Ausgabe 
27.3.1912
 
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Nein, nein offne den Sonnenschein des Glücks' gibt es rein wahres' Leben! Was Sie da Preisen, ist die traurige Weisheit des Mters, dem alle Lebensfrische schon verdorrt ift, Aber solang das Herz noch jung ist, schreit es ua!ch 'Glück nach etwas, au das es sich hängen kann mit feinem Sehnen und Hoffen, mit feinen innersten Fasern!"

Es war etwas geheim Leidenschaftliches in ihrer Stimme, so daß er nun teilnehmend forschend den Blick auf sie heftete, auf ihr feines Gesicht, in dem es da so schmerzlich aufznckte. Das war der leise Aufschrei einer suchenden Seele, die dem Glück in blindem Irren nachjagte.

(Fortsetzung folgt.)'

Eine Heldin.

Novelle von Max Karl Böttcher-Chemnitz.

(Nachdruck verboten.)

(Fortsetzung.)

Am Nachmittag desselben Tages überbrachte Herr von Merkwitz dem Herzog ein Gesuch des Kammerherrn Grafen zu Hollen um Gewährung einer Audienz.

Hans Jochen wollte eben eine Ausfahrt unternehmen. Wo ist der Graf?"

Bitten Sie ihn hierher."

Während Merkwitz sich seines Auftrages entledigte, durchmaß der Herzog mit großen Schritten sein Arberts- zimmer, dann blieb er in Gedanken versunken am Schreib­tisch stehen. Was mochte der Graf von ihm wollen? Seine Entlassung? Etwas wie Beklommenheit erfaßte den jungen Fürsten. Der Kammerherr war ihm ein unheimlicher Mensch, in seiner Anmaßung, gestarrt mit kriecherischem Devotismus ein widerlicher Mensch.

Da meldete der Leibjäaer den Grafen. Hollen war in großer Uniform. Fast brs zur Erde neigte er sich vor dem Landesherrn.

-Bon jour Herr Graf.

Ew. Hoheit gehorsamster, untertänigster Diener."

Sie haben um eine Audienz nachgesucht. Was wünschen Sie?"

Wollen Ew. Hoheit allergnädigst geruhen, eine Mit­teilung entgegenzunehmen und mir anschließend eine Bitte zu gewähren?"

.Sprechen Sie."

Ich habe mich heute verlobt."

Gratuliere, Graf." Er reichte ihm kühl die Hand.

Gehorsamsten Dank, Ew. Hoheit. Doch die Hofsitte gebietet, daß ich pflichstschuldigst um Ew. Hoheit aller- gnädigsten Konsens gehorsamst bitte."

Den haben Sie natürlich, Graf. Sie wissen doch-, wie ich über solchen äußerlichen Etikettenkram denke. Also nochmals: Ich gratuliere. Und darf man wissen, wer die Uuserwählte Ihres Herzens?"

Ew. Hoheit sind sehr gnädig. Meine Braut ist Fräu­lein von Hämmerling."

Herr sind Sie von Sinnen," schrie der Fürst und trat dicht vor Hollen hist. Doch dieser wich nicht zurück. Auge in Auge standen sich die beiden Männer gegenüber, des Kammerherrn Blick triumphierte. Ml der in den letzten Monaten aufgespeicherte Haß sprühte aus' diesem einzigen Blick.

Hans Jochen hätte sich wieder gefaßt. Mit ruhiger Stimme sagte er:Sprechen Sie, Was soll diese Maskerade, erklären Sie sich."

Das ist in wenigen Worten getan: Fräulein von Hämmerling und ich wir lieben uns."

Das lügen Sie, Herr Graf. Eine Dame von Fräulein Von Hämmerlings Gesinnung kann einen Wann Ihres Schlages nicht lieben."

Ew. Hoheit!" sagte Hollen drohend' und scharf.

Was soll dieser Ton Ihrem' Fürsten und Herrn gegen­über? Ms Chef des herzoglichen Hauses verbiete ich Kathinka von Hämmerling diese Heirat.' Ich habe die Pflicht, für das Glück dieser Name Sorge zu tragenund eine Ehe Kathinkas mit Ihnen zu billigen, hieße: Diese Pflicht verletzen."

Dann wird Fräulein von Hämmerliu selbst zu Ew. Koffeit komiUen, von Ew, Hoheit Konsens zu erflehen."

Der Fürst lachte auf:Das wird W nicht tun, denn sie liebt Sie nicht."

Wie könnte sie mir dann schreiben:Ich bin die Ihre?"

Hans Jochen schien die Fassung zu verlieren. Nur mit Mühe hielt er noch au sich.Mein Herr, Sie leiden an Halluzinationen."

