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erleichterter Stimme, und fein Auge verlor beit gequälten Ausdruck, der ihm ftir gewöhnlich so fremd war. — Endlich siehst du ein, daß eine Frage von ernstester Tragweite vor uns liegt, und daß diese Frage erledigt werden muß, ehe wir uns für heute nacht trennen.
Gewiß, war meine einzige Antwort.
Seine Befriedigung war nunmehr offenkundig.
Gut, soviel wäre also gewonnen! Der nächste Punkt wäre der: wie lösen wir unsere Zweifel? Wir dürfen und können keiner der Damen mit Fragen unter die Angen treten. Ein Mädchen, das so verzweifelt wäre, an Selbstmord nur zu denken, würde ihr Elend und dessen Ursache mit aller Sorgfalt verheimlichen. Auch können wir keine Untersuchung über den Verbleib eines so kleinen Gegenstands anstellen lassen, da dieser leicht in der Tasche verborgen werden kann.
Und doch muß dieses Juwel wieder gefunden werden. Höre, Sinclair! Ich werde mit Dorothea reden, du mit Gilbertine. Ein freundliches Gespräch, verstehst du, das besänftigen, nicht erschrecken soll! Wenn eine von ihnen ein Geheimnis in ihrer Brust birgt, wird es unsere Zärtlichkeit schon heraussinden. Nur eines mache ich zur Bedingung: Du mußt mir gegenüber ebenso offenherzig sein, wie ich es zu sein verspreche. Bei meiner Liebe zu Dorothea schwöre ich, dir das Ergebnis meiner Unterhaltung mit ihr in vollem Umfange mitzuteilen, was es mich und selbst sie auch kosten möge !
Ich werde ebenso in Hinsicht auf Gilbertine verfahren. Aber bevor wir zu diesen äußersten Maßregeln schreiten, wollen wir uns erst versichern, ob es keinen kürzeren W g gibt, der Wahrheit auf die Spur zu kommen. Vielleicht hat jemand eines unserer Mädchen aus der Bibliothek zurückkommen sehen, nachdem wir anderen sie verließen. Dies würde unsere Untersuchung vereinfachen und wenigstens das eine der Mädchen vor nutzloser Beunruhigung schützen.
Dies war ein glücklicher Gedanke. Ich sagte es zu Sinclair, aber gleichzeitig veranlaßte ich ihn, in den Spiegel zu blicken und zu sehen, wie unmöglich es für ihn sein würde, sich unten zu zeigen, ohne ein Aufsehen zu erregen, das vielleicht die von uns beiden befürchtete Schreckenstat beschleunigen könnte.
Als Antwort zog er mich an seine Seite vor den Spiegel und deutete auf mein eigenes Gesicht. Es war ebenso blaß wie das feinige.
Höchst unangenehm berührt von diesem Verrat meiner innersten Gedanken, errötete ich tief vor Sinclairs Blick; und es war mir nur eine sehr geringe Erleichterung, als ich bemerkte, daß auch er vor dem meinigen errötete. Denn seine Gefühle waren mir kein Geheimnis. Natürlich war er zufrieden mit seiner Entdeckung, daß ich seine üblen Vorahnungen teilte, da dies ihm zu hoffen gestattete, daß der Schicksalsschlag, den er so befürchtete, nicht notwendig gegen sein eigenes Glück gerichtet sein mußte. Da er jedoch ein edelmütiger Mensch war, errötete er, weil er in seinem Egoismus ertappt worden war, während ich — nun, ich gestehe, daß ich in jedem Augenblick eine ungemischte Freude empfunden haben würde, hätte ich die Gewißheit erlangt, daß die Fundamente meiner Liebe sicher standen, und daß jenes kleine Fläschchen, das Sinclair vermißte, nicht von derjenigen weggenommen worden sei, die für mich das Glück auf Erden bedeutete.
Und meine Hochzeit war noch ein unbestimmter und ferner Traum, während die feinige morgen stattfinden sollte! .
Wir müssen mit ganz anderen Gesichtern unten erscheinen, bemerkte er, sonst würden wir ungehalten, ehe wir noch die Bibliothek erreichen.
Ich gab mir alle Mühe, mich wieder zu sammeln; er tat desgleichen, und da wir beide entschlossene Männer waren, hatten wir bald wieder unser Gleichgewicht soweit erlangt, daß wir uns zu unseren Freunden hinabbegeben konnten, ohne mehr Aufmerksamkeit auf uns zu ziehen, wie ihm als Bräutigam, mir als seinem besten Freunde gebührte.
2. Kapitel.
Frau Armstrong, unsere Wirtiu, liebte den Frohsinn, und an Belustigungen und guter Unterhaltung fehlte es nie in ihrem Hause. Als wir die große Diele unten betraten, hörten wir Musik im Salon und bemerken, daß getanzt wurde
Das ist günstig, meinte Sinclair. So riskieren wir weniger, daß sich jemand in der Bibliothek besindet.
Soll ich nicht Nachsehen, wo die Mädchen sind? Es wäre uns eine große Erleichterung, sie im Salon zu wissen.
Gewiß, pflichtete er mir bei, aber laß dich nicht verführen, zu ihnen hineinzugehen. Ich könnte den Vorschub nicht aushalten.
