Ausgabe 
25.3.1912
 
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wiener Mrstlererlmierungen.

Subttng Ritter von PrzibramsErinnerungen eines alten Oesterreichers", die vor einiger Zeit erschienen sind, stehen noch in angenehmer Erinnerung. Jetzt läßt deralte Oesterrercher einen zweiten Band folgen, der noch prächtiger ist, als der erste und namentlich wegen der zahlreichen Erinnerungen an bedeutende Künstler dem Buche viele Freunde werben wird.

In Wien wurde Przibram Mitglied dergrünen Insel", eines Bundes lustiger Künstler, der m dem Htnterstubcheu ernes Bierlokales auf dem Kohlmarkte,zum Lothringer" geheißen, all­wöchentlich einmal zusammen kam. An der Spitze dieses Bundes, der mit seinen lustigen Sitzungen immer recht geheimnisvoll tat, stand einGroßmeister". Zu der Zeit, wo Przibram der grünen Insel angehörte, warSiegwart, der Babylonische", tut bürgerlichen Leben Swoboda, der Maler, Großmeister. Dieser Großmeister hatte nach Przibrams launiger Schilderung die eigentümliche Gabe, in beinahe allen lebenden Sprachen Reden zu halten, die kern der Sprache Kundiger sonst verstand, weil er die Laute, den Akzent, kurz die ganze Vortragsweise der fremden Sprache tn so merkwürdiger Art vortäuschte, daß selbst Sprachverständige ihm lange ernsthaft folgten, bis sie des Betruges inne wurden. Einest Abends erschien Alexandre Dumas, der Aeltere, alsPil­grim" wie es im Jnseljargon hieß. Dem Großmeister fiel ine Aufgabe zu, den Fremdling mit einer Rede in französischer Sprache zu begrüßen. Das' tat er denn auch mit entsprechender Feier­lichkeit in Haltung und Ton. Dumas strengte seine Hörkraft! aufs Aeußerste an und hing mit den Augen an den Lippen des Festredners, der sein süßestes Lächeln aufgesteckt hatte, bis er im Tone der Verzweiflung seinem Nachbar zuries:Mais, ie ne compremends Pas un mot." (Aber ich verstehe kein Wort!') Es brach ein Sturm der Heiterkeit los, in den Dumus einstimmte, als man ihn aufgeklärt hatte.

Bei den Mitgliedern der grünen Insel war es Sitte, daß jeder zur Weihnachtsbescherung einen Gegenstand liefern mußte, der den Wert eines Guldens nicht übersteigen durste, wenn es nicht ein Erzeugnis seiner eigenen Kunstfertigkeit war. Rudolf Alt, der Aquarellist, brachte zu einer solchen Weihnachtsvescherung nun einmal ein wohleingehülltes Blatt, auf das sich- 6et der Verlosung alle Blicke begehrlich richteten. Es war ein stilleben, dem folgende Zeilen beilagen:Der Gegenstand dieses Bildes nämlich ein Krügel Bier, ein Rettich, ein Käse und ein Brot repräsentiert einen Wert von höchstens I5 Kreuzern, weshalb ich zur Ergänzung noch den auf einen Gulden fehlenden Betrag beilege.

Auch im Kreise der Musiker, die sich in Wien nach den Phil­harmonischen Konzerten um die Mittagsstunde zum gemeinsamen Essen oder sonst in einem bescheidenen Lokale versammelten, hat Przibram hübsche Proben von Künstlergeist sammeln können. Joseph Hellmesberger, der Geiger, spielte auch bet den launigen Unterhaltungen die erste Geige. Wegen seines schlag­fertigen Witzes, nicht von der stechenden Sorte, sondern von der harmlosen, war er sehr beliebt. Immer hatte er eine treffende! Bemerkung, manchmal auch einen Kalauer in Vorrat. Als Direktor des Konservatoriums, hatte er eine Orgel, ein Geschenk eines Gönners der Anstalt zu prüfen. Einige Beisitzer des Prüfungs­ausschusses bemängelten das Qietschen der Pfeifen. Aber Hellmes­berger beschwichtigte sie mit den Worten:Meine Herren, einer geschenkten Orgel sieht man nicht in die Gorgel." Als in Wien zum ersten Mal eine Serenade Robert Vollmanns im Beisein des Komponisten aufgeführt worden war, sollte Hellmesberger den Tondichter in einer Rede feiern. Nun war Volkmann der schweigsamste Mensch, dem man sich überhaupt denken kann, und so hielt Hellmesberger die folgende Rede:Wenn Schweigen! Gold und Reden Silber ist, welchen Schatz müß sich Unser Freund zusammengeschwiegen haben."

Mit dem russischen Klaviervirtuosen Pachmann, der gerne däs verkannte Genie Markierte, kam Przibram in einem Wiener Salon zusammen. Der Russe wurde der Gemahlin des Oberst­hofmeisters, Fürstin Hohelohe, einer Tochter der Freundin Liszts, der Fürstin Wittgenstein, vorgestellt. Die Fürstin machte ein paar schmeichelhafte Bemerkungen über Pachmanns Spiel, darauf sagt dieser nach langer Pause:Fürstin sind musikalisch?"< Jawohl, eben genug, um meinen Kindern Unterricht geb^eu zu können." Neue Pause, während welcher der Russe vor sich hin­starrte. Endlich die Frage:Fürstin haben auch Kinder?" Jawohl." Abermalige Pause.Fürstin sind verheiratet?" Die geistreiche Konversation wurde bei dieser Wendung durch die los-' brechende Heiterkeit der Umstehenden unterbrochen.

