Ausgabe 
26.9.1912
 
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Wohnung verließ, uni "mit Lent AbenMge ebenfalls abzureisen. Ein Blick in Friederikens biederes Antlitz sagte ja Volle Sicher­heit KU.

, Mit den besten Vorsätzen ausgerüstet, strebte die tugendreiche Friederike ihrem Heim zu, als ihr Verhängnis nahte.

Friederike nannte, wie es selbst den biedersten Mädchen passieren! kann, einen Bräutigam' ihr eigen, einen Stadtreisenden in Essig Und Oel, der allerdings bis zum Kommerzienrat noch einen ziem­lich weiten Weg vor sich hatte. Kiefer hatte natürlich vont Reiseplan seiner Teuren erfahren und traf sie, unt von ihr Abschied zu nehmen, in einem kleinen Restaurant.

, Als Friederike, diesich angezogen hatte" und also restau- ratronsfähig war, das Gastzimmer betrat, sand sie dort ihren Herzensmieter in Gesellschaft eines Freundes, eines lustigen Kol­legen, der sich einige Stunden frei gewacht hätte und mit seiner Braut die Freuden des irdischen Käseins genießen wollte.

Friederike, die jubelnd begrüßt wurde, wollte nur kurze Zeit bleiben, da ihr pflichttreues Gemüt der verschiedenen Arbeiten gedachte, die ihrer.zu Hause noch warteten. Als nun die beiden Freunde erfuhren, daß die gutmütige Maid für heute abend alleiniger Inhaber der Wohnung war, reifte in ihnen ein kühner Plan.

Weißt du was," sagte ihr Bräutigam zu der verwundert Aufblickenden,wir gehen alle een bißken zu euch und feiern in ganz einfacher Weise Abschied. Een bißken Essen wird doch wohl noch da sein"

Friederike wollte zuerst von dieser Feier nichts wissen, als aber beide ihr vorstellten, daß die Sache dochriesig harmlos" wäre, willigte sie ein.

Unauffällig, in zwei Heerhaufen geschieden, rückten nun die Verbündeten in die Wohnung ein. Zunächst wurde einmal die Küche und Speisekammer revidiert, und es wurde sogar noch mehr alseen bißken Essm" gefunden. Der Tisch int Speisezimmer war noch gedeckt, doch ehe man sich niederließ, wurde die gut­herzige Friederike überredet, in den Keller hinabzusteigen und einige Flaschen Wein heraufzuholen. Tie Bemerkung des lustigen Freundes,damit er nicht verdirbt", wurde gebührend belacht.

Während man das durch heitere Reden gewürzte Mahl zu dritt eiunahm und Friederike durch mehrmaliges Nötigen zum Trinken noch gutmütiger gestimmt worden war als bisher, unter­nahmen die beiden edlen Freunde eine Entdeckungsreise in das Zimmer des Hausherrn und kehrten mit einer Kiste Zigarren zurück.

Es war eine recht vergnügte Gesellschaft, die beim Schimmer der Gasflamme am Tisch saß und es sich» Wohlsein ließ.

Schließlich wurde Friederike nochmals veranlaßt, in den Keller zu steigen. Nun wurde man immer lustiger. Vor Ueberraschungen durch andere Mitbewohner des Hauses war man ja gesichert, befand sich doch die unter der Etage häufende Familie in der Sommerfrische. Ungeniert .bewegte man sich daher 'durch die ganze Wohnung, und unt den Salon gebührend bewundern zu können, zündete man dort den achtflammigen Gaskronleuchter an. Friederike setzte es jedoch mit Entschlossenheit durch, daß im Salon nicht geraucht werden dürfe, und daher hielten sich die Herrschaften auch nicht lange dort auf.

Immer mehr dämmerte in Friederike etwas wie Pflicht­bewußtsein auf, sie räumte die Tafel int Speisezimmer ab und begab sich dann in die Küche, um aufz-uwaschen. Als sie Kurückkehrte, fand sie die beiden Freunde eiugeschlafen auf dem Sofa sitzend. Sie weckte sie, lüftete das Speisezimmer und veranlaßte durch diesen zarten Wink die Gäste, an den Aufbrnch zu denken.

