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den iro-
plötzlich
weniger ab?" ■
auf, tote in dem Jäger, der merkt, das; er auf richtige« Fährte ist.
„Ihr Herr Gemahl konzertiert also auch im Sommer? Gönnt er sich denn gar keine Erholung? Da pausieren die Herrschaften von der Kunst ja doch sonst alle?"
Es zuckte leise in Frau Söllnitz' Gesicht auf. . Der Abscheuliche, tote er sie quälte! Sie wußte natürlich längst, worauf das hinaus sollte: Der Klatsch über sie war also auch hier wieder im Gang, war ihr aufs Schiff gefolgt. Nun hatte die Meute Wind bekommen und hetzte wieder hinter ihr her. Ah! Sie hätte aufschreien können bor Zorn und Qual: Was hab ich euch denn getan? Kann ich mich denn nirgends hinflüchten, wo ich Ruhe habe?
Ihr ganzer Körper flog vor geheimer Erregung; aber sie wahrte ihre Fassung.
„Mein Mann hat sich für eine Konzerttournee in ainert- kanischen Seebädern verpflichtet. Daher kann er sich dies Jahr einmal nickst ausruhen." ,
Dann aber brach sie die Unterhaltung ab. Das Nteder- rasseln der Ankerkette bot ihr den willkommenen Anlaß dazu. Sie wies nach vorn.
„Aber sehen Sie — wir gehen vor Anker." Und fiel wandte sich nach dem Vorderschiff zu, mit etwas hastigen Schritten.
ihre Antwort:
„Allerdings — mein Mann ist nicht abkömmlich."
Völlig gelassen sprach sie es und sah dann wieder auf den Hafen hin. Die „Hamburg" hatte inzwischen ihre Fahrt ganz verlangsamt und stand nun still, um vor Anker zu gehen.
Görtz merkte sehr wohl, wie sie seiner Unterhaltung ausweichen wollte; aber er blieb beim Thema.
„Ah — das ist ja sehr bedauerlich. Sie würden gewiß Nvch viel mehr Freude an der Reise haben, wenn Ihr ^err Gemahl sie mit Ihnen teilen könnte."
„Ohne Zweifel — aber man muß sich, eben in, die Ver- MltÄsse fchicken."
Mit ruhiger Miene erwiderte sie es; doch an der Art, tote ihre Finger etwas nervös die kostbare Blaufuchsboa Eber dem Kostüm zurechtzupften, merkte er ihre innere Erregung. Eine geheime, prickelnde Freude stieg in ihm
roten Felde, und die feierlichen Klänge der dänischen W , tionalhymne ertönten vom unteren Promenadendeck, wo die Schissskapelle der „Hamburg" sich aufgestellt hatte. So ' segelte langsam und majestätisch das stolze Schaff, die endlose weiße Schleppe kräuselnden Krelwassers hinter suh, in den Hafen von Reykjavik ein.
Eine kleine Pinaß schoß dann von der Küste her dem riesigen Gast entgegen; nun war sie heran sre beherbergte 6en deutschen Konsul — und ließ zum Gruß dte deutsche Nationalhymne ertönen.
Wie ein Ruck ging es durch die Reihen der Passagiere. Die Hererm zogen die Mützen vom Kopf, und heller leucht teten die Augen aus: „Heil dir im Siegerkranz!" Man sühlte sich stolz als Angehöriger der machtvollen Natron, die hier ihre Flagge mit so herrlichem Schiff zeigen durfte. Gottlob, daß die Zeit armseliger Krähwinkelei vorüber war ! Deutschland stand nun in erster Reihe des Weltverkehrs. Mit freudig gehobener Brust fühlte es jeder in diesem Augenblick.
Inzwischen war der Danebrog wieder niedergegangeu, und das geliebte Schwarz-Weiß-Rot grüßte schlicht und doch stolz vom Mast. Zugleich setzte die Kapelle der „Hamburg "wieder ein, mit machtvoll anschwellenden Akkorden. „Es braust ein Ruf wie Donnerhall!" — Die Wacht am Rhein! Sturmgewaltig rollten die wuchtigen Tonwellen über das Meer hin bis zur Küste. Im fernen Norden, an der Grenze des Polarkreises, tönte so zu dem weltentlegenen Gestade das prachtvolle, schmetternde Lied, das jedem Deut- scheti das Herz höher schlagen macht.
Mit dem Kapitän, desseit Augen erinnerungssroh auf- reuchieten, standen die anderen Reisegefährten, ganz dem erhebenden Schauspiel hingegeben. Diese Situation benutzte der Regieruugsrat Görtz, sich Frau Söllnitz zu nähern. Er wollte doch einmal bei ihr vorsichtig das Terrain sondieren; den ganzen Nachmittag hatte er schon auf eine solche Gelegenheit gewartet.
