Ausgabe 
24.12.1912
 
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heilige Kacht.

Von Ernst Georg h.

(Schluß.)

Mit väterlicher Fürsorge umhegte er das Mädchen. Me mußte tüchtig essen und trinken, dann drang er dar­auf, daß sie srch im Coups sofort zum Schlafen nieder- logte. Er hüllte sie warm ein und nahm ihr gegenüber Platz. Jetzt waren sie noch fast allein im Zuge. Wie ein

müdes 'Kind ließ sich Emma alles gefallen und lächelte ihm nur dankbar zu. Zum Sprechen war sie zu abge­spannt. Plessen betrachtete im Halbdunkel, wenn er aus dem Schlaf auffuhr, immer wieder das blasse Gesichtchen der Schlummernden, auf das silberblonde Locken fielen. Er fühlte einen tiefen Frieden in sich und rückte ihr Kissen und Decke zurecht oder strich die weichen Haare aus der Stirn. Am Morgen erwachte Emma recht ge­stärkt. Sie wusch und lammte sich in der bequemen Toilette des prachtvollen russischen Zuges und kehrte erfrischt zu Plessen zurück, der sich auch- zurecht gemacht hatte. Ein Kellner brachte ihnen heißen Tee und gutes Gebäck, und sie frühstückten gemütlich und in bester Laune. Der Tag ver­strich ungemein rasch; anders als die vorhergehenden. Der Gutsbesitzer und die junge Erzieherin plauderten von Ba- lianowka. Emma konnte nicht genug erzählen von ben prächtigen Menschen. Gar manche heiße Träne rollte über ihre Wangen bei diesen Rückerinnerungen. Er lauschte ergriffen, und seine Sympathie für sie stieg. Dann bat sie ihn, von seinen Kindern zu sprechen. Er zeigte ihr die Photographien, die er bei sich hatte. Durch ,kluge Fragen erfuhr Emma bald, wie es aus Landwitz, seinem Besitz, stand. Sie hatte einen scharfen, praktischen Verstand. Jeder Ratschlag, den sie gab, jedes Mittel, das sie zur Abhilfe der Uebelstände vorschlug, leuchtete ihm ein.Sie haben in den fünf Jahren genug vom Landleben und wollen jetzt wieder Berlin, Ihre Geschwister und Großstadtsreuden gemeßen," sagte er traurig.Ich kann das begreifen! Aber bei mir ist es so traurig und einsam im Hause. Die Kinder verwildern, die Wirtschaft nicht minder! Wir konnten alle eine verständige, liebende Frau eine Leiterin des Hauswesens," fügte er schnell hinzu,gebrauchen"!Sie haben doch eine Verwandte auf Landwitz?" fragte Emma. Ach, sie ist alt und unlustig, am liebsten kehrte sie uns morgen schon den Rücken. Ich kann auch das verstehen!"

Emma schaute mitleidig in Plessens hübsches, so re­signiertes Gesicht, das von braunem Vollbart umrahmt war. Seine würdige, gütige Art gefiel ihr stündlich mehr. Schon hatte sie Lust, sich ihm als Erzieherin anzubieten; aber da fielen ihr Berlin und ihre Geschwister ein. Sie freute sich doch zu sehr auf das Stadtleben, auf die lang­entbehrten Theater- und Konzertgenüsse. So schwieg sie. Er seufzte und lenkte das Gespräch auf allgemeine Dinge. Wieder waren beide innerlich erstaunt, wie sehr sie in ihren Geschmacksrichtungen und Lebensauffassungen übereinstimmten. Wieder war es Nacht geworden. Ein Schaffner passierte den Wagen, in dem die beiden Reisen­den gerade von den mitgenommenen Eßvorräten speisten. Plessen zog die Uhr.So spät bereits!" rief er überrascht. Nicht wahr, Kondukteur, wir müssen bald in Werjballowo (Wirballen) an der Grenze sein?" Der Mann schüttelte lachend und verneinend den Kopf.An der Grenze? O nein, Bärin (Herr), bei dem Wetter? Wir haben sicher acht Stunden Verspätung, wenn es nicht mehr werdep. Wir stecken schon wieder in einer Schneewehe fest!" /-Damit ver- schlvand er, und.die Zurückbleibenden schauten sich betroffen an. In Emmas Augen braten Tränen.Wie schade," sagte sie seufzend,aus dem Heiligen Abend im Kreise der Meinen wird nun doch nichts! Und ich hatte mich so namenlos darauf gefreut!" Sie biß sich auf die Lippen und kämpfte die Enttäuschung tapfer hinunter. Dann streckte sie ihm die Hand entgegen und sagte bittend :Wie egoistisch ich bin, verzeihen Sie mir, Herr Plessen! Ich habe ganz vergessen, daß Sie um meinetwillen nun auch uicht mehr zur Zeit ankommen können!" Er lachte bitter:Nehmen Sie das nicht tragisch, Fräulein Emmchen! Bei mir in Landwitz ist erst dann Weihnachten, wenn ich ankomme. Meine Cousine hat wenig Sinn dafür. Sie gibt den Leuten das für sie Bestimmte an Geld und Ge­schenken. Die Kinder bekommen ihr Bäumchen doch erst, wenn ich es ausgesucht, habe fällen lassen und es ihnen geschmückt habe. Die kleinen Wesen rechuen noch nicht mit dem Datum. Sie haben eben länger ihre Vorfreude!"- Er drückte ihre Hand und ließ sie sanft fallen.

