Ausgabe 
24.12.1912
 
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später in der preußischen Grenzstadt Eydtkuhnen ein. Beim Anblick des ersten blauen Briefkastens, beim Erklingen der deutschen Sprache ringsum bemächtigte sich Emmas ein wahres Fieber. Sie lachte und weinte, sie jubelte vor Wonne.Ach, bin ich undankbar," rief sie,ich hatte es so gut in Balianowka! Ich liebe Wonsakins wie meine nächsten Verwandten! Aber ich bin ja so selig, wieder in Deutschland, in meinem Vaterlande zu sein!! Seien Sie bloß nicht böse, lieber Herr Plessen!"Ich begreife Sie vollkommen!" beteuerte er herzlich und freute sich Wer ihr strahlendes, glühendes Gesicht. Dann ermahnte er sie, an ihren Bruder zu telegraphieren. Es war ja der vierundzwanzigste Dezember, und sie konnte beim besten Willen nicht mehr zurecht kommen, um den Heiligabend mit den Ihren jn feiern.

Emma sandte ihr Telegramm mit geheimem Seufzen fort. Dann beherrschte sie sich und bestieg mit Plessen den ausgezeichneten Zug. Jedoch im Osten Deutschlands herrschte.seit Wochen das gleiche Schneewetter wie in Ruß­land. Auch hier waren die hinderndsten Schneeverwehun­gen. Auch hier kam der Zug nicht vorwärts, sondern blieb alle Minuten einfach stecken. Da nützte kein Fluchen und Wettern der Reisenden, der Bahnbeamten! Jn Dirschau saß man einfach fest. Es ging nicht weiter! Alle Ver­sprechungen, daß die Strecke bis zum nächsten Morgen frei sein sollte, wurden kaum angehört/ Es gab eine wahre Re­volution unter den Passagieren, die sich auf Weihnachten daheim gefreut hatten und nun nicht weiter konnten. Je mehr alle Leute ringsum schalten, um so ruhiger wurde Emma. Sie fand sich in das Unabänderliche mit guter Laune. Leise tippte sie Plessen auf den Arm.

Wissen Sie, Herr Plessen, wir müssen nicht den Kopf sinken lassen," meinte sie frisch.Mitgefangen mitge­hangen ! Um meinetwillen sollen Sie nicht um ein Weih­nachtsfest kommen. Ich pjane eine kleine Ueberraschung. Bitte, gehen Sie immer in das Hotel da drüben, und be­legen Sie für uns zwei warme, nette Zimmer. Ich komme gleich nach. Es ist ja erst fünf Uhr, da kann ich mir noch zusammenholen, was ich brauche!"--- Ihre Augen leuch-

teten vor innerer Freüde und Erwartung, daher gehorchte er ihren Wünschen nach kurzem Hinundher. Das Hotel war zu dieser Zeit, wo jeder seinen Familienkreis aufsucht, fast leer. Herr Plessen fand daher sogleich zwei saubere, freie Zimmer. Er ließ noch tüchtig nachheizen und ent­fernte sich dann auch, um Einkäufe zu machen. Galt es doch, das liebenswürdige Mädchen, welches ihm anvertrant war, zu erfreuen.

Emnm hatte inzwischen alles das gesunden, was sie für ihren Zweck gebrauchte. Sie kam, mit Paketen beladen, in das Hotel. Ein Knabe trug ihr ein niedliches Tannen­bäumchen nach. Der Portier klopfte ihr den Schnee ab. Der Oberkellner geleitete sie auf ihr Zimmer.Herr Plessen hat zu sieben 'Uhr zwei Soupers bestellt. Er wird bis dahin aus der Stadt zurück sein. Gnädiges Fräulein möchten sich nicht ängstigen!" >I bewahre," erwiderte sie fröhlich,wir sind nun einmal eingeschneit, doch wollen wir unser Christfest nicht entbehren. Ich schmücke uns ein Bäumchen!" Der Oberkellner blickte das junge Mädchen prüfend an. Dann half er ihr freundlich bei den Vorberei­tungen. Sie rückten den Tisch vor den Spiegel, bedeckten ihn mit einem reinen weißen Tuch. Daun stellten sie die Tanne herauf, behängten sie mit Goldketten, Watte und Lamettafäden und befestigten mit großer Mühe die kleinen Wachslichtchen in den Zweigen. In eine Schüssel kamen Aepfel, Nüsse und Pfefferkuchen. Daneben legte Emma ein Reisekissen, das sie noch glücklich in einem Handarbeitsk- geschäft aufgetrieben hatte.

Ist es nicht reizend und gemütlich so?" rief sie, selig in die Hände klatschend.Der arme Herr Plessen vermißt um meinetwillen seine Kinder. Eine Fran.hat er nicht mehr, so will ich ihm doch zeigen, .daß Weihnachten ist!" Vertrauensvoll erzählte sie dem älteren Manne ihre Beziehungen zu Herrn Plessen, ivoher sie kam und wohin sie ging. Er lauschte wohlwollend und freundlich.Ich bin'in Deutschland!" sagte sie dann überwältigt.Deutsche Weihnachten!"Wollen Sie nicht in die Kirche?" fragte er.Sie ist nicht weit; aber nein, es ist schon zu spät! Der Gottesdienst ist schon vorbei!"Wie schade!" entgegnete Emma sinnend.In Balianowka fuh­ren wir nachts um zwölf ins Gotteshaus. Das war so feierlich!"Das können Sie hier auch haben. Be­

stellen Sie doch einen Schlitten, und fahren Sie mit dem Herrn ins nächste Dorf. Unser Kutscher ist Junggeselle. Der tut es gern, wenn Sie ihm ein Trinkgeld geben!" ---,

Das muß^ich erst mit Herrn Plessen besprechen," sagte sie kleinlaut.