Jede Kleinigkeit brachte sie int Speisezimmer in Ordnung, die Weinflaschen versteckte sie in einer Kammer hinter der Küche, die Fenster wurden geschlossen, die Vorhänge herabgelassen, und dann geleitete sie ihre Gäste auf die Treppe hinaus. Während diese möglichst leise hinabgingen, löschte Friederike die Gaslampe, verschloß die Tür zuM Speisezimmer, versteckte den Schlüssel 7,am bekannten Orte" im Korridor, nahm ihren Handkoffer und verließ ebenfalls die Wohnung., Nachdem sie auch diese richtig verschlossen hatte, siel ihr ein Stein voM Herzen: nun würde hie Herrschaft von der Abschiedsfeier doch nichts merken.

ZuM Abendzuge war es zu spät geworden, aber es gab, wie man schon beim fröhlichen Mahle überlegt hatte, noch einen Nachtzug. Tie dankbaren Gäste begleiteten Friederike auf der Elektrischen zum Bahnhof, und nachdem man dort noch vergnügt eingekehrt, brachte man die liebenswürdige Gastgeberin, das heißt Gastgeberin auf fremder Leute Kosten, Mw Wagen.

Friederike verlebte ihren Urlaub in stiller Zufriedenheit int Elternhause, und wenn sie hier und da einmal an die Abschieds- seier dachte, so hatte sie das beruhigende Gefühl, daß jede Spur davon getilgt war; zudem würde sie ja einige Stunden vor der Herrschaft in die Wohnung zurückkehren.

Doch mit des Geschickes Mächten ...

Tas Ehepaar Gerlach hatte beabsichtigt, die Reise an einem Sonnabend zu beenden und spät abends Nach Berlin zurückzu­fahren. Seit mehreren Tagen herrschte nun int schönen Thü­ringer Lande Regen und Kälte, so daß es einen Stein erbarmen konnte, und da auch am Freitag abend das Barometer nicht zu steigen geruhte, beschloß Man, schon früh am Sonnabend morgen abzureisen. Friederike wurde telegraphisch benachrichtigt, ehe das Ehepaarin aller Herrgottsfrüh" bei strömendem Regen tn den Lug stieg.

Ms das TelegrämM in Friederikens HpiMät eintras, war das Mädchen jedoch nicht Mehr anwesend; sie war bereits aM frühen Morgen, einer Einladung ihres Bräutigams folgend, nach Berlin abgeöaMpft, um mit ihm dort noch einen halben Tag zu verleben. Tas Telegramm wurde nach Gerlachs Wohnung ge­sandt/ dort aber war niemand zu Hause, und so wurde es denn hem Hauswirt übergebm.

Tas Ehepaar war erstaunt, Friederike, die Wichtgetreue!, nicht zu finden. Der Hausherr öffnete die FlNrtür, Man suchte und fand den Schlüssel zum Speiszimmer, trat ein und machte Licht. Tann ging äs ans Auspacken der Koffer.

Schließlich erschien denn auch Friederike und erschrak nicht wenig, .als sie die Herrschaft bereits anwesend sand. Ein prüfender! Blick durch das Zimmer sagte ihr aber bald, daß nichts die lustige .Abschiedsfeier verriet.

Also alles in Ordnung, das ist ja schön!" sagte die junge Fran zu ihrem Gatten, während Friederike sich int stillen freute.

Die Hausfrau schritt nun auf den nebenanliegenden Salon zu, öffnete die Tür und taumelte einen Schritt zurück, indem sie einen leichten Schrei ausstieß. Auch dem Gatten, der nach ihr hinblickte, lähmte das Erstaunen die Züge; Friederike meinte aber, sie solle in den Erdboden versinken: da drinnen im Salon brannte der achtflaMrnige Gaskronleuchter.

Die bestürzte Friederike beichtete unumwunden, und ein Schauer von Vorwürfen prasselte auf ihr schuldiges Haupt nieder. Die Gasrechnung wurde auf ihr Konto gesetzt: zwanzigmal vier­undzwanzig Stunden acht Gasflammen gebrannt, das gab einen stattlichen Posten, und als Friederike ihr Malheur ihrem Bräuti­gam klagte, da hatte dieser auch noch die Keckheit, zu sagen:

Tas war ein teurer Urlaub, da wärst du ja billiger fort-, gekommen, wenn du im teuersten Schweizer Hotel gewohnt und dabei eine Gasflamme gebrannt hättest!"

in unwiderstehliches Gambit.