„Famvser Moment — so was! Nicht, meine Gnädigste?" wandte er sich an die junge Frau, die interessiert auf das belebte Hafenbild schaute. „Das Reisen bleibt doch entschieden der vornehmste aller Genüsse, besonders so an Bord eines Schiffes, wo man, sozusagen, das Welttheater aus der ersten Rang-Loge betrachten kann."
„Gewiß." Frati Söllnitz sagte es, ohne ihn anzusehen.
Dre einsilbige Antwort, die nicht gerade zur Konversation aufmunterte, entmutigte aber Görtz nicht.
„Und doch gibt es Leute, die dem Reisen sonderbarer- toeife keinen Geschmack abgewinnen können."
III.
„Nun, gnädigste Frau, gute Nachrichten?"
Leutnant von Kreßmann fragte es Frau Söllnitz, dte aus dem Postamt in Reykjavik herauskam. Er hatte sie, nach vielem Herumfragen, mit dem Regieruugsrat glücknch hierher geführt.
„Gar keine."
Enttäuscht und ein wenig besorgt kam die Antwort von ihren Lippen.
„O!" bedauerten die Herren.
„Mein Junge war nicht ganz wohl, als ich sbrtfuhr," erklärte Frau Söllnitz ihre Besorgnis. „Es hätte mich daher sehr beruhigt, wenn ich ein Telegramm bekommen! hätte. Sein Lehrer hatte mir auch fest versprochen, hierher zu depeschieren."
„Sein Lehrer?" staunte der Leutnant im Weitergehen,, und starrte die jugendliche, schlanke Frau ganz ungläubig an. „Haben gnädigste Frau denn schon einen schulpflichtigen Sohn?"
Frau Söllnitz mußte über feilt verdutztes Gesicht lachen, „Sogar einen, der bald in die Sexta kommt." „Wa—as?" Dem Regieruugsrat entfiel vor Entsetzen das Augenglas. Ja, nicht denkbar! Er hätte sie höchstens aus drei- oder vieruudzwanzig taxiert. „Daun müssen Sie ja aber unglaublich früh geheiratet haben, Gnädigste!"
„Wahrscheinlich," erwiderte sie nur ironisch.
Gedankenversunken gingen beide Herren schweigend neben ihr her. Sie hatte schon ein Kind, und dazu einen ganz großen Jungen! An den Gedanken mußten sie sich erst gewöhnen. Sie aber war wieder mit ihrem Sinnen daheim.
„Ich meine immer, es müßte hier doch noch irgendwo eine Nachricht für mich sein," entfuhr es ihr unwillkürlich.
„Auf dem Schiff, beim Briefsteward haben Sie schon nachgefragt?" erkundigte sich Herr von Kreßmann, auf ihren Gedankengang eingehend.
„Natürlich, gleich heute morgen — aber nichts!"
„Hm!"
Auch der Regierungsrat sann nun nach.
„Hören Sie — ein Gedanke!" durchfuhr es ihn. „Wenn wir mal beim deutschen Konsul uachfragten?" wandte er sich an seine Begleiterin. «
„Ja, das ist wahr! Bielen Dank. — Wenn sich die Herren noch mit mir dahin bemühen wollten —?"
„Aber mit Vergnügen!" versicherten beide eifrig, und so machte man sich von neuem auf die Suche.
Endlich war es gelungen, deutsch, englisch, dänisch radebrechend — was Anlaß zu viel Heiterkeit bot, sich auf den Straßen und in Kaufläden zurecht zu fragen. Der „tyske Konsul" war aufgefuuden in Gestalt eines Kohlen-, Eisenwaren- und Tranhändlers en gros, namens Thorsten Gud- brandson; aber auch hier kerne Depesche! Statt dessen die überraschende Mitteilung, daß eine solche auch noch gar nicht hier fein konnte, da nach Island kein Kabel führt, und Telegramme vom letzten schottischen Hafen aus wefter mit dem Postschiff befördert werden. Dieses war aber erst in vierzehn Tagen in Reykjavik zu erwarten.
| ^Donnerwetter, ja tadellose Verkehrsverhältnisse hier!"
„Ein wahrer Segen! Es liefen einem sonst nur noch mehr überflüssige Menschen über den Weg."
Es war dem Regieruugsrat fast, als ob das so eine kleine Anspielung sein sollte; aber er zog es vor, .....'
Nischen Unterton zu überhören.
„Sie reisen immer allein, gnädige Frau?"
„Wieso?" Stutzig geworden, wandte sie ihm das Gesicht zu, mit einem forschenden Blick.
„Ich meine, Ihr Herr Gemahl findet wohl Geschmack am Reisen, ober hält ihn sein Beruf ....
Der Regierungsrat bemühte sich, eine recht gleichgültige Miene während dieser im leichten Konversationston geäußerten Worte zu zeigeu.
Ein leises Fältchen erschien einen Augenblick zwischen den feinen Augenbrauen der jungen Frau, und ihr Blick drang scharf in den seinen. Dann kam nach kurzer Pause


