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Veteranen, mit frischen und vernarbten Wunden, manche ohne AvmL und Beine, Krüppel, kopflos, oder zerzausten Hauptes, rote Struwwelpeter. Sie opfern sich auf in täglichem, stündlichem Kampf mit den unerbittlichen Stürmen, die sie vernichten wollen.
Mensch, der du oft verzagen willst, nimm dir schon an den jungen Fichten ein Beispiel, schau, wie sie sich wehren gegen die eisige Umarmung, wie sie nicht zusammenbrechen wollen unter der Schneelast, die sich breit auflegt auf die weichen, jugendlichen Schultern Aber dort sichst du mit Wehmut eine Gruppe „Helden des Schlachtfeldes". Junge Kiefern sind's, sie neigen ihr Haupt bedenklich zunt Boden hin, gedrückt von Sturmes Gewatt, der über die glücklicheren Genossen gefahrlos hinwegbrauste nttd jählings dann auf die wehrlosen Kleinen herabstürzte, ©mb es schon Opfer, oder werden fie sich wieder strecken und sich durchringen?
Nimm dir, wenn es der Schnee erlaubt, und du nicht ttbit oder Spuren „anreistest", bei deinen Schistreifzügen ein bestimmtes Ziel, es erhält dich mehr in Spannung und ermüdet dich mast so. Besuche z. B. auf dem Oberwaldplatcan die Stelle, wo trotz dieser Höhenlage eine Zeitlang eine „Industrie" ihr Heim ausgeschlagen hatte, einen Torfstich. Du siehst ans dem schon ansschltestendeir Tannengebüsch gerade noch eine Ruine hervorschauen, früher etn lustig summender Motor, jetzt eingerostet; das stattliche Schwung- rad steht still. In dieser Einöde eine Erinnerung an den Erfindungsgeist des Menschen. Einst ein nützliches Glied int Treust der Menschheit, des Fortschritts, dienst du jetzt bescheidenerem Zweck. Der Fußgänger findet an dir eine Wegbezeichnung, einen roten Strich auf meistern Feld. So bist du wenigstens iroch zu etwas nütze. Es wird nicht lange dauern, dann schlageiidie Fichten über dir zusammen und sind dein grünes, ewig grünes Mausoieurn, dem Zufall des Entdeckers preisgegeben, ein tzeuge, daß einst aus dem hohen Vogelsberg, selbst in dieser Einöde, eine bescheidene Industrie „blühte". , , , . .
Hast du Glück, dann siehst du trotz des Winters, in der Nahe des Taufsteins nicht nur Wildfährten, sondern auch Wild selcht, z. B. zwei Rehe, die schwerfällig, weil der Schnee sie hemmt, über die Schneise herüb er wechseln. Sie springen in der Richtung nach dem Bismarckturm ab; vielleicht wollen sie sehen, ob er noch steht. Die armen Tiere tun sich im Schnee recht hart. Mau möchte ihnen so viel „Anpassung" wünschen, dast sie noch mit Schneeschuhen auf die Welt kommen. Wie sich jede Bewegung im Wald abhebt; es ist so füll, nichts rührt sich. Die mit Schm« behangenen Christbäumchen stehen, wie Soldaten, in Rech und Glied und wie vor der Front der Soldaten gewahrt man die geringste Aenderung, noch gehoben durch die Plastik der Schwarz- weißlünst der Meisterin Natur, die mit so einfachen .-.iittem, dunklem Gegenstand und heller Schneepartie, diese bWauberntz schönen Bilder malt.
