auch ich vertrete die Ansicht, daß nur der alte, seit Jahrhunderten erbliche Adel von Wert ist. Diese Vielen neuen Nobilitierungcu wirken für mich zuweilen etwas komisch, und ich begreife nicht, daß der so Ausgezeichnete das nicht selbst empfindet. Ich würde lieber meinen alten bürgerlichen Rainen beibehalten."
„Sehr richtig, Komtesse. Ganz meine Ansicht," meinte auch der Baron, „Heberhaupt finde ich, daß man in der heutigen Zeit nur zu leicht geneigt issi dein Bürgerstand und dem guten bürgerlichen Namen nicht jene Achtung und Anerkennung zu zollen, die er unbedingt verdient. Ich sühle es den Leuten gaitz nach, daß es in ihren Kreisen böses Blut macht, wenn sie in den Zeitungen davon lesen, daß dieser oder jener in den Adelsstand erhoben wurde. Das Wort „erhoben" verletzt, wenn auch natürlich ganz unbeabsichtigt, denn damit wird offiziell gesagt: der Adel ist mehr als der Bürger."
„Aber das ist er doch auch, Gott sei Dank," rief die Gräfin dazwischen.
„Gewiß, Frau Gräfin, aber ich meine: in der heutigen Zeit müßte das in der Oefsentlichkeit nicht so viel erörtert werden. Es gibt bürgerliche Familien, deren Namen einen ebenso guten Klang haben, wie die mancher adeliger. Ich erinnere Sie nur au unsere großen Kaufleute und Handelsherren, die in der ganzen Welt groß dastehen, und es ist wirklich sehr interessant rind lehrreich, wie sich diese Welt- firmen oft aus den kleinsten Anfängen zu ihrer Machtstellung^ empvrgearbeitet haben. Wie die Leute sich nicht durch die Gnade ihres Kaisers oder Königs, sondern lediglich durch eigene Kraft zu dein gemacht haben, was sie sind. Die Geschichte dieser Familien ist oft ebenso lehrreich und unterhaltend, wie die der adeligen Geschlechter. Ich habe gerade in der letzten Zeit Gelegenheit gehabt, mich eingehend mit der Geschichte des Bürgerstandes, mit seiner Eutwicke- lung, seiner sozialen und politischen Stellung zu beschäftigen, und wenn ich Ihnen an einem der nächsten Abende vielleicht einmal davon erzählen dürfte, so werden Sie selbst erstaunt sein."
„Baron, ich nehme Sie beim Wort," rief der Graf. „Gleich morgen abend fangen Sie damit an."
„Wer Papa, morgen ist doch der neugeadelte Landrat da," rief Alexa. „Was soll der denken, wenn der nach dem Diner eine Vorlesung über die Vorzüge des Bürgerstandes serviert bekommt!"
„Natürlich, das geht nicht, das hatte ich ganz ver- gessein Da müssen wir bis übermorgen damit warten. Ich freue mich sehr darauf, du dich doch auch, Konstanze?"
Es war kein allzu freundlicher Blick, den die Gräfin ihrem Gatten zuwarf. Aus Höflichkeit gegen ihren Gast mußte sie dessen Vorschlag natürlich zustimmen, aber allzu erbaut war sie nicht davon.
Wie kam der Baron dazu, den Bürgerstand plötzlich so energisch in Schutz zu nehmen?
Und mit einem Male glaubte sie es zu wissen: der Graf hatte sich hinter den Baron gesteckt, ihn gebeten, die Gräfin in Zukunft nicht mehr nur über den Adel zu unterhalten! Was er damals nicht hatte ausführen können, weil sie ihm durch ihren Brief zuvorkam, das holte er jetzt nach. Wie hatte sie nur so blind sein können, das nicht gleich zu durchschauen! Die Lebhaftigkeit, mit der der Gras dem Baron verstimmte, bewies ja zur Genüge, daß es zwischen den derben ern abgekartetes Spiel sei — .
fie sich ärgern, dann amüsierte sie sich im stillen köstlich über ihren Mann. „Na warte, Eduard," dachte sie, „über diesen Punkt sprechen wir noch einmal ae- legentlrch miteinander; es hat keine Eile, und wenn du glaubst, daß rch der neuen Unterhaltung kein Interesse ent- gegenbrrngen werde, dann irrst du dich sehr! Ich werde den bürgerlichen Familiengeschichten ä la Buddenbrocks die ^vfmerklamste Zuhörerin sein, und wenn ihr dann einseht, daß ihr damit nicht mich, sondern euch selbst ganz gehörig langweilt, dann werdet ihr schon schnell genug von dem .Thema abkommen."
Was hätte die Gräfin aber erst gedacht, wenn sie die wahren Grunde gekannt hätte, die den Baron veranlaßten, den Burgerstand so zu loben!
