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von denen mehrere einen Damensattel trugen. Prüfend sah sie sich um: da trat der Fremde zu ihr. . ,
„Hier nehmen Sie den Fuchs. Es ist em gutes Tier, xief er.
Dankend nahm Frau Söllnitz das Pferd, mit Hilfe des schnell herbeigeeilten Leutnants sich in den sattel schwingend. 1 . ... . .
Nun waren auch die beiden Herren ansgesessen, und der Leutnant wollte recht forsch abreiten; aber sein Schimmel rührte sich nicht vom Fleck, drängte vielmehr dichter an die anderen Tiere Heran. Kreßmann stieg das Blut zum Kopf, daß hier seine Reitkunst so diskreditiert werden sollte. Wütend stieß er dem hartnäckigen Gaul die Absätze in die Rippen und Hieb mit der Gerte; aber der schüttelte nur phlegmatisch den dicken Kopf.
Fraii Söllnitz lachte hell auf.
„Infamer Schinder! Merkt n türlich, daß man kerne Eisen hat!" wetterte der Leutnant.
„Hierzulande reitet niemand mit Sporen, und es geht auch so," belehrte der Fremde, und- in der Tat ging auf einen leisen Zuruf sein Pferd alsbald anstandslos aus dem H-arrfen heraus.
Wütend sah ihm Kreßmann zu; der Kerl war ihm höchst unsympathisch! Inzwischen hatten zwei der Leute sein und des Regierungsrats Pferd -ergriffen und führten sie -aus dem Gehege heraus. Frau Söllnitz' Tier schloß sich darauf freiwillig den aufbrechenden Geführten an.
Der Fremde ritt an ihrer Seite, alsbald mit ihr die Spitze des kleinen Zuges nehmend.
„Die Ponys gehen ungern -aus der Gesellschaft ihrer Kameraden," erklärte er. „Es sind eben noch halbe Herdentiere, und sie werden meist im größeren Trupp geritten,., da man auf Reisen hier immer Reserve- und Parkpferde mitnimmt. Aber Sie werden sehen — sie gehen gut."
Und er hatte recht. Auf einen neuen, hellen Zuruf setzten sich alsbald alle Tiere in Galopp, ein äußerst geschwindes, aber angenehmes Tempo. Es war wirklich zum Verwundern, tote die halbgroßen Pferde so fördernde Gänge hatten.
„Famos! Und man sitzt wie in der Wiege!" lobte, in Reiterlust erstrahlend, Frau Söllnitz. Sie faß in der Tat vorzüglich im Sattel, und, lange Zügel gebend, drängte sie, mit dem Absatz anklopfend, ihren Fuchs noch schneller vorwärts.
So kam der kleine Zug, in gestrecktem Galopp durch die Straßen jagend, bald vor die Stadt hinaus und ritt nun über eine langgestreckte Bodenwelle, wo zwischen kleinem Felsgetrümmer auf dem spärlichen Graswuchs allenthalben Ponys in kleinen Trupps weideten.
„Sie sind gut bekannt hier," wandte sich Frau Sollnitz nach längerer Pause wieder an ihren Begleiter. „Sie halten sich wohl schon längere Zeit in Island auf?"
„Ich bin hier ansässig."
„Wie — immer?" Staunend sah die junge Frau ihn an.
Ein leises Lächeln hellte das ernste Gesicht des Fremden für einen Moment auf.
„Ja — wundert Sie das?"
„Allerdings! Ich stelle es mir tödlich vor, hier zu leben."
„Wenn man einen Beruf hat, läßt sich's überall leben."
„Für einen Mann —■ vielleicht! Und was sind Sie, wenn ich fragen darf?"
„Arzt."
Bei der kurzen Antwort huschte es wie ein Schatten über das Gesicht des Fremden.
„Arzt? Ja, dann freilich!"
Eine kurze Pause chat ein; dann nahm Frau Söllnitz wieder das Wort.
„Sie sprechen ein so ausgezeichnetes Deutsch; Sie haben "sich gewiß längere Zeit in Deutschland aufgehalten? Wohl als Student?"
„Ich bin Deutscher von Geburt."
Abermals traf ein staunender Blick der jungen Frau ihren Begleiter.
,/Wer wie in aller Welt sind Sie denn hierher verschlagen Wörden? In diesen letzten Winkel der Welt?"
Diesmal entging die Verfinsterung seines Gesichtes Frau Söllnitz nicht. Sie merkte, daß ihre harmlos-neugierige Frage den Fremden offenbar peinlich berührte.
„Pardon!" bat sie, mit einem Lächeln sich und ihm über die Situation hinweghelfend. „Ich bin sehr inquisitorisch. Aber ich bitte natürlich, meine Frage nicht ernst zu nehmen."
