Ausgabe 
25.9.1912
 
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Die Lieblingsdichter der deutschen Aomponisten.

Im Börsenblatt für den Deutschen Buch- Handel veröffentlicht Ernst Challier feit, folgende inter- essante Skizze, die er uns zur Verfügung stellt:

Dem Buchhändler, namentlich dem jüngeren, dürfte es nicht Uninteressant fein, zu erfahren) welche Dichter die deutschen Kom- pomsten bevorzugten, und vor allen Dingen, welche Dichtungen es sind, die sie am stärksten begeisterten. Ich setze dabei voraus, dast es in den Kreisen meiner brüderlichen Freunde im Buch­handels zu 'denen ich ja schon wiederholt sprechen durfte, noch recht viele gibt, die sich neben der Sorge für das liebe tägliche Brot, neben den Arbeiten an der Strazze, Versendungsliste und Öfter» nteffe ein freundliches Gedenken au die Schöpfungen unseres Lyriker bewahrt haben, die ihnen ja auch noch neben dem merkan- tuen Nutzen manche Stunde der Erholung angenehm und erhebend gekürzt haben:Und wer's nie gekonnt, der stehle weinend sich aus unserm Bund!"

Der Dichter unterscheidet sich wesentlich vom Liederkompo- nisten; ersterer schafft Neues, auch wenn er wieder und wieder mit Gleichgesinnten die Legionen der Frühlingsgedichte vermehrt. Der Komponist empfindet das nach, was dem Dichter beim Schauen entzückte: er dichtet das, was der Lyriker in Worte ausdrückte, ur Töne um. Er schafft dadurch zwar auch etwas ganz Neues- aber die Stimmung dazu ist ihm, falls er eben nicht eine poetische Ader besitzt, suggeriert wordeu. Der Dichter dagegen, selbst wenn er bei Anlehnung an ihn Ueberragende, bei Wiederholung ewig wiederkehreuder Wortgruppen bei Stimmungsgleichheit genau das­selbe sagt, was vor ihm Tausende bereits erzählten, ist ein Schöpfer im Sinne unmittelbarer Gestaltung. Da kann es denn nicht ver­wundern, wenn auch der Komponist in den ihm vom Dichter gebotenen Schätzen so oft und wiederholt sich lyrische Ergüsse er­wählt, die bereits andere vor ihm in Töne übertrugen: glaubt er doch, auch wenn von ihm anerkannte und hochgeschätzte Vor­läufer sich denselben Text erwählten, zu der Vertonung der Be­rufenste zu sein. Er schafft dann ebenfalls, mögen sich dabei auch Anklänge nachweisen lassen, durchaus etwas Neues.

, Dieser Ansicht sind die Komponisten bei Lebzeiten ihrer Lieb- lingsdichtcr gewesen; aber wenn auch die Schöpfungen dieser Komponisten nur in bescheidenen Resten in dem Munde der Sänger und Sängerinnen weiterleben, den Dichtern, die das Zeit­liche bereits verlassen haben, ist bis auf die heutige Zeit, mit wenigen Ausnahmen, die Gunst der neueren Generation der Komponisten geblieben.

Ich verlasse bei der jetzt nachfolgenden Aufstellung die von mir sonst stets bevorzugte alphabetische Anordnung nnd benutze dazu die Zahlen, dabei die größten voranstellend. Die Zahlen in Parenthese bedeuten die Anzahl der Gedichte, die von den Kom­ponisten erwählt wurden.

In hoher Gunst steht heute noch in erster Linie Heinrich Heine, 17991856 (283) mit 4259 Vertonungen. Besonders bevorzugte Dichtungen sind: 1. Du bist wie eine Blume mit 255 Vertonungen, 2. Leise zieht durch mein Gemüt 151, 3. Ein Fichten­baum steht einsam 134, 4. Mädchen mit dem roten Mündchen 110, 5. Es war ein alter König 109, 6. Ich hab' iw Traume geweinet 100, 7. Im wunderschönen Monat 95, 8. Und wüßten's die Blumen, die Blumen, die kleinen 93. r Ihm schließt sich fast ebenbürtig an:

Emanuel Gei bei, 18151884 (288) mit 3679 Ver­tonungen; besonders bevorzugt sind: 1. Gondoliera: O komm zu mir 163, 2. Wenn sich zwei Herzen scheiden 139, 3. In meinem Garten die Nelken 122, 4. Vöglein, wohin so schnell 111, 5. Wohl waren es Tage der Sonne 94, 6. Die stille Wasserrose 90. Mit einer gewaltigen Anzahl von Gedichten, die von keinem anderen Dichter auch nur annähernd in diesem Umfange vertont wurden, folgt jetzt:

