Ausgabe 
24.10.1912
 
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Wir kamen gerade noch zur rechten Zeit auf unserem Bahnhofe an, um den Zug nach Camden Road zu erwischen. Unterwegs erzählte uns unser Führer, daß er beim Ab- liefern von Waren in Millfield Lane eine Gegend, die man nachts nicht gern aufsuche über eine steinerne Mauer hinweg das Rufen eines Weibes gehört habe. Er sei darauf zugegangen, und die Stimme habe ihn dann gebeten, an die Tür zu kommen. Dort habe ihm ein ziem­lich schlankes, blasses Mädchen mit rotem Haar und Som­mersprossen im Gesicht was er bei dem Mondschein ganz deutlich gesehen habe das Billett und zehn Schil­linge durch das Gitter der abgeschlossenen Eisentür in die Hand gedrückt und ihm mit vor Angst und Aufregung zittern­der Stimme zugeflüstert, er möge so rasch wie möglich nach Richmond fahren und den Herrn, an den das Briefchen gerichtet sei, unverzüglich mit rnrückbringen, dann sollte er noch zehn Schillinge bekommen.

Ich sagte ihm darauf, daß ihm die Sache noch ein gut Teil mehr einbringen würde, wenn er etwas Courage im Leibe habe und vor einer Gefahr nicht zurückschrecke. Da warf sich unser biederer Begleiter in die Brust und erklärte, daß sein Vater Vorstand eines Ringklubs sei, und er selbst bereit, feder Gefahr zu trotzen. Weiter erzählte er dann, daß ihn: ganz in der Nähe dieses Grundstückes, als er seinen Auftrag habe ausführen wollen, ein Mann in den Weg getreten sei und ihn gefragt habe, was er da suche; schlag­fertig habe er geantwortet, er hätte üt der Nachbarschaft etwas abzuliefern gehabt und sich in der Dunkelheit ver­laufen. Es fei ein großer Mann mit einem Vollbart ge­wesen.

üoit Eißen, sagte Mortimer.

Zweifelsohne, erwiderte ich ihm; aber wer mag das Mädchen gewesen sein?

Euer früheres Dienstmädchen, antwortete er ohne Be­sinnen. Uebrigens müssen wir hier aussteigen.

Draußen engagierten wir einen Viersitzer.

So rasch wie möglich nach demHerzog von St. Al­bany", befahl Mortimer dem Kutscher, und fort ging's über die Kentisher Chaussee, Highgate Road, unserem Bestim­mungsort zu. Als wir am Fuße des Hügels ankamen, schlug die Turmuhr von St. Anna elf.

Wir gaben dem Kutscher die Weisung, hier auf uns zu warten, und eilten sofort den steilen Weg hinauf, der nach Holly Lodge führt. Bald wandten wir uns scharf nach links und kämen ans die Straße nach Millfield, von wo aus unser Führer die Leitung übernahm. Der Mond war untergegangen und alles stockfinster, bis auf einige zerstreut stehende Gaslaternen an diesem Ende der Straße, mit deren Hilfe wir die Richtung feststellen konnten.

Es herrschte eine unheimliche Stille. Zur Linken konnten wir durch das dichte Geflecht kahler Baum­zweige hindurch undeutlich eine weite Wasserfläche er­kennen, rechts von uns lief eine hohe Gartenmauer, über die hohe Bäume ihre Häupter emporstreckten. Wir stiegen höher und immer höher, bis der Fußpfad plötzlich aus­hörte.

Unser Führer flüsterte Uns hier zu:

Jetzt sind wir bald da. Hier 'nunter geht's etwas schlecht; aber bleiben Sie nur immer dicht hinter mir.

Es war, als ob wir in einem Tunnel marschierten. Bei jedem Schritt trat man in Schmutz und Pfützen, in Löcher und Furchen. Kein Lichtschimmer erhellte unfern Weg, die Finsternis war absolut.

Endlich blieb unser Junge stehen und faßte mich am Arm.

Hier drüben ist das Haus, flüsterte er.

Ich blickte mich um, konnte aber nur ganz ungenaue Umrisse von einem Gebäude sehen. Geräuschlos folgten wir unserem wackeren Führer bis an eine große ver­schlossene Tür.

Das ist die Pforte, wo mir das Mädchen den Zettel gab, sagte er'ganz leise. Hier müssen wir drüber.

Kaum hatte er dies gesagt, so kletterte er cntcf)1 schon an dem eisernen Gitter empor, ich hinter ihm her, und zuletzt folgte Mortimer. Unsere gymnastischen Uebungen während der Universitätszeit kamen uns in diesem prak- tischen Falle außerordentlich zu statten, so daß wir ziemlich unbeschädigt auf der anderen Seite anlangten. Der Boden war dicht mit Hecken und Sträuchern bewachsen. Das Gebäude war imnrer noch nicht genauer zu unterscheiden, kein Lichtstrahl noch zu sehen, kein Leben zu hören. In

dieses Haus einzubrechen, schien mir wie ein Einbruch in ein Grab. Ich schauderte. Sollte sich der Bursche nicht doch geirrt haben? Aber er machte einen ehrlichen Ein­druck, und, ehe ich mich lange besinnen konnte, ergriff er meine Hand und führte mich nach der Rückseite des nn- heimlichen Gebäudes. Tort sahen wir zu ebener Erde ein erleuchtetes Fenster. Lautlos schlichen wir uns heran.

