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Herr war, denn er war' weder durch Geburt noch durch Erziehung
Ihre Ehrlichkeit.
Skizze von Anna Wahlenberg.
Aut. Uebersetzung aus dem Schwedischen von Bert Sanier
Fräulein Charlotte, die seit acht Jahren die Aufsicht int Hause hatte, schüttelte vor ihren Freunden den Kops, wenn sie über die Zukunst des Hofes sprach Am liebsten wollte sie sich zurückziehen und mit ihrem Spargeld ein kleines Geschäft m der Stadt eröffnen. Uitb welche Folgen dieser schritt für dic^ganze Bewirtschaftung nach sich ziehen würde, das vorauszusagen verbot ihr ihre Bescheidenheit. Aber man konnte es sich ja vorstellen!
Heute bei der Aufnahme war sie womöglich noch uiicntbehr- licher als sonst. Der junge Herr rief sie beständig. Er hatte eine grosse Liste in der Hand und konnte einzelne Gegenstäude ohne ihre Hilfe kaum finden. . ...
Aber so oft sie gerufen wurde, zitterte sie etit wenig vor Unruhe, uud das Blatt in seiner Hand fesselte ihren Blick mit faszinierender Kraft. Sie trat so nah wie möglich an ihn heran, so nah, das; sie hätte lesen können, was da stand, wenn er den Bogen nicht so krampfhaft au sich gezogen fjätte. Es war etwas
dafür ausersehen. r .
Vor einigen Monaten hatte er noch in der Stadt gearbeitet/ da war die Erbschaft wie vom Hinimcl am ihn herabgejallcn. i Der Onkel, der alte Besitzer, hatte außer ihm noch mehrere I Neffen, und er hatte niemals Grund gehabt zu der Annahme, ' 1 daß er zum Haupterben auserwählt sei Seit einem Vierteljahr wohnte er nun hier draußen und versuchte, sich mit seiner neuen Ehre und Würde vertraut zu machen, Uber er hatte sich bisher noch keine große Autorität zu schassen vermocht Dw Leute betrachteten ihn etwas geringschätzig. Es genügte nicht, raß er human war; Inspektor und Großknecht, die er bei allen Dingen um Rat fragte, würden ihn recht bald an der Aase herum-
er war der Sieger.
Aber sonderbar —
über die Niederlage kam jetzt in i, .
ganz unerklärlich, nur Freude und Stolz, daß. er doch der Mann war, für den sie ihn immer gehalten, der mit unbeugsamer Energie das Ziel, das er sich gesteckt, errungen und erreicht hatte! Welch weiter Weg von der ersten Begegnung in der Residenz bis zu diesem Augenblick! Aber er war sich selbst die ganze Zeit treu geblieben, sich, —
weggegeben."
„Sie wissen also nicht, wo stc ist?
„Nein" Jedoch als sie das sagte, schien es ihr, als sahen der junge Herr und die beiden andern sie ganz merbvurdlg an, und als sie dann im Korridor plötzlich die wohlbekannten Schritte des Hausherrn hinter sich vernahm, bekam sie heftiges Herzklopfen.
„Fräulein Charlotte," sagte er mit seiner tiefen Stimme, । ich 'wollte Ihnen nur sagen, daß die Tür zu ^hrem Zunmer — kein Gefühl der Beschämung neulich offen stand, als ich durch den Korridor ging, und da ich - ihr auf, sondern, ihr selbst himiuschaute, sah ich die kleine Uhr auf Ihrem Schreibtisch
' ‘ ‘ 1 Fräulein Charlottes Gesicht wurde bleich und starr Sie hatte
angenommen, daß der alte Herr ihr die ganze Einrichtung ihres Zimmers zum Dank für treue Dienste testamentarisch vermacht habe. Die Uhr betrachtete sie als dazugehörig, da jie seit längerer Zeit auf ihrem Schreibtisch stand. Wenn man sie gestern nach dem Verbleib gefragt hätte, würde sie auch frank und frei ihre . Meinung geäußert haben, aber seitdem der junge Herr mit der
aber auch ihr! , I Liste herumging, war sie ungewöhnlich nervös und scheu. Solche
Sie war besiegt. Und nicht nur vor sich selbst, sondern I Papiere, die alles um einen ausfindig machen, sind die reinen auch vor ihm wollte sie das offen und ehrlich bekennen — Polizisten! . .