Hoffmann von Fallersleben (August Heinrich Hoff­mann), 17981874 (512), die 2693 Vertonungen fanden; be­sonders bevorzugt sind: 1. Vergißmeinnicht: Es blüht ein schönes Blümchen 87, 2. Wiegenlied: Die Nehren nur noch nicken 83, 3. Frühling und Liebe: Im Rosenbusch die Liebe schlief 72, 4. Wie könnt' ich dein vergessen 69, 5. Wiegenlied: Alles still in süßer Ruh' 61, 6. Abendlied: Abend wird es wieder 48.

Altmeister Johann Wolfgang Goethe, 17491832, führe ich als Vierten an (186) mit 2660 Vertonungen; besonders bevorzugt sind: 1. lieber allen Wipfeln (Gipfeln) ist Ruh' 171, 2. Der du von dem Himmel bist 154, 3. Mignon: Kennst du das Land 92, 4. Nähe des Geliebten: Ich denke dein, wenn mir der Sonne Schimmer 88, 5. Heidenröslein: Sah ein Knab' ein Röslein stehn 87, 6. Gefunden: Ich ging im Walde so für mich hin 82, 7. Der Fischer: Das Wasser rauscht, das Wasser schwoll 69, 8. König in Thule: Es war ein König in Thule 68. Es folgen:

Ludwig Uhl and- 17871862 (122) mit 2139 Ver­korkungen ; besonders bevorzugt sind: 1. Frühlingsglaube: Die linden Lüfte find erwacht 182, 2. In der Ferne: Will ruhen Iwnter den Bäumen 121, 3. Ständchen: Was wecken aus dem Schlümmer mich 101, 4. Lebewohl, mein Lieb,, muß noch heute

scheiden 89, 5. Morgenlied: Noch ahnt man kaum der Sonne Licht 70, 6. Nachtreise: Ich reit' ins finstre Land 71

Joseph Freiherr von Eichendorfs, 17881857 (136) mit 1898 Vertonungen; besonders bevorzugt sind: 1. Mond­nacht: Es war, als hätte der Himmel 97, 2. Der Einsiedler: Komm, Trost der Welt, du stille Nacht 70, 3. Frühlingsnacht: Ueberm Garten durch die Lüfte 64, 4. Reiselied: Durch Feld und Buchenhallen 63, 5. Wehmut: Ich kann wohl manchmal fingen 57, 6. Dein Bildnis wunderselig 45.

Robert Re in ick, 18051852 (112) mit 1769 Ber- tonungen; besonders bevorzugt sind: 1. Wie ist doch die Erde so schön 148, 2. Zwiegesang: Im Fliederbusch ein Vöglein saß 140,- 3. Ständchen: In dem Himmel ruht die Erde 104, 4. Kuriose; Geschichte: Ich bin einmal etwas hinausspaziert 94, 5. Sonntags am Rhein: Des Sonntags in der Morgenstund 63, 6. Hinaus: Ging unter dichten Zweigen 52.

NicolausLenau (Niembsch von Strehlenau), 18021850 (85) mit 1490 Vertonungen; besonders bevorzugt sind: 1. Bitte: Weil' auf mir du dunkles Äug' 259. Tas ist die Höchstzahl alles Gedichte; bis vor wenigen Jahren stand Heines: Du bist wie eine Blume an der Spitze. 2. Drüben geht die Sonne scheiden 91, 3. Auf dem Teich, dem regungslosen 80, 4. Auf geheimem Waldes­pfade 75, 5. Der schwere Abend: Die dunklen Wolken hingen 75,- 6. An die Entfernte: Diese Rose pflück' ich hier 91.

Friedrich Rückert, 17881866 (187) mit 1095 Ver- tonungen; besonders bevorzugt sind: 1. Liebespredigt: Was singt und sagt ihr mir 59, 2. Ständchen: Hüttelein, still und klein 53, 3. Aus der Jugendzeit klingt ein Lied mir immerdar 52, 4. Die Himmelsträne: Der Himmel hat eine Träne geweint 44, 5. O,- süße Mutter, ich kann nicht spinnen 39, 6. Du bist die Ruh', der Frieden mild '34.

