627
NsNttnschtes.
» Die schädlichen Seehunde. Eine mehr und mehr anwachsende Gefahr für den Fischfang in den Ostseegebieten hat Anlaß su einer Prämienausschreibung gegeben, die spätestens ms suin Ablaus des nächsten Jahres festgelegt und detailliert iverden soll. Es handelt stch um Preise für den Fang und die Tötung von Seehunden, die die > meisten von der Seehundsplage betroffenen Länder — also Deutschland, Dänemark, Schweden, Rußland und wahrscheinlich auch Norwegen - zu verteilen geoenken. Es sind drei Arten von Seehunden, die sur diese Pramienverteüung ut Betracht kommen: der gewöhnliche Seehund, dre Rmgelrobbe und die Kegelrobbe, die sich durch die Lange des Schwanzes imd der Backenzähne, sowie durch die Naseiihant voneinander unterscheiden. Von diesen drei Arten hat der gemeine Seehund den kürzesten
Samariterinnen.
MU! r"; Skizze von Max Bittrich .(Freiburg).
r Während der Sekt floß, hatte sich das Brautpaar heimlich kntfernt, um vor her Fahrt in die blühende Welt allen Phrasen zu entgehen.
An unserer Jugeudecke der Tafel setzte eut angeregter Jüngling den aus Brot gekneteten Storch auf die Streichholzbeine^
Unsere hübsche Nachbarin Anna Zechner lachte aus ihren Wasserhellen Augen.
„Fi donc!“ rief ihre Freundin Jenny und legte die ferngegliederte Hand auf den Vogel, denn ihr war der Langschnabel schon lange nicht mehr das harmlose Symbol unschuldiger Verjüngung, sondern ein aufdringlicher Hinweis gerade auf den Ursprung jungen Lebens, den man Mädchen ihres Alters unnützerweise verbergen wollte, „Fi donc!“ — und das schwarze Haar fiel über die Schultern.
„Anna, ich glaube. - ."
Fräulein Zechner lehnte ihre Weichen Schultern in den Stuhl zurück und sog die Lust scharf zwischen Lippen und Zahne ein/ damit sie den heißen Mund kühle:
„Ich glaube, wir sind ein bißchen beschwipst!"
Die dunklen Augen glühten, als Jenny erwiderte'? »Mir ist, als tanzten tausend Geister durch mein Blut und Hirn und als sei ich ihr Herr; aber sie zwingen mich trotzdem, ihnen gefügig zu sein."
— also beschwipst !"
„Laß uns eine Weile in den Park gehen/ ehe der Tanz beginnt. Begleiten uns die Herren?"
„Gern!" „ ,
Die Bäume standen still in der Dämmerung, als hielten sie den duftenden Atem an, um unseren trunkenen Worten zu lauschen, die von fremden Mächten regiert zu sein schienen. Vor Uns ruderten müde wie im Schlaf ein paar Enten.
„Anna," rief Jennh wie aus tiefem1 Erinnern, „kein Storch zwar, doch ein paar Entchen —"
„Erinnerst du dich glücklich wieder daran —?
„Dürfen wir Mitwisser des Geheimnisses sein?", fragte ich.
„Es war einmal — ja, es war wirklich einmal ein Mädchen von zwölf Jahren namens Anna, das hatte dem Nachbarsohn bereits tüchtig in die Augen geblickt und weilte, mit der Mutter, und dem verliebten Jungen in goldener Ferienzeit auf dem Gut ihrer Großeltern. Das Mädchen hatte alles Lebende gern. Auf dem Gut nahm es sich eines kropfigen Entchens an und wurde Nicht Müde, den Hals des Tieres gleich einer Geschwulst am Ufer des Teichs zu kühlen. Eines Tages schien das Entchen der überflüssigen KUr Müde zu fein, entwischte den Händen und sank schwerfällig mit ausgerecktem Flügel ins Wasser. Die Samariterin läuft erschreckt einige Schritte hinterdrein, versinkt bis unter bte Mrrue, packt den Vogel erregt toieber- und hält ihn in der Angst, er könne ertrinken, hoch in die Luft. Schreiend, als habe sie der liebe Gott verlassen, findet sie die paar Schritte an , das Ufer nicht zurück, sondern watet quer durch den sumpfigen breiten Teich. Den Hilferuf vernehmen, in das Wasser tauchen und zu Gänschen Und Entchen schwimmen, war das ruhmvolle Werk des verliebten Schülers.
