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spähte her Vater vergeblich nach dem lichtblonden Zopf- getürm über dem rosa Tüllfähnchen...
Leutnant Klowitz, der als Ballarrangeur und Vor- tänzer fungierte, sah seinen Chef mit suchenden Augen in der Tür stehen. Er führte Frau von Branders, mit der er just eine Extratour tanzte, schleunigst zu ihrem rechtmäßigen Tänzer, fjerrit von Scho-enawa, zu ruck und schätz auf den Major zu: „Kann ich Herrn Major mit irgend etwas dienen?" _
„Ich suche meine Tochter Molly — wir brechen auf!"
„Meines Erinnerns habe ich das gnädige Fräulein vor . . . vor zirka einer halben Stunde ^gesehen ... pe tanzte mit dem Einjährig-Freiwilligen Friesen!"
„So, mit den: Einjährigen — und seitdem — —? *
„Seitdem ist sie mir aus den Augen gekommen!"
„Na . . . machen Sie kein Aufsehen. . . hier irrt Saal ist sie nicht! ... Wo könnte sie sonst wohl sein — ?"
„Im Rauchzimmer uitd im Billardzimmer haben Herr Major schon nachgefehen?!" .
„Im Rauchzimmer war ich selbst! — im Billardzimmer >— das wäre möglich !"
Lebhaft plaudernde Gruppen in allen Ecken, um die Spieltische gedrängt erhitzte Leutnantsgesichter, junge Mädchen und Frauen, die sich eifrig fächelten. . . hastende Ordonnanzen rnit Servierbrettern voller Selters- und Bter- gläser . . . von Molly keine Spur! —
Also nochmals zurück in den Saal! —
Auch hier keine Molly! —
„Vielleicht weiß der Einjährige Bescheid?" meinte Leutnant Blowitz, „den muß man ja leicht herausfinden an seinen schauerlichen weißen Hosen!"
Jawoll —! die weißen Hosen waren ebensowenig zu finden wie . das Majorsmädel . . .
„Da bleibt nur noch eine Möglichkeit, Herr Major ---
das gnädige Fräulein muß int Garten fein!"
„Js ja ausgeschlossen!"
Aber der bekümmerte Vater stürzte doch sogleich zur Veranda . . . spähte in den Garten hinaus, dessen Laubengänge, vom Mondlicht angesilbert, dunkel träumten, nur von den mattleuchtenden Kugeln einiger Lampions belebt . . .
„Molly!" rief der Vater gedämpft, „Molly — last du hier?!"
■--- Ein paar Minuten bangen Schweigens . . .
Darm tauchte ein weißer Schatten aus der Dämmerung, und ... ein harmloses Lächeln auf dem glatten Engelsgesichtchen hüpfte Molly die Veranda hinauf: „Hast du mich gerufen, Papachen?"
„Allerdings — Mama bricht auf!"
„Oh, wie schade ... ich hatte mich so auf den Kotillon gefreut!"
„Tut mir leid! — Wie kommst du denn in den Garten?"
„Es war so heiß — — ich wollte mich ettt wenig abkühlen!"
„So — abkühlen! — Na, komm!"
Lächelnd und schlank wie eine Fee schwebte Molly vorauf.
Der Major folgte. Unablässig zwirbelten seine Finger die lang herabhängenden grauen Schnurrbartspitzen. . .
Er hatte sehr wohl bemerkt, daß hinter dem weißen Schatten, der sich aus dem Dunkel entwickelte, noch ein anderer weißer Schatten int Garten gespukt hatte . . . aber der war nicht ans Licht gekommen. . .
Er hatte eine heillose Aehrtlichkeit gehabt mit einem Paar weißen Manuschafts-Paradehosen, auch „Porzellanbuchsen" geheißen--
Ja, das hatte der Vater gesehen, aber... er wollte nichts gesehen haben. . .
Nur künftighin besser auf das Mädel passen —!
„Na, gut' Nacht, lieber Blowitz! Ich danke Ihnen! Noch viel Vergnügen!"
„Danke gehorsamst, Herr Major! — Empfehle mich, mein gnädiges Fräulein!" f
Wenn der nur nichts gemerkt hatte — —!
Blowitz verzog keine Miene beim Abschied.
Aber er hatte doch gesehen.
Na, wenn die Kleine sich partout einen Flirt mit dem Einjährigen in ihr blondes Köpfchen gesetzt hatte . . . 'Hermann Blowitz fühlte weder zum Denunzianten noch zum Klatschweibe Beruf in sich . . . Er wollte seine Entdeckung
für sich behalten . . . bei ihm wär das Geheimnis dep Kleinen gut aufgehoben — . m
Und Hans Friesen, der erst wie ein Verbrecher gegittert hatte, lachte nun selig in sich hinein in seinem dunkeln Versteck... er tappte sich zu der Bank zurück, auf der ssv eben mit Molly gesessen — auf der er kühnen Muts einen scheuen, seligen Kuß erbeutet hatte. . .