Rudolf Baumbach, 18421905 (104) mit 1080 Ver­tonungen ; besonders bevorzugt sind: 1. Der Schwur: Es sprach zum Hänschen Gretchen 41, 2. Im Maien: Nun pfeif' ich noch ein zweites Stück 40, 3. Das letzte Kännchen: Gib mir, trautes Aennchen 40, 4. Mai: Mit Sturmwind und Regen 38.

In lins Wolff, 18341910 (136) mit 1376 Vertonungen; besonders bevorzugt: 1. Ich ging im Wald durch Kraut und Gras 86, 2. Im Grase taut's, die Blumen träumen 70, 3. Es wartet ein bleiches Jungfräulein 59, 4. Alle Blumen möchtt ich binden 57, 5. Rothaarig ist mein Schätzelein 51, 6. Glocken­blumen, was lautet ihr 50.

Friedrich von Badenstedt, 18191892 (103) mit 909 Vertonungen; besonders bevorzugt sind: 1. Wenn der Früh­ling auf 'die Berge steigt 170, 2. Neig', schöne Knospe, dich zu mir 67, 3. Nicht mit Engeln im blauen Himmelszelt 49, 4. Mir träumte einst ein schöner Traum 35.

Otto Roguette, 18241896 (55) mit 813 Vertonungen; besonders bevorzugt sind: 1. Noch ist die blühende, goldene Zeit 98, 2. Neuer Frühling ist gekommen 80, 3. Weißt du noch,- wie ich am Fels (Felsen) stand 65, 4. Margreth' am Tor: Das. beste Bier im ganzen Nest 38.

Joseph Victor von Scheffel, 18261886 (70) mit 791 Vertonungen; besonders bevorzugt siud: 1. Ausfahrt: Berg­gipfel erglühen 48, 2. Sonne taucht in Meeresfluten 45, 3. Das ist im Leben häßlich eingerichtet 39, 4. Karnpfrnüd und sonnverbrannt 37, 5. Mailied: Es kommt ein wundersamer Knab' 34, 6. Alt- Heidelberg, du.feine 28.

Wilhelm Müller, 17941827 (123) mit 751 Ver­tonungen; besonders bevorzugt sind: 1. Abendreih'n: Guten Abend, lieber Mondenschein 49, 2. Frühlingseinzug: Die Fenster auf, die Herzen auf 45, 3. Der Mai ist auf dem Wege 42, Liebesaufruf: Nun ist dein kleines Fensterlein 26.

Eduard Mörike, 18041875 (123) mit 594 Ver­tonungen ; besonders bevorzugt sind: 1. Das verlassene Mägdelein: Früh' wenn die Hähne kräh'n 83, 2. Er ist's: Frühling läßt sein blaues Band 58, 3. Ein Stündlein wohl vor Tag: Derweil ich fchlafend lag 58, 4. Schön Rohtraut: Wie heißt König Ringangs Töchterlein 57, 5. Agnes: Rosenzeit, wie schnell vorbei 50.

Paul Johann Hehse, geb. 1830 (123) mit 638 Ver­tonungen ; besonders bevorzugt sind: 1. Im Walde: Waldes- nacht, du wunderkühle 32, 2. Trutzlied: Unlb bild' dir nur im Traum nicht ein 31, 3. Der Himmel hat keine Sterne so klar 25; 4. Heber Nacht: Dein Herzlein mild, du schönes Bild 21.

Johann Christoph Friedrich Schiller, 1759 bis 1805 (84) mit 694 Vertonungen; besonders bevorzugt sind: 1. Sehnsucht: Ach, aus dieses Tales Gründen 54, 2. Des Mädchens Klage: Der Eichwald brauset 42, 3. An die Freude: Freude,- fchöner Götterfunken 34, 4. An den Frühling: Willkommen schöner Jüngling 34, 5. Hoffnung: Es reden und träumen die Menschen viel 30, 6. An Emma: Weit in nebelgrauer Ferne 30.

Freiherr Oscar von Redwitz-Schmölz, 1823. bis 1891 (56) mit 594 Vertonungen; besonders bevorzugt sind: 1. Es muß eilt Wunderbares sein 99, 2. Du Tropfen Tau, seh'- ich dich an 66, 3. Ich will dich auf den Händen tragen 38.

Theodor Woldsen Storm, 18171888 (35) mit 628 Vertonungen; besonders bevorzugt sind: 1. Schließe mir die Augen beide 76, 2. Das macht, es hat die Nachtigall 67, 8. Emen Bries sollt' 'ich schreiben 58, 4. Meine Mutter bat's gewollt 55, 5. Bettlerliebe: O laß' mich nur von ferne steh'n 46.