N
7Z<r»»faw.c,"?
N nifi M
,/<, «xiy k ii
Rif
fcJi '-«tos*®®»
V
$
Dir von Gründingen.
Roman von Freiherr von Schlicht.
(Nachdruck verboten.),
(Schluß.)
Aber er hatte es doch gehört.
„Jetzt sind es nur noch vier, Komtesse," sagte er, ohne jedoch auch jetzt sie zu beobachten, — „fünf Schritte sind's im ganzen. Eben machten Sie einen, bleiben noch vier. Drei machen Sie noch — jedoch den letzten machen Sie nicht! — Die drei anderen würde ich an Ihrer Stelle gleich tun," und ruhig schlug er die Seite des Buches um.
Er las weiter und weiter, ohne sich um Dagmar zu kümmern.
Dieser war das Blut bei seinen Worten in die Schläfen 'gestiegen; sie schämte sich vor sich selbst, aber auch vor dem Baron, daß sie sich heimlich hatte davonschleichen wollen! Die Türen waren ja offen — in einer Sekunde war sie draußen — sie war Siegerin, sobald sie sich im Nebenzimmer befand — sie hätte die Schwelle erreicht, lange bevor er aufspringen und sie zurückhalten konnte.
Warum ging sie nicht? Nur, weil er ihr die Türen geöffnet hatte? Sie wollte es nicht zugeben. Und doch war das der einzige Grund! Ihr Stolz verbot ihr, zu gehen. Wie sollte das enden? Ewig konnte sie hier doch nicht stehen bleiben — und wie lange stand sie schon da! Sie empfand Schmerzen in den Füßen und im Rücken, und sie lehnte sich gegen den Stuhl, den er ihr hingeschoben — sicher war schon eine halbe Stunde vergangen, wenn nicht noch mehr.
„Würden Sie mir vielleicht sagen, Herr Baron, wie spät es ist?" fragte fie anscheinend ganz gleichgültig,
„Bald ein Uhr, Komtesse."
So spät schon! Sie erschrak förmlich.
„Es wird Zeit, daß wir uns zum Luncheou fertig machen."
„Das eilt nicht, Komtesse," meinte er gelassen. „Wir beide luncheon heute nicht — vielleicht morgen oder übermorgen, aber nicht heute. — Selbstverständlich habe ich aber nichts dagegen, wenn Sie sich das Frühstück hierherbringen lassen. Wissen Sie, Komtesse, — das fände ich sogar sehr amüsant — wir beide luncheon hier und erzählen dann den änderen eine gleichgültige Geschichte: wir hätten darum gewettet, wer wohl zuerst das Zimmer verließe, und keiner von uns wolle verlieren. Und nach dem Luncheon machen wir dann hier im.Zimmer eine kleine Promenade, so bis um vier, dann bringt der Diener den Tee, dann spielen wir vielleicht Karten zusammen oder Halma, nach dem Diner lese ich Ihnen etwas vor und erzähle Ihnen etwas aus meinem reichbewegten Leben. Wenn Sie dann müde werden, Komtesse, legen Sie sich hier schlafen. Es tut mir ja bis zu einer gewissen Grerrze
leid, daß ich so rücksichtslos sein muß, aber es geht wirklich nicht anders, Komtesse; Sie müssen hier bleiben."
„Und wenn ich trotzdem fortgehe?"
In ohnmächtiger Verzweiflung rief sie es ihm zu, sie kannte ihn zu genau: er machte in dieser Minute keine Scherze. Was er da mit lächelndem Munde sagte, war sein Ernst; er würde sie zwingen, zu bleiben, bis sie ihn um Verzeihung gebeten habe.
„Was dann, Komtesse, wenn Sie doch gehen? — Darf ich Sie an den Abend im Hause des Landrats erinnern? Da fragten Sie mich, was ich getan haben würde, wenn Hannibal nicht gesprungen wäre. Und ich gab Ihnen dieselbe Antwort, die ich Ihnen jetzt gebe: warum sich über Dinge unterhalten, die außerhalb des Bereiches der Möglichkeit liegen!"
„Ich hasse Sie!" stieß sie, ihrer selbst kaum noch mächtig, hervor.
Er zuckte nur die Achseln: „Sie hatten die große Liebenswürdigkeit, Komtesse, mir das heute schon ein paarmal zu sagen. Aber es macht wirklich auf mich nicht den allerleisesten Eindruck. Ganz anders wäre es, wenn Sie zu mir sagten: ich liebe Sie. — Natürlich müßten Sie mich vorher um Verzeihung bitten; denn sonst würde ich es lebhaft bedauern, von Ihrem freundlichen Anerbieten keinen Gebrauch machen zu können, wie man so schön sagt. Der Mann muß nämlich genau so, wie das junge Mädchen, den Gegenstand seiner Liebe in erster Linie achten können. Und achten und damit auch lieben kann ich Sie erst wieder von dem Augenblick an, in dem Sie Ihre Worte zurücknehmen. Denn daß Sie so etwas gegen Ihre Ueberzeugung aussprechen konnten, Komtesse, ist Ihrer unwürdig, doppelt unwürdig, weil ich Sie dafür in keiner Weise verantwortlich machen kann. Ich bin Ihnen gegenüber also bis zu einem gewissen Grade wehrlos — und einen Wehrlosen anzugreifen, ist kein Zeichen von Mut, sondern von Feigheit. Und schon, um diesen Vorwurf nicht auf sich sitzen zu lassen, würde ich an Ihrer Stelle um Verzeihung bitten, sonst müßte ich glauben, daß Sie viel weniger stolz, viel weniger vornehm von sich denken, als ich es bisher von Ihnen annahm. Und das würde mir aufrichtig leid tun, Komtesse, — Ihretwegen."
Während er das ganz langsam sprach und jeden Satz auf sie einwirken ließ, ehe er fortfuhr, stand Dagmar da, sich schwer gegen die hohe Lehne des Stuhles anlehnend. Sie kämpfte mit körperlicher Schwäche und Erschlaffung; sie hatte kaum noch die Kraft, sich ausrecht zu erhalten — und zu der Ermattung des Körpers trat gleichzeitig die vollständige Abspannung ihrer Nerven. So hörte sie jetzt seine schwere Anklage an, ohne ihn wie sonst verächtlich oder geringschätzig anzusehen, ja, sie merkte sogar, wie sie bei dem Vorwurf der Feigheit zusammenzuckte und ihm dadurch deutlich zeigte, wie das Wort sie traf.
Hatte der Baron recht mit allem, was er sagte? Sie wußte es nicht — sie konnte nicht mehr klar denken — es