Den Anblick, der sich mir hier bot, als ich vorsichtig meinen Kopf über die Fensterbrüstung erhob, werde ich mein Lebtag nicht vergessen. In einem kahlen öden Raum, von dessen Decke an verschiedenen Stellen die Tünche herab- gefallen war und von dessen Wänden die Tapeten in Fetzen herunterhingen, stand ein roher Tisch mit einer einzigen Kerze darauf. Ein paar alte Küchenstühle und ein elendes Bett in einer Ecke bildeten den Rest des Mobiliars. Auf einem Stuhl saß ein hageres, blasses, rothaariges^ Mädchen, wie es der Junge beschrieben hatte. Ich erkannte in ihr sofort unser früheres Dienstmädchen Eliza wieder, die uns so plötzlich unter der Angabe, ihren kranken Vater pflegen zu müssen, verlassen hatte. Dann aber stand mein Herz still. Auf der Pritsche in der Ecke entdeckte mein Auge ein totenbleiches Frauenantlitz. Ohne der eigenen Lebensgefahr zu gedenken, sprang ich auf. Ein Druck gegen das Fenster, ein Satz und ich stand in dem unheim­lichen Zimm-».

Im nächsten Moment war auch Mortimer schon an meiner Seite. Er hatte gerade noch Zeit, die Stubentür zu verriegeln, und ich konnte nur einen flüchtigen Blick auf die leblose Gestalt auf dem Bette werfen und mich überzeugen, daß es wirklich Marcella war meine heiß­geliebte Marcella, als es heftig an die Tür pochte.

Rasch ans Fenster, Ted! rief mir Mortimer zu. Ich halte die Tür hier besetzt. Kaum hatte er diese Worte ge­sprochen, so krachte auch schon ein Schuß. Ein brennen­der Schmerz in meiner Schulter sagte mir, daß ich getroffen war. Ich beachtete es jedoch nicht, sondern stürzte meinem Angreifer entgegen. Ebe er sich über das Fensterbrett schwingen konnte, sank mein Todfeind von meiner Kugel tödlich getroffen zurück. Aber auch CHarley war während­dessen nicht müßig gewesen. Durch einen sicheren Schuß hatte er den einen seiner Gegner schwer verletzt und den anderen in die Flucht geschlagen.

(Fortsetzung folgt.)

Bilder aus dem Volks! den zu Alsfeld im Mittelalter.

(Schluß.)

Da s Gerichtswesen.

Am besten sind wir unterrichtet über das Gerichtswesen, steht uns doch da ein zwanzig Jahre umfassendes Protokollbnch zur Verfügung.

Tas Gericht tagte im Jahre dreimal zu den sogenannten Un- geboten (judicia non mandata, Plebiscita), zu Neujahr, Walpurgis und Michaelis. Dazwischen aber wurde es je nach Bedürfnis zu­sammengerufen, als Kaufgericht auf Kosten der Parteien bei Heu Ungeboten trug die Stadt die Kosten, die für Wein und Speisen aufliefen. So trat das Gericht 1455 19mal, 1456 18mal, 1457 16mal, 1458 17mal zusammen. Es tagte schon im 15. Jahrhundert im Rathaus. So legte ein Beklagter seine Beweisstücke 1471vor in das rathus und vor die benke". Wann es den Marktplatz ver­lassen und das Rathaus als Tingstätte erwählte, darüber fehlt jeder Anhalt. Aber auch in der Pfarrkirche treffen wir einmal das Gericht. 1454 Nov. 29 (in vigilia beati Andreae) klagt ein Geistlicher vor dem Gericht, das sich in diesem Falle zu- sammensetzt aus Pfarrer, Schultheiß, Bürgermeister, Schöffen und Rat. Es ist der einzige Fall -dieser Art in dem Gerichtsbuch.

Vorsitzender des Gerichts ist der Schultheiß, vielfach ein Ad­liger, aber andere auch aus bürgerlichem Geschlecht, vom Land­grafen ernannt. Ab und zu begegnet aber auch der landgräfliche Rentmeister als Vorsitzender neben dem Schultheißen. Tie Schöffen wurden aus den adligen und bürgerlichen Geschlechtern der Stadt durch'Ergänzungswahl auf Lebenszeit erkoren; nach der Verfassung! von 1429 wurde der Rat, der vorher eine besondere Verwaltungs­behörde neben den richterlichen Schöffen war, mit dem schoffen- kollegium vereint. _ ,

Allerlei Sachen kamen nun vor Gericht zur spräche, wen breitesten Raum nahmen die bürgerlichen Sachen ein. Wer eine Forderung an einen anderen hatte, der konnte! ihn vor Gericht laden; da erkennt er seine Schuld an und verspricht Zahlung. Zahlte der Schuldner nicht, so mußte der Kläger die schössen fragen, was er tun solle. So lesen wir z. ;B. 1472 Dez. ,16. (quarta post Lucie): sintdemalen Henne Hohman Henne Bechten vor gerichte vorflichtig wordin ist, wo he een ankomet in dissem,gerecht, kan he den schul-