Bitte, Ew. Hoheit," sagte Hollen mit glattem Höflings­lächeln und reichte dem Fürsten Kathinkas Brief.

Hans Jochen warf einen Blick darauf.Wahrhaftig," stieß er hervor. Ihm wurde schwarz vor den Augen.

Lassen Sie mich allein," gebot er noch. Mit stierem Blick sah er dem Höfling nach, bis sich die Tür hintev diesem schloß, dann brach er an seinem Schreibtisch zn- sammen.

Am Abend begab sich der Herzog ohne Begleitung nach dem Gartenpalais der Fürstin. Im Vorzimmer zu der Fürstin Schlafgemach saß Kathinka von Hämmerling. Sie erbleichte als der junge Fürst eintrat.

Verzeihen Sie, wenn ich Sie erschreckte, Kathinka. Aber ich danke dem Zufall, daß ich Sie allein hier treffe, ich habe mit Ihnen zu reden."

Kathinka hob in stummer Bitte die Hände, jedoch der Herzog sagte:Es muß sein, Kathinka, ich werde wahn­sinnig, wenn ich nicht Klarheit bekomme."

Er setzte sich Kathinka gegenüber und schaute geraume Zeit stumm zu Boden, daun sagte er unvermittelt:Wie konnten Sie mir das antun, Kathinka? Gerade mit diesem Menschen?"

Kathinka schwieg.

Aber so sprechen Sie doch, sagen Sie nur ein Wort." Und flehend bat er:Sagen Sie, Kathinka, daß es nicht wahr ist. Es kann ja nicht wahr sein."

Es ist nichts mehr daran zu ändern."

Der Herzog fiel in sich zusammen:Also doch."

Kathinkas Herz wollte brechen. Der stnmme Schmerz, die tiefe Verzweiflung, die Hans Jochen zeigte, waren be­redter, als tanfend Liebesworte. Schon wieder wollte sie die Selbstbeherrschung verlieren, da richtete sie der Ge­danke: Du mußt stark sein, auf. Sie faßte des Herzogs Hand und sagte weich:Hans Jochen, es durfte nicht anders sein, es mußte eine Mauer gebaut werden zwischen uns, der Ehre zuliebe und Clarissa zuliebe."

So, ist es ein Opfer, was Du briugst? Nie werde ich das annehmen, nie nie ein solches Opfer. Im Augen­blick noch löse ich mein Verlöbnis, und jenen Schurken lasse ich ans dem Schlosse peitschen wie einen Hund."

Beide waren aufgesprungen. Kathinka aber wuchs aus sich heraus, wie eilte Heldin stand sie dem Herzog gegenüber, und mit scharfer Stimme sagte sie:Das wirst Du nicht tun, hörst Du, Haus Jochen, denn ich liebe den Grafen.

Nur langsam schien der Herzog das Gehörte zu fassen, aber dann sank er in sich zusammen und wankte hinaus,

*

Am nächsten Tage brachte das Regierungsblatt die Nach­richt:Durch die bevorstehende Vermählung Sr. Hoheit des Herzogs wird das gesamte Hofwesen wesentliche Erweite­rungen erfahren, so daß sich die Neugründung eines Hof­marschallamtes nötig macht. Zum Chef dieses Amtes wurde der Kammerherr Herr Graf zu Hollen unter gleich­zeitiger Ernennung zum Hofmarschall, Exzellenz, bestimmt. Die Leitung des Oberhofmarschallamtes verbleibt weiter in den bewährten Händen Sr. Exzellenz des Herrn Ober­hofmarschalles von Graul."

Zwei Tage später wurde die Verlobung des Hof­marschalles Grafen zu Hollen mit der Hofdame Ihrer Durch­laucht, der Fürstin Clothilde, Fräulein von Hämmerling, veröffentlicht. Noch nie war der joure fixe bei Ihrer Ex­zellenz, Frau Staatsminister Dr. Löwe, so zahlreich be­sucht geweseu wie heute. Aber die Frau Minister wußte auch nicht mehr wie die anderen Damen.Mein Mann war ebenso erstaunt wie wir. Er rechnete täglich mit der Entlassung Hollens, und auch Geheimsekretär Dr. Brian war derselben Meinung und statt dessen diese ungeheuere Beförderung. Nicht wahr, Frau Geheimrat Brian, Sie können das bezeugen?"

Gewiß, Exzellenz, mein Mann glaubte sogar bestimmt, daß Merkwitz Hofmarschall werden würde, denn er hat aus eignem Munde Sr. Hoheit gehört, wie unsympathisch er diesem Hollen gewesen ist,"---

Man wußte also nichts. Ja, diesmal hatten nicht ein­mal die Lakaien und Leibjäger eine Ahnung, die doch sonst