III. Das Musikalische.
Es gab auf dem Hoherodskops eine Zeit, da wär das unansehnliche „Shmphonion" das einzige Instrument Heute Lmmt es für den Schifahrer, der die langen Winterabende an das Klubhaus gefesselt ist, kaum noch in Betracht. Wemi es sein Geklimperan- fängt, merkt man erst, dast es noch da ist. Doch mag der dünne spieldosenähnliche Ton bescheisenen Ansprüchen manchmal genügen. Bisweilen streikten die glatten und der Karren bleibt stecken; oder mitten im Spiel giüts Kanonen- schläge, wenn gerade eine Verbeulung die kritische stelle streift. Da der Schifahrer Geduld haben must, wird er auch über diche Unebenheiten Hinwegkommen und das Stück, das ihn Nicht aus- lästt. spielt sich, wenn kein mitleidiges Versagen emtritt, ohne Erbarmen ab. Seit einiger Zeit ist an Stelle des alten einfachen Bumbasses", bei dem an einem Stecken eine Darmsaite unten über eine mit Luft gefüllte Schweinsblase gespannt war, und der so gehandhabt wurde, als wenn man eine aufrechtstehende Stange ziemlich weit unten durchsägen wollte, em moderner Ersatz geixten mit Becken, Schellengeläute, Tambounn, federndem Bodcm- stost und dergleick-en; mancher Schifahrer Hais schon versucht, in die Geheimnisse dieses merkwürdigen Instrumentes einzudrmgen. Bei „dezentem Spiel" klingt es nicht übel; die meisten legen allerdings das Hauptgewicht auf den Radau und bait'ann man mit ihm das Unmöglichste leisten. Jedenfalls knüpfen sich, an sein klingendes Dasein die Erinnerungen an manche lustige -Stirnbein zwangloser Schifahrerrunde. Denn gewöhnlich tritt er in Aktion, wenn die Fidulität auf der Polhohe steht und das war früher, ach der Kreis der Schneeschuhfreunde noch kleiner war, leichter und öfter der Fall, als heute, wo mit der vergrößerten Jnteressentenschar! eine Anfreundung schwerer geworden ist.
Zur Weihnachtszeit kommt ein Spezialinstrument zur Geltung, der Christbaumständer, der den geschmückten Weihuachtsvaum dreht, an dem "diesmal auch Schneeschuhlaufer en mmtahire hingen, und dies mit unermüdlichem „O du fröhliche" und „Stille Nacht"
Zu allen Zeiten aber, seitdem eS auf die Hohe gebracht luar,- hat das geduldige Klavier seine Aufgaben überreich erfüllt. Was hat es aushalten müssen vom Winter, Wetter und von den Menschen Als wir noch ein kleines Häuflein Sasifahrer waren und der Klubwirt noch nicht den Winter im Klubhaus zubrachte und nur nach Bedarf Samstags oder Sonntags uns begleitete,, da war es zwar sorglich in Decken verpackt, hatte aber doch jahraus,
Urwüchsig und unverfälscht, wie du, ewig junge Basaltkuppe, die! Ihre Lavaflüsse wie eine riesige Spinne ihre Beine nach, allen Seiten ausstreckt, und auch meine Spinne ist, die mich immer wieder fängt. Bei diesem Unwetter ist es ein Kreuzweg, der nun durch die steinbesäte Mulde und jeusetts hinan zur Höhe des HoherodsVopfes führt; aber der Gießener Schiklub „Wintersport hat es dankenswerter Weise auch zu einem wirklichen Kreuzweg gemacht, denn Holzkreuze geben als Nebel- und Winterwegbezeich- nung die Richtung an, wenn man in hilfloser Lage, verirrt, in der Dämmerung, im Schnee und bei Nebeltreiben ist; und selbst dann findet man sich allein nur schwer von einer zur anderen Stange Ja, man must es kennen, das Gefühl der Verlassenheit, wenn es einen Heist und kalt überläuft und man nicht aus noch ein roetß, ohne Gefühl, ob der Schi bergan oder eben geht. Dann setze dich nicht, wenn dich die Nacht überrascht, müde nieder; es könnte ein Schneesturm über dich hinwegfegen und dich zudecken und erst im Frühjahr holt die Sonne dich wieder heraus als — ^Ah.^hult^e Leiche. Es geht nicht so, wie bei der Taschenuhr, die vor Weihnachten beim Klubhaus im Schnee verloren wurde und wieder lustig weiter ging, als die warme Märzsonne sie wachgeküßt, und man ihre Sehnen gespannt hatte, ober wie bei dem anderen Zeitmesser, den unser Freund im ddoveinber beim Taufstein auf der Straße plötzlich verinißte und trotz Absuchens im Schnee nicht mehr fand, über den Holz- und Bierfuhrwerk und die ganze Strenge des Vogelsberger Winters ohne Schädigung hiiiwegging, bis auch er im nächsten Frühjahr ein fröhliches Wiederticktack feierte. Du musst den Vogelsberg im Winter kennen fernen, da wird er dir durch sein subalpines Wesen Bewunderung abnötigen, so geringschätzig du im Sommer über seine weichen Linien, seine „Aussichtspunkte", sein verschlossenes, einsames Wesen denken magst.