Das Vieh loslassen! Du versinkst im Morast! Nimm meine Hand!" befiehlt er. — „Ich kann nicht!" heult sie und umklammert fester die Ente. — „Laß das Vieh los! „Nem. -- „Mädchen, hast du den Verstand verloren?" — „Ich kann ja nicht —" — „Gans!" — Und er reißt ihr das Entchen fort, packt sie imd zerrt sie an das Ufer. — „Mein Entchen, mein gutes! — Dumme Gans!" — „Teufel, Mörder!" Und der Retter fühlt' als Lohn für sein Werk eine klatschende Ohrfeige, obwohl das Entchen seinen Kropf fidel weiter durch die Welt trug und der Samariterin zugetan blieb — viel länger als der Retter. Denn der schnürte selbigen Tags sein Bündel, nahm Gedichte und schwüre zurück und hat die Samariterin bis heute vergessen, wie auch sie ihn aus der Liste ihrer Verehrer gestrichen hat."
„Wie du erzählen kannst!" rühmte Anna. -„Doch vergiß auch dich iiicht! Man kennt ein gewisses Fräulein ksennö und ihr Abenteuer mit der Amsel. Ja, meine Herren: auch meine Freundin hat Samariterdienste geleistet. Lassen Sie auch von dem Geheimnis den Schleier ziehen!"
„Von der alten Schlechtigkeit?"
„Du warst noch ein Kind, Jenny!"
„Um so schlimmer!" ■ . ,,, ,,
O nein’ Ich finde, als Kind ist wan mitunter machtlos gegen sein anerzogenes Wesen; Empörung und Anlchnungs- bedürfnis unerhörter Art tauchen ungerufen aus der Tiefe — man weiß nicht, von wannen sie kommen und schüttelt selver beit Kopf dazu. Wie heilkräftige oder giftige Blumen drängen neue Kräfte zum Licht, die man im späteren Kampf mit allerlei Menschen brauchen wird, — nur daß sie bei ihrer Geburt zu unrechter Stunde das Haupt erheben. Vielleicht-nur als gehorsame Kinder der allweisen Natur; um uns eindrucksvoll zu lehren, für Hatz Und Liebe, Neid und Vertrauen im späteren .Kampf ums Dasein den geeignetsten Augenblick auszusuchen.". . „
„Und zu rechter Zeit Komödie zu spielen, tote ich es damals tat — weinst du?"
»Wenn Komödie gespielt fein muß,- — gewiß!"
/Meinetwegen denn! So hören Sie also auch die Geschichte meines Samaritertums : Ich war kein Licht in der Schule,- Zwar lernte ich leicht, doch nicht in vorgeschriebener Reihenfolge und nicht im Sinne der Buchstabentreue.- Spielend löste ich Rechenaufgaben — nach meiner Methode, mit Sprüngen uni) Schlichen, wie man sie heut in Varietees bewundert und in unserer Schule liederlich nannte. Vorzeitig erriet ich die Pointen von Geschichten und Gedichten; der Wortlaut blieb mir Nebeusache.- Ju fremden Sprachen saugte das Auge bald den Sinn aus dem Satz; den Wortlaut anzugeben, lpar ich nicht fähig. Meine Phantasie schlug die Trommel, und saumselig trottete hinterher, was ich lernen sollte. Ich war Leben oder Eigensinn vom Scheitel bis zur Sohle; alles Dozieren perlte ab wie das Wasser vom Gefieder des Vogels. Urteil: ein krankhaft zerfahrenes und bockbeiniges Kind! — Rippenstöße daheim, offene und versteckte Kritik in der Schule. Mitunter fand ich sie berechtigt und fühlte mich doch als "kreuzunglückliches Geschöpf. Da las ich an einem .Wintertag von der Straße einen Hund auf, ein lahmgefahrenes, zitterndes Tier. Und ich erhielt Lobsprüche dafür, die ersten feit Jahr und Tag. Ein gutherziges Kind sei ich, und diese Eigenschaft lasse manche trübe Erinnerung und viel Uerger vergessen.