In der Schachwelt gibt es gegenwärtig eine wahre Er'- regung. Ueberall zerbricht man sich über das Rätsel, das sie aufgibt, die Köpfe. Sein Name heißt: Die Schweizer Partie. Es ist dies eine Gambitpartie*) und ihr Erfinder ist ein Oester- reicher : der in Stanislaus in Galizien lebende Oberrevident der k. k. Staatsbahnen, Alexander Wagner.

gibt eine große Zahl Gambitpartien, mnd allgemein ist das Urteil, daß ihr Reiz in den, man kann beinahe sagen, phantastisch kühnen Entwicklungen liegt, zu denen jede von ihnen führt. Nur aber hat die Praxis gelehrt, daß bei ihnen dem Angreifer die Sicherheit abgeht; er beginnt mit einem Opfer,- und das führt in der Regel zum Verlust. Und nun kommt Herr Alexander Wagner daher. Er entblößt seine Stellung gleich in den ersten Zügen in einer bisher noch nicht dagewesenen Weise und das Ergebnis ist, daß sein Spiel zum Gewinn führt, und zwar in unwiderstehlicher Weise. Er hat in 15 Korrespondenzpartiett 14, sodann in 12 darauf gefolgten Partten 11 gewonnen und jedesMal eine zu Remis gebracht. Und das Schönste ist, daß die großen Meister unter ihnen der Weltmeister Schlechter einstimmig erklären, daß sein Gambit, wenn der Gegner es annimmt", in der Tat unbesiegbar ist. Man muß es dem­nach, wenn man nicht unterliegen will,ablehuen". Aber welches die richtige Ablehnug, die richtige Antwort auf seinen entschei- denden Zug g 2 g 4 ist, das hat bisher noch niemand gefunden! .

Angesichts dessen wird es unsere Leser, unter denen pch ja so viele Schachfreunde befinden, gewiß interessieren, zu erfahren, wie Wagner zu seiner Erfindung gelangte. Er erzählt davon im Neuen Wiener Tagblatt:

Auf dem 7. schweizerischen Fernturnier, Nov. 1911, habe ich gegen einen meiner Partner zur. Abwechslung f 2k 4,eröffnet und statt des üblichen Frontzuges e 7e 5 zur Antwort f 7f 5 erhalten. Nun habe ich sogleich im Bilguer nachgeschlagen und darin eilte Notiz gefunden, daß die Deutsche Schachzettung 1859/61 die Fortsetzung 2, 6 26 4 erwähnt, sie jedoch für Weiß als unvorteilhaft erklärt (wegen f5X64, 3. Sb 1c3, Sgf6, 4. d 2d 3, e 4xd 3, 5. L fxd 3, d 7d 5). Die Schachwelt, gewöhnt Jurare in verba magistri (zu schwören auf die Worte des Lehrers), hat sich seither mit dieser Spielart nicht mehr befaßt, trotzdem Bild im Wiener Turnier 1873 mit der Eröffnung 1 f 2f 4, f 7f 5, 2. 6 26 4, f 5xe 4, 3. d 2d 3, über Dr. Gelbfuß einen brillanten Sieg errang. Nun habe ich das beregte Gambit eingehend untersucht, mit dem Resultate, daß nach 3. S b 1c 3, S g 8f 6, die richtige Fortsetzung nicht 4. d 2d 3, sondern 4. g 2g 4 ist, worauf Weiß sofort den Sprin­ger bedrohend unter allen Umständen gewinnen muß, zumal auch auf alle Gegenzüge unentwegt 5. g 4g 5 nachfolgt, worauf Schwarz kaum noch schwache Reniischaucen, und diese nur durch 6. S f 6g 8 haben kann. , m

Mit diesem von mir jedenfalls zuerst tn Auwendung ge­brachten vierten Zuge g 2g 4, brachte ich Meinen Gegner tm achtzehnten Zuge zur Strecke, worauf ich diese Eröffnung dem

.*) Gambit ist eine Spieleröffnung, wobei vom Anziehenden in den erstell Zügen ein Bauer scheinbar ohne Ersatz preisge- ' geben wird.