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Bald wird mir alles einfallen, und dann sollen Sie sehen, daß ich keine Undankbare bin — wahrhaftig, das will ich Ihnen beweisen. . „ . , ,
O, schon gut, erwiderte ich lachend. Es wird schon alles werden, und über die Dankbarkeit machen Sie sich mal einstweilen keine Sorgen. Während der letzten Worte hatte ich nach der Uhr gesehen. Ich gab Helen die Weisung, die Wunde mit lauwarmem Wasser auszuwaschen, und eilte zur Türe hinaus. c
Ich ging schnurstracks nach dem Postamt und telegraphierte an meinen' Freund Charley Mortimer, daß ich Punkt ein Uhr in seinem Bureau in Pump Court vorsprechen würde und es sich uni eine dringende Angelegenheit handle, der gegenüber er etwstige andere Verpflichtungen unbedingt zurückstellen müsse.
Mortimer wpr Rechtsauwalt geworden. Er hatte einen scharfen Verstand und eine rasche FMungsgabe, und da wir noch ebenso gute Freunde waren wie ehedem, konnte ich ihm unbedingt vertrauen und wußte, daß er mir in dieser Bedrängnis am besten raten konnte. Ueberdies hatte ich bereits begründete Beweise, daß er ein Auge auf Helen geworfen hatte, und gleichfalls bemerkt, daß sie, wenn Charley Mortimer hei uns anklopfte, bis über die Ohren errötete., 1
Wenn Helen auch einen ganz anderen Schönheitstypus vertrat als ,unsere geheimnisvolle Besucherin, so war sie doch auch ein Mädchen, das märt wohl lieben konnte. Ihre vornehme gestalt, idie himmelblauen Augen, die rosigen Wangen mit den reizenden Grübchen und ihr üppiges goldenes Haar konnten einen Manu wohl entzücken. . Und Charley Mortimer hatte sie es angetan. Ihre Besorgnis, die immer noch sehr groß war, mußte daher auch ihn besorgt machen, «und wenn überhaupt einer imstande war, uns zu helfen, so konnte nur er es sein.
Als ich stach Hause kam, erzählte ich Helen sofort, was ich getan hatte; ich würde am Nachmittage Mortimer aufsuchen, nm Mit ihm über die Sicherung des Gieldes und einige andere iDinge zu sprechen. Sie war darüber hoch erfreut. .
Es ist recht, Ted, sagte sie, deuu ich habe uoch immer schlimme Ahnungen. . Das Gefühl, daß noch Unglück im Verzüge ist, will mich nicht verlassen, daher bin ich außerordentlich froh-, daß du Charley ins Vertrauen ziehen willst. Unser Gast klagt noch immer über Kopfweh und kamt sich noch an nichts Bestimmtes erinnern. Sie ist ein so- liebes, gutmütiges Wesen, und ich glaube sicher, daß es ihr großen Kummer und -Schmerz bereiten würde, wenn uns ihretwegen ein Mißgeschick träfe.
Nachdem ich meinem Assistenten wegen der Vertretung äm Nachmittage die erforderlichen Anweisungen gegeben hätte, machte ich mich auf den Weg.
Da ich überzeugt war, daß ich außerhalb des .Hauses überall von meinen Feinden beobachtet würde, wählte ich die belebteste Straße nach der Station.
Ich kam gerade noch zur rechten Zeit an und sprang s— da ich an die Sicherheit der Menge glaube — in ein vollgedrängtes Kupee dritter Klasse. Am Bahnhof Waterloo nahm "ich msr gleich eine Droschke und befahl dem Kutscher, nach den Law Courts zu fahren. Sobald man sich in dem Labyrinth dieses ungeheuren Gebäudekomplexes befindet, ist «man vor Verfolgern sicher. Es dauerte nicht lange, so Mar ich an der Hinterfront, in Carey-Street, und von da durch Bell'Iard nach.dem Temple war nur ein Katzensprung, wie man zu sagen Pflegt.
Charley Mortimer Martete schon auf mich. Er stand sofort auf, -als ich eintrat, und drückte mir mit gewohnter Herzlichkeit die Hand. -
Nun, alter "Junge, sagte er, was ist denn passiert, den Gleichgang deiner Tage zu stören? Du hast doch nicht etwa versehentlich 'nen Patienten vergiftet? Deinem Telegramm nach zu urteilen, muß dich entschieden der Teufel in irgend einer Weise am Wickel haben.
-Ich bin in eine der merkwürdigsten Geschichten verwickelt, die man sich denken kann, antwortete ich. Ich werde sie dir gleich haarklein «erzählen, damit du ganz genau unterrichtet bist und mir dann raten kannst. Wenn mir ie im Leben guter Rat not tut, so ist es jetzt der Fall, und da ich weiß, daß« du ein scharfsinniger Kopf; bist —
Los! und halte dich sticht bei meinem scharfsinnigen Kopf auf. Ich werde genau aufpassen.
