Ausgabe 
27.4.1912
 
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schling. Gaudi selbst schildert in seinem Journal, das als Manuskript im Kriegsarchiv des Generalstabs aufbewahrt wird, die Vorgänge folgendermaßen:Die einbrechende Nacht verhin­derte auf dieser Seite etwas weiteres jit unternehmen, daher er- theilte der König dem General-Lieutenant Hülsen die Ordre, die Infanterie, welche durch die letzte Attaque noch mehr in Un­ordnung gekommen war, hinter dem morastigen Graben (Striehbach) zu sammlen und in Ordnung zu bringen, "welches unter Protektion der Kavallerie, die zu dieser Zeit diesseits desselben neben dem Dorffe Neiden in zwei Treffen ausmarschiert stand "füglich geschehen konnte; er setzte hinzu, daß der Feind gleichfalls ungemein viel verlohren hätte, und da ihm das Corps des Generals Zielen rwch im Rücken stände, so würde er nicht wagen in seiner Stellung zu bleiben, sondern sich in der folgenden Macht über die Elbe zurück ziehen, alsdann die Bataille dennoch für uns gewonnen wäre; so Ivaren seine Ausdrücke, und da er sich die ganze Schlacht durch; in welcher ihm zwei Pferde unter dem Leibe erschossen wurden, dem größten Feuer ausgesetzt und eine starke Contuston von einer Kartätschen-Kugel auf der Brust bekommen hatte, so gieng er für seine Person nach Elsnig, welches nahe am Schlachtfeld« lag und hinterließ, daß ihm alles dahin gemeldet werden sollte. Der Generallieutenant Hülsen befolgte also die ihm ertheilte Ordre; das Feuer hörte auf dieser Seite auf, die Infanterie zog sich hinter vorgedachten morastigen Graben. . . Kaum hatte man ange­fangen, sich allhier zu formieren, als man etwa um V26 Uhr jenseits dem Dorffe Süptitz ein heftiges Infanterie- und Ar­tilleriefeuer hörete. Der Generallieutenant Hülsen verfügte sich gleich zu der vor dem Graben stehenden Kavallerie, und man tonnte allhier deutlich, vermöge des Feuers des Feindes und des Brandes, der in Süptitz entstanden war, und die dortige Gegend ganz erhellete, entdecken, daß er mit der Fronte nach dem Dorffe stand und dahin sein Feuer richtete; kurz nachher Kman auch, daß von der Seite von Großwig, welcher Ort während der Bataille in der linken Flanque lag, attaquiret Wurde, und aus seinem dahingemachten Feuer bemerkte man, daß. er sich auch nach dieser Seite vertheidigte; es war also anzu­nehmen, daß dieser Angriff vor dem Korps des Generals Zielen geschähe. Hülsens Eiffer und Bravoure n .en der ganzen Armee bekannt, allein selbst nützliche Entschließungen zu fassen wurde ihm Schwer, und er halte, wenn es auf dergleichen amkam, auch seines when Alters wegen Hilfe nötig. Er hatte einen Offizier bei ich (Gaudi), der in solchen Gelegenheit«! ihin Vorschläge thun mrfte; dieser rieth ihm also zur Unterstützung des jetzigen Angriffs, den das Zietensche Korps machte, mit einigen Hin- Im: dem morastigen Graben stehenden frischen Bataillons vorzu­rücken, welches der Feind, der uns auf dieser Seite für ge­schlagen hielt, gewiß nicht vermuthen würde, und dadurch die Sache entschieden werden könnte. Allein der Generallieutenant Hülsen schützte gegen dieses die ausdrückliche Ordre des Königs Vor, daß nemlich hinter gedachten Graben die Infanterie stehen bleiben sollte, ein Grund, der bei denen jetzigen Umständen nicht Mehr für gültig angesehen werden durste. Man drang also in diesen alten Mann, daß er doch jetzo den schönen Augenblick nicht Versäumen möchte, da ohnehin an dem heutigen Tage alles aufs Spiel stände. Nach vielem Widerspruch, der lediglich aus Un­entschlossenheit herrührete, ließ er sich bewegen, in den gemach­ten Vorschlag zu willigen, kehrete also zu der Infanterie zurück. Und ließ 2 Bataillons Moritz mit rechtsum längs dem Walde Vorrücken, wobei sich auch einige schwere Kanonen befanden; die Übrige Infanterie blieb hinter dem Graben sowie die Kavallerie Vor demselben sieben. Der Generallieutenant Hülsen ließ also die bei sich habende zwei Bataillons, an die, während der Zeit er sich hierher zog, noch einige hundert Mann von verschie­denen Infanterie-Regimentern sich angeschlossen hatten, in der Nunmehrigen rechten Flanke derer ftindllchen Truppen, die jetzo mit dem Zietenschen Korps im größten Feuer standen, sich sor- iniren und selbige aus seiner Artillerie beschießen."

