Er hat gesorgt, bewacht, geschützt und alles wohl bedacht, gebt unferm Gott die Ehre."
Der Herr bewahre unsere Kirche und Wohnungen ferner vor Schaden und lehre uns öor. ihm wandeln, damit er unser Schild und Lohn bleibe.
Es folgen eine Reihe von Namen von Beamten und Bürgern, z. B.: Sell, Ellcnberger, Sellheim, Rübe, Schneider, Erk, Bechtold, Kirchhof. Die Pfarrer waren: Thudichum, Victor, die Rektoren: Becker, Gombel, Präzeptor: Schlapp.
Vermischtes.
* Engli! che S t u d e n t e n st r e i ch e. Während in Deutschland der industrielle Geist der niodernen Zeit Schritt um Schritt die alte Burschenhcrrlichkeit einengt und den Uebermut der fröh- lichen akademischen Jugend immer mehr auf wenige kleine llui- versitätsstädte begrenzt, sind bei den Studenten Englands, ganz besonders aber in Cambridge lustige Streiche noch heute an der Tagesordnung, und am meisten amüsiert sich das heilere Volk der Musen jünger, wenn es dabei gelingt, die würdige Obrigkeit einmal gründlich hineinzulegen. Von einem solchen wohlgelungenen Streiche der Studenten von Cambridge berichtet Silvia Braghi im „Emporium". Ter Fall liegt bereits einige Jahre zurück und ereignete sich während des Aufenthaltes des Sultans von Sansibar in London. Eines Tages erhielten die Universitätsbeliördeu, sowie der Bürgermeister die Nachricht, daß der Sultan inoffiziell der berühmten Universitätsstadt einen Besuch abstatten ivolle. Sofort kam hastiges Treiben in das sonst so gemächtiche Leben des alten Cambridge. 'Rektor und Bürgermeister überboten sich an auf- geregtem Eifer, und mau organisierte schleunigst einen würdiavr Empfang der afrikanischen Majestät. Eine Musikkapelle begann zu proben, ein Frühstück im Rathanse wurde vorbereitet, man appellierte an die Begeisternngsfähigkeit der Studenten, die nnf- gefordert wurden, nach Kräften zu einem würdigen Empfange des erlanchten Gastes beizutragen lind dann kam der große Tag: genau zur festgesetzten Stunde traf die schwarze Majestät, von zwei Sekretären und einem Dolmetsch begleitet, in Cambridge ein, wurde mit Musik empfangen, bestieg unter dem Jubel der Menge die bereitstehcnde Equipage und dankte für alle Kundgebungen durch eine merkwürdig tie’e Verneigung des ganzen Oberkörpers. Man lud den Siiltan auch ein, einem Gottesdienst in der Kapelle des Kings College beizmvohnen, aber der Herrscher von Sansibar schien diese Einladung nicht günstig aufznnehmen ; der Dolmetscher erklärte daun, es vertrage sich nicht mit den Ueberzengungen Seiner ’Dtajeftät, als Besucher die heiligen Tempel von Gläubigen einer anderen Religion zu betreten. Diese taktvolle Anschauung des Sultans rührte den Bürgermeister tief. Am Abend reiste der hohe Herr daun unter den Iubelrnseu der Bevölkerung ab. Wie groß aber war am nächsten Morgen der Schrecken und die Empörung des würdigen Herrn Bürgermeisters und der ehrbaren Herren Stadtväter von Cambridge, als sie ans Londoner Blättern ersahen, daß der echte Sultan von Sansibar an dem betreffenden Tage als Gast in einem der königlichen Schlösser geweilt hatte.
§!at-Aufgabe.
Hinterhand spielt Treff-Solo auf folgende Karten:
Das Spiel geht verloren, obwohl noch 21 Augen im Skat liegen. — Wie saßen die Karten imb wie mußte gespielt werden? Auflösung in nächster Nummer.
Auflösung des Logogriphs in voriger Nummer: Eger, Eber, Neger.
Redaktion: K. Neura tb. — Rotationsdruck und Verlaa der Brühl'schen Uninersstäm-Buch- und Steindruckerei, N. Lang«, Giejr»


