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daneben liegende Rebstück des Onkel Scheck,*) tob ich' iminer sehr freundlich ausgenommen wurde und vom Onkel selbst noch die schönsten Stöcke gezeigt bekam'. Besonders empfahl' er mir die Wit den durchsichtigen, hellgrünen Trauben, deren Beeren einen rostigen Fleck hatten. Da sei der Fuchs dran vorbei gesprungen, meinte tr dann lachend. Deswegen seien sie so gut.
Es war fast ein Ereignis', wenn der Onkel Schack, ein untersetzter Bauer mit glattrasiertem Gesicht und struppigen dunklen Haaren, einmal lachte. So selten geschah das. Er hatte immer etwas Grimiuiges in feinem: Gesicht. Wenn er aber lachte, dann zog sich sein Mund so schmerzhaft in die 'Höhe und seine buschigen Brauen senkten sich so traurig Wer die kleinen Augen, daß ich immer ein wenig Angst bei diesem Gesicht bekam'. Mer er war sehr freigebig gegen mich und /eine Trauben' schmeckten mir immer vorzüglich. Nur einmal wurde er sehr böse, nämlich als ich ihn fragte, warum er am linken Ohr kein Läppchen mehr habe.' Ganz Angst hatte ich damals vor ihm 'bekommen, so bös sah er mich an und sagte, ein kleiner Bub brauche nicht alles zu wissen.
Als ich alter war unb schon ins Gymüasium ging, fragte er Mich, wenn ich bei ihm in seinem kleinen sauberen Hause aM Dorfback) vor der Heimreise Abschied nahm, fast jedesmal, ob ich auch Soldat werden und in den Krieg ziehen wolle, wenn's losgehe. Ich sagte jedesmal: „Nein!" Denn erstens wollte ich es wirklich nicht, zweitens wußte ich, daß Onkel Schack sehr böse geworden wäre, wenn ich ja 'gesagt hätte, und dritteiis bekam ich jedesmal eine Mckrk, die er Mir sorgsam in den Zipfel meines Taschentuches band. Und jedesmal war sein letztes Wort: „Gelt Büble, nur nicht Soldat werden und in den Krieg ziehen Müssen! Geh du lieber nüber in die Schweiz!" ,
Bei diesem Abschied sah ich auch, daß es in dem! kleinen Haus vom Onkel Schack viel sauberer aussah, als bei der Großmutter. Alles war schön geputzt, die Messinggriffe an der Tür blinkten und der Fußboden war mit feinem roten Sand bestreut. Unb als die Großmutter gestorben war und mir andere Dinge köstlicher blinkten, als im Heimatdorf meiner Mütter herbsten, da war der Onkel Schack der einzige Mensch unter den 'Verwandten, an den ich in der Ferne noch manchmal dachte Er mußte irgend etwas Furchtbares erlebt haben, daß er so verschlossen und so bitter war. Viele Leute im Dorfe hielten ihn für verrückt. Die älteren Männer Wer sagten, er' sei erst nach seiner Rückkehtz aus dem' ,70er Kriege so geworden.
Sie haben recht gehabt. , , r.. .. m <
Vor einigen Jahren hat es Mich: Meder einmal in die Gegend gezogen, wo ich als Kind so viele frohe Tage verlebt. , Der Onkel Schack lebte noch. Als alten Weißkopf sand ich ihn wieder, im Grunde immer noch der gleiche. Auch im! Häuschen hatte sich nichts verändert. Die Türklinken blinkten und auf dem Fußboden knirrschte der rote Sand. Bei einem Krüglein Wein erzählte ich ihm mancherlei von meinen Fahrten. Nach und nach wurde er warm. Schließlich käm! auch das alte Thema voM Krieg tzur Sprache. Während ich redete, sann er nkit eingezogenen Lippen über etwas nach. Auf einmal sagte er: Du weißt, daß die Simpel hier im Dorf mich für nicht ganz gescheit halten. Das konimt hauptsächlich daher, daß ich nicht eine von ihren Töchtern geheiratet habe. Kein Mensch weiß, warum sch nicht geheiratet habe. Aber dir will ich's jetzt erzählen.