Während Gaudi in dieser Darstellung seines Tagebuches von sich in der dritten Person sprichlt, hat er in seinem ausführlichen Schreiben, das er bald nach! der Schlacht an den Prinzen Hein­rich sandte, viel deutlicher sein persönliches Eingreifen charak­terisiert.Es glückte mir," erzählt er da,den General Hüls«,, mit dem ich während der ganzen Schlacht zusammen gewesen war, davon zu überzeugen, daß man sich nicht zurückhalten dürfe, sondern noch einen Versuch machen müßte. Der letzte Louisdor stand auf dem Spiele; ich hatte in diesem' Augenblick die vier Reservebataillone anlangen sehen, die in der dritten Kolonne hin­ter der Kavallerie der Linken marschiert waren. Wir hörteul, daß das Feuer von der Seite Zielens her sich Uns näherhe!, und das schien Uns ein gutes Vorzeichen; es mußte also eine letzte Anstrengung gemacht werden. Das Regiment Mt-Schencken- dorff, das diese Reserve bildete, überschritt den Bach und rückte vorwärts; es gab noch andere Leute mit gutem Willen, die zerstreute Soldaten sammelten und sich Uns anschlossen."

Es ist nicht anzunehmen, daß Gaudi dem Prinzen Hein­rich, der nicht nur von seinem königlichen Bruder, sondern auch von anderen Augenzeugen Nachricht über den Verlauf der Schlacht erhielt, eine Schilderung gegeben habe,, in der fein Verdienst ungebührlich hervortrat. Jedenfalls gewinnt die Frage, wer den Slücklichen Gedanken hatte, gegen den ausdrücklich gegebenen befehl des Königs noch einmal die Offensive zu ergreifen, ent­

scheidende Bedeutung. Denn dieser Mann erwies nicht nur seinem Herrscher, sondern dem Vaterlande, dessen Geschick auf des Messers Schneide stand, einen gewaltigen Menst und entschied das Schick­sal der Schlacht zu Gunsten der Preußen.

Wer war es nun, der das Regiment Alt-Schenckendorff, das vorher nach seinem Führer Moritz von Anhalt-Dessau genannt -worden war, zum Sturm auf die Süptitzer Höhen veranlaßte? In seiner Darstellung der Schlacht sagt Friedrich der Große: Der König ließ das Regiment vorrücken," aber das ist ein Irrtum Friedrichs, denn er befand sich! zu der Zeit, als das Regiment eintraf, nicht mehr bei der Hülsenschen Truppe, sondern wahrscheinlich bereits bei der Kavallerie. Hier bei der Kavallerie, und nicht, wie die Tradition meldet, in der Dorst- kirche von Elsnig empfing er die Meldung von dem geglückten! Sturm auf die Süptitzer Höhen, so daß die von Menzel ver- herrlichte Szene in der Dorfkirche in das Reich der Legende zu verweisen ist. Wichtig ist es, daß diese erste Meldung des Sieges durch einen Offizier des Major von Lestwitz geschah, denn dem Major Lestwitz vom Regiment Alt-Braunschweig ist lange und bis in die allerneueste Zeit der Ruhm zugeschrieben worden, die Truppen noch einmal in Bewegung gebracht und damit den Sieg errungen zu haben. Eine Umfassende kritische Betrachtung der Quellen für diese Erzählung, die in dem neuen Werk des Großen Generalstabs durchgeKhrt wird, läßt es als unzweifelhast erscheinen, daß. die Initiative nicht von Lestwitz ausging, son­dern daß er einer der von Gaudi erwähnten Leute mit gutem! Willen war, die sich dem Angriff des Regiments Alt-Schencken- dorff anschlossen. 'Die Tradition, daß er die ersten Truppen gesammelt habe, ist erst 40 Jahre nach seinem Tode niederge­schrieben worden, und wird daraus entstanden sein, daß Fried­rich der Große später Lestwitz für seine vielfach bewiesene Bra­vour große Ehrungen zuteil werden ließ.