Zum Schlüsse sei noch ein schönes Wort Böcklins über Joachim mitgeteilt. Joachim hatte in Zürich ein Konzert gegeben, und danach wurde Joachim mit Böcklin bekannt gemacht. Die beiden gerieten bald in ein lebhaftes Gespräch, aber als Przibram nachher mit Joachim allein war, bemerkte dieser mit einer gewissen Niedergeschlagenheit:Mer mein Spiel muß ihm doch nichts gesagt haben, wenigstens äußerte er sich mit keinem Worte darüber." Tags draus hörte von Przibram aus Böcklins

eigenem Munde die Begründung dieses Schweigens über JoachimZ Spiel:Ich werde mir doch nicht erlauben, einem Manne wie Joachim Komplimente ins Gesicht zu sagen."

Vermischte».

Aus Heines Leidens zeit erzählt Jules Clä« retie in den Annales eine melancholische Geschichte. Es war zu jener Zeit, da Heine dem Tode bereits nahe und kaum noch imstande war, zU sehen, da seine Augenlider gelähmt "waren und er sie nur mit Hilfe der Hände zu öffnen ^vermochte. Der berühmte! französische Historiker Augustin Thierry war damals schon völlig erblindet und mußte sich, wie Heine, eines Sekretärs bedielten. Wer Thierry konnte seinem Sekretär nur eilten sehr bescheidenen Lohn gewähren, er war nicht vermögend. Verschiedene seiner ftüheren Gehilfen hatten die Stellung nach einiger Zeit aufge­geben und errangen sich ausnahmslos einen guten literarischen Namen; bei seinen bescheidenen Verhältnissen mutzte Thierry einen Trost darin sehen, daß seinen schlecht bezahlten Mitarbeitern wenigstens gute Zukunftsmöglichkeiten winsten: die Tatsache, bet dem berühmten Geschichtsforscher Sekretär gewesen zu sein, war ein gutes Sprungbrett für den künftigen Aufstieg. Thierry enga­gierte damals als Sekretär einen gewissen Eduard Siebecker, den er ebenfalls mit diesen Zukunftshoffnungen vertrösten mußte; der Gelehrte bemühte sich aber, seinem Gehilfen wenigstens noch einen Nebenverdienst zu verschaffen, und schickte Siebecker zu dem schwer- kranken Heine, der einen Sekretär suchte.Er braucht jemand, der auch Deutsch spricht; aber sagen Sie ihm nicht, daß Sie mit mir arbeiten: er ist sehr eifersüchtig und würde Sie nicht enga­gieren. Er will einen Sekretär, der sich ausschließlich ihm wid­met." Der junge Siebecker ging zu Heine. Es war ein trauriges Bild, das sich ihm bot. Im kahlen Zimmer lag auf dem kahlen Fußboden eine Matratze und auf ihr ruhte der Dichter; nur noch ein Schatten seiner selbst, abgezehrt wie eine Leiche, ein Anblick, der erschütternd wirkte. Als Heine das Geräusch der ausgehenden Mr hörte, führte er mühsam die Hand zum Auge und hob das Lid empor, um den unbekannten Besucher sehen zu können. Und er fragte dann den jungen Mann sofort, ob er nicht Sekretärs bei Thierry sei. Der empfangenen Weisung getreu erwidertes Siebecker:O nein, aber Thierrys Sekretär hat mir ein Emp­fehlungsschreiben verschafft: wenn Sie es sehen werden Heine, dem das Augenlid bereits wieder herabgesunken war, und der seine Sehkraft fast ganz eingebüßt hatte, verzog bitter daq Gesicht. Der Sekretär unterbrach sich mitten im Satze: er be­griff, daß er mit dem Wortesehen" einen wunden Punkt 'ge­troffen hatte. Er wurde auch von Heine ziemlich taj verab­schiedet. Siebecker kehrte zu dem blinden Thierry zurück und erzählte ihm deprimiert:Es ist gescheitert: Heine hat sich Bedenkest ausbedungen, aber wenn Ste ihn sehen. . ." Zum zweitenmal unterbrach sich der junge Sekretär und biß sich auf die Lippen, während der greife blinde Gelehrte melancholisch den Kopf schüttelte und rief:Sehen! Welch ein grausames" Wort .

* Schöner Traum. Alte Jungfer:Welch' herrlichen Traum hatte ich die letzte Nacht! Ein Herr wäre mit mir durch­gegangen und dafür wegen Entführung einer Minderjährigen bestraft worden,"

Schachaufgabe.

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Weiß.

Weiß setzt mit dem dritten Zuge Matt.

Auflösung in nächster Nummer.

Auflösung des Rätsels in voriger Nummert Gabel, Gabriel.

Redaktion: K. Neurath. Rotationsdruck und Verlag der Brühl'schen Universitäts-Buch- und Steindruckerei, R. Lang»,