Donnerstag, den 27. Juni
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Die von Gründingen.
Roman von Freiherr von Schlicht.
(Nachdruck verboten.) (Fortsetzung.)
Die Gräfin fühlte es ihm ja nach, daß es für ihn ein eigentümliches Gefühl sein mußte, den altadeligen Geschlechtern jetzt bis zu einer gewissen Grenze gleichberechtigt und gleichgestellt zu sein! Vielleicht mochte er es auch empfinden, daß man über seine Erhebung in den Adelsstand doch einige spöttische und höhnische Bemerkungen gemacht hatte, daß man ihn noch nicht für so voll ansah, wie er es wohl wünschte. Und es nahm sie sehr für ihn ein, daß er ihr trotz seines neuen Namens mit alter Bescheidenheit gegenübertrat, nicht mit seinem Adel prahlte, die Bewohner des Schlosses nicht mit kardialer Herzlichkeit begrüßte, sondern daß er auch jetzt noch die Schranken anerkannte, die zwischen einem einfachen „von" und dem stolzen gräWchen und früher reichsunmittelbaren Geschlecht derer von und zu Gründingen bestanden.
In Wirklichkeit hatte aber die Befangenheit und Unruhe des Landrates einen ganz anderen Grund, und wenn sich die Gräfin, im Gegensatz zu anderen Müttern, nie mit dem Gedanken beschäftigte, daß ihre Kinder auch jemals heiraten würden, schon deshalb nicht, weil nach ihrer Auffassung selbst der Höchstgeborene noch nicht gut genug für ihre Töchter war, so hätte sie vielleicht bemerkt, daß die unnatürliche Lebhaftigkeit des Landrats, die seiner Verlegenheit entsprang, dann am stärksten war, wenn er sich am lebhaftesten mit Alexa unterhielt--.
Und sie hätte dann daraus doch vielleicht ihre Schliisse gezogen und dann ihrerseits nach einem Gummi gerufen, um den Bindestrich, der da zwischen den beiden anscheinend gezogen wurde, schnell und gründlich auszuradieren. — •—
Die Freundschaft zwischen Alexa und dem Landrat war ebenso alt wie ihre Bekanntschaft. Als er auf Schloß Gründingen vor nunmehr zwei Jahren seinen Antrittsbesuch machte, hatte sie gleich an ihm Gefallen gefunden. Von hoher, vornehmer, eleganter Erscheinung, war er der Typus des modernen Beamten, der — im Gegensatz zu früher —nicht nur Wert auf umfassende Kenntnisse, sondern auch auf das Aeußere seiner Erscheinung legt, weil er ganz genau weiß, daß heute die Gabe und die Fähigkeit, nach außen hin zu repräsentieren, oft von entscheidendem Einfluß ist. Er war sehr reich und kannte sehr genau den Vorteil, der ihm auch hieraus für ein späteres Avancement zugute kam. Trotzdem aber war er doch nur so weit von dem Wert seiner Persönlichkeit durchdrungen, als er es aus praktischen Gründen der Oeffentlichkeit gegenüber für nötig hielt. Er hatte den Ehrgeiz, Karriere zu machen, aber er war kein Kriecher und kein Streber, im Gegenteil: er trat seinen höchsten Vorgesetzten mit derselben Ruhe entgegen, die er stets im Verkehr zur Schau trug, und dies hatte
im Verein mit seinen Fähigkeiten und seinem Reichtum schon lange die Aufmerksamkeit der maßgebenden, oberen Kreise auf ihn gelenkt.
Er war im Laufe der Jahre ein häufiger, gern gesehener Gast auf Schloß Gründingen gewesen, und er hatte in seinem mit allem nur denkbarer Luxus eingerichteten Heim, dem seine verwitwete Schwester Vorstand, auch die gräfliche Familie zu wiederholten Malen begrüßen und bewirten dürfen.
Aber sonderbarerweise war die Freundschaft zwischen ihm und Alexa stets auf demselben Punkt geblieben, den sie am ersten Tag erreicht hatte. Sie hätten selbst nicht sagen können, woran das lag, vielleicht hatten sie auch beide nicht den Wunsch gehabt, daß ein wärmerer Ton zwischen ihnen Platz greifen möge.
Aber mit Erstaunen, mit einer leisen Verlegenheit und Unruhe bemerkte Alexa jetzt, daß das in Zukunft anders werden zu sollen schien, daß er die Absicht habe, um sie zu werben, daß er nicht mehr damit zufrieden war, in ihr nur die Freundin zu sehen. Die Art und Weise, wie er sich im Gespräch meist an sie wandte, die Blicke, mit denen er sie oft von der Seite streifte, die Aufmerksamkeiten, die er ihr in jeder Hinsicht bewies, schienen ihr mit ihrer Vermutung recht zu geben.
Uni) sie glaubte die Gewißheit dafür zu erhalten, als her Landrat jetzt erzählte, daß ihm eine schwere Trennung bevorstände. Seine Schwester stand im Begriff, sich wieder zu verloben und sehr bald zu verheiraten. Dann war sein Haus vereinsamt, und er mußte sich nach einer anderen Dame umsehen, die die Repräsentation übernahm.
Alexa wußte, daß die Schwester die Schuld trug, daß der Landrat noch ledig war. Er hatte selbst oft scherzend davon gesprochen und erklärt: selbst wenn er eine Göttin an Schönheit, Klugheit, Anmut und allen anderen möglichen und unmöglichen Tugenden seiner Schwester zu- führen und erklären würde: das ist meine Braut, selbst dann würde sie sagen: die ist für dich noch lange nicht gut genug. Und sie würde ihm keine Ruhe lassen, bis er ihr zuliebe doch wieder frei und ungebunden dastand.
„So hatte ich also doch recht, wenn ich annahm, daß er sich nur uobilitieren ließ, weil er sich verheiraten will," dachte die Gräfin.
Aber auch da hatte sie unrecht. In Wirklichkeit hatte er einen ganz anderen Grund, der ihn veranlaßt hatte, darum zu bitten, daß ihm der Adel, der früher schon einmal in feiner Familie erblich gewesen war, von neuem verliehen werde. Er konnte sich nicht darüber täuschen, daß sein bürgerlicher Name ihm für eine Karriere, wie er sie sich dachte, doch ein Hindernis war. Gewiß, auch Bürgerliche brachten es zum Minister. Aber trotzdem: schaden konnte der Adel keineswegs, und damit war ihm auch die Möglichkeit gegeben, in die nächste Nähe der maßgebenden Persönlichkeiten zu kommen, mit ihnen in direkte Berührung zu treten.