Ein Schultag ohne Stichelei, ohne schadenftohes Gelächter der Fleißigen, — ich als Heldin lobenswerten Tuns, das war selbst meiner hartnäckigen Seele Balsam.
Meine Guttat wirkte verschiedene Wochen nach.
Die Osterprüfungeii winkten.
Vater hatte neuerdings gedroht: -„Du kannst, wenn du willst! Und vorläufig heißt die Losung: gehorchen! Bringe mir ein rechtes Zeugnis, das rate ich dir!"
Ich ängstigte mich, sann auf Hilfe und verachtete die Bücher weiter.
Die meisten Schülerinnen waren geprüft. Mit einigen Kameradinnen sollte ich am letzten Tag meine Kenntnisse der Lehrerin offenbaren. , „, „
Wie konnte ich freundliches Wetter machen, die Schulgewalt mild stimmen vor der Niederschrift des Zeugnisses? Noch.abends vor dem Tag der Entscheidung gingen meine Gedanken träumend über die Bücher weg in den Garten. Die Amseln riefen sich ihr Lied zu von Hausgiebeln und Tamienspitzen. Die Nacht kam, und sie schenkte mir Ruhe und Fröhlichkeit, ohne daß sich., meine Seele einen 'Ausweg klar vorgezeichnet hatte aus der Bedrängnis. Und am Morgen? Wie nach wohlerwogenem Plan legte ich meine Bücher unter den Baum, zwischen dessen. Testen ich vor wenig Tagen, dicht vor meinen Augen, eine tote versteinert auf dem Nest hockende Amsel betoünbert hatte.
Nun kletterte ich wieder über einige Aeste zum Schauplatz. Ich hätte, glaube ich heut noch, die Alte gepmkt und marode gemacht und in Sie Schule geschleppt — als samaritertm Aber nur ein paar häßliche winzige Kreaturen steckten den «schnabei über das Nest, und ein großer Vogel flatterte lärmend darüber. Ich wollte fest zufassen; die Hand versagte. Bei geMoften.en Augen schlug ich blindlings' auf bie junge Brut los. >zch glitt aus. Eins der jungen struppigen Scheusäler in der Faust, stürzte ich rücklings zu Boden. Nur schwer konnte ich mich erbeben. Lärmend eilten am Gartenzaun die Kameradinnen zur Scyule, Mit zerkratzten Händen und blutendem Gesicht schleppte ich mich mit meiner Beute, dem strampelnden Piepmatz, hinterher.
„Er lag am Zaun, und soeben schlich eine Katze hinzu!" behauptete ich keck. „Er flüchtete unter das Gebüsch, und ich bin über den Zaun geklettert, um ihn z'n retten, und gestürzt —
„Brav! Brav! Kühle Hände Md Gesicht am Brunnen/ du Aermste! Du blutest ja!" >
Da wusch ich mich lange und ausgiebig. Die Prüfung istr das Zeugnis ging am selben Tag rasch vorüber. Das Zengins Tonnte fidtji feljcn Inffen. S/odj idj Iciö tooc^enlctnd An röett^ Sehnenzerrung am Fuß — stellte der A^t fest. .
Die Lehrerin kam Md brachte mir Blumen: „Der kleinen . Samariterin!" Und im Nebenzimmer war ein Getnschel: „Sie ist ein gutes "Kind; das soll ihr mcht vergessen werden. Schließlich: Der Charakter ist auch etwas und geht über Bücherweisheit’
Der „Samariterin" stieg dabei das Blut z'U Kopf.. .
So, da haben Sie meine Beichte. ; Und nun — bie Geigen locken so süß im Saal — wollen wir nicht tanzen?


