Ausgabe 
25.11.1912
 
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Das Amethyst-Fläschlein.

Eine Erzählung von A. K. Green.

(Nachdruck verboten.^

(Fortsetzung.)

Jawohl, ich kann es nicht, so wahr ein Gott lebt, es ist mir unmöglich! Ich war zu verdutzt, zu verwirrt durch den unerwarteten Umstand, um mich sogleich umzuwenden. Und als ich es tat, blitzten nrich zwei Äugenpaare an, und zwei Gesichter glänzten vor wirklicher oiwr vorgetäuschter Fröhlichkeit. Wenn dies alles genresen wäre, hätte auch ich mich für das Opfer einer ungeheuerlichen Täuschung ge­halten. Aber als ich vor einer halben Stunde das Herzchen in der Schublade vermißte, in die ich es warf, als un­sere Gastgeberin unvermutet früh nach uns verlangte, da wußte ich, daß ich mich in der Bedeutung des ge­hörten Ausrufs nicht getäuscht hatte, daß er wirklich eine geheime Begierde ausvrückte, und daß einfach die Hand das weggenommen, was das Herz verlangte. Wenn heute nacht in diesem Hause ein Todesfall

Sinclair, du bist verrückt! unterbrach ich ihn mit großer Heftigkeit. Ich mußte das sagen; es entsprach am besten dem Sturm meiner Gefühle und der Verwirrung meines Verstandes. Ein Todesfall hier im Hause! Wir sind doch alle so glücklich! Denk doch, wie deine Braut harm­los in die Welt schaut! Erinnere dich an die aufrichtigen Augen Dorotheas, an ihr Lächeln, ihr edles Benehmen! Du übertreibst den Ernst der Lage! Du hast sowohl den einfachen Ausdruck harmloser Ueberraschung, den du ver­nahmst, mißdeutet, wie das echt weibliche Gefühl, das die Mädchen bewog, dieses romantische Erzeugnis italienischer Teufelei an sich zu nehmen.

Mit solchen Phrasen vergeuden wir nur die kostbare Zeit, antwortete er unerschütterlich. Jede Minute, die wir verstreichen lassen ohne zu handeln, bringt die Gefahr nur näher.

Was! Du bildest dir ein

Ich bilde mir gar nichts ein! Ich weiß ganz einfach, daß eines der Mädchen ein Mittel in ihrem Besitze hat, sich in einem einzigen Augenblick das Leben zu nehmen; daß dieses Mädchen nicht glücklich ist; und daß, wenn sich irgend etwas heute nacht ereignet, dies unsere Schuld wäre, weil wir angesichts einer tatsächlich bestehenden oder möglichen Gefahr die Hände im Schoße ruhen ließen. Da nun Gikbertine mir nie Anlaß gegeben hat, weder an ihrer Zuneigung noch an ihrer Befriedigung über unsere baldige Vereinigung Zweifel zu hegen, erlaube ich mir

Zu glauben, daß der Gegenstand deiner Befürchtungen Dorothea ist, schloß ich mit einem Lachen, das ich ver­gebens sarkastisch erscheinen zu lassen versuchte.

Er gab keine Antwort, und ich machte den vergeblichen Versuch, mich einer Furcht zu erwehren, die ich weder

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zu verheimlichen noch zuzugeben vermochte. Denn so kühn sein Gedanke war, die Vernunft flüsterte mir zu, daß er Gründe für seine Annahme haben mußte.

Dorothea, im Gegensätze zu Gikbertine Murray, besaß nicht den Charakter, der sich dem ersten forschenden Blicke erschließt. Ihr Kummer denn sicher hatte sie einen solchen war nicht derart beschaffen, daß sie ihn irgend jemand, selbst mir, anvertraut hätte. In verflossenen Ta­gen hatte ich mir eingebildet, ihn sehr wohl zu verstehen. Ich hatte geglaubt, daß jeder Mangel an Aufrichtigkeit von ihrer Seite leicht durch ihre abhängige Stellung der jähzornigen Tante gegenüber sich erklären ließe. Aber nun, da ich mich zwang, die Sache sorgfältig zu über­legen, sah ich mich vor die Frage gestellt, ob ihre wechsel­hafte, oft launische Stiinmuug, die mir insgeheim manche Sorge bereitet hatte, nicht einer ganz anderen Ursache ent­sprang, einer Ursache, an der meine hartnäckige Liebe mehr Schuld hatte, als das Temperament ihrer Verwandten. Die Abneigung, die sie einst meinen Aufmerksamkeiten er­wiesen hatte, waren allerdings schon seit längerer Zeit einer zwar noch scheuen, aber offenbar ehrlich gemeinten Wür­digung derselben gewichen; dann und wann hatte sie mir Zeichen von ich war versucht, es so zu nennen wirk­licher Sympathie gegeben, und gleichzeitig war ihr Be­nehmen mir gegenüber weniger schroff geworden; den Höhepunkt ihrer Gunstbezeigungen erblickte ich in jenem sanften Händedruck heute mittag, der meine Hoffnungen vollends geweckt hatte und mich alle Zweifel und Launen einer ereignisreichen Werbungszeit vergessen ließ.

Aber hatte ich jenen nervösen Druck auch richtig aus­gelegt? Mußte er notwenoig als Zeichen ihrer Gegenliebe betrachtet werden? Konnte er nicht einem plötzlichen ver­zweifelten Entschluß entsprungen sein, meine Liebe an- zunchnien, um dadurch einen Ausweg aus den Schwierig­keiten zu finden, die ihren liebenswürdigen, aber wechsel­haften nnd leidenschaftlichen Charakter ganz besonders krän­ken mußten? Ihr Gesichtsausdruck war, als sie meinen freudigen Blick erhaschte, nicht der zaghaft zärtliche eines Mädchens gewesen, das über sein erstes unfreiwilliges Ge- ständnis errötet. Es lag eine gewisse Unsicherheit darin, aber nicht die Unsicherheit eines verlegenen Mädchens, son­dern die eines erschreckten Weibes. Und als ich ihr folgen wollte, hatte ihre Handbewegung, mit der sie mich zurück- blciben hieß, ein unbestimmtes Etwas au sich, das einen weniger geduldigen Liebhaber, als ich einer war, beun­ruhigt haben würde. Hatte ich die Gefühle des lieben Mädchens falsch verstanden? War ihr Herz immer noch kalt, ihre Sympathie noch nicht erobert? Oder un­erträglicher Gedanke! ..... hatte sie sich insgeheim einem an­

deren zugewandt, ohne daß ich es bemerken konnte, und?

Aha! fiel Sinclair bei dieser Wendung meines Ge­dankengangs ein, jetzt habe ich dich endlich aus deinem Phlegma aufgerüttelt. Und unbewußt sprach er mit