671
Augen Men seine Fahnen in Ländern gesehen, wo nton sie viel- . leicht nie wieder erblicken wird.
Wie sie an mir vorüberziehen, jene tapfern Helden, wenn I ich, ein Greis jetzt, in meinem Lehnstuhl sitze und träume! Siche, da! Die Jäger in ihrer grünen Uniform, die riesigen Kürassiere, I Poniatowskhs Lanzenreiter, die Dragoner in ihren weißen Man- I teln! Dumps wirbeln die Trommeln, Rauch- und Staubwalten I wälzen sich heran, in denen lange Reihen gchräunter Gesichter, I hoher Mützen und wehender Federbüsche sichtbar werden. Da reitet Ney Wit seinem roten Haar, Lessbre mit seinem Bulldoggen- I gesicht und Lannes, der Gascogner — aber dort taucht zwischen j den blitzenden Rüstungen und den wallenden Bannern Er auf, | der Mann mit dem kalten Lächeln auf den Lippen, den runden; | Schultern und den Augen, die in weite Fernen zu blicken scheinen. I Da ist es aus mit meinem Traum, liebe Freunde; ich springe I auf, strecke die welken Hände aus und rufe mit zitternder Stimme. | Aber Madame Titaux lacht über den alten Burschen, der zwischen I Schatten lebt.
Als der Krieg sich seinem Ende näherte, war ich bereits I Brigadekommandeur und durste sogar hoffen, bis zum Divisions- I general zu gelangen; und doch kehre ich am liebsten zu früheren I Tagen zurück, wenn ich von Ruhm uiid Beschwerdeii des Soldaten- I lebens erzählen will. 'Denn der Offizier, der viele Mannschaften > und Pferde unter sich hat, hat den Kopf voll von seinen Rekruten j und Remonten, von Proviant, Hufschmieden und Quartieren und sieht das Leben von der ernsten Seite an. Ist er aber noch ern | lunger ^Leutnant, nun, dann hat er noch keine schwerere Last zü I tragen, als die Epauletten auf seinen Schultern; dann klirren I die Sporen, der DolMan fliegt, er leert sein Glas, küßt sein | Mädchen — kurz, sein Sinnen geht auf nichts anderes, als ein I lustiges Leben zu führen. Das ist die Zeit, wo er die meisten I Abenteuer erlebt, und zu jenen Tagen werde ich oft zurückkehren, I wenn ich von meinem Leben erzähl^ heute schon, wo Sie hören I sollen von meinem Besuche auf der Schrecktansburg, von der seit- I samen Mission des Unterleutnants Duroc und. von der entsetz^ | lichen Geschichte des Mannes, der erst als Jean Carabin und 1 später als der Baron Straubenthal bekannt war.
Unmittelbar nach der Einnahme von Danzig, iin Februar I des Jahres 1807, erhielten Major Legendre und ich Befehl, 1 400 Remonten aus Preußen nach dem östlichen Polen zu bringen. I
'Das harte Wetter, besonders aber die große Schlacht von I Eylau, hatten so viele von den Pferden vernichtet, daß unser I schönes zehntes Husarenregiment in großer Gefahr stand, in em Bataillon leichte Infanterie umgewandelt zu werden, und deshalb wußten wir wohl, daß unsere braven Soldaten uns mit großer Sehnsucht erlvarteten. Trotzdem konnten wir nur langsam vorwärts kommen, da der Schnee sehr tief und die Wege in abscheulichem Zustaude waren; außerdem hatten wir nur zwanzig eben aus dem Hospital entlassene Soldaten, die uns Mfen, und die Pferde ließen sich bei der schlechten Verpflegung fast nicht schneller als im Schritt vorwärts bringen. Ich weiß wohl, daß in Gescksichtenbüchern die Kavallerie int tollsten Galopp vorvet- fliegt — ich meinesteils würde nach den Erfahrungen von zwanzig Feldzügen schoii zufrieden sein, von meiner Brigade zu lesen, daß sie aus Märschen immer im Schritt gehlen und vor dem Feinde traben konnte. Und bedenken Sie, daß ich jetzt von Husaren und Jägern rede; wie viel unwahrscheinlicher klingt es erst, wenn | cs sich um Kürassiere und Dragoner handelt.
