Ausgabe 
27.1.1912
 
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jahrein in ungeheiztem Raum wohl Wer die Hälfte des Jahres mi bringen müssen. Isis ein Wunder, dast es fetzt altersschwach und stumpf geworden ist? 'Sie gar so sehr_ über es schimpfen, tun ihm aber Unrecht; es hat allezeit sein Bestes gegeben, man must es nur verstehen, es aus ihm herauszuholen. _ Und rote daulbari sollten gerade wir Schifahrer ihm sein für bte Verlurzung der langen Abendstunden. Wie lustig gings oft zu bei seinen Klangen, ob sie gemeinsamen Liedern dienten, mujtkaltichen Bortragen und Sologesängen stimmbegabter Kunstfreunde, oder dem fröhlichen Tanz ausgelassener Menschen, die so frisch drauflos wirbelten, dast die allzubeguemenKommodschuhe" und Pantoffel manchmal ihren Herrn verloren:

Schlapper flogen durch den Saal, Jubel, Jauchzen überall. Juchhei ein Mordsgetriebe! , ,

In solchen übermütigen Stunden hast du, arnies Klavier, Jung und Alt erfreut; manchmal schien die ganze Bude auf den Kopf gestellt und wer unbeteiligt plötzlich hereingeschneit gekommen wäre, hätte gemeint, es sei Fastnacht. In dir, schmuckloser Kasten, ruht ein Stück Poesie des alten, einfachen Hohevodskopflebens, jener heiteren, bisweilen tollen Winterabende, die die damals noch kleine Zahl der Schifreunde zu harmloser Geselligkeit vereinte; du weckst die Erinnerung an beneidenswert kindlich frohe Stunden, in denen man, losgelöst von Ernst und Sorge, ganz ,wie ausge­wechselt sein konnte. So erfreue noch lange, bis «ein besserer Ersatz dich ablöst, als Hauptträger des Musikalischen alle, die nach acnustreichen Schneeschuhtagen am Abend den gutgemeinten Klängen lauschen. Wer deine Leidensgeschichte kennt, wird dich gerecht beurteilen und dir immer noch ein dankbarer Zuhörer sein.

(Fortsetzung folgt.)

Hof-Couren und ihre Geschichte.

Unter den Zeremonien mit Berliner Haie spielen eine hervor- raaende Rolle bte Gouten: sie bedeuten eine Huldigung der Hoi« aeiellichait vor dein Throne und gewähren hie Möglichkeit, solche Peiwnen, die zum 'ersten Male bei Hole erscheinen oder durch Er­höhung ihres Ranges und durch Orden ausgezeichnet tvorden sind, dem Herrscherpaar vorzusiellen. Es werden Sprech- und Tesilier- Couren unterschieden. Bei den Svrech-Coureu sind die Geladenen, geichleden nach Kategorien ihres Ranges, in verschiedenen (tie- mäcbeni des Schlosses onfgeftelli. Tie Majestäten machen in den Gemächern die Runde und nehmen den Gruss der Beisammelieit emaeaen. Hingegen bei den Tefilier-Eomen defiliert jeder Ge­ladene an dem unter dem Thronhimmel befindlichen Herischerpaar vorüber, wobei drei Verbeugungeii zu machen sind: die erste vor dem Kaiser, die zweite vor der Kaiserin und die drille vor beiden zwammen. Tie Reihenfolge der Defilierenden wird nach der Raug- folge bestimmt. Alien voran schreiten die Mitglieder des diplo- ntaliichen Korvs, und zwar die Botschnsterinnen an der Spitze. So ist die Tefilier-Cour der eigentliche Huldigungsakt, daher sie auch als stilnt du tröne bezeichnet wird.

Tie groszen Wmler'estlichkeiten bei Host, die gegeir Ende Januar beginnen und mit verschiedenen Maskenbällen dem Karneval {ent Recht eüiränmen, pflegen mit solcher Defilier-Conr eingeleitet zu iverden. Alanche junge Tarne, die zum ersten Male am Defi­lieren teilacnoninten hat, wird iroh sein, dies schivieiige und ans- regende Präludium überwiniden zu haben. Es ist keine Kleinigkeit, nut einer drei Bieter langen Schleppe die Zeremonie sicher und graziös aiiszuiühren. Tie Augen der ganzen Hofgesellschast sind auf die Novize gerichtet. Tie defilierenden Herren haben es bei roeuem leichter. Auch wird an ihnen, zumal ivenn es sich um emcn Geheimrat erster oder ziveiter Klasse handelt, der seine Zeit mehr hinter dem Aktenlisch als auf dem glätten Parkett des Hofes vervraebt hat, weniger icbarie'Kritik geübt. Bismarck wurde nach- gerülimt, dc.st er das Defilieren mit uniiachahntliclier Würde und vollkontmenster Finesse erledigte. Allzu o't ist er ober bei diesen Feierlichkeiten nicht erschienen, denn während der letzten andert­halb .iahrzehnte seiner amtlichen Tätigkeit hielt er sich ja von allen Hoffestlichkeite» nach Möglichkeit fern.

