— ,3,94 —
Er w ollte Karriere machen, weil er die Arbeit liebte, und weil ihn die praktische Verwendung seiner Kenntnisse und Fähigkeiten reizte, und da war ihm der Adel tun förderlich.
Er begründete sein Gesuch mit der Motivierung, daß vor vielen Jahren in seiner Familie der hannoversche Militäradel erblich gewesen sei, daß er aber später von dem preußischen Heroldsamt nicht anerkannt wurde. Trotzdem hätte er vielleicht kein Gehör gefunden, wenn man nicht schon in Berlin au maßgebender Stelle auf ihn aufmerksam geworden wäre.
Zum Teil hatte er allerdings auch Alexas wegen um den Adel nachgesucht. Als seine Schwester ihm vor einigen Monaten davon sprach, daß sie doch wohl dem Werben ihres alten Verehrers nachgeben werde, da war sein erster Gedanke gewesen, nun auch zu heiraten. Er hatte im Geiste Umschau gehalten unter allen jungen Damen, die er kannte und die für ihn in Frage kamen, und immer» wieder war er auf Alexa zurückgekommen. Eine bessere Frau als die, konnte er sich nach seiner Meinung gar nicht wünschen, aber er verkannte die Schwierigkeiten nicht, die sich ihm, dem Bürgerlichen, entgegenstellten, wenn er die Absicht zeigen würde, ernstlich um sie zu werben. Daß Alexa, falls sie ihn jemals lieben sollte, an seinem bürgerlichen Namen Anstoß nehmen würde, hielt er für ausgeschlossen, aber er kannte die starren Ansichten der Gräfin und den Einfluß, den sie auf ihren Mann ausübte, obgleich ■— oder vielleicht gerade weil der sein freier Herr War und tun ititb lassen konnte, was er wollte--.
War er aber iwbilitiert, so würde die Gräfin ihn zwar auch noch nicht als ihresgleichen ansehen, aber dann war doch wenigstens die Möglichkeit vorhanden, daß sie sich mit Würde in das Unvermeidliche fügen würde.
Natürlich war der Landrat auch Leutnant der Reserve. Er hatte bei einem sehr feudalen Kavallerieregiment gedient, und trotzdem er damals nichts in die Wagschale zu werfen hatte, als seinen bürgerlichen- Namen und seine Millionen, war er doch bei seinem alten Regiment Offizier geworden, und er erzählte jetzt von einem Herrenabend, den er noch vor wenigen Tagen dort mitgemacht hatte. Auch zwei königliche Prinzen hatten daran teilgenvmmen, und von denen kam das Gespräch auf den Hof, auf einige neue harmlose Kaiseranekdoten und schließlich auf die Vorliebe des Herrschers für den Automobilsport.
„Sie werden sich schon auch noch bekehren lassen, Herr Baron," meinte der Landrat. „Oder stehen Sie dem modernen Kraftwagen noch immer so ablehnend gegenüber wie damals, als wir am ersten Tage unserer Bekanntschaft davon sprachen?"
„Sie haben mich ganz falsch verstanden, Herr Landrat. Ich habe die Wichtigkeit des Automobils nie verkannt, aber keine, selbst nicht die schönste Automobilfahrt bietest mir einen Ersatz für das Vergnügen, ein paar feurige Jucker zu lenken, — oder nun gar erst einen schönen Gaul zu reiten."
„Ganz meine Ansicht, lieber Baron," stimmte der Graf ihm bei, „und ich meine: wir alten Kavalleristen haben die Pflicht, die den Gäulen gelobte Treue bis an den Tod zu halten, und wer seinen Pferden die Beine abschraubt und sie auf Kammer gibt, der sündigt an dem herrlichsten Geschöpf, das der liebe Herrgott nächst dem Menschen hat auf tue Welt kommen lassen."
„Bravo, Herr Graf," rief der Baron.
Aber der Landrat erhob abwehrend beide Hände: .Meine Herren, verzeihen Sie das harte Wort: Sie reden von Dingen, die Sie nicht verstehen. Sie, Herr Graf, Haben mir zu wiederholten Malen erklärt, keine Macht der Erde brächte Sie je in ein Automobil, und Sie, Herr- Baron, sagten einmal: ich vermeide es soviel wie nur möglich, mich in ein Auto zu setzen. — Ja, meine Herren, wre wollen Sie denn da Freude und Lust an dem neuen Sport bekommen, wenn Sie ihn gar nicht pflegen? Wie soll rch Sie denn da bekehren?"
„Aber wir wollen uns doch auch gar nicht bekehren lassen, tiefen der Baron und der Graf fast gleichzeitig, uw> der Graf fing noch einmal an: „Wir alten Kavalleristen — —"
, ,.r das Wort sehr schön, er berauschte sich gewissermaßen daran, und sicher hätte er eine begeisterte {Rehe über seine kavalleristische Tätigkeit gehalten, trotz-
I deüi 'er sie, solange er im Dienst war, täglich verwünschtet wenn der Landrat ihü nicht unterbrochen hätte.
