Samstag den 27. Januar
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Glückslasten.
Roman von Hanns von ZobelttA.- LNaMruck verboten,) (Fortsetzung.)
Am Vormittag des Festes fand noch eine Generalprobe in Kostüm statt, un.er erschwerenden Umständen, wie Exzellenz Grautegaß nicht mit Unrecht fand, denn es herrschte in den Sälen eine nnbeschreibliche Unruhe. An den Wänden wurden die Verkaufsbuden aufgeschlagen, die Dekorateure hämmerten, pappten, kleisterten; Gärtner brachten Girlanden, hier und dort lag ein Stapel gespendeter Verkaufswaren. Dazwischen huschten die Mamas, deren Töchter am Abend als schmucke Ladnerinnen, Konditor- Mägdelein, Kaffee-, Tee-, Sektnymphen amtieren sollten, und stritten mehr oder minder erregt über die besten Plätze.
Auch diesmal hatte Signe gleich, nachdem über ihrem Bilde der Vorhang zum zweiten Male niedergerauscht war, ihre beiden Müder an die Hand genommen, war von der kalten Bühne in die Garderobe gegangen, hatte sie et» wenig eingemummett, sich selbst den Mantel übergehangen, saß nun mit ihnen int Vordersaal in Dodos halbofsener Sektbude und erzählte ihnen Märchen. Sie in der Mitte der schmalen Bank, rechts und links je eines der Kinder. Aus oem Theatersaal klang die Musik gedämpft herüber.
Der kleine Karli war ein Grundtoffel und mit dem nüchternen Geschäftssinn des Herrn Papas — Tabak en gros — ein wenig erblich belastet. Er hatte immer seine Zweifel, wollte immer aufs neue wissen, ob es wirklich leibhastige Zwerge gäbe, ob die Feen wirkliche Flügel hätten und der König eine wirkliche Krone aus purem G-olde trüge. Und Signe bestätigte immer aufs neue, daß sich alles genau so verhielte, wie sie es erzählt hatte. Mit großen Augen sahen beide Kinder zu ihr auf. !
Plötzlich bemerkte Signe, daß sie beobachtet wurde. In einiger Entfernung stand ein .Herr, der kein Auge von dem hübschen Bilde verwandte. Anfangs störte sie es nicht; sie beachtete es kaum. Dann wurde es ihr doch ein wenig lästig. Sie versuchte den Vorhang der Verkaufsbude herabzulassen. „Nun wurde es nämlich Abend," erzählte sie. „Und es wurde dunkel —" Aber die Leinwand gab nicht nach, sie nestelte vergeblich an den Schnüren. Da trat der Fremde näher und bat: „Darf ich behilflich sein?"
Sie wollte zuerst mit Eisesmieue danken. Dann erkannte sie den Herrn. Er war ihr bei der letzten Probe vorgestellt worden: August Kähne —_ und sie hatte ein leises Interesse dabei empfunden, weil sie den beliebten Komiker schon auf der Bühne gesehen hatte. Dann hatte sie auch die urdrolligen Chansons mit angehört, die er zur
Laute sang, als einer der wenigen Theaterleute, dte sich in den Dienst der Wohltätigkeit gestellt hatten.
Etwas unbescheiden fand sie ihn jetzt. Und das glattrasierte Gesicht, von dem man nicht ablesen tonnte> war es jung oder alt, mißfiel ihr: es war so grenzenlos unschön mit der breiten Nase, die wie aus der richtigen Horizontallinie geschoben erschien, und dem lippenlosen Mund. Wer dann sah sie die Augen: große graue Augen mit einem ernsten, traurigen Blick -- und dann sagte Herr Kähne sehr bescheiden: „Seien Sie nichts böse, gnädiges Fräulein... ich habe Kinder so lieb. . ." nno ihre Abwehr war mit einem Male gebrochen.
Es kam zu einem kleinen Gespräch. Das heißt, eigentlich sprach er nur mit beit Kindern. Merkwürdig gut verstand er das. Er machte ein paar Tierstimmen nach; er ließ den Wolf erscheinen, redete tut hohen Diskant als böse Hexe und darauf wieder als die gute Großmutter. Die Kleinen, die anfangs scheu gewesen waren, wurden schnell zutraulich. Karli erklärte sogar: „Der Onkel versteht'saüer besser als du, Tante."
Nur einmal eigentlich wandte sich Herr Köhne direkt an Signe. „Darf ich mir die Frage erlauben, gnädiges Fräulein — nicht wahr, Sie haben einen Bruder, der bei den Garde-Dragonern steht?" Sie bejahte unbefangen, und da sagte er noch: „Ich habe Ihren Herrn Bruder einmal in der Gesellschaft kennen gelernt —" Daun kamen die Zuschauer aus dem Saale zurückgeströmt, und Herr Köhne ging auch, nachdem er beiden Kindern die Hand geschüttelt und sich Vor Signe verbeugt hatte. Er ging. Wer an der Tür wandte er sich noch einmal um,-und da sah sie wieder den seltsam traurigen Blick der großen grauen Augen, der dem unschönen Gesicht einen so eigenen Ausdruck-gab. Während des ganzen Tages konnte sie die-Erinnerung an diese ernsten traurigen Augen nicht los werden.
Dann brachte ber Abend freilich so viel Aufregung, daß sich der Eindruck verwischte. Ja, als sie,, hinter den Kulissen stehend, die Bäukelsängerlieder Kähues mit anhörte, sah sie nur noch das häßliche, fast klownhafte Gesicht mu der grotesken Nase.
Professor Knut hatte richtig prophezeit: die Herzogin von Chouaune wurde zum Haupterfolg in der-bunten Reihe der Darbietungen. Die Zuschauer starrten zunächst in atemloser Stille; bis dann ein tobender Beifall dte schöne Frauengestalt im dunkelblauen Sammetgöwand mit dem hochgetürmten rotblonden Haar grüßte.
Unten in der ersten Reihe saß die hohe Protektorin neben Exzellenz Grantegaß, die immer wieder entzückt flüsterte: „Meine Idee, "Durchlaucht . . . meine Idee . .
„Wer ist denn diese wunderschöne junge Frau?"
„Keine junge Fran, Durchlaucht. Ein Fräulein vor Gudarcza."
„Merkwürdig, daß ich sie noch nie sah."
Exzellenz Grautegaß berichtete, daß die Familie erst s kürzlich nach Berlin gezogen wäre, daß Frau von Gudarcza