Der wahre Sieger von Torgau aber hat bis zu seinem Le­bensende die Anerkennung nicht gefunden, die ihm gebührt, denn der Ruhm, die bereits verlöschende F'cknnme des Kampfes neu! entfacht und zum Siegesfanal gesteigert zu haben, wird ihm' nicht mehr geschnrälert werden dürfen. Nachdem festgestellt ist, daß die Initiative zu dem neuen Angriff von Hülsen ausging, kann auch als sicher angenommen werden, d! der eigentliche Vater dieser Idee und dieser Tat sein Adjutant Gaudi war, der ihn zu dem Whnen Entschluß üsberredete. So bringt die spät« Anerkennung, die jetzt Gaudis Schaffen als Kriegshistoriker fin­det, auch seine Verdienste als Stratege erst zur vollen Geltung..

volkstümliches vom Maikäfer.

Von allen Frühlingsboten wird Wohl der Maikäfer besonders! von der lieben Jugend mit Freuden begrüßt. Wer hätte nicht als Kind das allgemein verbreitete Maikäserlied gesungen:

Maikäfer fliege,

Dein Vater ist im Kriege,

Deine Mutter ist im Pommerland, Pommerland ist abgebrannt, Maikäfer fliege!

Pommerland ist abgebrannt, wie schrecklich das cklingt! Erwachsene denken sich freilich nichts dabei. Die Mädchen haben nur acht darauf, wohin der Maikäfer fliegt, sofern sie daran glauben, daß der Käfer die Richtung angibt, in welcher der z-ukünftige Ge­liebte wohnt. Kinder stellen sich- aber wohl vor, daß einst im Pommerland ein mächtiger Brand stattgesunden habe und der Maikäfer zu demselben in Beziehung stehe. Wollen wir zu einer Aufklärung gelangen, so müssen wir uns her früheren Schreibweise bedienen und diese lautet:Pömmelland", welche wieder gesetzt worden ist an Stelle vonEngelland", wie dies in alten mythischen Rätseln geschehen. Den Aufenthalt der Seelen, das Land der Engel, stellten sich die alten Germanen als einen herrlichen Obst­garten vor, welcher in späterer Zeit nach dem lateinischen ponnume Frucht, besonders Apfelfrucht, die Bezeichnung Pömmelland er­hielt, woraus dann nach und nach Mißverstäudlicherweise Pommer­land gebildet wurde. Die Jdeenverbinduug unserer Vorfahren, den Maikäfer mit dem Sngelreidje zu verbinden, erklärt sich folgendermaßen: Nach indogermanischem Volksglauben waren die Gottheiten einer jährlichen Veränderung 'unterworfen. Zeus und Here vermählten sich! im Mai, wurden Vater und Mutter, dann alt, verjüngten sich! in einem Flusse, wurden Jüngling und Jung­frau, und wenn der Mai wiederkam, vermählten sie sich wieder. Auch nach germanischem Glauben war dasselbe bei Odin und Freia der Fall, die sich am ersten Tage des Mai, des Monats, in welchem die verjüngte Natur Früchte ansetzt, vermählten.

Der Maikäfer hat seinen Namen daher, daß er im Mai er­scheint, int Mai sich begattet, in die Erde gräbt nni> Eier legt Sein Leben in dem wichtigen Hochzeitsmonate des Odin und der Freia machte in den Augen der Germanen den Maikäfer einem diesen beiden Gottheiten heiligen Geschöpf. Der Käfer, welcher zur Sonne fliegen, aber auch in die Erde kriegen kann, im Monate des Fruchtansatzes in der Oberwelt lebt, wird zum Führer der Seelen in das Seelenreich gemacht, wofür ein Märchen den deutlichen Beweis gibt. Ein graues Männchen (ein Elf, der sein Heim im Innern der Erde hat, bei Holle wohnt, daher auch den Namen Holdchen führt) schenkte einem,Knab«r ein Kästchen mit einens Käfer. Der Knabe wurde mit anderen Kindern von