Gerade klopfte dieser an die Tür.Nicht herein, noch nicht!" rief sie und eilte auf den Korridor, wo er wie ein Schneemann stand. Er lachte:Dann stellen Sie wenig­stens den Kasten hinein. Ich ahne etwas!" sagte er. Wollen wir erst essen und dann bescheren oder umgekehrt?" --Erst essen, ich habe Hunger!" erwiderte sie vergnügt. In dem Speisesaal saß eine Menge der eingeschneiten Reisenden widerwillig und verstimmt. Emma blickte Herrn Plessen, dieser sie prüfend an. Dann lächelten beide, wur­den rot und wandten sich ab. Sie fühlten sich beide neben­einander merkwürdig geborgen und gemütlich. Ja, ihre Fröhlichkeit steigerte sich von Gang zu Gang. Emma schlug ihm bie nächtliche Kirchfahrt vor, und trotz seiner Reise­müdigkeit wollte er ihr heute nichts abschlagen. Sie sah gar zu begeistert und glückselig ans. So bestellte er denn den Schlitten.Den Kaffee servieren Sie uns oben in meinem Zimmer," sagte das junge Mädchen und erhob sich. Sie können immer mitkommen, Herr Plessen," meinte sie dann,aber Sie müssen vor der. Tür warten, bis ich herein rufe!"--Er folgte ihr und schritt int Korridor

auf und ab, bis das Herein ertönte.

Da stand das brennende, glitzernde Weihnachtsbäum­chen, dustete und machte das kahle Hotelzimmer traulich und heimatlich. Neben dem Tisch aber stand fassungslos weinend Emma Bellos.Ich bin dumm und albern," schalt sie,aber ich weiß nicht, wie mir ist! Deutsche Weih­nachten und doch in der Fremde ohne meine Geschwister, ohne meine Wonsakins! Hätten wir doch alle hier, alle! Meine Lieben und Ihre Kleinen, Ihr Hänschen und Gretel!" Plessen starrte mit feuchtglänzendcu Augen in die Kerzen, bann waubte er sich zu ihr und strich über ihre Haare:Weinen Sie sich ruhig aus, Fräulein Emmchen! ich begreife Ihre Sehnsucht und Ihr Gefühl bet Einsam­keit. Sie haben Heimweh!" Da hob sie erstaunt ben Kopf unb schüttelte ihn verneinend:Ich? O nein! Ich habe ja kein Heim mehr! Das meines Bruders kenne ich noch nicht, und in Balianowka war ich angestellt. Mir ist hier- sehr wohl. Nur am Heiligabend, vor dem Baum, will es mich immer überkommen, daß ich so allein in der Welt stehe!"--Er ging wie in schwerem Kampfe im

Zimmer auf und nieder. Endlich blieb er vor ihr stehen, nahm ihre Hände unb sagte in tiefer Erregung:Emma, ob es wirklich nur ein blinder Zufall war, baß wir beide hier so allein hergeweht ftnb? Ich möchte Sie etwas fragen, Sie etwas bitten aber ich wage es nicht!"

Ein heißes Erröten färbte ihr Gesicht'. Betroffen, fassungslos starrte sie ihn an. So maßen sie sich schwei- geub. Plötzlich stieg eine Seligkeit, ein Glücksgefühl ohne- «leichen in ihr empor.So fragen .Sie doch!" stieß sie erbat. Da zog! er sie in seine Arme, unb sie barg ben Kopf an seiner Schulter.Hier ist fortan, dein Heim, Emma," rief er erschüttert.

Unb bann fuhren sie, in warme Decken gehüllt, Hand! in Hcmb durch die frostglitzernde Schneelandschaft. Es hatte zu schneien aufgehört. Am Himmel glänzten die Sterne. Der Mond übergoß die schweigende Winternacht mit grün­goldenem Licht. Nur die Schlittenglocken läuteten leise aneinanderklingelnb. Dann tauchte das Dorf hinter dem Walde auf. Die hell erleuchtete Kirche hob sich Vom Dunkel ab, und die Gläubigen pilgerten' in das offene Portal, die Geburt des Herrn mit ihren Verheißungen zu feiern. Nun hoben auch die ehernen Glocken an, dröhnend zu klingen.

Die beiden Glücklichen schmiegten sich aneinander und! schauten sich an.Denn uns ist heute der Heiland geboren, welcher ist Christus, der Herr!" sagte Emma feierlich-. Der Schlitten hielt vor dem 'Eingangstot des Gotteshauses. Jubelnd erbtaufte die Orgel. Plessen sprang ab und! hob die Braut aus dem Gefährt. Eine Sekunde preßte er sie an sein Herz:Stille Nacht, heilige Nacht," flüsterte er leise und innig.Nacht der unendlichen Siebe!"

Heilige Christnacht, Weihe-Nacht!" entgegnete sie leise erschauernd.

Dann traten sie Hand in Hand in das fremde kleine Kirchlein in dem ihnen fremden, kleinen, eingeschneiten! Dorf. Und die Orgel klang und fang.-