„O bitte —" beschwichtigte er. „Ihre Verwunderung ist ja durchaus berechtigt. Und ich säße auch nicht hier, wenn mich nicht besondere Umstände hergeführt hätten. Meine Mutter war eine Dänin, und so habe ich Beziehungen nach hier bekommen."
„Ah so," leichthin sagte sie es; aber dann schwieg sie, gleich ihm. Sie hatte das Empfinden, daß da doch noch etwas Besonderes hinter diesen nichtssagenden Beziehungen stecken müsse. Aber sie wollte natürlich nicht indiskret sein, und was- ging es sie auch schließlich an?
So ritten sie lange Zeit schweigend nebeneinander her. Die Gegend ringsum war trostlos eintönig; eine dürre Ebene ohne Strauch und Baum. Nur dann und wann erhob sich vor ihnen eine Terrainwelle aus der Ebene, und man sah, wie sich auf ihrem Kamm -als scharfe Silhouetten, frei gegen die Lust stehend, die Gestalten einzelner Reiter oder kleiner Trupps entlang bewegten.
„Hier auf Island reitet wohl alles?" nahm Frau Söllnitz das Gespräch wieder auf.
„Ja," bestätigte ihr Begleiter. „Bei dem völligen Mangel an Holz auf der Insel >— Sie wissen doch, Bäume kennt man hier bei uns nicht 1— kennt man keine Wagen, Das Pferd ist daher das einzige Transportmittel. Männer, Frauen, Kinder — alles reitet hier. Es ist zugleich auch das einzige Vergnügen, das miau hier hat."
„Mein Gott, entsetzlich! Sterben Sie denn hier nicht vor Langerweile? Kein Theater, Konzert — nichts! Was fangen denn die Menschen hier bloß mit ihren langen Abenden an, namentlich im Winter?"
Der Fremde lächelte leise vor sich hin.
„Man besucht sich-, musiziert und plaudert, oder liest zu Hause. Freilich — für verwöhnte Großstadtmenschen ist es hier ein zweites Sibirien, das glaub' ich wohl."
„Ich stürbe hier binnen vier Wochen, oder würde verrückt! Das weiß ich ganz gewiß." Ein wirklicher Schauder überlief die junge Frau.
Der Fremde sah sie mit seinen ernsten, prüfendeu Blicken an.
„Für eine Natur wie die Ihre wäre das Leben hier freilich Gift. Auf Island weht eine rauhe Luft; nur das Gesunde und Starke dauert hier."
Wie Worte trafen sie. Lebhaft wandte sie sich ihm zu.
„Sie halten mich also für krankhaft und schwach?"
„Ja. Wie alle Großstadtmenschen."
Ruhig hielt er ihrem Blick stand. Das rief ihren Widerspruch nur noch mehr wach.
„Gewiß! Ich bin nervös, sensibel — ich geb es zu. Unser Gesellschaftsleben bringt es mit sich. Aber muß darunter auch die Gesundheit der Gesinnung leiden?"
„Ich sage: Ja!"
„Sie sind sehr sicher in Ihrem Urteil!" warf sie ihm hinüber.
Die sarkastische Schärfe ihres Tones traf ihn nicht.
„Man geht nicht umsonst in die Wüste," erwiderte er ernst und ruhig. „Man lernt in -der Einsamkeit das Leben und die Menschen leidenschaftslos bewerten.
Es wehte sie aus seinen Worten eine stille Resignation an, die ihre Gereiztheit wieder verfliegen ließ,
„Sie haben früher auch in der Großstadt, in der Gesellschaft, gelebt?" Eine leise Teilnahme sprach aus ihrer Frage.
„Ja — und ich war kulturkrank tote Sie. Sie sehen: ich habe daher vielleicht ein gewisses Recht, so zu sprechen."
Wieder stockte das Gespräch. Die #junge Frau hing ihren Gedanken nach. Ein merkwürdiger Mensch! Was mochte ihn aus dem vollen Leben hinäusgetrieben haben in die Einsamkeit hier? Bei seinen doch noch jungen Jahren! Sie schätzte ihn höchstens Ende dreißig.
„Und Sie sind nun glücklich geworden, hier in Ihrer Wüste?" fragte sie nach einer Weile, zu ihm ausseljend.
Er antwortete nicht gleich.
„Glücklich?" gab- er dann langsam zurück. „Davon sprach ich nicht. Mer die Kraft, über alles Leid des Lebens mit stillem Lächeln hinwegzuschreiten, das ist ja wohl ebenso gut — vielleicht sogar noch besser."
Wieder erschauerte die junge Frau im Innersten.
„Eine trostlose Anschauung!" rief sie impulsiv aus,-


