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Samstag den 27. Apru
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Der König von Thule.
Roman von Paul Grab ein, (Nachdruck verboten.) (Fortsetzung.)
Immer von einem Arm in den andern flog wie eine leichte Feder die ri s ge Tänzerin, und der Sturmwind b(ies dazu eine wilde Melodie, daß es droben im Tauwerk ganz merkwürdig pfiff und heulte. An Bord war alles fest und dicht gemacht worden, denn die immer hoher gehende See wusch von Zeit zu Zeit mit mächtigem Sturz über das Schiff weg; selbst in das obere Promenadendeck war trotz der vorgespannten Segelleinwand eben eine vorwitzige Woge prasselnd eingebrochen, mitten zwischen die aufkreischenden Damen hinein, die dort in ihren Bordstühlen, bange zusammengepfercht, lagen. Nun gaben die meisten von ihnen auch diesen letzten, verlorenen Posten auf und wankten, gestützt von den Stewardessen, mit stumpfer Resignation in die Kabinen hinunter, um da das Unent- rinnbare über sich ergehen zu lassen.
Nur wenige Damen, aber auch diese fast alle schon Mit grünlich-fahlen Wangen und bleicher Nase, wagten noch heroisch den Aufenthalt an Deck, auf dem in kleinen Gruppen auch die seefesten Herren standen, breitbeinig, sich fest am Geländer haltend, um nicht auf dem schräg geneigten, vom Wasser spiegelglatten Deck auszugleiten.
Eine kleine Gesellschaft hatte im Schutz der Treppe zum Sonnendeck Posto gefaßt. Auf zwei Bordstühlen lagen hier, bis an die Nase in Plaids gehüllt, langausgestreckt Mr. unb. Mrs. Sonderham, und bei ihnen standen mit dem Kapitän Neidhardt Frau Söllnitz und Am hör. Mr. Sanderham lag regungslos in seine Tücher ein gewickelt wie eine ägyptische Mumie, mit einem Stoizismus, her seinesgleichen suchte. Noch hatte ihn zwar die eigentliche Krankheit nicht erfaßt, aber er war sicher, daß die leiseste Bewegung auch ihn „liefern" würde. So lag er denn schon seit einer Stunde, ohne mit der Wimper zu zucken, und stierte hinter den Brillengläsern hervor krampfhaft immer nach einem festen Punkt an der Takelage. Irgend jemand hatte ihm dies Mittel empfohlen. Er tat, als ob ihm ringsum auf der Welt nichts mehr anginge, selbst das todesbange Stöhnen und Jammern oer Gattin uebanan richrte ihn keinen Deut mehr.
Die gesund gebliebenen drei anderen hatten sich alle erdenkliche Mühe gegeben, den tragikomischen Leiden ihrer Schiffsgenossen nach Möglichkeit abzuhelsen. Allerhand Fläschchen und Büchschen auf Mrs. Sanoerhams Schoß zeugten von diesen vergeblichen Versuchen. Nun aber fand Umthor, daß sie, da doch nichts zu helfen war, genug hier geweilt hatten; er forderte Frau Söllnitz und den Kapitän auf, mit fchm nach vorn zu kommen, um das Schauspiel der sturmgepeitschten See zu genießen.
„O — verlassen Sie mir nicht!" flehte aber Mrs. Sanderham in wahrer Todesangst, doch ohne sich zu rühren; nur ihre dunklen Augen baten um so eindringlicher.
Da brachte es der selbst gegen Damen in dieser Verfassung noch galante Kapitän nicht fertig, die Bedauernswerte hier ihrem Schicksal zu überlassem
„Ich bleibe bei Ihnen," tröstete er, sich einen Stuhl herzurückend, die arme kleine Frau und schlang sorgfältig das windgelöste Plaid wieder fest um ihre Schultern. Ein matter Dankesblick lohnte ihm sein Samariterwerk. „Gehen Sie ruhig, gnädige Frau, mit dem Herrn Doktor," redete er der noch zaudernden Frau Söllnitz zu. „Sie sehen ja," er lächelte, „ich bin ein alterfahrener Lazarettgehilfe. Mrs. Sanderham ist bei mir in bester Hand."
Die junge Frau blickte noch einmal fragend auf Am- thor; aber ein etwas ungeduldiges Zucken in seinem Gesicht brachte sie schnell )um En.schluß.
„Seien Sie mir nicht bös, Mrs. Sanderham," bat sie, sich über die Liegende neigend. „Aber ich möchte wirklich ein bißchen nach vorn, an die frische Lust."
So ging sie mit Amthor fort, den Promenadengang hinauf.
„Sie haben sich wirklich lange genug für Mrs. Sanderham geopsert," sagte ihr Begleiter gleich nach wenigen Schritten. „Man muß die Menschenfreundlichkeit auch nicht übertreiben. Die gute Mistreß ist überhaupt eine kleine Egoistin, hinter all ihrer Niedlichtuerei. Sie kann doch aber nicht verlangen, daß Sie den ganzen Tag bei ihr sitzen!"
„Sie haben ja wohl recht, —" gab Frau Eva zm Der Wind benahm ihr plötzlich den Atem. Sie waren im Begriff, um die Ecke des Ganges zu biegen, wo nun der Sturm in aller Heftigkeit ihnen entgegenschlug. Mit vorgebeugtem Oberkörper kämpfte sich die junge Frau lachend gegen den Unhold an, der sie wütend am Kleid zerrte. Drei Herren standen hier vorn, in dicke Ulster und Winterpaletots gemummt.
„Kognak — immer egal Kognak! Das einzige Mittel!"
Es war die näselnde Kommandostimme des Herrn von Kreßmann, der diesen guten Rat dem zweiten Herrn gab, der offenbar auch bereits abzufallen begann. Nun drehte er sich, durch des Leutnants plötzlichen Gruß veranlaßt, um — der Regierungsrat. Im selben Augenblick, als er die beiden Herannahenden bemerkt, wandte er sich allerdings schnell wieder ab, sich mit den Händen die Mütze, festhalteud, als habe er sie nicht erkannt.
Frau Söllnitz war es höchst peinlich, gerade ihn hier zu treffen, den sie sich am allerwenigsten gewünscht hätte. Sie war seit dem Gespräch vorgestern abend Herrn Görtz-, Schilling nicht wieder begegnet.
„Wollen wir da hinauf?" fragte sie Amthor schnell, auf die nahe Treppe zum Sonnenoeck weisend.
„Wenn es Ihnen oben nicht zu sehr zieht," erwiderte er zu ihr tretend.