Ich nickte und wandte mich dem Salon zu. Er bliest in der Nische zurück, von wo er -einen Ueberblick über die Terrasse hatte.
Eine Schar von jungen Leuten begrüßte mich, sobald sie meiner ansichtig wurden. Aber es gelang mir, mich ihnen zu entziehen und den beabsichtigten Blick in den großen Saal zu werfen. Es war ein prachtvoller Raum, so glänzend beleuchtet, daß kein einziger Winkel im Dunkel lag. Auf einem Diwan in der Mitte saß eine Dame und unterhielt sich mit zwei Herren. Sie wandte mir zwar den Rücken zu, aber ohne Schwierigkeit erkannte ich in ihr Fräulein Murray. In einiger Entfernung von ihr, ebenfalls mit abgewandtem Gesicht, stand Dorothea. Sie plauderte mit einem unverheirateten Freund und war augenscheinlich in bester Laune und sogar liebenswürdiger als gewöhnlich.
(Fortsetzung folgt.)
An dcr Beresina.
(25. bis 29. November 1812.)
Von Hauptmann Greevcn (Düsseldorf).
Ein eisiger Nordwind saust über die schnecbeoeckten Steppen Mischen dem Dnjepr und der Beresina. In stummer Ergebung schwanken die Trümmer der mit so stolzen Hoffnungen ansmar- schierten großen Armee in seltsamem Aufzuge auf der von Smolensk nach Wilna führenden Straße einher. Weiberpelze, Priesterröcke oder Pferdedecken ersetzen den Mantel und der ,größere Teil der hohläugigen, bejammernswerten Gestalten marschiert in Fußbekleidungen, die aus Baumrinde, Bast, Stroh-,, Tiersellen oder Lumpen bestehen und durch Riemen oder Bindfaden zusammengehalten werden. Eine fast ununterbrochene weißbedeckte Hügelreihe erfrorener Soldaten und erstarrter Pferde, nmgestülpter Wagen und stehengebliebener Geschütze kennzeichnet die Todesstraße des schrecklichsten aller Feldzüge.
Fast scheint der wohldurchdachte Plan der russischen Heeresleitung, die seit Juni von weit über 300000 Mann auf etwa 45 OOÖ zusammengeschrumpste Armee des großen Napoleon noch vor dem rettenden Uebergang über die Beresina zu erdrücken, dem Gelingen nahe. Von Südw-esten her hat Admiral Tfchüschagow mit seiner 30 000 Mann starken HeereSabtcilung durch schleunigen Vormarsch über Minsk sich dem bei Borisow- über die Berestna führenden Wege vorgelegt und den Fluß mit einem Teil seiner Truppen bereits überschritten. Von Norden her drängt General Wittgenstein mit etwa 40 000 Mann die beiden gleichstarken Korps der Marschälle Oudinot und Viktor stetig in Richtung auf die Brückenstelle zurück. Endlich int Südwesten sucht der allerdings zaghaste Kutusow- mit der 60 000 Mann starken russischen Hauptarmee durch parallelen Verfolgungsmarsch den Uebergang-zu bedrohen.
Nach rein menschlichem Ermessen ist hier kein Entrinnen anehr denkbar. Doch gerade jetzt sm Augenblick der höchsten Gefahr feiert der geniale Feldherrnblick des- großen Korsen einen glänzenden Triumph. Marschall Oudinot soll die Vortruppen Tschitschagows über die Beresina zurückwerfen nnb durch kräftigen Nachstoß den Uebergang bei Borisow für die große Armee, freihalten. Viktor erhält die verantwortungsvolle Aufgabe zugewiesen, nunmehr mit seinem fast nur ans Deutschen bestehenden Korps und den Bayern allein den übermächtigen Druck Wittgensteins aus- znhalten. Derweil nähert sich von Orscha her Napoleon mit den aus feinen ehemaligen Korps zusammengestellten Bataillonen der Brücke von Borisow. Zunächst das westfälische unter Junot, dann die Garden, Vizekönig Engen mit den Italienern, Fürst Poniatowski mit den Polen, bann Marschall Ney und als Nachhut das Korps Davout. Zwar hat Oudinot mit Hilfe polnischer Verstärkungen die vorgeschobenen Truppen des Admirals Tschitscha- gow- auf das westliche Ufer zurückgeworfen, jedoch ist es den Russen gelungen, die Brücke hinter sich in Flammen aufgeben zu lassen.
Noch einmal eine verzweifelte Lage. Doch, auch jetzt weiß Napoleon das Richtige zu treffen. -Oudinot läßt eine Division bei Borisow stehen, als sei dort in der Nähe ein Uebergang geplant, und sein Generalstabschef läßt dem Hauptquartier Tschitschagows das Gerücht zugehen, daß einige Stunden südlich Borisow- zwei Brücken geschlagen werden sollen. Derweil trifft der Ingenieur- general Eble etwa 16 Kilometer nördlich Borisow bei dem am -Ostuser gelegenen Dörfchen Studiankä am- Abend des 25. November unter dem Schutze Oudinots die Vorbereitungen zur Herstellung zweier Bockbrücken. Mit genauer Not hatte er dazu einige Tage vorher bei der Vernichtung nicht unumgänglich notwendiger