Wieder legten sich beide zum Schlaf nieder. Sie hatten auch reichlich Zeit dazu, denn mit größten Pausen und unter gewaltigsten Anstrengungen erreichte der Zug erst gegen elf Uhr vormittags die russische Grenzstation Wir­ballen. Emma und ihr Beschützer benutzten die zweistün­dige Aufenthaltszeit zux Toilette und leiblichen Stärkung. Dann verließen sie Rußland und trafen zehn Minuten

Mannes, und ein Abglanz leuchtete auf in den ernsten Augen der jungen Dame. ,

Der letzte und kleinste Teil der fünfundscebzrgstundigen Reise wollte allen sehr lang erscheinen. An den Serien der Straßen lagen mächtige Schneewälle aufgeschüttet, aber auf den Pferdebahngeleisen war doch schlechte Schlrtten- bahn. Endlich angelangt, läutete der Sohn Sturm an der Hausglocke. Der Gärtuer, die Köchin steckten die Kopfe zum Fenster heraus.Herr Gott, die alten Herrschaften srnd's, und heil und gesund!" Der Ruf mußte sich wohl wie em Lauffeuer weiter verbreitet haben, denn noch ehe der alte Herr sich aus seinen Einwickelungen herausschälen konnte, hob ihn der Schwiegersohn aus dem Schlitten heraus, während die Tochter weinend intb lachend der Mutter in den Armen lag und sechs allerliebste Sprößlinge, im bloßen Kopf und Kleidchen, tanzend, jubelnd und schreiend bte enb- lich angekommenen Großeltern umsprangen. Im Hinter- grunbe aber, in ber Haustür, staub ein Mädchen mit Pan­toffeln und Schlafröcken und die Köchin mit einem Paar mächtigen Wärmkruken, den Utensilien, die sie seit Tagen im Hause herumgetragen hatten für die armen Ein­geschneiten.

Wo ist denn der Ferdinand?" fragte die Schwester.

Ja, wo ist er denn? Dort, eben im Begriff, wieder sortzufahren!"

.Wo willst du schon wieder hin?" riefen alle zugleich.

Ich habe etwas vergessen," klang die fast jubelnde Antwort zurück, während der Schlitten davon flog.

Gewiß ist der graue Koffer nicht mitgekommen," arg­wöhnte die Mutter; doch da am- Tor lagen ja friedlich nebeneinander alle fünf Stück Handgepäck.

Mir ist es dunkel, was. er will," lachte der alte Herr, aber mich soll's nicht weiter kümmern. Hurra, Alte, wir sind da, und, Kinderchen, wir haben etwas zu erzählen! Fetzt aber, meine Else>, laß einen Draten vorfahren; ich hoffe, sie sind nicht alle verbrannt, und dann sollst du einen dank-, baren Esser haben!"

Milliarden Sterne blitzten auf die weite, weiße Schnee­decke hernieder, mit welcher Mutter Natur schützend ihre schlafenden Lieblinge zugedeckt hatte. Von den Türmen der Stadt erschollen die ehernen Grüße bis in die entlegen­sten Straßen, klopften an jede Tür und an jedes Herz mit ber alten, überall ersehnten Friebensbotschaft. Und dasWohl- gefallen unter ben Menschen, bas leuchtete aus jedem dank­erfüllten Auge unter den brennenden Weihnachtsbäumen.

Auch die Großeltern saßen inmitten ihrer jubelnden Enkelschar unter den Kerzen des Taimenbaumes und freuten sich des behaglichen Beisammenseins und des Glückes der ihrigen. Da trat ber Sohn herein, ber bisher gefehlt hatte, und sagte, indem er jeden Vorwurf abschnitt:

Scheltet nicht, ich bin heute ber Glücklichste von euch allen unb habe euch auch noch ein Geschenk mitgebracht, das euch hoffentlich alles Leib verschmerzen läßt, welches dis Schneereise uns bereitet hat." Einen Augenblick trat er dann in das Nebengemach zurück, um gleich darauf mit ber Reisegefährtin am Arme wieder zu erscheinen.

Erlaubt, daß ich euch meine liebe Braut, Fräulein ' Margarethe Werner, vorstelle. Die Schwiegertochter ist dir doch recht, Papa?" meinte er neckend,war's mir doch, als wenn sie dir zuerst gefallen hätte!" Die Braut lag indes der Mutter im Arm nnd flüsterte:

Werden Sie mich ein wenig lieb haben, beste Mama?" Höre, kleine Hexe," rief der alte Herr, nachdem auch er die neue Tochter herzlich geküßt hatte,hätte ich gewußt, daß du meine Schwiegertochter würdest, dann hätte ich dich in ber ersten Nacht, als bu dich so unnahbar in deine Frauenwürde hülltest, gleich noch! besser an das Rauchen gewöhnt! Dem Geheimrat aber, meinem alten Freunde, werde ich raten, wenn er wieder einmal in seiner Praxis einen unverbesserlich scheinenden Junggesellen hat, ihn auf eine Weihnachtsreise zu schicken."