SRrwPhn der letzten Zeit fast täglich einen
telbekommen, der es in seiner verliebten Un-
Ueduld nicht Wwarten konnte, seine Braut den Eltern zu- zuftihren, um^danii seine Verladung veröffentlichen zu können. ~cu> Geheimnis rtt der kleinen Stadt zu wahren, hielt
Fsehr schwer, es war ihm fast Unmöglich!, seine Braüt auf Gesellschaften und nt Gegenwart anderer „gnädiges Fräulein" und, „Sie" nenneii zu müssen, er litt Höllenqualen, wenn er einmal bei Tisch nicht Neben sie gesetzt wurde. Die Zustände waren unhaltbar, und der Baron rnußte dem ein Ende machen, je schneller je besser. Er hatte ihm einen kurzen Auszug aus der Familiengeschichte, seiner Braut gesandt, damit er wenigstens einigermaßen unterrichtet sei, und hatte immer von neuem gebeten, seine Mütter seinen Plänen geneigt zu machen.
' Der Baron verstand Hans' Ungeduld vollständig und! hatte auch die beste Absicht, ihm zu helfen. Aber ganz so flink, wie der es wollte, ging es doch nicht, und er selbst mußte sich Wer sein neues Lehrfach, wie er es nannte, erst orientieren. Denn mit einigen allgemeinen Redensarten war nichts getan. Er brauchte Namen und Tatsachen. So tyo-tte er sich denn ein dickleibiges Brich: kommen lassen, bei dessen Anblick ihn Angst itnb Entsetzen befiel, und er hatte daran denken müssen, wie ihm vor vielen Jahren einmal ein Schriftsteller erklärt hatte: gute Bücher schreiben kann jeder, das ist keine Kunst, aber d i ck e Bücher--das
ist ein Kunststück, vor dem ich den größten Respekt habe!
Er hatte seine eigene Arbeit, sein Werk über den Damenreitsport, der nach seiner Meinung immer noch schv im Argen lag, beiseite gelegt und das Buch zur Hand genommen.
Am Anfang hatte es ihn entsetzlich gelangweilt, aber sein Interesse war gewachsen, je weiter er las.
An den ersten Abenden, als er sich mit dem neuen Stoff beschäftigte, hatte er oft gelacht über all die verschiedenen Stellungen, die er hier bekleidete: Reitlehrer, Geschichtenerzähler, Partner beim Ecartö und Tennis, — und nun auch noch Heiratsvermittler!
Bis spät in die Nacht hinein saß er aber trotzdem oft noch lange und studierte. Doch vergebens suchte er jeden Tag nach einer Gelegenheit, seine neue Weisheit zürn Besten geben zu können. Der Zufall mußte sie bringen. Und cnd- lrch war dies geschehen. Keinem, selbst nicht dem Landrat, konnte dessen Erhebung in den Adelsstand besser passen als ihm. '
Hub so stimmte er jetzt dem Grafen lebhaft zu, übermorgen damit anzusangen, seinen liebenswürdigen Wirten von dem ihm bisher selbst ganz fremden Gebiete zu erzählen. -
(Fortsetzung folgt.)
Vie Reformation und Gegenreformation in Herbstein und den ehemals landgräflichen und ritterschaftlichen Grien des östlichen und südöstlichen Vogelrvergr.
Von Pfarrer Zinn in Herbstein.
(Fortsetzung.)
6. Die Gegenreformation des Fürstabts Balthasar von Dernbach.
Gegen d-as^Jahr 1570 hatte das Evangelium in der ganzen pnrstabter Fulda fetzen Fuß gefaßt. In der Hauptstadt Fulda tanden die Lehre der Augsburgischen Konfession, der Gebrauch des Katechismus und der Kirchenlieder Luthers und die ganze evangelische Ordnung der Gottesdienste schoii so lange in Hebung, daß zu Anfang des Jahres 1573 niemand sich entsinnen konnte, in Fulda einen lateinischen Kültus oder den Gebrauch des Weihwassers, des Rauchfasses oder die Hmtragung der Hostie gesehen zil haben?) Hub wie in der Stadt, so wars mich auf dem Lande. Die gesamte (buchonische) Ritterschaft des Stiftes mit den ihr zugehörigen Dörfern, sowie sämtliche Städte der Abtei waren evangelisch geworden?) Außer einigen wenigen Landpsarreien, die noch im Besitz von katholischen unbeweibten Priestern waren, und einigen unsicheren Stiftsherren mit ihren Konkubinen besaß die römische Kirche in der ganzen 'Abtei kauui noch einige Anhänger. Es war keme beneidenswerte Stellung, die dem im Jahre 1570 neu gewaUten r8We Balthasar von Dernbach, genannt Gräuels winkte, Aber die einzigartige Stellung fand einen einzigartigen Mann, der ihr gewachsen war, einen Mann, bei dem starker Herrscherwille mit großer diplomatischer Klugheit, hoher Sinn !ur Zucht und Ordnunsi mit glühendem Eifer für die katho-i
*) Heppe, die Restauration des K. usw., S. 21 f.
~ Heppe a. a. O., Hattendorf, die Gegenreformation in Fulda, S. 6 ff und als katholischen Gewährsmann: HerM. Freiherr y. Egloffstem, Fürstabt Balth. v. D. u. die kathol, Restauration rm Hochstift Fulda — München 1890, Kap. I, S. 1.