Eine besondere Art der Defilier-Couren ist die sogenannte Spiel-Eonr. Sie findet nur statt am Abend der Vermählung eines Prinzen oder einer Prinzessin des Königlichen Hauses, sotern die betreffeube Vermählung im Berliner Schloff gefeiert wird. Tie Atajestäten sitzen bet biefer Zeremonie mit dem Bratitvaare an einem unter den Thronhimmel gestellten Spieltisch. Ebenso lassen sich Kronpriitz tmb Kronprinzessin, sowie die übrigen Prinzen und Prinzessinnen an Spieltischen zu beiden Seiten des Thrones nieder. Hinter den Stühlen stehen die Hofchargen, . Hofstaaten und Tanten und Kavaliere vonr Dienst. Tie geladenen Personeir haben mm unter Verbeugungen, wobei die erste an das Brautpaar, die beiden anderen an Kaiser und Kaiserin gerichtet werden, das Defilieren ausznn'threii. Aus Conrtoisie gegen die Vertreter der Mächte befahl der alte Kaiser Wilhelm, bah sein Spieltisch erst dann unter dem Thronhimmel aufgestellt werde und man sich überhaupt erst dann an bett Spieltischen nieberlasseii solle, wenn bas biplomalische Korps defiliert sei. Gespielt ivird bei dieser Gelegenheit an den Spiel­tischen schon längst nicht mehr. Tatsächlich ist aber im in. Jahr­

hundert gespielt worden. Der selisame Brauch mag aulgekommen iettt im Laufe des 17. Jahrhnnberts, und ztvar ivahrlchetnltch am spanischen oder französischen Hofe. Tas Kartenspielen wurde ja damals in beit Hohen Regionen mit Ivahrer Letbenscha't geübt. Kein Abend verging, an dem nicht Ludwig XIV. seine L'hombre- Parlie gehabt hätte. Eine seiner Partneriimen pflegte Madame de Maintenon zn fein. Auch wurden Piguet, Reversy, L'homme, Imperial, Triomphe, Brelan, Anpapillon, Bingtguatre, Höre, Hoc, L'Emprunt und Laitsqnenet (Landsknecht) gespielt. Alle diese Spiele waren hoffähig.Hier in Frankreich", schreibt Elisabeth Eharlotte von Orleans 1695 aus Paris an ihre Halbschwester, bte Rangräfin Louise in Hannover,ist bas Tanzen nun ganz aus der Blöde; sobalb Assembleen sind, tut man nichts als Landsknecht spielen; dies Spiel ist am meisten en eogue. Und später be­richtet sie:In den Salon, wo man spielt, gehe ich nicht bin, beim bie Spieler sehen die, so nicht spielen, scheel an und meinen als, ^nan bringt ihnen Unglück." In diesem Milieu dürste auch die Spiel-Cour erivachsen sein. Am branbenburg-preußischen Hofe scheint sie in Aufnahme gekommen zu sein unter dem ersten Preusten- könig, ber bekanntlich für Zeremonien und prächtige Hoihaltiing sehr eingenommen war. Auf den brandenburgischen Albrecht Achilles, ber ebenfalls Pracht und Glanz liebte, lägt sich nicht znrüclgreifen, denn anher beut Fackeltanz ist von den damals üblich geivefeiten Zeremonien nichts übrig geblieben.

Vermachtes.

* Grost-Paris. Alan braucht kaum daran zu erinnern, dasi bie Bevölkerungsdichtigkeit nuferer modernen Weltstädte in gar keinem rechten Verhältnis zur verfügbaren Bodenfläche sieht. Tahev das Streben der grosteu Städte, durch Eittgemeiitdung der um­liegenden Ortfchasten 'Dictum zu gewinneit für bie Anlage von Parks unb bett Bau von breiten, gestmdheitlich einwändfreten Strasten London (7 251000 Eiitwohner auf 17^715 Hektar) und Retvport (4 767 000 Einwohner auf 81 670 Hektar) sind normt gegangen. Chicago, Philadelphia und Berlin sind dem Beispiel gefolgt. ' Jetzt schickt sich auch Paris an, den alten Fesiungsgüttel zn sprengen, der nut seinen 94 Forts die Stadt feit dem Janre 1841 einengt und befjen militärische Bedeutung durch bie weit örau&eit vor ber Haupt­stadt liegenden modernen Befesligungsbauten sozusagen auf Null gesunken ist. Ter Rat ber Stabt belicht sieb gegenwärtig mit dem Plane, die 22 unmittelbar vor den jetzigen Festung-nvällen lteoenden Ortschaften einzugememben. Hierdurch würden ber Ei wohiterzahl nicht weniger als 627 ouO Seelen hinzugenigl; was aber wichtigee erscheint: beut Gebiet von nur 7088 Hektar (auf betn zurzeit die Stadt zusammeitgebräitgt ist) weitere 9uO0 Hektar. Tas neue Grog-Pans" bliebe alsdann mit 8 390 000 Einwohnern die britt- gröstle Stabt ber Welt (welchen Rang ihm bekanntlich Grotz-Berltn ftreitig macht) und würde sich über eine mehr als dovvelr fo grojfs Fläche, wie gegenwärtig, ausdehnen. Immerhin hielte es in bieicitt Punkte nicht einmal ben Vergleich nut denfletneieit ameri« kaniscbeit Grogstädten ans, von benen z. B. Chicago (Einwohner­zahl 2 1 5 00 jj über den gewaltigen Flächenraum von 47 530 Hektar verfügt.

* Erklärt. Alte Jungfer (von einer Reise zurückgekehrt)! Ach, wie elend schaut mein armes Amichen aus." Nachbartn (die ihn in Pension gehabt):Ja, dem Kat halt die Ans)Pracht mit Ihnen gefehlt I" .

Schachaufgabe.

Schivarz.

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a b

abedefgh

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Weist.

Weist setzt mit dem vierten Zuge Mait. Auflöfung tu nächster Wununer.

Auflösung der Charade in voriger Nummert Stnrzbach.

Redaktion: K. tzleurath. Rotationsdruck und Verlag der Brühl'jchen Umversitäts-Buch- und Storni) rueferei, R. Lang«, fötejen»