Der machte das Poetenherz schwer und warm . . .
Er fühlte das Schicksal feines jungen Lebens über feinem* Haupte...
Es hieß Molly ■— Molly Sassenbach--
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Um vier Uhr morgens waren die letzten Damen ge> gangen. Nun rotteten sich die Leutnants int Billardzimmer um die Siphons zusammen.
Teufel auch... die Nacht war doch mal angebrochen . . . die vorletzte Nacht in der Garnison. . .
Morgen nur Jnstruktionsstnnden und Appell . .
Appell... , . ..
Stiefelappell . . . Gewehrappell. . . Appell- mit eisernen Portionen und Appell mit Fußbekleidung . . . Appell mit Sachen, die auf Kammer abgegeben werden mußten . . . Stubenrevision und zuletzt Appell im Manöveranzug.
Das schaffte man auch mit unausgeruhten Knochen . . mit einem noch so wüsten Brummschädel.
Erhitzt vom Tanz goß man einen Schoppen nach- dem' andern in die glühende Kehle. Bald waren die Leutnants Klocke und von Finette wie die Staubfäulen betrunken. Energischer Zuspruch älterer Kameraden mußte sie zum H-eimschwanken bewegen. —
Die Tanzlust war noch- nicht gestillt. Da die Regiments^ musik verschwunden war, fetzte sich der kleine Carstanjen ans Klavier und hieb eine wilde Walzermelodie in die Tasten hinein... , ,
All die unruhvollen jungen Männerherzen, in denen die Erregungen des Festes nachzitterten, lechzten unbewußt nach einem letzten äußersten Anstoben . . . Einer umfaßte den andern. . . und bis zum Umfallen wurde gewalzt.
Verschlafen lungerten die Ordonnanzen in den Ecken herum und starrten mit blöden, verwunderten Augen auf das wilde Treiben ihrer jungen Herren. . .
Schließlich wurden sie hinausgeschickt. ,
Und auf den hohen gotischen Stühlen, die sonst feierlich die Regimentstafel umstanden, wurde nun ein toller Ritt ausgeführt. . . dann nach dem krähenden Kom-i mando des Keinen Carstanjen ein großes -Lchwadrons-
Ein "jeder hatte sich dazu bewaffnet ... Eine große Trophäe von -alten Ritterschw erlern, Hellebarden und Morgensternen, welche die Wand des Rauchzimmers zierte, war zu diesem Zweck geplündert worden...
Ein abenteuerliches Bild, die jungen Herren nut aufgeknöpften Waffenröcken. . . rittlings auf den hochlehm- gen Stühlen. . . ausgerüstet mit phantastischem Gewafsen aus alter Ritterzeit. . .
„Eskadron — Galopp —!"
Keiner aber glühte höher . . . ferner johlte lauter..? feiner schwang die Waffe wilder als Martin, Flamberg, (Fortsetzung folgt/
Dar Ohrläppchen.
Bon A. Fendrich,
In den Sommerferien meiner Volksschuljahre habe ich mich immer die ganzen W> Wochen auf die Herbstferien gefreut, die ich immer in dem Heimatdorf meiner Mutter verleben durste. Dort führte ich die paar Tage ein wahres Herrenleben in den Rebenhügeln mit den roten Sandsteinbrüchen. Die Lust erzitterte unter Pistolenschüssen und Jauchzen, und am Abend ging die köstliche Arbeit an bem mostdustenden Trotten bis tief in die Nacht hinein. Mit der Arbeit wurde es allerdings meinerseits nicht sehr ernst genommen, was beim Traubenschnelden insbesondere die Großmutter mit ihrem hageren, ledernen Gesicht sehr Übel vermerkte. Selten gelang es mir, mich ihrer scharfen Beobachtung zu entziehen und dem Auszupfen und Essen der schönsten Beeren an noch nicht ab geherbsteten Weinstöcken obzuliegen. Allen Warnungen der Großmutter vor den furchtbaren Lelbschmerzery welche gerade die goldigen Beeren zur Folge hätten, die ich 10 gerne aß, blieben ohne Wirkung auf mich. Wenn sie mich aber endlich bei meiner verbotenen Tätigkeit entdeckte, und mtr mit einem" Stecken nachlief, dann rettete ich mich gewöhnlich tn das


