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Der König von Thule.
Roman von Paul Grubern.
(Nachdruck verboten.) (Fortsetzung.)
Der Junge war doch auch kein Baby mehr, sogar von einer recht robusten Gesundheit im allgemeinen. Da würde die kleine Erkältung oder Magenverstimmung bei ihrer Abreise ja längst wieder behoben sein. Der Lehrer, bei dem er in Pension war, war ja auch ein sehr sorgsamer, verlässiger Mann, ein guter Arzt war auch zur .Hand — sie konnte also wirklich wohl wieder ganz ruhig sein.
So scheuchte denn also Frau Söllnitz alle Besorgnisse hinweg, und eilig schritt man nun dem Pferdedepot zu, wo der Aufbruch zum Ritt nach den heißen Quellen erfolgen sollte. Allerdings hatten sie sich durch ihre Wege eben stark verspätet; aber hoffentlich war die übrige Gesellschaft auch nicht so pünktlich gewesen.
Diese Hoffnung trog indessen. Als die drei am Rendezvous ankamen, war die Reiterkavalkade längst davon; nur ein Dutzend der isländischen Ponys stand noch in dem Gehege, daneben eine Gruppe von Männern, die sie bewachten.
„Was mut?"'
Fragend sah> der Regierungsrat die Leidensgefährten an.
„Das ist mir aber furchtbar peinlich, daß ich die Herren nun noch um das Vergnügen gebracht habe," bedauerte Frau Söllnitz.1
„Wer bitte!" beruhigte sie Görtz. „Doch was sangen wir irun an in dem Stumpfsinnsnest Reykjavik?"
Gelangweilt sah er die in der Tat nicht sehr amüsante, schnurgerade, ungeflasterte Straße hinab, zu beiden Seiten die niedrigen, barackenförmigen Wellblechhäuschen mit ihren unansehnlichen Fassaden. -
„Wir wollen doch erst mal sehen, ob wir nicht noch nachreiten können. Ich werde einfach hier mal nach dem Weg fragen," meinte der Leutnant. Er wollte doch seine eleganten breeches und gelben, lackledernen Reitgamafchen nicht umsonst angezogen haben; auch hatte er sich bereits mit einem hübschen Jfabellenpferdchen streichelnd vertraut gemacht.
„Holla!" wandte er sich an die Leute, die, ohne sich, um die Fremden zu kümmern, bei!den Tieren standen. „Wär so god — wer ar den vej til warme Killen?" redete er sie mit seinem eigenartigen Dänisch an, das er an Bord aus einem kleinen Reiseführer gelernt hatte, und auf das er nun nicht wenig stolz war.
Aber die Leute verstanden ihn nicht. Nach einigen werteren resultatlosen Versuchen, gab er, ärgerlich werdend, die Sache auf.
Suchend blickte er um sich. Seine schnarrende Leutnantsstimme hatte mit ihren ungewohnten Lauten noch einige Personen aus dem Laden des Hauses gelockt, vor dem sich das Pferdegehege befand. Es waren drei Männer oder Herren, von denen namentlich der eine, ein hochs- gewachsener Mann, in seinem englischen Touristenanzug mit Kniehose und Reitgamafchen ganz „zivilisiert" aussah.
„Ob ich den fremden Etranger da mal frage?" wandte sich Kreßmann halblaut an Frau Söllnitz. „Aber es ist offenbar ein Englishm-an, und Englisch kann ich nicht. Würden Sie nicht so liebenswürdig sein, gnädige Frau?" Er wußte, daß sie sehr gut englisch sprach.
Frau Söllnitz fühlte sich als Reisekameradin zur Aushilfe verpflichtet; um so mehr, als die Herren ihretwegen ttnt den Ritt zu kommen drohten. So näherte sie sich denn den drei Herren auf der Schwelle des Geschäfts, die, offenbar von ihnen sprechend, herübersahen, und redete den mutmaßlichen Engländer in seiner Muttersprache an.
Dieser aber zog, unter höflicher Verbeugung, seine Reitmütze und erwiderte, die Stufen herunterkommend:
„Ich spreche nur mangelhaft englisch; aber ich sehe, Sie sind Deutsche; so verständigen wir uns wohl so am besten. — Sie wünschen den Weg zu wissen, den Ihre Reisegefährten geritten sind? Ich könnte ihn Ihnen wohl sagen, aber Sie würden sich kaum zurechtftnden. Doch wenn es Ihnen recht ist, geleite ich Sie bis an die „Warmen Quellen" — ich wollte ohnehin selbst jetzt ausbrechen."
Höchst angenehm überrascht, einen so gut deutsch sprechenden Helfer in der Not gefunden §11 haben, der sich sogar gleich als Führer anbot, dankte Fran Söllnitz herzlich. „Wer, wenn wir Ihre Zeit nur nicht zu sehr in Anspruch nehmen," fügte sie hinzu.
„Auf Island hat man mehr Zeit, als einem oft lieb ist," erwiderte aber der Fremde mit ernstem Lächeln. „Uebri- gens ist der Umweg über die Quellen für mich nur klein. Dort werden Sie ja dann wohl Ihre Gesellschaft einholen, denk ich."
Mit stummem Gruß trat nun der Fremde an den beiden Herren vorüber zu den Pferden, wo er zu des Leutnants starkem Verdruß sich gerade den Jsabellenhengst herausholte — offenbar sein eigenes Pferd. Auch im Sattelund Zaumzeug sah es stattlicher als die übrigen ziemlich struppigen Gäule aus. Bürgerlich suchte Kreßmann nach einenl anderen Leibroß. Zu dumm! grollte er bei sich. Auf dem Isabellen hätte er eine so gute Figur gemacht vor Frau Söllnitz' kritischen Augen, die ja eine perfekte Reiterin sein sollte.
Auch die junge Frau war zwischen die Pferde getreten«