Ich bin ein leidenschaftlicher Liebhaber von Pferden, und es machte mir deshalb großes Vergnügen, vierhundert derselben von jeder Farbe, jedem Alter und Charakter unter mir zu haben. Sie stammten zum großen Teil aus Pommern, einige auch aus der Normandi und aus dem Elsaß; es war interessant, zu beobachten, luie sie in ihren Eigenschaften ebenso vouetnaudeü abwichen, wie die Bewohner jener Länder, und wie die ganze Natur des Pferdes abhäugig ist von seiner Farbe. Die letztere Beobachtung habe ich in meinem späteren Leben oft bestätigt ■ gefunden, mochte es sich nun um die leicht erregbare, kokette Falbe, oder den ruhigeren Tunkelbrauiien, den gelehrigen Fuchs oder den dickköpfigen Rappen Händeln. Das, alles hat freilich mit meiner eigentlichen Geschichte durchaus nichts zu tun, aber, me» tarnte, Ihr werdet gewiß einem passionierten Relterofsizier, der mit Leib und Seele bei seinem Berufe war, diese Abschweifung gerne verzeihen.
Marienwerder gegenüber setzten wir über die Weichsel und waren bis Riesenberg gekommen, als Major Legendre mit einem Schreiben in der Hand in mein Zimmer trat.
Ein Befehl vom General Lasalle!" verkündete er mit verzweiflungsvollem Gesichte. „Sie sollen mich verlassen, fouett sich sofort nach Rossel begeben und im Hauptguartter des Regimentes melden.
Diese Nachricht war mir höchst willkommen. Tenn erstens war Mein Vorgesetzter, Legendre, durchaus nicht der Mann, von dem ich mich ungern trennte, und dann sah ich aus der Ordre, daß ich höheren Ortes gut angeschrieben stand. Höchstwahrscheinlich sollte mein Regiment wieder ausrücken, und Lasnlle fand, daß ich bei meiner Schwadron unentbehrlich war. Freilich, so ganz gelegen kam mir die Sache jetzt nicht; denn der Postmeister hatte eine Tochter, eine jener schwarzhaarigen, glutaugigen Po
linnen, mit der ich gerne noch manch heiteres Gespräch gehabt hätte. Aber es ist nicht Sache der .Figur im Schachspiel, mit den Fingern des Spielers zu rechten, wenn sie ihm ein anderes Feld anweisen, und so machte ich mich auf, sattelte mein großes, schwarzes Schlachteitroß, Rataplan, und begab mich auf meine einsame Reise. • ।
Meiner Treu, das war ein Schauspiel für jene armseligen Polen und Juden, bereit ödes Leben so selten durch eine Abwechslung erheitert wird! Die gewaltigen, pechschwarzen Hinterbacken Rataplans und die schönen Linien des Rückens und. der Flanken glänzten und schimmerten bei, jeder Bewegung in der frostigen Morgenlust. Mir wenigstens jagt heute noch das Blut schneller durch die Adern, wentt draußen auf der Landstraße rascher Hüsschlag ertönt, wenn leichtes Kettengeklirr jede Bewegung des trotzigen Kopfes verrät! Dann können Sie sich denken, wie ich in meinem 25. Jahre zu Pferde saß — ich, Etienne Gerard, der verwegendste Reiter und kühnste Degen im zehnten .Husarenregiment. Himmelblau mit Scharlach war die Farbe unfern- Uniform, und man sagte, daß unser Anblick die ganze Bevölkerung eines Dorfes ins Laufen versetzen könnte — insofern nämlich, als die Männer vor uns flohen, während die Frauen herbeieilten, um uns zu bewundern! An jenem Morgen gab es in den Fenstern Riesenbergs manch blitzendes Auge, welches mich zum Verweilen einlud; aber was bleibt dem Soldaten in solchen Fällen übrig, als lächelnd, ein Kußhändchen hiuaufzu- werfen und Vorüberzuresten?