Re nicht f-tg-, wie « das »«hin ihr -ng-a-m. $«» E» „Das I*
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um Verzeihung, nicht nur Mit den Lippen, sondern auch I gMieben."
von ganzem Herzen — — denn ich hasse Sie nicht — 1 „Ich werde mitkommen und sie holen," sagte der Hausherr ich — ich liebe Sie — — ---"■ I Die Uhr stand jedoch nicht mehr auf dem Schreibtisch, Vor
, Endlich." I Schreck über die Aufnahmeliste hatte Fraulem Charlotte sie nm
Aber trotz des heißen Glücksgefühls, das ihn erfüllte^ I andern Sachen in eine Schublade getan, denn vielleicht kam wär seine Stimme auch jetzt so ruhig, daß sie an ihrem man auch m ihr Zimmer-- halten.^ fk Mt
Klang erkannte: er war der Mann, vor dem sie sich | ttfi sie beiseite" sagte sie und holte die
nicht nur beugen mutzte, sondern vor dem sie sich auch Staub zu schützen, legte ich ste beiseite, sagte sie
beugen durste! I Da? ist wirklich sehr nett von Jhüen, mit andrer Leute ------------ 1 Aachen so sorgfälttg umzugehen," bemerkte der junge verr.
sauste und brauste vor ihren Ohren -Stolz und Empörung, Haß und Zorn, alles stürmte auf sie ein! Aber ani größten war doch der Haß; sie haßte den Baron, weil er so uner- bittlich auf seinem Willen bestand, und st 18 1 ? I dem Herrenhof war gerichtliche Aufnahme. Die Beamten
doch, daß sie ihn verachten wurde, wenn er zu ihr sagte. t 'Uoil einem Zimmer ins andere, besichtigten berechneten ^4 o- föttttcn ncfiCTt. - v- i I unb notierten llnb übereilt tourben fie getreiiliu) boit bent
Wohl zehn Minuten noch stand sie da, schwer atmens jungen Besitzer begleitet, der eigentlich kein rechtmäßiger Majorats- •j. r: vs. Yi'-ritthfpnb itnb i’inqenb1, —! bctnn iütirf fie ficy1 I vnoSor Snrrfii (ftpfiurt nncb bnrtfii (jratebunc
plötzlich in den Stuhl und brach in ein krampfhaftes Weinen aus Sie vergrub den Kopf in ihren Armen, die sie auf den Tisch legte, und ließ ihren Tränen freien Lauf, ihr ganzer Körper zitterte und bebte. ,
lieber das Gesicht des Barons ging etn frohes Lächeln, dann aber verrieten seine Züge doch aufrichtiges ..clt- leid. „Das ist die Krisis," sagte er sich, „nun noch fünf Minuten, dann ist sie besiegt. — Leicht wird es ihr ja nicht, sich zu demütigen, aber es muß letTt.
Er warf einen Blick auf seine Uhr: ,Mr kommen doch noch rechtzeitig zum Luncheon. Na, auf das Gesicht der Gräfin freue ich mich, wenn ich ihr nachher Daginar als meine Braut vorstelle - und auch auf das Grafen. Ich glaube beinahe, der wird sich.über meine Verlobung noch mehr freuen, als ich mich selbst.
Dann stand er leise auf und schloß sämtliche Türen. „Man kann nicht wissen, vielleicht kommt doch jemand. Und es braucht ja niemand zu sehen, daß Dagmar weint.
Er stellte sich, mit der Uhr in der Hand, neben Dagmar. Aber die sah und hörte ihn nicht, die weutte und schluchzte immer noch vor sich hin, und zuweilen schrie sie förmlich auf, als hätte sie einen körperlichen Schmerz.
Ja, ja, so was tut weh," sagte sich der Baron. „Solcher Klärungs- und Läuterungsprozeß ist nicht so einfach — arme Dagmar — sie tut mir docy leid. .
Wieder warf er einen Blick auf die Uhr — noch zwei ^uyuii |V = . -
Minuten, — wenn d i e vorüber sind, ist es genug, fönst j Mystisches um dieses weiße Papier, etwas das ihr die Strecken weint sie sich zu sehr ein, und dann ist gar nichts mehr | des Unbekannten einslößte. Sie hatte nie geglaubt, daß der mit ibr ai mfanaen. alte Herr seine Besitztümer so m Ordnung gehalten und allev
Die Uhr in der Hand stand er da - jetzt nur noch so genau aufgefchrnben hatte.^ @{e dnmQ( .t bclt
»U Mm«,
' „jetzt ist es genug." Und gleichzeitig versuchte er, ihren I „gg0 ist bie kleine Pendeluhr, die hier aus dem Kamen ftaud ? Kopf aufzurichten. , I fragte der junge Hausherr.
Aber sie setzte sich zur Wehr: „Geh — — laß mich I „Die Pendeluhr?" . , ....
allein' Ich will nicht--hörst du — ich will nicht!" „3a, die aus sächsischem Porzellan mit den Engelsblldern,
, Aber 'i ch will, Dagmar, hörst du, i ch will. Und die einen Kranz halten. Sw stand stets hier auf dem Gesims, du weißt doch: ich habe das noch immer durchgesetzt Ich kannte ste schon als Mud. I(mge ßin,
's- ÄI D--> em tut II- **=«. »w6*« sie jetzt vor ihm stand, — seine. Linke hielt ihre beiden Hände, vergebens versuchte sie, sich zu befreien. Er lachte nur über ihre Bemühungen.
Sie sah: auch hier war jeder Widerstand vergebens. Sie war in seiner Gewalt — sie mußte tun und lassen, was er wollte, gegen ihn anzukämpfen, war zwecklos —