Er nahm einen Schluck, fuhr sich über die Bartstoppeln uit Gesicht und sagte:
, Schau, im Krieg wird jetrer Mensch entweder ein Feigling oder zu einem Vieh, zu einem wilden Tier. Du kannst es dir vorstellen. Eine Metzgerei ist nichts dagegen Diejenigen, die nicht darüber nachdenken, finb ja noch dre Glücklich,ten. Aber ich, ich bin so einer von den Gestraften gewesen, die immer haben über alles nachdenken müssen und nichts haben vergessen können. Jetzt, wo ich alt bin, ist es ja besser, aber schau," — und er klopfte mit der Faust vor die Stirne — „da drinn sitzt es, es zwingt einen, man muß darüber Nachdenken, und deswegen haben sie Mich närrisch geheißen, die Narren. Viehmenschen sind es, die kern Gemüt haben und kein Hirn." ■— ;~ . L, ,,
Mach einer kleinen Panse fuhr er weiter : „Ich war vielleicht auch nicht so menschenscheu, wenn ntir nicht üüch noch das passiert wär int Krieg." „ „ , . Y.
Er nahm noch einen tiefen Schluck und erzählte bann ohne Unterbrechung: „Nach der Schlacht von Nuits war es. Gun Dorf musste noch gesäubert werden. Die Hauptarbeit war schon gemacht, aber der Feind schoß intmer wieder aus dem! Hinterhalt auf uns. Da wurde meine Kompagnie gegen Abend hinein- geschickt, um' es ihnen gründlich zu verleiden. Mit einem Hagel von Steinen von den Dächern herab und Flintenschüssen hinter den Jalousien hervor wurden wir empfangen. Da seh ich, wie gerade eine Frau'aus einem Manfardensenster heraus aus mich schießt. Ich denke, es ist eine Frau, und weh getan hat mir ihre Kügel nicht, und stürze weiter, um in ein Haus einzudringen, aus dem sie heißes Wasser schütteten. Wie ich hinein will, fahrt Mir eine" Kugel von hinten durch! den Helm. Ich dreh mich üm, da schlägt gerade ein Weibsbild mit einerFlinte in der Hand die Läden zu. Ich denke, na, es war hur ein Helm ünd auf Frauen " *) „Schack", alemamiisches Französisch für Jacques-- Jakob.
schieße ich nicht. Im gleichen Augenblick pfeift mir wieder eine Kugel am Kopf vorbei und schlagt in die Haustür, die die andere» immer noch nicht aufgebracht haben. Am Hals spüre ich was warmes. Die Kügel hatte mir ein Stück vom linken Ohr gerissen. Meistens spürt maus ja gar nicht, wenn man verwundet ist. Aber wenn man es spürt und noch das Gewehr oder den Säbel halten kann, dann wird man unsinnig, blutdürstig, eben einfach wie ein wildes Tier. Ich renne in das gegenüberliegende Haus, aus dem der Schuß kam, und stoße mit einem1 Tritt die leichte Türe ein. Mit einem Kolbenschlag ist im ersten Stock die Türe auf. Da steht mir gerade gegenüber in der Ecke eine junge Frau, oder ein Mädchen, ich weiß es nicht, und legt auf mich an. Schön war sie und groß, das weiß ich noch, und nicht schwarz, wie gewöhnlich die Franzosenweiber sind, sondern blond. Eine Sekunde lang steht sie mir gegenüber. Ich war wie gelähmt. Und bann hat sie geschossen. Die Spitter von einem Bilderrahmen, den sie traf, fuhren mir um den Kopf, unb im nächsten "Moment hatte ich ihr mit dem Gewehr den .Schadet eingeschlagen. Von dem! Augenblick an habe ich den ganzen Abend wie ein Wilder gewütet. Und als endlich alles still war, unb das Mückzugssignal geblasen wurde, hat es mich langsam wie ein Schrecken überfallen. Ich Biwak bin ich eingefchlafen so wie ein Stück Vieh. Vierundzwanzig Stunden habe ich so geschlafen unb war nicht aufzuwecken. In diesen vieruudzwanzig Stunden, da ist aber etwas mit mir vorgegangen. Leer ist es in mir geworden, ganz leer. Ueberall bin ich teilnahmslos mitgegangen und hab immer nur an das Mädchen denken müssen, dem ich den Schädel eingeschlagen. Schau, ich kann mir's jetzt noch: vorstellen, wie sie mich mit entsetzten Augen angesehen hat, den Mund weit aufgerissen hat und dann in der Ecke zusammengesunken ist."
