Ausgabe 
24.7.1912
 
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Fräulein Charlotte warf einen raschen, mißtrauischen Mick Nus ihn, jedoch sein gutmütiges Gesicht blieb unverändert. Nur fuhren seine Augen im Zimmer herum.

Bestes Fräulein," sagte er,auf dieser Liste befinden sich alle Gegenstände, die mein Onkel als Andenken hinterlassen hat. Und wenn sich außer der Uhr auch noch andere Sachen hierher verirrt haben sollten, die nicht hergehören, wäre es vielleicht richtig, sie herauszugeben. Sonst schnüffeln die Beamten hier auch herum, und das sind dreiste Leute."

Vielleicht darf ich einmal in die Liste schauen, dann könnte ich bald angeben, wo die Gegenstände sich befinden," meinte sie und streckte etwas unsicher die Hand danach aus'.

Nun, Sie werden wohl wissen, was nicht zur Einrichtung gehört."

Sie wandte sich kurz um und begann, die Sachen im Zimmer zU rücken und zu wersen.Es ist am besten, daß ich alles her­gebe, was ich besitze," sagte sie,denn ich kann ja nicht wissen, was da auf der Liste steht."

Und aus Versteckplätzeu, Winkeln und Schubladen kamen viele kleine und große ©a^^e^. zum Vorschein, die auseinandergelegt wurden, der Hausen wuchs und wuchs. Da gab es Sofakissen und Lampen, Stuhlbezüge, Silbersachen, Decken und Möbelschnüre, selbst Stühle und Bänke. Der junge Herr stand ruhig dabei, nahm dies an sich, schob jenes fort. Und als Fräulein Charlotte sich endlich mit feuerrotem Gesicht aufrichtete und nichts mehr Hervorzuholen hatte, deutete er auf einen Teil der Sachen.

Das erkenne ich an, aber das übrige gehört zur Einrichtung."

Nun brach sie in einen Strom von Worten und Tränen aus. Acht Jahre lang hatte sie dem alten Herrn treu gedient. Sein Hab und Gut hatte sie wie ihr eigenes gehalten, und deswegen hatte sie es gewagt, die Sachen zu benutzen, wie man das so unter­einander in einem Hause tut. Aber das Ivar natürlich sehr, sehr unrecht von ihr gewesen. Und nun bekam sie Vorwürfe.

Ja, ja, Fräulein Charlotte," sagte er lächelnd und nickte ihr zu,inan bringt alles durcheinander, und dann glaubt man leicht, es gehöre zur eigenen Einrichtung." Damit verließ er schwer beladen das Zimmer.

Ihr erster Gedanke war, zu kündigen. Der Fund in ihrem Zimmer wird natürlich herauskonnncn. Fürs ganze Leben wird sie beschämt, gebrandmarkt sein. Keinem Menschen wird sie mehr inS Gesicht sehen können. Aber fortgehen hieß ja, sich schuldig fühlen. Man würde sagen, daß sie entlassen worden sei. Und das war durchaus nicht der Fall. Im Gegenteil, der junge Herr hatte ja nichts gesagt. Glaubte er wirklich, daß die Sachen aus Vergeßlichkeit in ihrem Zimmer geblieben waren? Und übrigens, wenn sie genau überlegte, beruhte wirklich alles auf Vergeßlichkeit. Sie hatte doch wohl das Recht, es sich in ihrem Zimmer mit Schaukelstuhl und Kissen bequem zu machen, und sie konnte doch nicht wissen, daß die Sachen zum Aufschreiben an Ort und Stelle stehen mußten, sie war doch kein Rechtsgelehrter.

Je mehr sie darüber nachdachte, um so unschuldiger fand sie sich. Und der junge Herr schien auch zu meinen, daß sie durch­aus nicht n.nrecht gehandelt hatte, sonst würde er wohl etwas gesagt haben.

Nein, sie wollte abwarten. Sie merkte, daß der junge Herr auch zu andern nicht über die Sache gesprochen hatte. Bei den Mahlzeiten war er stets ruhig, freundlich und gütig wie zuvor. Und nach einigen Wochen hatte sie selbst die ganze Geschichte vergessen. Das einzige Resultat dieser kleinen Episode war ein gewisses Dantbarkcitsgcfühl gegen ihren Herrn. Mit Rat und Tat wollte sie ihm helfen, wo sie nur konnte. Bei den Mahlzeiten gab sie ihm alle möglichen nützlichen Winke. O, sie besaß Menschenkenntnis, auf sie konnte er hören!

Der junge Herr nickte und dankte ihr für alle Fürsorge.

Eines Tages begegnete sie ihm mit einem ernsten, geheimnis­vollen Gesicht. Nach dem Mittagessen fragte sic:

War der Herr vielleicht eben beim Großknecht?"

Nein, wir führen unsere Unterhaltungen außer dem Hause oder im Bureau."

Aber der Herr müßte wirklich zuweilen hingehen. Da gibt es manches zu sehen."

Zu scheu! Was denn?"

Oh, Blumen. Biele schöne Blumen."

So. Es ist ja nett, daß er sich mit Blumen beschäftigt. Man sagt, wer Blumen liebt, ist gut."

Nun blickte Fräulein Charlotte ihn mit großen, strengen Augen an.

Vielleicht nicht immer. Es gibt Leute, die Blumen lieben, Blumen anderer, um Nutzen daraus zu ziehen."

Blumen anderer?"