Ein wolkenloser, blauer Himmel wölbte sich über diesem ärmsten und reizlosesten aller Länder Europas, und blendende, kalte Sonnenstrahlen lagen auf den ungeheuren Schneefeldern. Mein Atem rauchte in der eisigen Luft, und auch Rataplans Nüstern entstiegen Tampfwolken, während an den Seiten fernes Gebisses die Eiszapfen niederhingeu. Uw ihn zu erwärmen, ließ ich ihn im Trab gehen, aber ich selbst war zu tief in Gedanken versunken, um auf die Kälte zu achten. Rings um mich her nichts als die unendliche Ebene, die nur hier und da von Gruppen düsterer Tannen oder lichterer Lärchen unterbrochen wurde. Zwar tauchten von Zeit zu Zeit einige Hütten auf, aber es waren erst drei Monate her, seit die graube armee desselben Wegs gezogen war, und was das sagen will, wißt Ihr alle. Allerdings waren die Polen unsere Verbündeten; aber von den 100 000 Mann unserer Armee befaß nur die Garde Proviantwagen, während die übrigen zusetzen mußten, wo sie blieben. Was Wunder daher, daß nirgends ein Stück Vieh zu sehen war, und feine Rauchsäule I aus den schweigsamen Gehöften emporstieg! Bittere Not bezeichnete die Stätte, die das große Heer betreten hatte, ja, man sagte, daß da, wo der Kaiser mit seinen Soldaten vorübergezogen war, sogar die Ratten verhungern müßten.
Gegen Mittag gelangte ich nach dew Städtchen Saalfeld; der Weg führte mich nun auf der Landstraße nach Osterode entlang, wo der Kaiser überwinterte und wo das Hauptquartier der sieben Divisionen Infanterie war. Natürlich konnte nun von einen! schnellen Vorwärtskvmrnen nicht mehr die Rede fein, denn die Straße wimmelte von Wagen, Karren und Kanonen, von Rekruten und Maroden. Nachdem ich mir eine Zeitlang mühsam einen Weg durch das Gedränge gebahnt hatte, entdeckte ich zu meiner großen Freude einen sich abzweigeuden Seitenweg, der durch dunfleu Tannenwald ebenfalls nach Norden zu führte An der Kreuzung stand ein kleines Gasthaus, und vor demselben hielt I eben eine Patrouille von den dritten Husaren — dem Regi- mente, dem ich später als Oberst angehörte — un Begriff, zu I Pferde zu steigen; der Offizier, ein schmächtiger, blasser lunger Mann, in dem man weit eher einen Priester frisch vom Seminar weg, als den Anführer jener Teufelskerle vermutet hatte, stand I noch in der Tür. '
„Guten Tag, Herr Kamerad!" lautete sein Gruß, als er I bemerkte, daß ich Miene machte, abzusteigen.
„Guten Tag!" war mein Gegengruß. „Leutnant Etienne I Gerard, Boni zehnten."
Ich sah an seinem Gesicht, daß er mich dem Namen nach I kannte. Natürlich, jedermann kannte mich von meinem Kampf mit' den sechs Fechtmeistern her, aber ich war bemüht, ihm durch I mein ganzes Auftreten sofort die Scheu vor mir zu benehmen, I und er stellte sich ohne Verlegenheit vor:
„Unterleutnant Duroc vom dritten."
„Neu eingetreten?"
„Vergangene Woche." _ > .
Das hatte ich mir nach feinem Milchgesicht und der uach- lässiaen Art und Weise, wie feine Soldaten zu Pferde saßen, schon gedacht. Aber ich hatte ja selbst vor gar mäst langer Zett I erfahren, was es heißt, wenn ein Schulknabe Veteranen unter! I sich hat; ich war rot geworden, so oft ich Mannern Befehle zurufen mußte, die Mehr Schlachten gesehen hatten, als ich ..zatzre I zählte, und cs wäre mir viel leichter gefallen, zu sagen: ,,wctt 1 eurer Erlaubnis wollen wir uns m Rech und Glied stellen. , ober „Haltet ihr es nicht für besser, wenn wir letzt Trab retten? -M dachte deshalb nicht schlechter von dem Jünglinge, als ich | bemerkte, daß seine Leute nicht die rechte Zucht hatten; aber


