Dienstag, Len 24. Dezember
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Eine Weihnachtsreise.
Von M arie Silling.
(Nachdruck verboten.)
(Schluß.)
Nach einer langen, bangen Stunde in dem dunklen, durchkälteten Abteil" war Riesa erreicht. Beim Aussteigen fragte der Schaffner: „Gehört Ihnen der Koffer, Madame? Ich sand' ihn hier außen auf dem Trittbrett stehen." Es war der verloren geglaubte und glücklich wivdergefundene.
„Nun, Alte, lache einmal," sagte Papa Caroc, „mich und den Koffer hast du wohlbehalten hier gelandet, und wir befinden uns in einem anständig warmen Lorcu, haben wieder Gasbeleuchtung, einen gedeckten Tisch, Aussicht auf eine Mahlzeit, und meine Ahnung täuscht mrch nicht, auf eine Flasche Sekt. Wenn ich in meinem Leben nicht lustig war, heute abend will ich's sein!"
Obwohl die Bahnhofsraume überfüllt waren, wollte doch niemand sie verlassen, um einen Gasthof aufznfuchen, weil man hoffte, dann eher befördert zu werden. Es fand sich auch noch Platz in einem kleineren Nebensaal für die in Weißig bekannt gewordene Gesellschaft, zu der sich ein alter Amerikaner mit langem weißen Volwart und spärlichem Haarwuchs gesellt hatte. Was noch von eßbaren Resten vorhanden war, wurde aufgetragen-, es fand sich auch wirklich. Champagner vor, und bald hatte eine ausgelassene Lustigkeit sich aller bemächtigt.
Für die Damen und die alten Herren wurden dann Matratzen auf dem Fußboden arrangiert, während dre jungen Männer sich mit Lagerstätten auf zusammengestellten Stühlen begnügen mußten, welche die Damen ihnen durch überflüssige Tücher bequemer zu machen suchten. Herr Caroc junior hatte den Fußsack und die Muffe der jungen Frau als Kopfkissen erobert und erklärte seiner besorgt fragenden Mutter, er würde so schön wie noch me rn seinem Leben schlafeii. Der alte Amerikaner, der kem Wort Deiitsch verstand, begann inzwischen sich umständlich für die Nachtruhe vorzubereiteü und vollständig Toilette zu machen, zur Empörung der jungen Herren und Belusti- aung der Dmnen. Dennoch war bei allen die Erschöpfung so groß, daß es endlich still wurde in dem weiten Saal, der wohl noch nie zu einem solchen Nachtlager gedient hatte.
Um vier Uhr früh weckte ein Beamter, der den Berlinern ihre Erlösung verkündete. - , r ■ , ,
„Und wann werden wir befördert?" rief der junge Caroc aus seiner Ecke. . . r
„Für die Dresdener Herrschaften ist ein Dampfer telegraphiert. Um zwölf Uhr mittags wird er hier abgehen
„Um im Grundeis wieder stecken zu bleiben, b'uszte Frau Caroc leise vor sich hin, legte sich aber, nachdem sie sich überzeugt, daß der Gatte friedlich fort schnarchte, auf ihre Matratze nieder, um ihre müden Glieder weiter zu ruyen.
Am andern Tage sich man, kurz vor der gefürchteten Wasserreise, nochmals bei einer Mahlzeit beisammen, und Frau Caroc packte ein großes Paket Butterbrote em für alle Fälle, unt wenigstens sicher vor dem,Hungertode zu sein, als der Bahnhofs-Inspektor lächelnd m den Saal trat und mit weithin tönender Stimme erklärte: ,,^n einer halben Stunde wird der erste Zug nach Dresden abgelassen!"
- Hatten deutsche Truppen noch einmal den französischen Kaiser bei Sedan gefangen?! Nur diesem Rausch vergleichbar war der Jubeh welcher die weiten Räume des -ostlwMss durchbrauste. Da gab es -ein Hochrufen, ein Bravoklatschen, ein Umarmen und Küssen, weinende, lachende, -auch ohn- mächti-ge Damen. Auch Frau Caroc siel ihrem Gatten um den Hals und rief unter Tränen lachend: „Nun werden wir doch noch mit den Kindern und Enkelkindern das schone Fest Verleben."
„Ja," meinte der alte Herr, „nach einer Reise von fünfundsiebzig Stunden, wie vor fünfzig Jahren!"
„Und wo werden Sie den Weihnachtsabend verleben, gnädige Frau?" sargte leise Herr Caroc junior.
Ernst, fast traurig, sah die junge Frau zu ihm auf: „Da, wo ich intmer bin, unter Fremden."
Auf dem Bahnhof in Dresden sahen Kops an Kopf gedrängt Hunderte von Menschen, als dort der erste Zug unter nicht endenwollenden Hochrufen eintraf. Aber keine Droschke, kein Schlitten war zu sehen, welche die Anlommen- deu hätten weiterbefördern können. Nach vieler Mühe erst gelang es Herrn Ferdinand Caroc, zwei Schlitten aufzn- treiben und darin seine Eltern und die junge Fraunnterzu- bringen. '„Wohin darf ich dem Kutscher sagen, daß er Sie fahren soll?" frag er und erteilte ihm Bescheid. Dann, sick nochmals an sie wendend und feine Hand zum Abschied ausstreckend, sagte er: „Sic erlauben mir wohl, mich nach Ihrem Befinden erkundigen zu dürfen, gnädige Frau, nicht
Sie nickte Gewähr; dann, indem purpurne Glut ihr ganzes Gesicht übergoß, bemerkte sie schnell und lächelnd: „Ich widerspreche nieHwenn ich „gnädige Frau" angeredet werde. Sie empfinden ja selbst, daß einer Frau der Ver- kehr erleichtert ist; doch bin ich weder verheiratet, noch, wie Sie nach den Trauringen meiner verstorbenen Eltern, welche ich zur Erinnerung trage, anzunehmeu scheinen, eine. Witwe. Auch lebe ich nicht bei meinem Schwager, sondern bin die Erzieherin der Baronesse Meineck. Dort, muß ich Sie bitten, mich aufzusuchen!" Die Pferde zogen an.
Halt," bornierte Herr Caroc junior. „Ich muß Sie heute noch sprechen — bald — ich. finde Sie bei Ihrem Herrn Schwager? Sagen Sie, daß ich darf!"
Sie dürfen, aber nun lassen Sie mich fahren; denken Sie an die Ungeduld Ihrer Eltern!"
Er trat zurück und lüftete den Hut, aber ein strahlen- des glückliches Lächeln -lag siegesgewih auf dem Gesicht des