, „Ich bin doch auch Kavallerist gewesen, Herr Graf, Seine Majestät ist doch auch ein leidenschaftlicher Reiter. Ich erinnere Sie nur an seine Teilnahme an den Parforcejagden und an die großen Kavallerieattacken, die er in jedem Manöver selbst anführt. Aber das eine schließt doch das andere nicht aus. Ich will Ihnen sogar entgegenkommen, Ihnen gestehen, daß ich mir das Automobil zuerst nur kaufte, weil es Mode war und weil ich es satt hatte, mich danach fragen zu lassen, wann ich mir einen Wagen kaufen würde. Aber seitdem ich ihn habe, liebe ich ihn mit allen Fasern meines Herzens."
„Und Ihre schönen Gäule stehen unterdessen im Stall und bekommen dicke Beine," schalt der Graf. „Sie werden steif und lahm, —-. es ist ein Jammer."
Der Landrat wurde ein klein wenig verlegen: „Sie haben vielleicht recht. Das Klügste wäre es schon, die Tiere zu verkaufen, — aber ich kann mich doch nicht von ihnen trennen. Sie wissen übrigens, Herr Baron, daß Sie mir noch einen Besuch schuldig sind, — eigentlich weniger mir, als meinem Stall. Es würde mich aufrichtig freuen,- Ihnen meine Pferde einmal vorreiten und vorfahren zu lassen. Wenn es Ihnen recht ist, lasse ich Sie einmal zu mir abholen. . Mein Kutscher wird froh fein, wenn er mal endlich wieder jemand fahren darf."
Der Baron erklärte sich sehr gern zu dem Besuch bereit, dann aber fragte er: „Ist es nicht auch ein Unrecht gegen ^ren Kutscher, daß Sie Dem gar keine Arbeit mehr geben? Er verlernt das Fahren, nnd wenn es später ein Unglück gwt, — was dann? Auch die Pferde wollen täglich im Geschirr gehen; spannt man die nur alle paar Wochen ein, dann werden sie unruhig und machen Dummheiten."
„Mit mir nicht!" rief der Landrat, „ich setze mich nicht mehr rein in den Wagen, das geht mir lauge nicht metjr schnell genug. Aber wissen Sie — so dahiuzusausen auf inenschenleerer Chaussee — hast du, was kauust du — unnier noch etn bißchen schneller — es sieht's ja keiner —. Na, und wenn schon! Wenn mich- einer wegen zu schnellen Fahrens anzeigt, daun bestrafe ich mich selbst, aber natürlich verhöre ich vorher den Angeschuldigteii, und Meisters bin ich dann dazugekommen, mich freizusprechen und die von nur gegen mich selbst erhobene Anzeige als unbegründet zurückzuweisen."
Alle lachten. Aber der Landrat widersprach: „Ich meine das ganz ernsthaft, meine Herrschaften; beim ich werbe boch nicht das Gesetz umgehen! Einmal habe ich Mich auch zu hunbert Mark Geldstrafe, im Nichtbeitreibnngs- falle für je zehn Mark zu einem Tag Haft, verurteilt —
„Und haben Sie gesessen?" rief Alexa lustig.
„Ich wollte sitzen, Komtesse, denn ich war gerade damals sehr erkältet und konnte sowieso nicht aiisgehen. Aber bevor ich meine Strafe antrat, legte ich gegen meine Verurteilung bei mir selbst Revision ein und kam dann doch zu einem Freispruch. Die hundert Mark schenkte ich aber trotzdem an demselben Tage einer armen Familie; denn gerecht, wie ich nun einmal bin, kam ich zu der Ucberzeügung, daß ich wenigstens die Kosten des Verfahrens auf mich nehmen müßte."
Dann kani das Gespräch wieder auf das Automobil und die Pferde zurück, und Alexa rief plötzlich: „Herrgott, Herr Landrat, jetzt könnten Sie mich doch! wirklich mal zu einer Automobilsahrt abholen! Früher ging es ja nicht« wir hatten ja keine Anstandsdame. Ihre Schwester fährt nicht, Mama wollte nicht, Dagmar auch nicht, von Papa gar nicht zu reden. Nun aber geht es: der Baron muß mit! Das ist famos!" Und in freudiger Erregung klatschte w vergnügt in die Hände: „Nicht wahr, Herr Baron, Sie mb fein Spielverderber?"
Der stimmte lachend bei: „Wenn ich Ihnen damit einen Gefallen tun kann, gern. Aber hoffentlich fährt Komtesse Dagmar auch mit, denn wenn Sie vorn sitzen — und das tun Sie, soweit ich 'Sie kenne, ganz sicher, dann mmi ich während der ganzen Fahrt den Mund halten« rnd das ist langweilig." nUd sich an Dagmar wendend« fragte er: „Könnten Sie sich nicht auch entschließen, mit- zufahren, Komtesse?"
, „Unter keinen Umständen. Bitte, geben Sie diesen Gedanken ganz aus." '
Vielleicht besinnen Sie sich doch noch eines anderen« Komtesse. Sie haben mir ja bisher stets die Freude ge«