Ja," sagte sie lebhaft.Es heißt nämlich, daß die Frau des Großknechts von dem Gärtner Sprößlinge bekommt, bte sie groß zieht, bis sie blühen, und die sie dann in der Stadt für- eigene Rechnung verkauft. Aber glaube das, wer will, dachte ich und habe sie lange beobachtet, weil ich stets um des Herrn Wohl besorgt bin. Und ich rate dem Herrn nun, die Augen aufzutun. Die Leute sind nicht ehrlich. Man kann nur wenigen trauen."

Sie sah ihn mit offenem, treuherzigem Blick an.

Hm. . ." erwiderte der junge Herr.

-Die Großknechtsfrau und der Gärtner sind gute Freünde. Der Herr müßte wirklich hingeheu und sich den großen Rosen­stock mit fünf Rosen und vielen Knospen ansehen, der jetzt bei ihr steht," und leiser fuhr sie fort:Gestern stand er noch im Gewächshaus. Aber sie glaubt wohl, daß er in ihre Hütte besser paßt."

Der junge Herr kreuzte die Arme, lehnte sich in seinen Stuhl zurück und blictze sie mit seltsam lächelnden Augen an.

Vielleicht glaubt sie, daß er zur Einrichtung gehört."

Wie eilte aufgescheuchte Katze sprang sie empor. Sie zitterte an allen Gliedern.

Der Herr meint, daß ich ebenso bin wie diese Diebsmadame! Wenn eilte treue Dienerin, die achteinhalb Jahr ein Haus zu­sammengehalten hat, auf eilt paar Tage eine zerbrochene Uhr und eilt Sofakissen leiht, was zusammen ein paar Pfennige wert ist, dann ist es dasselbe, als wenn jemand für hundert Mark feine Blumen aus der Orangerie stiehlt?"

Der junge Herr strich seinen Schnurrbart und sagte nichts,

Zur Einrichtung gehört! Das ging auf mich," fuhr sie erregt fort.Doch es gibt eine Grenze der Undankbarkeit und eine Grenze des Duldens und Leidens. Das ist heute mein letzter Tag hier! Bitten Sie mich nicht, zu bleiben, denn ich tue es nicht. Wo man ehrliche Menschen von unehrlichen nicht besser unterscheiden kann, da bleibe ich nicht. Mein ehrlicher Name ist; mein ganzer Reichtum, und den will ich nicht riskieren."

Nun hatte sie gesprochen, und mit erhobenem' Kopf verließ sie das Zimmer, um ihre Sachen zu packen und in die Stadt zu ziehen.

. Der junge Herr saß auf dem Sofa und rauchte eine Zigarette, Seinen Mnnd umspielte ein leises Lächeln.

ZehuZahre aus dem Tagebuch eines Gießener Bürgers.

Aus dem uns zur Verfügung gestellten Tagebuch eines alten Gießener Bürgers geben wir im folgenden einen knappen Auszug, der wohl mancherlei interessantes ver­zeichnet.

1837.

Den 23. März morgens sollte Johannes Heß hingerichtek werden, wurde aber erst nachmittags hingerichtet.

Vom 14. auf den 15. Juni brannte Busch sein Brauhaus ab'.

Den 31. August ist der erste Wagen, dem Mathias Weidig gehörig, über die Wieseckbrücke (Gartenstraße) gefahren.

Den 3. September ist Balthasar Kentpf zum ersten Male imj Totenwagen über die neue Brücke gefahren.

1838.

Den 16. Januar 20 Grad Kälte.

Den 20. Juli wurde Geheime Kirchenrat Dr. Palmer be­erdigt.

Den 1. August wurde der Grundstein der katholischen Kirche gelegt.

Am 12. August landwirtschaftliches Fest.

Am 25. August ist der Ludwigsbrunnen, früher Jughardts- brunnen (Frankfurter Straße) gesprungen, wobei Kirchrnrat Engel eine Rede gehalten hat.

1839.

Den 25. Juli abends holten die Stiidenten vier gefangene! Studenten aus dem Karzer und am 26. Juli rückten schon vierzig Chevauxlegers von Butzbach hier ein. Den 28. Juli wurden ditz ersten Studenten in das neue Arresthaus gebracht (Hauptsteueramt), Mittwoch, den 31. Juli zogen die Dragoner wieder ab.

1840.

Am 23. Februar, abends zwischen 9 und 10 Uhr erschoßt der Student Herzberger seines Bruders Frau und sich selbst.

Den 29. März starb Herr Bürgermeister Schneider.

Am 8. Mai erhielt Herr Professor ;Dr. Liebig das Ehren- burgerrecht.

Den 4. Juni wurde der Knopf vom Kirchturm' genommen', Es fanden sich Münzen und eine Schrift von 1699 darin.

Am 13. Juni, nachmittags gegen 6 Uhr kam der Thronfolger von Rußland hier durch und den 22. Juni der Kaiser von Rußlands

Vom 16. bis 20. Juni wurde der Turmknopf vergoldet, wieder ausgesteckt und mehrere Münzen und Dokumente hineingelegt.

Den 6. September wurde die katholische Kirche durch den Bischof Kaiser von Mainz eingeweiht.

1841.

Den 18. Januar war das Wasser so groß, daß man in BeckerZ Garten (Promenadeharis) zum Fenster Hineinstetgen mußte

18. November wurden in der Stadtkirche die Felddienstzetchenj für den Kreis Gießen ausgegeben.

1842.

Den 16. August wurde die große Glocke vom Turnt Herold gelassen, am 19. August gegossen und am 30 August wieder auf den Turm gezogen. Den 6. November wurde das Lütherbtld in der Stadtkirche aufgehängt.

1843.

Den 23. Januar kam Georg Melchior Sack in das Leichen- Haus und stand bis zum 4. Februar; es war der erste, der nuf- gestellt wurde.