Der Onkel Schack hatte während der Erzählung em ganz anderes Gesicht bekommen. Es lag wie ein Schicksal .auf seinen Zügen. Und ganz still fügte er zum Schluß dazu: „Deswegen hab ich nicht heiraten können, weil ich ein junges Weibsbild mit dem Gewehrkolben totgeschlagen habe. Es ist üiir immer gewesen, als ob die aus dem Krieg einmal über den Rhein kommen könnte, wenn ich heirate, unb meiner Fran sagen: „Der Mensch hat mich totgeschlagen: wie kannst du so einen heiraten?" --So, jetzt weißt du es." , • .
Es sind jetzt zehn Jahre her, daß mir der Onkel Schack das erzählte. Vor sechs Wochen hab ich von ihm eine Einladung erhalten — zu seiner Hochzeit. Er hatte sich im Laufe der Jahre ein kleines Vermögen zusammengespart und war so für bte Verwandten int Dorf ein kleiner Erbonkel geworden. Um ihn ganz sicher in Händen zu haben, richteten die Verwandten dem' alternden, kränkelnden Manne einen kleinen Anbau an ihrem Anwesen her. Dort sollte er aus seinem kleinen Hause hiuziehen, damit er auch Hilfe habe, wenns ihn etwas passiere. Die Menschen werden so lieb', wenns bei einem’ zu Ende geht, der was Hatz Der Onkel Schack hatte ihnen aber einen Strich durch chre Gefühle gemacht. Er heiratete eine blutarme Waise, unb sie wirb zu leben haben, wenn einmal ber Alte die Augen geschlossen Hatz Das wird nicht mehr sehr lange gehen. Das hat mir der Onkel Schack bei der einfachen Hochzeit, bei der ich nicht fehlen wollte, gesagt. Und daß die vom Rhein drüben noch kommen könnte, davor hat er letzt keine Angst mehr.
Die „Uastenlosen".
In Europa hält man die Parias für die niederste Dollsklasse Indiens; es existiert jedoch dort noch eine andere, die unter der Verachtung aller anderen Kasten und sogar noch unter den Parias steht. Es sickd dies die „Kastenlosen", die Korgars. ^hre Vorfahren waren einst, vor Tausenden von Jahren, Herrscher rn dem Lande, in dem sie selbst aus der untersten Stufe stehen: sie stammen nämlich von de» Ureinwohnern Indiens. Seit dem ^.age, da ihre Vor fahren von den Eroberern nnterivorsen wurden, stehen sie außerhalb der menschlichen Gesellschaft und Sitte. Die »katholischen Missionen" erzählen Interessantes über diese Parias der ^Keiu Dorf dürfen sie ohne Erlaubnis ber Bewohner betreten; nachts ist ihnen überhaupt der Zutritt ganz versagt.. Eigene Dorier dürfen sie auch nicht bauen, nicht einmal Hauser, ber denen Mauern und Steine verwandt werden. In irgend einem Gebüsch abseits von der Landstraße sollen sie aus Zweigen sich ihre Hutten er- richten. Verboten ist es den Frauen, -tud) am ^elbe zu trage», ei» Streifen von Palmblätter» muv ihnen genügen. Tie Wimmer dürfen eine» Lappen benütze», freilich niemals einen neuenI uie solle» nur das rauhe Zeug gebrauchen, wie '»anesui I dien zur Einhüllung von Leiche» benötigt. Auch neue Gefäße sind ihnen niclrt acstattet, — auf den Abfallstatte» könne» sie sich die besten Scherbe» zusammenlese». Fleisch dürfen sie genießen — doch nur voii Hunden und gefallenen Kühen. All diese Bestimmungensind aber noch erträglich /gen das'Verbot, die Brunnen zu benutzen. Bei dem heißen Klima Indiens i|t das eme wahre fortgesetzte Quälerei. So muffe» die Korgars aus Pfütze» und Sumpfen ihr Wasser schöpfen; hat die Sommerglut auch diesi ausgetrocknet, dann Men sie ihr zerbrochenes Gefäß a» eure Hecke nahe bei dem Brunnen und kehren ins Gebüsch zurück, denn sie dürfen nicht zugleich mit Kastenleuten einen Weg betreten, weil ihr Haiich ia dle Luit verpeste» würde. Am Straßenrand warten sie — vielleicht