Mu weißt, fuhr ich fort, wenn es sich Usti- Raj in häus
lichen Dingen handelt, frage ich meine Tante Maria —i das ist Politik, mein lieber Junge.
Eine sehr vernünftige. , -
Aber in dieser Sache kann ich mich nicht gut an sie wenden — wenigstens jetzt noch nicht. Ich bin mir nämlich nicht recht sicher, wie sie sie aufsässen würde. Sie ist 'ne ziemlich schrullenhafte alte Jungfer, die gute Tante Do- naldson, und hat so ihre- eigenen Ideen über solche Dinge, weshalb- ich ihr mit dieser Geschichte nicht kommen mag. Du magst selbst darüber urteilen, nachdem du sie kennst.
Nach dieser Einleitung begann ich nun, ihm den ganzen Hergang der Sache bis ins kleinste Detail zu erzählen.« Ich merkte, daß sie ihn gleich von Anfang an fesselte.« Als ich fertig war, pfiff er einen Moment leise vor sich hin.
Glaubst du nicht auch, daß das womöglich die Fortsetzung der Cafe Royal-Affäre ist? fragte er mich dann.« Das scheint mir allerdings so.
Er hieß Emmanuel Garcia und war zweifellos Mitglied irgendeiner Verschwörerbande.
Wenigstens machte die Sache diesen Eindruck.
Und er hatte sich offenbar mit seinen Mitverschworenest schwer veruneinigt, denn sie trachteten ihm an jenem Abend stark nach dem Leben.
So sollte man meinen.
Nun, die Geschichte wiederholt sich ja häufig, aber,- ob sie es in diesem- Fall getan hat, weiß ich nicht. Das Weib kommt mir übrigens verdächtig vor. Sollte sie sich nicht gar verstellen?
Dieser Gedanke war mir uoch nicht in den Sinn gekommen, und ich wies ihn daher -entrüstet zurück.
Dieses Mädchen, Charley! Dieses liebliche Wesen! Niemals.
Aus diesem Loche also bläst der Wind, versetzte Mortimer uud lachte.
Ich weiß nicht, was du damit sagen willst. Ich weiß nur, daß ich mein Leben für die Ehrlichkeit dieses Mädchens verwetten möchte.
Schon gut, schon gut. Reg' dich nur nicht gleich so auf! Ich sehe jetzt schon völlig -ein, daß du wohl baratt, getan hast, nicht gleich deine- Tanke Maria um Rat zu fragen. Aus deiner Heftigkeit würde sie sofort geschlossen haben,« daß du in das Mädchen verliebt seiest.
Unsinn, versetzte ich. Gewiß bewundere ich sie — es muß sie überhaupt jeder Mensch bewundern; aber von da bis zur Liebe ist noch ein weiter Weg.
Wir werden sehen, erwiderte er verschmitzt. Doch nun zur Sache selbst. Hast du das Geld mitgebracht?
Jawohl — und damit zählte ich die Bankuoten vor ihn auf den Tisch hin.
Schön, sagte er, das ist eine unumstößliche Tatsache^ auf alle Fälle. Daß sünfzigtausend Dollars hier liegen,« läßt sich nicht leugnen, ’ne Menge Geld, Ted. Diese Sache erfordert Ueberlegung. Eins steht vorläufig fest, das Geld muh irgendwo deponiert und dort aufbewahrt werden, bis! die Dame imstande ist, nähere Auskunft darüber zu geben. Ich glaube nicht, daß es dir gehört, wenn das Kuvert auch deine Adresse trägt. । . , . ,
Das bilde ich mir auch keineswegs ein, gab ich pikiert zur Antwort. Meines Erachtens ist «es für die Dame! bestimmt, und sie hat nur den Auftrag, mir mündlich mitzuteilen, in welcher Weise ich es für sie verwenden soll.« Nicht wahr? So ähnlich stelle ich mir die Sache vor.« Immerhin ist das nur eine Vermutung von mir. Aber wenn sichs so verhält, was habe ich bann überhaupt mit dem Mädchen oder mit dem Geld -oder mit der ganzen Geschichte zu tun? Es ist 'ne ganz verflixte Sache, Charley!
Entschieden. So was kommt nicht alle Tage vor, das geb' ich zu. Nun, ich bin der Ansicht, wir gehen zuerst mal zu einem Notar. Wenn du willst, kannst du mich ja! zu einer Art Mit-Sächverwalter erklären lassen, bis wir wissen, wie es gesetzlich mit dem Geld steht. Ich habe einen bekannten Notar, der hier in der Nähe in Lincolns Jast Fields fein Bureau hat, dessen Rat wollen wir mal hören; und wenn er auch meiner Ansicht ist, soll er die Sachtz gleich aufsetzen. Währenddessen können wir dann einest kleinen Lunch einnehmen, wenn du nichts dagegen hast.
Bei diesen Worten stand er auf und zog seinen lieber« zieh er an. । M
Ich erklärte, er könne vorläufig über tnich verfügest- und nach einer Viertelstunde saßen wir bereits! bei Ust« f er ent Notar. (Fortsetzung folgt.) J