Wozu braucht er mich nun Vi Stündchen vom Ziel mit entern peitschenden Regen anzugreifen, daß, ich doch noch zu meinem Wettermantel meine Zuflucht nehmen muß und trotzdem tüchtig naß werde? Das machen die launigen Gesellen alle so! Un- verdrossen schreite ich durch die Schneeplacken weiter und bin endlich oben. i£er Klubwirt macht ein süßsanres Gesicht, der Feiertagsbesuch ist recht kläglich; man braucht kaum alle Finger, pm die Unentwegten zu zählen; Gießen hat wieder einmal fast mehr als 100 Prozent des Besuches gestellt. In der Ebene muß es jetzt ganz trostlos aussehen. Hier oben hat ein Wetter eingesetzt, bei dem man keinen Hund vor die Türe schickt, es tobt und heult fürchterlich. Da beschränkt man sich aufs Innenleben Und lernt Geduld. Und ein Trost ists, daß es wenigstens nicht' mehr schlechter werden kann. Pfeifend klatscht der Regen wider die Scheiben. Endlich gegen Abend scheints, als wenn Schnee, richtiger Schnee, sich in die überreiche Nässe mischen wollte. Die Nacht wird Abkühlung und Schneefall bringen.
So wars auch; es war Schnee gefallen und im Wald, wo noch alter Schnee lag, und wo es geschützter war, konnte man von da an täglich ganz leidlich Schneeschuh laufen.
II. Im Oberwald.
Ist es nicht ein Genuß eigner Art, zeitig am Morgen auf Schneeschuhen durch tiefverschneite Waldschneisen, die schon in her Nähe manchmal wie zusammengewachsen aussehen, lautlos dahtn- zugleiten? Ta lockt ein Vöglein mit leisem Ton. In dieser Höhe und Winterlandschaft? Nein, es ist keine Täuschung, es wiederholt sein schüchternes Rufen. Vielleicht freut es sich, m dieser Einsamkeit noch ein lebendes Wesen zu sehen. Ich- spähe ins Fichtengezweig, bekomme es aber nicht zu sehen.
' An der Oberwaldstraße begrübe ich die Ruinen des alten Ahornbaumes, einer bekannten Weg- und Landmarke der Zigeuner. Was könnte dieser alte Geselle, der immer noch steht und jedes Jahr aufs Neue ausschlägt, erzählen! Jetzt ist es unwirtlich hier oben und es begegnet dir kein Mensch. Du könntest ungefährdet große Werte mit dir Herumtragen. Für Spitzbuben sind die Verhältnisse hier doch zu streng , . . _
Jetzt stört dich niemand; du ziehst, tu Gedanken versunken, mit den Schneeschuhen Furchen in den weichen Schnee, und läßt auf dich wirken, was dich fesselt. In den Schneisen, wo dicht mit Schnee bemängelte Fichten von hüben und drüben sich naher kommen zu wollen scheinen, wirds früh am Mittag dunkel; wenn die Nebenschleier wehen, dann verweben sie schon ganz in nächster Nähe in der Abenddämmerung alles ins Graue, Unfaßbare, Verschwommene und dem Ungewissen strebst du entgegen, gerade tote so oft im Leben unserer nächsten Zukunft. Da starrt dir wohl etwas entgegen, wie der riesige Kopf eines Ungeheuers, das auf dich lauert; kommst du. näher, dann ist's eine harmlose Fichte. Gespenstig vergrößert sich alles. Hast du dich daran 'gewöhnt, und stört es dich nicht, bann laß dieses erhabene Schweigen des Waides, die Majestät der Winterlandschaft, auf dich wirken und laß auch . auf Schneeschuhen dir Zeit, komm nicht ins Rennen, wenn Beschaulichkeit am Platz ist. Denn so allein nut deuten Gedanken bist du sonst nicht in dem rauschenden Alltag. Das sind geschentte Stunden hier oben, die dem Menschen Sammlung und Gletch- gewicht wieder bringen, ein Verweilen mitten tn der Hast des gebens
So friedlich auch der Wald scheint, so setzt es doch ost erbitterte Kämpfe in ihm ab. Schau dir nur dst^Vnchen an, die etn Stück an der Oberwaldstraße entlang am Taufstein stehen und sich namentlich an der Wetterseite förmlich um ihn. geschart haben.


